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Nordische Filmtage Lübeck 2025. Foto: Olaf Malzahn

Mit dem dänisch-schwedischen Spielfilm „Therapie für Wikinger“ (Den Sidste Viking/The Last Viking, Regie: Anders Thomas Jensen) eröffneten die Nordischen Filmtage Lübeck 2025 am 5. November ihr offizielles Programm.

 

Eine gute Wahl, zumal dieser Film viele Geschmäcker, viele Genres bedient. Makabre Szenen lösen solche ab, die mit viel Humor gespickt sind. Für jeden Filmfan ist also etwas dabei in dieser schwarzen Komödie. In die deutschen Kinos kommt dieser Film am 25. Dezember.

 

Sehenswertes gibt es in diesem absurden, brutalen, komischen Film wirklich viel, angefangen bei der wunderschönen Landschaft nahe Göteborg. In einem Wald bei Tolered baute die Crew extra ein Haus auf, das als Setting für das frühere Elternhaus der Brüder Manfred und Anker dient und inzwischen den Airbnb-Betreibern Margrethe und Werner gehört. Hier mietet sich eine kuriose Truppe ein, bestehend aus herrlichen Typen: ein verrückter Psychiater, drei Beatles-Imitationen, die an ihre Echtheit glauben, und andere mehr. Alle Schauspieler spielen klasse, dennoch sind Mads Mikkelsen als Manfred, alias John Lennon, und Nikolaj Lie Kaas als dessen Bruder Anker natürlich die Stars.

 

Und darum geht`s: Nach fünfzehn Jahren Haft wird Anker aus dem Gefängnis entlassen und kann sich nun endlich um die Beute aus einem Raubüberfall kümmern. Aber: Nur Manfred alias John, der aufgrund eines Traumas an einer Identitätsstörung leidet und jedes Mal, wenn er Manfred genannt wird, aus dem Fenster springt, kennt das Versteck der Beute. Das ist ein Problem, denn er kann sich nicht daran erinnern… Die Geschichte fängt zart und liebenswert an mit Zeichnungen, die eine alte Sage erzählen: Gleichheit in der Bevölkerung wird hier vermeintlich klug geschaffen: Damit niemand ein Außenseiter sein muss, weil er einen Arm verloren hat, wird allen Einwohnern ein Arm abgehauen. Das ist – obwohl brutal – ziemlich lustig. Mag sein, dass der Film deshalb als Komödie bezeichnet wird. Er ist aber mehr als das. Er ist auch eine philosophisch angehauchte Sozialstudie, die nicht nur komisch, sondern auch finster und böse ist. Viel Blut ist zu sehen, viele Kämpfe gibt’s, Tote, Ermordete und Menschen, die wir schon tot glaubten und die irgendwann doch noch irgendwie am Leben sind. Schön anzusehen ist das alles nicht immer. Klasse gemacht und deshalb sehenswert ist der Film.


Renovation (Renovacija, Regie: Gabrielė Urbonaitė, Litauen/Lettland/Belgien) agiert mit klug eingesetzter Symbolik. So spiegelt sich beispielsweise die am Laptop arbeitende Übersetzerin Ilona durch das Balkonfenster im (dunkel gekleideten) Rücken des ukrainischen Bauarbeiters Oleg, der gerade auf ihrem Balkon arbeitet. Die eingerüstete Fassade des Vielfamilienhauses gerät plötzlich in Schieflage. Zwei Seile haben ihren Halt verloren, wanken im Wind. Überhaupt ist alles unsicher: Ilona steht kurz vor ihrem 30. Geburtstag und weiß nicht, was sie will. Soll sie ihren Freund heiraten? Schließlich sie sind in die neue Wohnung eingezogen, um zusammen zu leben. Ilona ist Journalistin, schreibt aber gerne Gedichte. Soll sie ihren Beruf an den Nagel hängen, umsatteln? Und dann ist da noch Oleg. Bahnt sich eine neue Liebe an? Soll man alles aufgeben und einen Neuanfang wagen? Wieviel Risiko beinhaltet ein „richtiges“ Leben? Während das Mietshaus renoviert wird, beginnt Ilona, ihr Leben neu zu betrachten. Die lärmende Baustelle wird zum Sinnbild für innere Umbrüche. Dieser Film gefiel nicht nur dem Publikum, sondern auch gleich zwei Jurys der NFL Er wurde mit dem Preis des Freundeskreises und mit dem Kirchlichen Filmpreis ausgezeichnet. Es sei ein Film, der einfühlsam die Entwicklung einer jungen Frau zeige.

