Die „International Gyumri Art Week“ ist ein jährlich stattfindendes Festival für zeitgenössische Kunst in der zweitgrößten Stadt Armeniens: Gyumri.
Unter der künstlerischen Gesamtleitung von Sargis Hovhannisyan und weiteren Kuratoren wie Viktoria Ilyushkina (Sankt Petersburg), Gor Margaryan (Kiel) und Jan-Niklas Thape (Münster), der auch mit einer eigenen Videoarbeit vertreten ist, Nazaret Karoyan (Jerewan), Vahagn Ghukasyan (Gyumri) u.a., soll es einerseits als Impulsgeber für künstlerische Forschung und Experimente in der Region dienen und andererseits Debatten über aktuelle kulturelle und gesellschaftliche Prozesse anregen. Vor allem ist der Diskurs international ausgerichtet und verbindet auf hohem künstlerischem Niveau den Südkaukasus mit Europa, Nordamerika, Russland und Asien. Es bringt Künstler, Kuratoren, Architekten, Kulturmanager und Publikum zusammen.
Die Teilnehmer der 5. Gyumri Art Week, die am 20. August im Zeitraum von zwei Wochen mit sieben Aktionstagen zu Ende ging, untersuchten, wie eine Stadt im Laufe der Zeit geprägt wird und wie die Zeit innerhalb der Stadt „lebt“. Sie vereint Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und präsentiert die Stadt als lebendigen Organismus, der sich ständig verändert und neu formt.
In der heutigen Welt, in der Digitalisierung, migrantische Ströme, demografischer Wandel und die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung immer komplexer werden, besteht Bedarf an neuen Denkansätzen zur Beziehung zwischen „Stadt und Zeit“, wie es der Titel der Gyumri Art Week postuliert. Diese Herausforderungen bringen nicht nur etablierte städtische Paradigmen ins Wanken, sondern eröffnen auch neue Möglichkeiten, das städtische Leben und seine Struktur zu überdenken. Künstler aus verschiedenen Ländern verfolgen nicht nur individuelle Ansätze, sondern auch viele, die sich verbinden und als universelle Sprache, unabhängig vom Ort, manifestieren.
Das diesjährige Festival konzentrierte sich auf die Wechselwirkungen innerhalb der Stadt und zeigte die Schnittstelle zwischen der organisierten Stadt und der freien Vorstellungskraft der Kunst auf. Das städtische Leben ist oft durch klare Planungs- und Regulierungsprinzipien strukturiert, während die Kunst spontane und experimentelle Unterbrechungen bietet, die die Grenzen der Wahrnehmung dieser Systeme erweitern. Das Festival betrachtet Kunst nicht nur als ästhetisches oder abwechslungsreiches Ausdrucksmittel, sondern auch als kritisches Werkzeug, das unser Verständnis der Stadt offenlegen, neu gestalten und rekonstruieren kann.
In den künstlerischen Praktiken wird die Stadt sowohl als Konzept als auch als physische Realität und als zeitlicher Prozess betrachtet. Dies ist der Raum, in dem Erfahrungen geformt, Möglichkeiten definiert und oft auch Grenzen gesetzt werden.
Das Festival untersucht in den verschiedenen Ausstellungen, Atelierbesuchen, Präsentationen, Kunstgesprächen, gemeinsamen Touren sowie Konzerten, wie die von den Künstlern vorgeschlagenen Ansätze die Stadt in scharfe Reliefs verwandeln und sie dadurch sichtbarer und greifbarer machen. Diese Interventionen aktivieren momentane Begegnungen, aus denen neue Ausdrucksformen und Interaktionen hervorgehen können.
Dieser theoretische Rahmen steht im Einklang mit der Lehre des Soziologen und Philosophen Henri Lefebvre (1901–1991) vom „Recht auf die Stadt“ (1968), in der die Stadt nicht nur als physischer Raum, sondern auch als Erfahrung betrachtet wird, die von ihren Bewohnern ständig neu interpretiert werden muss. Nach seiner Formulierung wird die Stadt „von den Menschen gemacht, die in ihr leben“, was die Bedeutung von Partizipation und kreativen Interventionen unterstreicht.
