Als hätte sie es geahnt: Der Titel der diesjährigen Biennale von Venedig, „In Minor Keys“, zu Deutsch „In der Tonart Moll“, ist mehr und mehr zu einem Menetekel, zum teilweise traurigen und aufrüttelnden Vorzeichen des wohl bedeutendsten europäischen Kunstereignisses geworden.
Im Mai des vergangenen Jahres, als Koyo Kouoh, die erste afrikanische Kuratorin der Biennale, ihr Konzept der Öffentlichkeit vorstellen wollte, lag sie im Sterben und hatte es an ihre fünf engsten MitarbeiterInnen übergeben.
Die 57-Jährige wollte nicht in das „Spektakel der Katastrophen“ mit einstimmen, sondern im Gegenteil die leisen und schrägen Töne hörbar machen, genauer hinschauen und hinhören, das Spannungsfeld zwischen globalem Norden und Süden sichtbar machen, Grenzen auflösen und weitergehen. Sie wollte die vielen Welten zum Vorschein bringen, die durch Kunst zum unverzichtbaren Ausdruck, zum Motor gesellschaftlichen Lebens werden können.
Das ist der rührigen Kosmopolitin Kouoh, deren Geist nun über der Biennale schwebt, in jedem Fall gelungen. Nur dass die schrägen Töne reichlich laut geworden sind. Zwei weitere Todesfälle hatte die Biennale zu verzeichnen. Die Eröffnungsfeier fiel aus. Nach explodierenden Protesten gegen die Beteiligung Israels und Russlands in den Giardini wurden Pavillons zeitweise geschlossen. Schließlich trat die gesamte Jury zurück, wiederum aus Protest gegen die politische Instrumentalisierung von Kunst. Es wird also dieses Jahr keine goldenen Löwen geben. Mehr Tumult war kaum möglich.
Zu der Verstorbenen gesellten sich zwei Deutsche, zum einen Georg Baselitz im Rahmenprogramm, den Collaterale, in der Fondazione Giorgio Cini mit seinen letzten großformatigen Heldenbildern auf Blattgold, deren Präsentation er nicht mehr erlebte. Sie zeigen ihn selbst und seine verstorbene Frau, selbstverständlich auf dem Kopf stehend. Zum anderen ist da Henrike Naumanns künstlerisches Vermächtnis im deutschen Pavillon in den Giardini zu sehen. Die 1984 in Zwickau geborene und im Februar mit 41 Jahren verstorbene Künstlerin hat den deutsch-deutschen Alltag im Design der DDR und der BRD, in den in der Mitte geteilten Möbeln an den Wänden und in den liebevoll bearbeiteten Material-, Stoff- und Leder-Applikationen auf stilisierten Gruppenbildern und Zimmer-Einrichtungen, berührend festgehalten.
Als Mitspielerin im deutschen Pavillon, kuratiert von Kathleen Reinhardt, beleuchtet die in Ostberlin aufgewachsene Künstlerin Sung Tieu den Zustand des Ausgegrenzt-Seins in der Nachwendezeit von einer anderen Seite. Als Kind eines vietnamesischen Vertragsarbeiters der DDR landete sie mit ihrer Mutter in einem Ostberliner Wohnblock für Asylsuchende, einer Ex-Kaserne. Die Fassade des Deutschen Pavillons, denkmalgeschützte Architektur aus der Nazizeit, hat sie mit drei Millionen Mosaiksteinen verwandelt in eine Nachbildung der Gehrenseestraße Block G und damit symbolisch mit der Geschichte vietnamesischer Vertragsarbeiter und der eigenen überschrieben.

Innenansicht des deutschen Pavillons. Henrike Naumann. Foto: Jens Ziehe (ifa)
Eine Schoko-Käfer-Invasion an der Decke eines Saals, sowie Körper-Vermessungen ihrer selbst und gläserne Plastiken der abgearbeiteten Gliedmaßen ihrer Mutter erzählen von erlebtem Rassismus, der Zerbrechlichkeit von Selbstgewissheiten und von der Notwendigkeit der Selbstvergewisserung.
