„Verschwende nicht zu viel Zeit damit, klarzusehen.“ Oder etwa, alles verstehen und kontrollieren zu wollen. Du kannst es nicht", schreibt Blaise Ubaldini in seinem „Foreword“ und etabliert damit die Grundhaltung seines neuen Albums „In Between“. Sein Werk wirkt wie eine musikalische Echokammer für die wuchernde Wildnis der Existenz.
Der französische Avantgarde-Komponist vollzieht einen radikalen Sprung von der institutionellen Avantgarde zur totalen künstlerischen Autonomie.
Nach Jahren der Auseinandersetzung mit strenger zeitgenössischer Klassik durchbricht er konsequent alle Genregrenzen. Ubaldini platziert sich selbstbewusst „In Between" – und macht den Weg frei zu einer „Neuen Musik 2.0“.
Das 62-minütige Album versammelt eine interdisziplinäre Besetzung: Das Sine Nomine Streichquartett trifft auf Sängerin Zoéline Simone, Drummer Luc Müller und Saxophonist Valentin Conus. Ubaldini übernimmt als klangliches Mastermind Vocals, Electronics mit ModularSynthesizern von Schlappi Engineering und Bastl Instruments sowie Piano.
Es knistert, es brennt, es explodiert förmlich aus den Lautsprechern – so wild wuchert hier alles, so messerscharf ist es ausformuliert. Vergessen Sie sterile Konzeptkunst! „In Between" vollzieht mit roher Energie seine systematische Grenzsprengung. Das Streichquartett flirrt im Sul-Ponticello-Modus über schleppende Dubstep-Beats und Trap-Elemente. Metallische Klangflächen zerschneiden die Luft, durchsetzt mit surreal verfremdeten Sprachfetzen, die wie Geister aus einer anderen Dimension flüstern. Elektronik-Sound trifft auf klassische Streicher, Freejazz-Saxophone funken dazwischen – ein Clash der Welten, der durch seine „Durchdachtheit“ überzeugt.
Dieser Sound atmet dystopische Visionen von David Lynch bis Blade Runner – eigenartig verfremdete Vocoder wirken wie direkte Zitate aus Ridley Scotts Cyberpunk-Klassiker. Die mehrteilige Suite „Ineffable vide“ (Unaussprechliche Leere), basierend auf Texten Henri Michaux', wird zur Blaupause für Ubaldinis Sound-Design zwischen akademischer Neuen Musik und urbaner Underground Music. Old-School-Computerspielsounds durchkreuzen feingewebte Kammermusik, Vocoder-Stimmen werden von Streichquartett-Chorälen überlagert.

Blaise Ubaldini: In Between. Foto: Christian Meuwly. Cover
„Die Geräusche und Sounds spielen dieselbe Rolle wie die Instrumente“, erklärt Ubaldini seine kompositorische DNA. „Mit all dem nähere ich mich den Klängen an, die ich im Kopf höre.“
Das Album ist textlastig und beginnt mit einem philosophischen Vorwort: „Menschen sind nichts weiter als eine Kolonie einfacher Ameisen und nichts Geringeres als ein Wald hoher Bäume. Du solltest dich selbst sowohl als Mensch als auch als Individuum lieben – so sehr wie du Ameisen und Bäume liebst.“ Frei wird man erst durch die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Ubaldinis Credo: „Gewöhne dich an Unschärfe, Unbestimmtheit und Unbehagen. Bleibe auf dem Weg dazwischen.“
Befragt nach seinen Inspirationsquellen für dieses couragierte Projekt, spricht Ubaldini von einer „heiligen Dreifaltigkeit“, als da wären der Sufi-Dichter Farid uddin 'Attâr als „Glut des Schattens, die das Unsichtbare enthüllt“, Henri Michaux als „brennende Sonne, die die Leere verschlingt“ und David Lynch als „Offenbarer einer Gelenkstelle zwischen Realität und Realität“. Die Verschmelzung von Mystik, literarischem Surrealismus und zeitgenössischer Popkultur wirkt dabei wie die ganzheitliche DNA dieses französischen Gegenwartsmusikers, der in der Schweiz lebt.