Zudem wird das Konzept dahingehend erweitert, dass auch die Menschen, die die Stadt besuchen und aktiv sind, einen definitorischen Anteil erhalten.
„In den letzten Jahrzehnten waren Städte vielfältigen Einflüssen ausgesetzt – von neoliberaler Wirtschaftspolitik, von Migrationen bis hin zum Klimawandel, von postindustriellen Wandlungsprozessen, von der Digitalisierung der Städte sowie von wachsenden sozialen Ungleichheiten.
In diesem Zusammenhang stellten sich die Kuratoren grundlegende Fragen:
- Wie ist es, in modernen Städten zu leben?
- Welche Hauptkräfte prägen Städte und Stadtviertel?
- Inwieweit sind die Menschen miteinander verbunden oder voneinander getrennt?
- Und wie unterscheiden sich diese Prozesse kulturübergreifend und weltweit?
„City and Time“ bietet eine aktuelle und interdisziplinäre Plattform, auf der Künstler, Forscher und die Öffentlichkeit diese Fragen gemeinsam erörtern. Es zielt darauf ab, einen sich weiterentwickelnden Diskurs über die Beziehung zwischen städtischen Umgebungen und Zeit (historisch, aktuell, zukünftig) zu gestalten, die Stadt durch Kunst anders sichtbar zu machen und öffentliche Räume neu zu denken statt über Architektur und Immobilien, Verkehrsströme, Kommerzzentren und Wohnperipherien.
Der kritische Humangeograph und Sozialtheoretiker David Harvey argumentiert, dass Städte im Kapitalismus als Krisenventil dienen, in das überschüssiges Kapital abgeleitet wird. Das führt zu steigenden Mieten, Verdrängung (Gentrifizierung) und sozialer Ungleichheit. Der Begriff fordert, dass die Stadtbewohner den städtischen Raum mitgestalten, sich ihn aneignen und nutzen dürfen, statt nur Konsumenten zu sein“, lautet ein Ausschnitt aus dem Konzept der diesjährigen Art Week.
Eröffnet wurde die Gyumri Art Week am 7. August im Gyumri Technology Center mit überwiegend video- und filmbasierten Werken von Johannes Gierlinger, Amy Kong, Kenji Ouellet, Yulia Gadalova, Yooyoung An, Alexandra Litke, Peter Maria Volkhardt, Henrik Jansen, Regina Hübner, Carole Anais Flammang und Katharina Sophia Hüttermann.
Gleich zu Beginn empfängt die Besucher eine große Projektion des in Wien lebenden Künstlers Johannes Gierlinger. Er beschäftigt sich mit Formen der Erinnerung und des kollektiven Gedächtnisses sowie mit Perspektiven des Widerstands. Mittels dokumentarischer und essayistischer Methoden untersucht er in seinen filmischen und installativen Arbeiten die historischen und gesellschaftlichen Spuren, die unterschiedliche politische Systeme und Epochen hinterlassen haben. Im Zentrum stehen dabei Erinnerungsräume, menschliche Erfahrungen, Protestformen, Transgenerationalität, der Traum, Zeitzeugenberichte, Archive sowie Lücken in historischen Narrativen. Im Fokus stehen dabei Prozesse der Transformation, Konstellationen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie Fragen der Repräsentation und ihrer Wirkungsweisen. Gierlinger untersucht in poetischer Form, wie visuelle und narrative Strukturen fortwirken und in der Gegenwart sichtbar, verwoben und erfahrbar bleiben, und stellt nicht zuletzt Fragen zu möglichen Zukunftsräumen.