 

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Renovacija. Ilona und Matas schauen sich an. ©Lithuanian Film Centre

 

In „The Last Paradise on Earth“ (Det siedste paradis på jord, Regie: Sakaris Stórá, Dänemark) hat Kári nichts zu lachen. Nur manchmal heben sich seine Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln. Das geschieht immer dann, wenn Elin – in die er verliebt ist - mit ihm spricht. Sie wird aber die Faröer-Insel Suðuroy bald verlassen, um in Paris Kunst zu studieren. Soll auch Kári eigenen Träumen nachgehen und fortgehen? Doch welche Träume könnten das sein? Kári hat keine. Die Mutter ist tot. Tagsüber steht Kári an der Maschine in der Fischfabrik, abends versorgt er seinen Vater und seine jüngere Schwester Silja, die ihm mehr und mehr entgleitet. Als wegen der immer weniger werdenden Fischbestände im immer wärmer werdenden Meer die Fabrik vor dem Aus steht, der einzige Arbeitgeber auf der Insel wegbricht, bricht Káris Alltag auseinander. Seine Freunde heuern auf Trawlern an.

 

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Det sidste paradis på jord. Karí ist mitten auf eine Wiese, guckt den Himmel an; im Hintergrund: Tafelberge. © Virginie Surdej


Einmal, da zieht Silja Káris Mundwinkel mit den Fingern nach oben (er lächelt jetzt wie seine Mutter), nach unten (sieht brummig aus wie beim Vater) und wieder zurück in die Ausgangslage (wie Kári halt so schaut). Das sind Annäherungsversuche in einer dysfunktionalen Familie. Die Geschwister leiden normalerweise jeder für sich allein. Diese uns Zuschauer berührende Trostlosigkeit zeigt sich gleich zu Beginn des Films in der eintönigen Arbeit Káris in der Fischfabrik, die später geschlossen wird. Die Auswege werden für Kári immer schmaler. Einziger Ruhepol ist und bleibt für ihn das Dorf, die Heimat als letztes Paradies auf Erden. Der Film erzählt anrührend und klug vom Erwachsenwerden zwischen Verantwortung, Klimawandel und der Frage nach dem eigenen Weg.

 

„Helene“ (Regie: Antti J. Jokinen, Finnland/Estland) ist eine der vielen filmischen Künstlerbiografien, die dank des diesjährigen Schwerpunktes der Nordischen Filmtage unter der Überschrift „Lichtmagie und Farbenzauber“ in Lübeck zu sehen waren. „Helene“ ist das Porträt einer starken Frau und bildenden Künstlerin. die eine intensive geistige, hocherotische, körperlich nicht ausgelebte Liebe zu dem jungen Kunstliebhaber Einar Reuter empfindet. Liebe und Leid der finnlandschwedischen Malerin Helene Schjerfbeck (1862–1946) werden hier auf zwei Jahre fokussiert, in denen diese große Liebe Gegenwart und Zukunft Helenes prägte. Da fallen so schöne Sätze wie „Alle Künstler sind traurig, auch die glücklichen“. Das erinnert an den Anfangssatz von „Anna Karenina“, der ja als einer der schönsten Romananfänge überhaupt gilt. Zu sehen ist eine eindringliche Studie des Schaffens von Helene Schjerfbeck. Der Film orientiert sich visuell stimmig an der Farbpalette ihrer Gemälde. Bilder der Künstlerin waren im Rahmen einer Ausstellung skandinavischer Künstlerinnen 2007 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Eine Einzelausstellung mit ihren Arbeiten läuft ab Dezember 2025 im Metropolitan Museum in New York.

