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Fazil Say. Foto: © Agentur 54° John Garve

Was für ein Abend! Ohne weitere Ausrüstung, nur mit Klavier, statt (wie von der Bergwelt eigentlich gefordert) mit zweimanualigem Cembalo, startete Fazil Say im großen Saal der Elbphilharmonie eine Unternehmung, für die andere vor ihm sich hinter eine (Aus-) Rüstung mathematischer Berechenbarkeit oder hinter einer Maske der Coolness gern auch hinter musikhistorischer Korrektheit verschanzt hielten.

Ganz anders ein weiterer Konzertabend: seine Interpretation der Bach‘schen Goldberg-Variationen.

 

Der Mensch in seiner Verletzlichkeit

Der Mensch Fazil Say in seiner Verletzlichkeit, alle Facetten zwischen menschlicher Freude und menschlichem Leid vertretend, sitzt am Flügel und schlägt von Anfang an nicht nur andere Töne an, sondern dirigiert in halbszenischer Darstellung imaginäre Chöre aus der Klangwelt der Johannes-Passion, summt sie gelegentlich auch mit (Gruß an seinen großen Vorgänger Glenn Gould), gibt „himmlischen“ Bläserensembles der Renaissance entschiedene Einsätze, begleitet gemarterte Menschen auf ihrem mühseligen Weg, winkt fröhlichen Tänzern und Tänzerinnen zu, lädt mit mildem Blick das Publikum in Bachs und den eigenen Kosmos ein. Mit einem Wort: Mit jedem Anschlag erschafft Say neue instrumentierte Klang- und Fantasie-Welten. „Liebhabern zur Gemüths-Ergoetzung verfertigt“, steht auf dem Deckblatt zur Erstausgabe des II. Teils der „Klavierübung“!

 

Glasklare Linienführung durch atemberaubende Anschlagskultur

Dabei verfügt Fazil Say über ein punktualistisches non-legato-Spiel genauso wie über das von Bach so hochgeschätzte cantabel-Spiel, sparsam und selten vom rechten Pedal gestützt, damit das harmonische Gerüst verdeutlichend. Dennoch können wir durch akzentuierendes, dynamisch hochdifferenziertes Spiel Linienführung glasklar verfolgen.

 

Die Anschlagskultur zwischen gehauchter Zartheit und gequältem Aufschrei ist atemberaubend. Für Sekunden erhabene Stille nach Variation 25 – Darstellung des Nichts. Mit der Wiederbelebung durch Variation 26 werden wir von Fazil Say an die geläufigen Hände genommen, um Bachs herrlichen Humor kennenzulernen.

 

Nach höchst temperamentvollen Variationen, in denen es auf nur einer Klaviatur schon mal sehr eng wird, erklingt in Variation 30 ein Quodlibet, bestehend aus dem Lied „Ich bin so lang nicht bei dir g’west“, dem Lied „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“, mit dem er scherzhaft anspielt auf gemeinsam genossene Köstlichkeiten, und schließlich dem sehr persönlichen Lied „Mit dir, mit dir im Federbett, mit dir ins Stroh“. Dann noch die aus dem Anfang bekannte Aria, hier meisterlich in gänzlich andere Atmosphäre getaucht, und statt des dann zu erwartenden „Gute Nacht“ eine tobende Elbphilharmonie!

 

Epilog

Übrigens hätten die sogenannten „Goldberg-Variationen“ eigentlich richtig „Graf von Keyserlingk-Variationen“ heißen müssen. Dieser gab sie nämlich bei Johann Sebastian Bach für seinen jungen Hauspianisten Johann Gottlieb Goldberg in Auftrag, um besser einschlafen zu können. Er war so zufrieden mit dieser amüsanten, abwechslungsreichen und unterhaltsamen großen kontrapunktivischen Musik, dass er Bach fürstlich bezahlte, mit einem silbernen Pokal, randvoll mit hundert Louis d’or gefüllt: mit einem Berg von Gold!

 

Fazil Say im kleinen ehemaligen Kuhstall von Pronstorf. Die andere Seite der Goldmedaille

In Hamburg hatte Fazil Say mit seiner berühmten „Black Earth“-Ballade als Zugabe den Abend beendet, im ostholsteinischen Pronstorf eröffnete er mit diesem Stück das Konzert. In dunkelster Basslage erklingen die jazzig hervorgepressten Noten A, B, C, bevor dann gedämpft gespielte, häufig repetierte Folgetöne an eine türkische Laute erinnern. Danach befreit sich der romantisch angelegte Mittelteil durch jazzartige Improvisationsmodelle von „klassischen“ Vorgaben, um sich schließlich wieder in seine Einsamkeit schwarzer Erde zurückzuziehen.

 

Fazil Say Pronstorf F Martion HinzV.l.n.r.: Aykut Köselerli (Percussion), Fazil Say (Klavier), Serenad Bağcan (Mezzosopran), Ashhan And (Flöte). Foto: Marion Hinz

 

„Gutes Hören“…

…wünschte uns Fazil Say für seine nächsten Stücke, in denen sein Personalstil mehr und mehr hervortrat. Grundlage ist eine romantische, oft dynamisch extrem gegensätzliche Tonsprache mit programmatischem Anspruch, sogar mit Dur-moll-Wendungen, aber auch modal angelegt, mit asymmetrischer Rhythmik aus türkischer Folklore angereichert, von jazzigen und experimentellen Passagen aufgehellt.

 

Jetzt habe ich verstanden, was Mensch ist

Im Mittelpunkt des zweiten Teils des Abends stand der Liederzyklus „Erste Lieder“, den Fazil Say schon 1994 komponiert hat. Mit der neuen Fassung für Gesang (Serenad Bağcan, Mezzosopran), Flöte (Ashhan And), Percussion (Aykut Köselerli) und Klavier (Fazil Say) erleben wir neben der Nähe der Wortwurzel „balar“ (provenzalisch für tanzen) zu Ballade auch ihre frühe Nähe zum Chanson. Der Abend schließt mit dem akzentuiert geflüsterten Lied „Insa, Insa“ (Mensch, Mensch): „Jetzt habe ich verstanden, was Mensch ist“, und steht für die beeindruckende Atmosphäre des ganzen Abends.


Schleswig-Holstein Musikfestival. Fazil Say

Konzerte (K 161 und K 168) des mit dem Porträtkünstler des Festivals, Fazil Say.

Konzert am 19. August, 20 Uhr, Elbphilharmonie, Großer Saal:

Programm: Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen BWV 988

Fazıl Say, Klavier

Konzert am 22. August, 19.30 Uhr, Pronstorf, Kuhstall.

Programm:

Black Earth op. 8 / Yeni hayat, Sonate für Klavier op 99 / Bosporus Romance für „Flöte und Klavier / 9 Lieder aus „İlk Şarkılar“ („Erste Lieder“) für Klavier, Gesang, Flöte und Percussion

Fazıl Say: Klavier | Serenad Bağcan: Gesang | Ashhan And: Flöte | Aykut Köselerli: Percussion

Weitere Informationen (SHMF)

 

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