Im Film „Jede Epoche träumt von der nächsten“ (2025, 18 Min. 29 Sek.) geht es um den Traum eines Jungen vom Bau einer modernen Stadt. Ausgehend von einem Ausschnitt aus einem albanischen Spielfilm aus der Zeit des Kommunismus (1974) verhandelt Gierlingers Film die historischen und aktuellen Transformationsprozesse des städtischen Raums – in diesem Fall in Tirana. Der Film reflektiert über die Macht der Bilder, über historische und zeitgenössische Utopien sowie darüber, wie Machtstrukturen das Gemeinwohl und die breite Öffentlichkeit außer Kraft setzen können. Obwohl die Ästhetik einer anderen, vergangenen Zeit entsprungen scheint, sprechen die Schwarz-Weiß-Bilder und die recht grob wirkenden digitalen und figürlichen Hinzufügungen eine aktuelle Sprache. Das Werk erforscht, wie sich ein Stadtbild durch wechselnde Machtstrukturen verändert und wie sich diese Machtstrukturen über das Gemeinwohl und die Allgemeinheit hinwegsetzen können. Eine Betrachtung über demokratische Entwicklungen, neue und alte Regime, Geldwäsche, Propaganda und die Zugänglichkeit des öffentlichen Raums.
Der in Kanada geborene und in Berlin lebende Künstler Kenji Ouellet ist mit zwei sich gegenüberliegenden Arbeiten der Frage nachgegangen, wie sich im städtischen und landschaftlichen Raum Verhaltensweisen reproduzieren und teilweise ad absurdum führen: „I am One“ (2016, 20 Min. 30 Sek.) und „V“ (als Buchstabe V gemeint, nicht als die römische Ziffer 5, 2017, 19 Min.).
In „I am One“ ist eine Sammlung von Zitaten über Einzigartigkeit und Individualität von Prominenten und weniger bekannten Autoren (von Bill Gates oder Karl Lagerfeld bis hin zu Simone de Beauvoir) zu hören, unterlegt mit Bildern eines dicht bebauten, stark besiedelten Stadtgebiets und dessen Architektur in Japan. Die Erzählung ist zwar bekannt, wird jedoch durch die Bilder widerlegt, wodurch eine Begegnung zwischen kollektiven und individuellen Perspektiven auf Einzigartigkeit entsteht.

Kenji Ouellet, Filmstill „V“, © Cyland
Mythische Landschaften, die Utopie der unberührten Wildnis und das Einfangen des Augenblicks. Die Natur dient als Spiegel oder als Kulisse des Selbst. „V“ dokumentiert ohne Kommentar die Interaktionen des Menschen mit der Natur und den Landschaften Islands. Es beleuchtet unter anderem die Spannung zwischen direkter Erfahrung und der Arbeit der (Selbst-)Darstellung, die Art und Weise, wie die Natur als Symbol oder Projektionsfläche für unsere inneren Zustände dient, sowie die Schnittstelle zwischen biologischer und geologischer Zeit.
Die österreichische Künstlerin Regina Hübner, die in Rom lebt, ist mit einem Video, betitelt „Eva – We are also what we are not“ (2022, 3 Min. 41 Sek.), vertreten. Ganz im Ausdrucksstil der Renaissance begegnet sich eine junge, nackte Frau selbst. Mal stehend wie ein Kuroi, mal knieend, wie bei einem Knicks überreicht und empfängt sie eine antike Karaffe voller Wasser. Der Zyklus des Gebens und Nehmens. Sich selbst beschenken und gleichzeitig entgegennehmen zielen auf den allgemeinen Lebenszyklus, das langsame Älterwerden und die stete Veränderung über längere Zeiträume hinweg ab. Gleichzeitig stellt die Künstlerin Fragen nach dem Menschen als soziales Wesen sowie nach Beziehungen und Bindungen.

Regina Hübner: „Eva – We are also what we are not“ im Gyumri Technology Center. Foto (bearbeitet): Anton Khlabov
Der kontemplative Eindruck, die verlangsamte Geschwindigkeit des Bewegtbildes, treten in einen direkten Bezug zu einem Gemälde, einem statischen Bild. Dieses technische Zwitterdasein ist intendiert und schließt den Kreis zu Werken von Sandro Botticelli, Andrea del Verrocchio und Lucas Cranach.