 

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Helene liegt niedergeschlagen über einen Tisch gebeugt. © Finland Cinematic

 

Ein weiterer künstlerisch wertvoller Film, der in der Retrospektive zu sehen war, ist ein Film über Hilma af Klint (1862 – 1944) mit dem Titel „Jenseits des Sichtbaren“ (Beyond the Visible, Regie: Halina Dyrschka, Deutschland). Man könnte diesen Titel um zwei Wörter ergänzen: „Jenseits des Sichtbaren der Realität“. Denn genau darum geht es in diesem Film, ging es Hilma af Klint in ihrem Werk. Das wird uns nahegebracht in Spielszenen und Interviews, durch Fotos, Zeichnungen und Hilmas Gemälde, die in intensiven Farben leuchten und durch ursprüngliche Formen beeindrucken. In Interviews kommen Familienangehörige und Fachleute zu Wort. Sie alle bestätigen die große Bedeutung der Künstlerin, die ihre Werke zeitlebens nie oder vielleicht doch einmal, möglicherweise 1928 in London ausgestellt hat. Die gerne mit Rudolf Steiner zusammengearbeitet hätte, was seinerseits abgelehnt wurde, woraufhin sie vier Jahre lang nicht gemalt haben soll. Die zeitlebens nach Sinn suchte, nach dem Sichtbaren hinter der Realität. Für die Abstraktes nicht im üblichen Sinne abstrakt war, sondern einzig und allein der richtige Weg zum Innersten, zum Kern der Dinge, des Seins. Sie wollte die Welt in einem größeren Zusammenhang verstehen, verstehen, wie wir eigentlich sind. An einer Stelle des Films heißt es „Der Kunstmarkt ist männlich. Er ist wie ein Herrenanzug“. Soll heißen, da stecken nur Männer drin. Auch dieses bekannte Problem des Kunstmarktes wird thematisiert, in dem Fragen aufgeworfen werden: Wie kann es sein, dass die Kunstgeschichte fast hundert Jahre nach dem Tod Hilma af Klints deren Pionierarbeit nicht anerkennt? Es war schließlich nachweislich Hilma af Klint, die bereits 1906, also lange vor Kandinsky, Mondrian oder Malewitsch, das erste abstrakte Werk geschaffen hat.

 

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Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint. Hilma malt. © Mindjazz Pictures

 

Wie vermutlich bei jedem Filmfestival gibt es bei den NFL nicht nur Highlights im Programm. Kein Wunder, bei einer so großen Filmauswahl: Insgesamt wurden einschließlich der Kurzfilme 191 Filme gezeigt, die zu 60 Prozent auch via Stream aufrufbar waren. Ein Negativbeispiel ist in meinen Augen „The Visitor“ (Svečias, Regie: Vytautas Katku, Litauen/Norwegen/Schweden). Die laut Programmankündigung melancholische Grundstimmung und die angeblich in die Geschichte einziehende Spannung sind bei mir nicht angekommen. Darum geht`s: Danielius, frisch gebackener Vater, kehrt in sein litauisches Heimatstädtchen zurück, um die Wohnung seines verstorbenen Vaters zu verkaufen. Die früher so vertraute Umgebung ist ihm fremd geworden. Er will und muss also seine alte Heimat neu entdecken. Das tun wir Zuschauer gemeinsam mit ihm: Wir sind wie er müde, liegen wie er auf dem Sofa herum, auf der Wiese, am See. Wir schwimmen mit ihm, wir spazieren mit ihm samt Hund durch den Wald, wir suchen den Kiosk und den Supermarkt auf, wir feiern gemeinsam Sonnenwende. Ein Wir-Gefühl stellt sich dennoch nicht ein. Es geschieht wenig. Es ist ein langsamer Film. Das ist wohl so gewollt und daher okay. Aber es ist eben leider auch ein langweiliger Film. Klar, wir müssen mitunter zur Ruhe kommen, müssen uns erholen vom Alltagsstress. Aber bitte nicht so! Ein paar urige Ideen retten diesen Film nicht vor meinem nachhaltigen Eindruck, er ist überflüssig.