Tatsächlich gibt es wenig zu lachen auf dieser Biennale, vieles macht nachdenklich. Poesie entsteht vor dem Hauptgebäude, dessen Säulen im Laufe des Jahres unter Ranken verschwinden werden, sollte die Rechnung der nigerianischen Künstlerin Otobong Nkanga aufgehen. Viele der 110 Kunstwerke der Biennale von überwiegend KünstlerInnen aus dem globalen Süden greifen Themen wie Migration und Klimawandel, koloniale Gewalt und deren Fortsetzung in heutigen Machtverhältnissen auf; die meisten beschäftigen sich vor allem mit Findungsprozessen und Selbstbestimmung im eigenen kulturellen Kontext. Und das erfordert mehr als einen Blick. Der Clash der Kulturen ist beabsichtigt, wie zum Beispiel in der Videoarbeit „Amagugu“ der südafrikanischen Künstlerin, Aktivistin und traditionellen Heilerin Buhlebezwe Siwani. Sie bringt sechs nackte, mit leuchtenden Strelitzien und Weihrauch geschmückte schwarze Frauen in einen Dialog mit einem Paradigma der Renaissance und macht in dieser Aneignung die schwarzen weiblichen Körper sichtbar. Als Spiel mit rassistischer Zuschreibung.
Oder der Inder und ehemalige Filmemacher Sohrab Hura, der in seiner Acrylarbeit „Timelines 2024“ eine ganze Wand voller alltäglicher Szenen festhält. Gemalte Stills in einem sehr persönlichen und humorvollen Tagebuch: Bienen, seine Mutter, eine Mail, Delhi, Nachbarn. Das Beiläufige wird zum Eigentlichen, dadurch, dass es schlicht erzählt wird.
In den Arsenale wird vielleicht noch deutlicher, dass Kouoh weniger aus der uns geläufigen und erwartbaren Opferperspektive rassistisch verfolgter Menschen und dem Elend der Migration zeigen wollte als vielmehr den Bilder-Reichtum, die Kreativität und den spirituellen Raum jenseits eines abendländischen und protektionistischen Weltbildes. In seinen sieben Bronzen und Mixed-Media-Installationen unter dem Titel „Two Points in Time - At Once“, die im Gelände verteilt aufgestellt sind, zieht der amerikanische Künstler Nick Cave eine Spur durch die Hallen. Es sind verschiedene Stationen der Verarbeitung von Trauer: Verlust, Erinnerung und der Raum dazwischen. Am Ende steht mit der monumentalen Skulptur „Amalgam“ ein bronzenes, kopfloses Wunderwesen am Hafenbecken der Arsenale, aus dem Vögel aufsteigen und Blumen in den Himmel wachsen. Eine Hymne an die zarten und unendlichen Möglichkeiten der Poesie.
Im krassen Gegensatz dazu stehen drei Pavillons mit Performances, eine Kunstform, die bisher im Theater zu Hause war und eindeutig Fortissimo bevorzugt. So wie Formen der bildenden Kunst ins Theater eingezogen sind (beispielsweise kommt heute kaum noch ein Theaterabend ohne Video-Installationen aus), so erobern eben theatralische Formen die bildende Kunst.
Alle voran Florentina Holzinger, in ihren Arbeiten stets unfassbar radikal, queer, feministisch und akrobatisch. Sie geht mit ihren Tabubrüchen weiter als die Wiener Aktionisten, als deren Nachfahrin sie durchaus betrachtet werden kann. Ihre nackten Protagonistinnen sind mutige Frauen, die ihren Körper selbstbewusst nicht nur inszenierter, sondern echter Gewalt aussetzen und sich dieses Instrument insbesondere weiblicher Unterdrückung, dadurch zu eigen machen. Sie schrecken zum Beispiel nicht davor zurück, an ihrer durchbohrten Haut aufgehängt zu werden wie etwa im Mai auf den Wiener Festwochen zu einer Abendmahlsszene bei den Pfingstspielen. Ganz so erschreckend ist es nicht für das Publikum in Venedig, doch ebenso plakativ. Holzinger hat den österreichischen Pavillon mit dem Titel „Seaworld Venice“ unter Wasser gesetzt, um hier ein Untergangsszenario zu entwickeln.