„Wir haben alle etwas tief in uns. Ich will nicht sagen, dass das ein Monster ist, aber dahinter liegt eine starke Kraft. Und dem sollten wir Gelegenheit geben, sich auszudrücken“, erklärt Ubaldini seine künstlerische Mission und gibt auch gleich eine Höranweisung mit auf den Weg: „Vergessen Sie alles um sich herum.“ Lassen Sie Ihre Fantasie frei. Fangen Sie an, mit den Klängen aktiv zu kommunizieren. Versuchen Sie nicht, zu analysieren. Fühlen Sie sich lieber.“
Blaise Ubaldini studierte zunächst klassische Klarinette am Konservatorium in Paris, bevor er sich stilistisch breiter ausrichtete und in Jazz-, Weltmusik- und Rock-Formationen spielte. Nach einem anspruchsvollen Auswahlverfahren absolvierte er eine Ausbildung in der Live-Elektronik am renommierten IRCAM in Paris.
Der künstlerische Durchbruch gelang 2014 mit dem Monodrama „Bérénice“ am IRCAM für die Schweizer Schauspielerin Caroline Imhof und die Solisten des Ensemble Intercontemporain. 2016 folgte „Love Song for a Long-term Hatred“ mit dem israelischen Posaunisten Alon Stoler und dem iranischen Chémirani Trio. 2018 komponierte er das Quintett „In the backyard“ für die Wigmore Hall London, inspiriert von David Lynchs „Twin Peaks“. Weitere Kollaborationen entstanden mit den Gebrüdern Mraihi und Vincent Ségal („Fertile Paradoxes“). 2022 veröffentlichte er sein Debütalbum „Sunbathing“ mit fünf Stücken für Soloinstrumente und Elektronik.
Heute lebt Ubaldini in Lausanne, wo er am Conservatoire de l'Ouest Vaudois unterrichtet. Als Fulbright-Stipendiat promoviert er an der University of Southern California über die Verbindung zwischen Emotion und Kultur. Er arbeitet mit internationalen Ensembles zusammen, darunter das Ensemble Intercontemporain, das Genfer Kammerorchester und das Lucerne Festival Alumni Ensemble. Zu seinen Kollaborateuren gehören Sopranistin Liz Pearse, Flötistin Shanna Pranaitis und Klarinettist Martin Adámek.
Ubaldini erhält Aufträge von bedeutenden Festivals wie dem Lucerne Festival und wurde 2024 von der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung für das Musikkollegium Winterthur beauftragt.
Blaise Ubaldini In Between
Blaise Ubaldini (Stimme, Elektronik, Piano) | Sine Nomine Streichquartett: Patrick Genet (Violine), François Gottraux (Violine), Hans Egidi (Viola), Marc Jaermann (Cello) | Zoéline Simone (Stimme) | Luc Müller (Schlagzeug) | Valentin Conus (Saxophon)
Label: Asymetric Sounds
CD, digital
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YouTube-Video:
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Prelude to "In Between" (7:58 Min.)
Tracklisting
01. Foreword (Ubaldini)
02. The Garden’s Slope (Sine Nomine, Ubaldini)
03. The Heart Beating (Sine Nomine, Ubaldini)
04. L.A. Mystics (Ubaldini)
05. Ineffable vide, Incantation (Simone, Ubaldini)
06. Ineffable vide, Revelation 1 (Conus, Simone, Ubaldini)
07. Ineffable vide, Revelation 2 (Conus, Simone, Ubaldini)
08. Ineffable vide, Revelation 3 (Conus, Müller, Simone)
09. Gone With the Noise (Ubaldini)
10. Little Time (televangelist version) (Müller, Ubaldini)
11. Little Time Song (Ubaldini)
12. The Valley of Nothingness (Sine Nomine, Ubaldini)
13. Mot de la fin, “Le style” by Henri Michaux (Ubaldini)
14. As Fluid as Water (Sine Nomine)
Total Time: 62:00

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