 

Unbedingt sehenswert ist hingegen „Redoubt“ (Värn, Regie: John Skoog, Schweden/Dänemark/Niederlande/Polen/Finnland/Großbritannien/Schweiz). Der Landarbeiter Karl-Göran Persson macht sein Haus während des Kalten Krieges bombensicher. Er tut dies für sich und seine Nachbarn, schleppt Altmetall an, das er auf dem Feld sucht und findet oder – wenn möglich und falls erlaubt – aus Werkstätten mitnimmt und im Haus verbaut. Das ist schwere Arbeit, das ist schwierige Arbeit, im Sommer vielleicht ein bisschen leichter als im Winter. Karl-Göran gilt im Dorf als schräger Vogel, wird aber von den Erwachsenen akzeptiert und von den Kindern geliebt. Ausnahmen gibt es hier wie überall… Wie schwer, wie schwierig sein Vorhaben ist, wird in großartigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen deutlich gemacht. Helles und Dunkles wechseln wie Tag und Nacht. Der junge Regisseur John Skoog, der ebenso sympathisch ist wie die Hauptfigur seines Films, stand im Anschluss an die Vorführung im moderierten Gespräch zur Verfügung. So erfuhren die Zuschauer viel über die Machart des Films, über Komplikationen und Schönheiten beim Dreh. Das Grundstück hat er extra für den Bau des Hauses gekauft und das Haus ist tatsächlich allmählich während der Dreharbeiten entstanden. Dass der Regisseur schon als Junge von den Anekdoten über Persson fasziniert war, der in Südschweden lebte und von seiner Umgebung für verrückt erklärt wurde, war auch im Gespräch deutlich spürbar. Belohnt wurde der Film bei den NFL mit dem Baltischen Filmpreis.

 

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Värn. Das Gebäude von außen: mehrere Holzstapel darum herum. ©Plattform Produktion

 

Im Dokumentarfilm „Mr. Nobody Against Putin“ (Regie: David Borenstein, Dänemark//Tschechien) begleitet Pavel Talakin, Videograf und Veranstaltungskoordinator an der größten Schule im kleinsten Ort am Uralgebirge, über zwei Jahre lang das Leben an seiner Schule mit seiner Videokamera. Mit Putins Einmarsch in die Ukraine startet die Dokumentation. Was als ganz normaler Schulalltag mit Chorgesang, Unterricht und Festlichkeiten beginnt, gerät zu einem wahren Horrorfilmtrip. Dabei erfindet Pavel nichts hinzu, sondern zeigt lediglich, was er sieht. Zeichnet auf, wie sich der Alltag wandelt, wie politische (Um)Erziehung an der Schule mehr und mehr Raum einnimmt. Da wird das Marschieren im Sportunterricht trainiert, werden „patriotische“ Veranstaltungen abgehalten, Fahnen geschwenkt, müssen das Regime lobende Texte gelernt und auswendig aufgesagt werden. Wagner-Söldner besuchen die Schule, präsentieren ihre Waffen. All dies dokumentiert Pavel, der von den Schülern liebevoll Pasha genannt wird, in seiner Eigenschaft als Videograf. Er hat im Vorfeld des Films Kontakt per Instagram zu David Borenstein aufgenommen. Der wiederum hat ihn mehrere Male an der Schule besucht und interviewt. Pasha hat seine Videoaufnahmen außer Lande geschmuggelt und lebt inzwischen im Ausland. Die Bewohner, insbesondere seine geliebte, ihn liebende Mutter, möchten ihn gerne zurückholen. Aber das sei zu gefährlich für Pasha, erfuhren die Zuschauer nach der Filmvorführung von David Borenstein. Der Film wurde beim Sundance Film Festival 2025 mit dem Sonderpreis der Jury für den besten Dokumentarfilm des Weltkinos ausgezeichnet und als dänischer Beitrag für den Oscar nominiert um den besten internationalen Film. In Lübeck erhielt er hierfür zu Recht den Dokumentarfilmpreis.

 

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Mr. Nobody Against Putin. Pavel Talankin mit Putinbild. © František Svatoš


67. Nordische Filmtage Lübeck

5. bis 9. November 2025

Weitere Informationen (NFL)

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