Schick gemacht – auf ins Nachtleben! Quirky Nightclub Chronicles beginnt dort, wo der Tag seine Einzigartigkeit verliert. Die Türen öffnen sich, das Licht wird künstlicher, die Konturen werden weicher und plötzlich erscheinen Körper, Erinnerungen und Klänge in einem anderen Aggregatzustand.
Der Nachtclub ist hier Ort der Zerstreuung und Resonanzraum für Bewegung, Groove und Melancholie, für flüchtige Begegnungen und Geschichten, die sich erst im Halbdunkel erzählen lassen.
Das Arcis Saxophon Quartett – benannt nach der Arcisstraße in München, an der die Hochschule für Musik und Theater residiert – bringt diesen Vibe in den Konzertsaal: heiße Rhythmen, frische Sounds und fesselnde musikalische Stories, die sich ins Gedächtnis brennen. Die Saxophone werden dabei zu Stimmen eines urbanen Traums, mal scharf umrissen und rhythmisch elektrisiert, mal atmend und körpernah, mal wie ein fernes Echo aus einem anderen Leben.
Klassische Kammermusik, Jazz, Minimal Music, Tango Nuevo, Pop-Erinnerungen und zeitgenössische Klangpoesie begegnen sich als unterschiedliche Temperaturen derselben Nacht. Und das, wie immer, mit dem besonderen Arcis-Twist: kreative Arrangements, kraftvolle Interpretationen und einen Hauch von Exzentrik. Quirky Nightclub Chronicles lässt klassische Musik nicht nur hören, sondern auch im ganzen Körper spüren.
Was einzelne Musiker mit den Stücken des neuen Albums verbindet, haben sie in individuellen Texten erläutert:
In a Sentimental Mood: Shuteen Erdenebaatar, Echoes of Life
„Echoes of Life“ ist für mich eine Reflexion über die wechselnden Zustände, die wir als Menschen durchleben. Unter all den unterschiedlichen Wegen und individuellen Lebensläufen gibt es gemeinsame menschliche Erfahrungen, die uns leise miteinander verbinden, unabhängig davon, wohin uns das Leben führt. Die fünf Sätze, Awakening, Growth, Reflection, Transformation und Sparkle, folgen keiner linearen Erzählung. Vielmehr entfalten sie sich als fließende Übergänge zwischen Wahrnehmung, Bewegung und Veränderung.
Awakening beginnt wie ein sanfter Atemzug, wie ein erstes Bewusstwerden von Klang und Raum. In Growth weitet sich daraus eine Energie, die mal drängend, mal fragil ist und sich nie vollständig kontrollieren lässt. Reflection wird zu einem antreibenden Kern des Werkes: einem Moment, in dem sich die Zeit zu dehnen scheint und Erinnerungen wie Echos an die Oberfläche treten, getragen von einer stillen inneren Kraft.
Daraus entwickelt sich die Transformation als allmähliche Verschiebung der Perspektive, als ein Prozess des Loslassens und Neuordnens. Sparkle ist kein traditionelles Finale im Sinne eines Abschlusses, sondern etwas Leichtes und Flüchtiges: ein Moment des Glücks, in dem wir Frieden in uns selbst finden können.
Das Werk entstand ursprünglich für das Format „2xGETANZT“, initiiert vom Arcis Saxophon Quartett. Diese Arbeit hat meinen Zugang zu Klang tief geprägt: zu Klang als etwas, das uns bewegen kann, nicht nur emotional, sondern auch körperlich.
Für das Arcis Saxophon Quartett zu schreiben, war während des gesamten Prozesses eine konstante Inspiration. Die Fähigkeit der vier Musiker, als eigenständige Stimmen zu existieren und zugleich einen einzigen, gemeinsamen Klang zu formen, liegt im Zentrum dieses Stücks.
In vielerlei Hinsicht war es für mich als Komponistin ein wahr gewordener Traum, für Musiker zu schreiben, die ich zutiefst bewundere.
Am Ende ist „Echoes of Life“ der Versuch, das Unfassbare hörbar zu machen: jene feinen Übergänge zwischen Zuständen, die wir oft eher spüren als verstehen.
Text: Shuteen Erdenebaatar
Soul Food: Marc Mellits, Tapas
Tapas besteht aus acht kurzen Sätzen, die miteinander in Beziehung treten und gemeinsam einen größeren Bogen formen — gleichsam ein musikalisches Mahl. Meine Idee bei der Komposition von Tapas war es, jeden Satz kurz, prägnant und mit einem ganz eigenen Geschmack zu gestalten. Inspiriert wurde ich dabei von der spanischen Tapas-Küche, in der jedes Gericht klein und doch vielschichtig ist und sich aus der Mischung der dargebotenen Zutaten ein gemeinsames Gesamtaroma ergibt.
Tapas versucht, genau dies musikalisch umzusetzen. Die Struktur jedes einzelnen Satzes – oder Gerichts – ist durchaus komplex, zugleich aber besitzt jeder eine unmittelbar zugängliche Oberfläche, einen klar erfahrbaren Geschmack.
Text: Marc Mellits
Feel the Fire of Desire: Emma O’Halloran, Night Music
Night Music ist ein Rückblick auf ein Jahr, das ich mit 21 in Miami verbracht habe. Es war das erste Mal, dass ich im Ausland lebte. Ich kam aus einer Kleinstadt mitten in Irland, und Miami fühlte sich für mich an wie ein anderer Planet. Schon als ich aus dem Flugzeug stieg, schlug mir eine Hitze entgegen, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Und das war erst der Anfang.
