„Siehe, wie gut und wie angenehm es ist, dass Brüder in Einigkeit zusammen wohnen“ soll Leonard Bernstein gesungen (!) haben, als er 1981 auf Gran Canaria im Garten seiner Gastgeber Justus Frantz und Christoph Eschenbach einen Baum pflanzte.
Wie gut, dass in den Musikerfreunden hier, auf dem vulkanischen Boden, die Idee reifte, in Schleswig-Holstein ein Musikfestival zu etablieren. Auf feuriger Lava geboren, musste diese Idee nur noch auf dem fruchtbaren Humus zwischen Nord- und Ostsee reifen, gedeihen und bis heute Jahr um Jahr erblühen.
Lavaglut statt Kolophonium
Die Frucht dieser nachhaltigen Klang-Kultur in Schleswig-Holstein konnten beglückte Hörer beim diesjährigen Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) in der Lübecker Musik- und Kongresshalle mit dem großen taiwanischen Geigenvirtuosen Ray Chen und dem klug begleitenden Dirigenten Christoph Eschenbach erleben. Obwohl Ray Chen kurzfristig eingesprungen war, musizierten Solist und Orchester in überwältigender Übereinstimmung. Eschenbach beeindruckte durch die Effektivität seiner minimalen Gestik, während Ray Chen souverän lächelnd alle emotionalen Ebenen seines Soloparts erfrischend, vital, aber auch berührend darstellte. Auf der schon von Heifetz gespielten Stradivari zauberte er einen großen Klangraum von innigstem ppp bis hin zum leidenschaftlichen fff, niemals schaustellerisch, immer auch die Architektur des Stückes herausarbeitend, niemals aber mit analytischem Zeigefinger, sondern mit innerem Feuer und fliegender Leichtigkeit.
Sechs Wochen später…
… in der Hamburger Elbphilharmonie, ebenfalls Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert, jetzt mit Midori als Solistin und dem SHMF-Orchester in seinem letzten Konzert in dieser Saison – wieder mit Eschenbach als Dirigenten.
Das lädt zu einer Gegenüberstellung ein. Zunächst einmal: ein jeder, der diesen beiden musikalischen Einladungen folgen konnte, muss einfach begeistert sein! Beide Interpretationen sind gleichermaßen beeindruckend und doch so verschieden.
Die humanisierende Kraft der Musik
Schon die ersten drei Auftakttöne Midoris machen deutlich, hier wird verinnerlicht, wo Ray Chen exponierte, hier wird um Gnade geworben, dort wurde Gnade gewährt. Dort wurde die lyrische Klangwelt des Konzerts poetisch potenziert, hier wird sie poetisch verdichtet, aber auch die dramatische Seite finsterer, und bei aller Vitalität wirkt hier alles zerbrechlicher. Technisch virtuos spielen beide, während Ray Chen spielerisch Hoffnung in die Zukunft der Menschheit verströmt, wirbt Midori leidenschaftlich für deren Erhalt.
Beide Interpreten berühren, begeistern und beglücken, weil unter der Leitung von Christoph Eschenbach etwas entsteht, was bescheidener nicht umschrieben werden kann: die berührende Fähigkeit der humanisierenden Kraft der Musik.

Midori. Foto: © Agentur 54° Felix König
Christoph Eschenbach: Ein Ausnahmedirigent feiert seinen 85. Geburtstag mit Bruckners VII. und V.
Christoph Eschenbach feiert in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag und interpretierte mit dem NDR-Elbphilharmonie-Orchester die VII. Sinfonie Bruckners in der Musik- und Kongresshalle in Lübeck im Eröffnungskonzert. Christoph Eschenbach hörte als Zwölfjähriger diese Sinfonie: „Ich saß wie gebannt vor dem Radio, ungläubig, dass solche Klänge überhaupt existierten.“
Der Domklang-Baumeister
… Und heute sitzen wir im Publikum, erleben im Eröffnungskonzert des SHMF staunend ein so lange nicht mehr gehörtes NDR-Elbphilharmonie-Orchester mit glänzend warm spielenden ersten Geigen in allen Lagen, fein ausmusizierten Rhythmus-Figuren, betörenden Cello-Kantilenen, klangmächtigen Blechbläserblöcken – alles in den von Bruckner gewünschten gemäßigten Tempo-Angaben: „Sehr feierlich. Sehr langsam. Bewegt, doch nicht schnell.“ Alles atmet, aus Übergängen werden Klangfeiern, dynamische Steigerungen degradieren Höhepunkte nie zu Showgesten, die Mikroklangwelt der Partitur wird vor unseren Ohren erhellend aufgeblättert, alles wirkt sinnerfüllt. In musikalischer Zeitlupe wird vor unseren Sinnesorganen ein klangvoller Dom gebaut.
...Sechs Wochen später dann in der Elbphilharmonie die 5. Sinfonie von Bruckner, das sinfonische Kontrapunkt-Monument, diesmal mit dem SHMF-Orchester, wieder unter der Leitung von Christoph Eschenbach:
Sinfonisches Monumentalwerk endet im „Orgelrausch“
Mit seiner schroffen Montagetechnik, der damit verbundenen großen Gegensätzlichkeit und seiner kontrapunktischen Bravour erzeugt Bruckner ebenso gegensätzliche Gefühlsebenen: Ekstatisches steht neben Eintönigem, Erhabenes neben Einfachem, Starkes neben Instabilem, Brachiales neben Filigranem. Eschenbach dirigiert dies alles mit Minimal-Bewegungen, hochkonzentriert und intensiv, häufig über lange Strecken ganztaktig. Das führt bei übereinander gelagerten Rhythmusgebilden zu prekärer Stabilität, andererseits aber zu einem durch musikalischen Flow hervorgerufenen Spannungsbogen, der uns Zuhörer gebannt in das komplexe Finale trägt, das mit einem neuen Choralthema in monumental instrumentiertem „Orgelrausch“ endet.
Monumental auch der Applaus vor schönem Schlussbild
Die schwarz gekleideten Musiker, jede und jeder mit leuchtend roter Rose in der Hand, umarmen einander pultweise und spiegeln so im starken farbigen Kontrast und menschlicher Harmonie optisch den Klangcharakter der von ihnen zuvor so großartig gespielten Sinfonie! Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Saison, auf weitere wunderbare Konzerte mit jungen Musikern aus aller Welt.
SHMF – Midori & Eschenbach
Midori: Violine
Schleswig-Holstein Festival Orchestra
Dirigent: Christoph Eschenbach,
Programm:
- Felix Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll op. 64
- Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 5 B-Dur WAB 105
Weitere Informationen (SHMF)
Weitere Informationen und Mitschnitt (NDR), SHMF-Eröffnungskonzert

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