Hübner stellt nicht zum ersten Mal in Armenien aus; sie war bereits 2024 Teilnehmerin beim Cyfest-16 in Jerewan.
Bei vierzehn Veranstaltungen, zumeist in Gyumri, aber auch in Jerewan, wohnen die Besucher auf diesem Festival und besuchen es nicht.
Im Art Space Terian (ast) in Gyumri stellt die Architektin Nvart Dalian aus. Das historische, aus braun-schwarzem Tuffstein gebaute und liebevoll renovierte Haus ist der neueste Ausstellungsort der Stadt. Dalian, die über 30 Jahre in einem großen Architekturbüro in Montreal, Kanada, gearbeitet hat, zeigt eine Serie von Fotografien weiterer historischer Gebäude in Gyumri, die allesamt durch das Erdbeben von 1988 beschädigt oder fast vollständig zerstört wurden. Trotz nationaler und internationaler Hilfe sieht man bis heute jene Gebäude, die Schäden davongetragen haben oder als Ruinen im Stadtbild stehen.
„The Memory Of Stones“ (dt.: „Das Gedächtnis der Steine“) verbindet Fotografie und Architektur miteinander. „Beide gründen auf den Grundprinzipien von Raum, Licht, Geometrie und Komposition. Während die Architektur den Fotografen eine reichhaltige Quelle an Bildmaterial bietet, dokumentiert und interpretiert die Fotografie ihrerseits architektonische Formen neu. Diese Beziehung zeigt sich in mehreren wesentlichen Aspekten.
An erster Stelle steht das Wechselspiel von Licht und Schatten: Architekten entwerfen Gebäude unter Berücksichtigung des natürlichen Lichts, während Fotografen dessen Veränderungen zu verschiedenen Tageszeiten einfangen.
Darüber hinaus greifen beide Disziplinen auf geometrische Linien, Perspektive, Proportionen, Symmetrie und wiederkehrende Muster zurück. Die Fotografie dient zudem als Mittel zur Dokumentation der Geschichte, indem sie das Erscheinungsbild von Bauwerken im Laufe der Zeit festhält. Dabei wird der dreidimensionale Raum in ein zweidimensionales Bild umgewandelt, das dennoch das Volumen und die Tiefe des Gebäudes vermittelt.

„The Memory Of Stones“. Ausstellungsansicht, Foto: Karine Aroyan, GAW
Nvart Dalian ist insbesondere in den letzten Jahren gleichermaßen in beiden Bereichen tätig: Sie ist sowohl praktizierende Architektin als auch Fotografin. Während die Architektur ihr Beruf ist, liegt ihr die Fotografie besonders am Herzen – ein Bereich, in dem sie mit der Kamera versucht, kreative Ideen zu verwirklichen, die in ihrer architektonischen Praxis keinen Ausdruck gefunden haben. Bislang waren Dalians Aktivitäten in diesen beiden Bereichen jedoch voneinander getrennt geblieben.
In „The Memory of Stones“ führt die Künstlerin beide Bereiche zusammen, sodass jede Disziplin der anderen dient und gleichzeitig ihre herkömmlichen Funktionen umgekehrt werden. Hier fungiert die Fotografie weniger als dokumentarisches Medium als vielmehr als Werkzeug der architektonischen Projektion und Gestaltung. Durch die Fotografie unternimmt Nvart Dalian ein einzigartiges architektonisches Projekt zur Rekonstruktion der Vergangenheit; durch die Architektur schafft sie ein fotografisches Werk, das die Gegenwart dokumentiert. Das Ziel des Projekts ist sicherlich keine historische Rekonstruktion, sondern vielmehr eine visuelle Interpretation des kollektiven, lebendigen Gedächtnisses der Stadt – eines Gedächtnisses, in dem die Steine weiterhin die Spuren von Zeit, Menschen und Kultur tragen.