SEAWORLD VENICE, 2026. Foto: © Nicole Marianna Wytyczak
Vor dem Eingang hängt eine Glocke, daneben ein Kran, mit dem eine nackte Frau kopfüber in die Glocke gehievt wird. Sie beginnt zu schwingen und erzeugt mithilfe zweier Kugeln, die um ihre Taille gebunden sind, einen sonoren Kirchenglocken-Sound, ein historisches Warnsignal. Drinnen im Bassin auf der rechten Seite klettern nackte Frauen auf einem metallenen Schiffsmast mit Bronzefiguren herum, der aus dem Wasser ragt, ein drastisches Bild für die Auswirkungen des Klimawandels auf den Meeresspiegel. Auf der linken Seite sieht man die Ursache: ein kreisendes Jetski-Boot, auf dem Holzinger (oder eine Mitspielerin) mal am Steuer sitzt, mal daneben durchs Wasser watet, in jedem Fall ein unkontrollierbares Fahrzeug, solange es fährt. Hauptattraktion ist jedoch eine nackte Taucherin, die einen anschaut aus einem Bassin, das angeblich mit dem geklärten Urin der BesucherInnen gefüllt ist. Zwei Toilettenfrauen bitten jeden um eine Spende in die bereitgestellten Dixi-Klos, und man darf angesichts der kaum funktionierenden Spülung zu Recht grübeln, was da durchs Tauchbecken gepumpt wird.
Laut geht es zu bei den Performances in den belgischen und niederländischen Pavillons. Die belgische Theaterfrau und Performance-Künstlerin Miet Warlop hat eine schräge hölzerne Stellwand mit Gipsfliesen aufgebaut, auf denen scheinbar beliebige Worte in mehreren Sprachen stehen, wie „WHY, OK, PEUR, OUR, DRAAIT, BE, IF, PIANO, NOOIT“, überwiegend aber „ssST“, was als phonetischer Beginn von „stop“ wie auch als Aufforderung zum Schweigen gelesen werden kann. Nun klettern vier PerformerInnen ohne Rücksicht auf die brechenden Fliesen die Wand hoch und veranstalten einen Höllenlärm auf Schlaginstrumenten und den Brettern. Eine schreit fortlaufend „It never ssst“ (so auch der Titel von Warlop) während alle weitermachen. Ein Bild, in dem Worte nichts mehr bedeuten, eine Welt, die der Zerstörung ausgeliefert ist.
Bei einer etwas ruhigeren Performance sitzen sich ein Mann und eine Frau gegenüber und spielen mit Händen aus Gips das Klatschspiel „Bei Müllers hat’s gebrannt“. Es dauert nicht lange und die Hände gehen Stück für Stück zu Bruch, bei gleichbleibender Intensität und Geschwindigkeit des Spiels, versteht sich. Zerstörung ist hier die notwendige Folge der Begegnung.
Der Niederländer Dries Verhoeven sperrt die Besucher in „The Fortress“ im Pavillon nebenan einfach ein und löscht langsam das Licht. Eine vorher unauffällige Performerin erhebt sich und spricht mit einer monströs tiefen, gutturalen Stimme, wie sie im Heavy Metal als grunting oder growling eingesetzt wird, über Selfcare, Selbstverteidigung und Feelgood-Strategien. Und allein in dieser Verzerrung, die wirklich bedrohlich und gar nicht nach Wellness klingt, wird das Eskapistische solcher Texte deutlich. Schon um dies einmal physisch zu spüren und nicht nur intellektuell nachzuvollziehen, lohnt sich der Besuch.

The Fortress, Eisentafel am Eingang. © Dries Verhoeven
So zeigt sich auch in der Kunst der Biennale der Gegensatz zwischen laut und leise als unauflöslich. Womöglich sollte er einfach bestehen dürfen. Wo sonst, wenn nicht in der Kunst?
61. Biennale von Venedig
Zu sehen bis zum 22. November 2026 in Venedig unter dem Titel „In Minor Keys“. Sie wird vom Team der im Mai 2025 verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh ausgerichtet. Die Hauptausstellung zeigt leisere, kontemplative Töne und Werke von 110 teilnehmenden Positionen, läuft jedoch begleitet von politischen Debatten und ohne offizielle Eröffnungsjury.
Weitere Informationen (Biennale, engl.)
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