Alles war voller Farben, Bewegung und Energie. Überall lief lateinamerikanische Musik. Sie dröhnte aus Autoradios, kam aus Bars und Clubs und schien die ganze Stadt zu durchziehen.
Damals studierte ich bei einem Gründungsmitglied der Miami Sound Machine, und ihre Stücke liefen bei mir bald in Dauerschleife. Ich liebte all das. Gleichzeitig war ich weit weg von zuhause, weit weg von meinen Freunden, und dieses ganze Jahr fühlte sich an wie ein einziger Zustand permanenter Überreizung.
Es gab Momente, in denen ich mich allem um mich herum unglaublich nah fühlte. Aber es gab auch andere, in denen alles zu verschwimmen begann. Wenn ich das Gefühl hatte, mir selbst ein Stück weit abhandenzukommen, ging ich nachts an den Strand und hörte dem Meer zu.
Dieses Stück ist mein Versuch, etwas von diesen Augenblicken festzuhalten: die Farben, die Hitze, die Rhythmen, die Nächte in den Clubs, aber auch die Stille des Ozeans bei Nacht.
Text: Emma O’Halloran
For the Ear Rather Than the Feet: Astor Piazzolla, Moments with Piazzolla
Astor Piazzolla wurde 1921 in Mar del Plata geboren und starb 1992 in Buenos Aires. Sein Instrument war das Bandoneon, sein Material der Tango. Früh arbeitete er im Orchester von Aníbal Troilo, später studierte er Komposition und entwickelte jene Sprache, die unter dem Namen Tango Nuevo bekannt wurde: urban, rhythmisch scharf, oft melancholisch, mit Einflüssen aus Jazz und klassischer Musik.
Moments with Piazzolla in der Bearbeitung von Sylvain Dedenon und Arcís versammelt fünf Stücke aus unterschiedlichen Zusammenhängen: Escualo, Oblivion, Contrabajeando, Libertango und Tango del Angel. Diese Folge steht im Programm unter dem Titel For the Ear Rather Than the Feet, eine Anspielung auf Piazzollas Verständnis des Tangos und zugleich auf seinen Anspruch, Tango als Musik zu begreifen, die ebenso sehr gehört wie getanzt werden will.
Escualo heißt wörtlich „Hai“. Das Stück hat etwas Gehetztes, Zugespitztes, fast Raubtierhaftes; kurze Akzente, schnelle Linien, eine ständige Unruhe. Oblivion ist einer der großen langsamen Piazzolla-Momente: eine einfache, lange Melodie, dunkel gefärbt, ohne jede Übertreibung. Contrabajeando, mit dem Musiker Aníbal Troilo verbunden, rückt den Kontrabass (oder hier das Baritonsaxophon) und damit die tieferen Register ins Zentrum.
Mit Libertango folgt Piazzollas wohl bekanntestes Stück. 1974 in Italien veröffentlicht, wurde es zu einem Zeichen für seine internationale Wirkung. Der Titel verbindet Freiheit und Tango; die Musik bleibt knapp, direkt und drängend. Tango del Angel führt in Piazzollas Theaterwelt: Der Engel als eine Erscheinung mitten in der Stadt, verletzlich, pathetisch, dramatisch.
Im Saxophonquartett verliert Piazzollas Musik nichts von ihrer körperlichen Herkunft, verändert aber ihre Farbe. Die vier Saxophone können knurren, singen, hauchen, schneiden und gemeinsam aufglühen. Am Ende von Quirky Nightclub Chronicles steht damit kein Schluss im herkömmlichen Sinn. Es ist eher die letzte Szene einer langen Nacht: Der Club leert sich, irgendwo bleibt ein Rhythmus im Körper zurück, und die Geschichten klingen weiter, als hätten sie gerade erst begonnen.
Auf ins Nachleben mit ruhigen Grooves und betörenden Klängen.
Arcis Saxophon Quartett: Quirky Nightclub Chronicles
Claus Hierluksch: Sopransaxophon | Bernardo Correia Pereira: Altsaxophon | Sonia Tcherepanov: Tenorsaxophon | Jure Knez: Baritonsaxophon
Label: arcis records
EAN: 0674005541440
Format: CD, digital
VÖ: 17. Juni 20206
Weitere Informationen (Quartett)
Tracklist:
01 Echoes of Life: I. Awakening - Shuteen Erdenebaatar
02 Echoes of Life: II. Growth - Shuteen Erdenebaatar
03 Echoes of Life: III. Reflection - Shuteen Erdenebaatar
04 Echoes of Life: IV. Transform - Shuteen Erdenebaatar
05 Echoes of Life: V. Sparkle - Shuteen Erdenebaatar
06 Tapas: I. One - Marc Mellits
07 Tapas: II. Two - Marc Mellits
08 Tapas: III. Three - Marc Mellits
09 Tapas: IV. Four - Marc Mellits
10 Tapas: V. Five - Marc Mellits
11 Tapas: VI. Six - Marc Mellits
12 Tapas: VII. Seven - Marc Mellits
13 Tapas: VIII. Eight - Marc Mellits
14 Night Music - Emma O'Halloran
15 Moments with Piazzolla: I. Escualo - Astor Piazzolla
16 Moments with Piazzolla: II. Oblivion - Astor Piazzolla
17 Moments with Piazzolla: III. Contrabajeando - Astor Piazzolla
18 Moments with Piazzolla: IV. Libertango - Astor Piazzolla
19 Moments with Piazzolla: V. Tango del Angel - Astor Piazzolla
Gesamtdauer: 51:29
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