Die Steine sind nicht die einzigen Träger dieses lebendigen Gedächtnisses im Projekt. Einerseits gibt es diese Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, die ursprünglich für rein private oder industrielle Zwecke errichtet wurden und im Laufe der Zeit – und zwar spontan, zum Teil aufgrund der durch das Erdbeben verursachten Zerstörungen – zu „unbeabsichtigten Denkmälern“ geworden sind, um Alois Riegls Begriff zu verwenden. Sie wurden nicht dazu entworfen, Geschichte zu bewahren, doch sind sie nun unfreiwillige Träger der Stadtgeschichte.
Andererseits gibt es die fotografische Montage selbst: ein bewusster Akt der Künstlerin, um die Erinnerung an die Vergangenheit zu bewahren, im Gegensatz zum natürlichen Altern und Verfall der Steine. In ihren oberen Bereichen bekräftigen diese montierten Bilder materiell die grundlegende Wahrheit der Fotografie – dass „dies gewesen ist“, wie Roland Barthes es formulierte.
Nvart Dalian greift bewusst ins Bild ein und schafft in dessen oberer Hälfte eine idealisierte, restaurierte Vision des Gebäudes, während sie im unteren Teil das auf den Kopf gestellte Schwarz-Weiß-Bild seines gegenwärtigen Zustands präsentiert. Auf diese Weise wird die Dokumentation der Vergangenheit zu einer Einladung, den Lebensraum der Stadt neu zu überdenken und zu gestalten“, heißt es im Ankündigungstext von N. Katz.
Auch Kunst im öffentlichen Raum spielt in Gyumri eine Rolle. Die Stadt hat viele Denkmale und Skulpturen, oft mit Erinnerungen verbunden: an das Erdbeben, ein riesiges Denkmal, das „Mutter Armenien“ heißt, die Überbleibsel des eisernen Springbrunnens, das Reiterdenkmal für Vardan Mamikonyan, die Charles-Aznavour-Statue, das Monument des Schauspielers Frunzik Mkrtchyan, das Tigran-Hamasyan-Mural: ein markantes Porträt des armenischen Jazzpianisten nahe dem Musikerkolleg in der Rustaveli Straße und viele mehr.
Nun ist während der Gyumri Art Week ein neues Kunstwerk hinzugekommen. Damit ist auch ein neuer Buchstabe für das armenische Alphabet hinzugekommen, das bislang 39 Buchstaben zählte. Der Künstler und Verleger Mkrtich Matevosyan hat diese imaginäre Erweiterung des armenischen Alphabets erdacht. Ausgeschrieben „hebeh“ (gesprochen: həbə, wie das letzte „e“ in Riese) wird es in der Umgangssprache der Gyumris als Füllwort verwendet, ähnlich wie unser „Äähm“. Der 40. Buchstabe symbolisiert die alte und einzigartige armenische Sprache, den Humor, die Denkweise und die kulturelle Identität von Gyumri. Er soll zum Spiegelbild des kreativen Geistes, des sprachlichen Charakters, der kulturellen Identität und der unendlichen Fähigkeit der Stadt zur Neuerfindung werden.
Das Kunstwerk, das zentral an der Shiraz-Straße, Ecke Haghtanak-Park, steht, spielt mit der Idee der tibetischen Gebetsmühle. Es ist drehbar und wiederholt sich dadurch ständig, ohne den Buchstaben noch aussprechen zu müssen.
Ein Werk im semi-öffentlichen Raum ist im Patio des Berlin ART Hotels zu sehen. Das gemeinnützige Hotel mit Kunstgalerie in der Haghtanaki-Allee ging aus einem Hilfsprojekt nach dem Erdbeben von 1988 hervor. Die in Jerewan lebende Künstlerin Mary Moon präsentiert ihr Konstruktionsprojekt „Constellation of Coexisting Realities” (dt.: Konstellation koexistierender Realitäten).

Mary Moon: Constellation of Coexisting Realities, Metall, Licht und Schatten. Foto: Claus Friede
Auch die Kunstgalerie 25 wird von ihr mit Bildern, Grafiken und einem zierlichen, konstruktiven Mobile bespielt, das wie ein kleines, hölzernes und segelbespanntes Modell für einen Film wirkt.
Ein beeindruckendes Erlebnis war der Atelierbesuch bei Aleksey Manukyan. Der Künstler, der an der Kunstakademie in Jerewan ausgebildet wurde und bereits mehrfach in Deutschland ausgestellt hat, hat in seinen Arbeitsräumen unter dem Dach eines großen Wohnblocks ein ganz eigenes Gesamtkunstwerk geschaffen. Zwar begegnet man vielen Einzelarbeiten, ob fertig oder im Prozess, doch alle Räume wirken wie eine große Installation. Seine Werke sind im wahrsten Sinn bodenständig, manchmal archaisch, manchmal rau, manchmal verkrustet und aufgebrochen. Seine Materialien sind Erde, Ton, Schlamm, Stroh, Farbe und Steine.
Seine Texturen zeigen die Spuren des Herstellungsprozesses: Handspuren auf den Oberflächen, Frottagen, Lufteinschlüsse und Krakeleebrüche durch Austrocknung. Diese Wandobjekte und gestapelten Werke scheinen einen eigenen Atem zu haben; sie provozieren Erinnerungen an archetypische Muster, an den Boden, an das Land und an Veränderungsprozesse. Plastikflaschen, zusammengedrückt und mit Farbe überschüttet, verweisen auf die Umweltproblematik, unseren Umgang mit ihr, sei es urban, landschaftlich oder maritim.
Manukyan glaubt an die „Soziale Skulptur“ und interessiert sich für den Raum, der von der Energie der Bedeutungen erfüllt ist, sowie für die Einheit von Zeit und Raum. Er weiß von der Übertragung von Bedeutungsenergie, von der Artikulation des Sinnhaften, aber zugleich vom Vertrauen in den Betrachter.
Die Akademie der Künste von Gyumri ist in einem großen Gebäude am westlichen Ende des Ankakhutyan-Platz (Platz der Unabhängigkeit) untergebracht. Neben der bildenden Kunst gibt es dort auch die Angewandte Kunst- und Musikhochschule. Die als Zweigstellen der Jerewaner Kunsthochschule 1997 gegründeten Fakultäten weisen neben den klassischen Disziplinen auch neue Medien auf. Das FabLab, ein digitales Produktionslabor nach dem Vorbild des MIT, ist gerade auch im Modebereich von großem Wert. Die Partneruniversität ist übrigens die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.
Im dritten Stock der Akademie befinden sich Ausstellungsräume, und dort fand anlässlich der Gyumri Art Week die Gruppenausstellung „The City and Time“ mit dreizehn armenischen Künstlern statt.

„The City and Time“. Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede
Weitere Ausstellungen fanden sowohl in Gyumri als auch in Jerewan statt; alle aufzuzählen würde zu weit führen.
Im Ergebnis muss man festhalten, dass die Art Week in Gyurmi nicht nur Strahlkraft innerhalb der Stadt oder der Provinz Shirak hat, sondern auch national in Armenien und international geprägt ist von Menschen, die die Kunst lieben, sie beruflich ausüben, ein Netzwerk haben, das jenseits politischer Realitäten existiert, und einen gemeinsamen Willen haben, transkulturell zu denken, sich zu begegnen, voneinander zu lernen und sich weiterzubringen. Insofern ist die Art Week nicht nur ein Festival, sondern ein Gesamtkunstwerk.
Gyumri Art Week 2026
Das Festival fand vom 07. bis zum 20. August 2026 in Gyumri und Jerewan in Armenien statt.
- Weitere Informationen (GAW, engl.)
- Weitere Informationen (Cyland)
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