Wer schon einmal Anfang August in Locarno war, weiß das besondere Flair, den liebevollen Vibe dieses Filmfestivals zu schätzen. Die Menschen, die völlig entspannt, mit Kindern im Schlepptau, leicht bekleidet und in Plastiklatschen durch das beschauliche Tessiner Städtchen am Lago Maggiore schlendern, vor Kinos Schlange stehen, in Cafés oder irgendwo auf Rasenflächen mit einem Eis in der Hand chillen.
Das Leben – ein Film. Anders als in Cannes an der Cote d‘Azur oder dem Filmfestival in Venedig, die vor und nach dem Festival in Locarno stattfinden und sozusagen die großen Schwestern sind, bleibt Locarno ein Kleinod in der Filmwelt, das elf Tage lang selbst das benachbarte Ascona zum Leuchten bringt und internationale Stars umschmeichelt.
Locarno liefert Ihnen eine riesige Bühne auf seiner auch abends noch in sommerlichen Temperaturen glühenden Piazza. Bis zu 8000 Menschen finden hier einen Stuhl auf dem Kopfsteinpflaster des größten Open Air-Kinos aller Festivals. Welcher Star, der per Video auf die monströse Kinoleinwand beim Small Talk mit Festivalleiter Giona Nazarro und der Entgegennahme eines Leopard Awards vergrößert wird, kann beim Anblick von der Bühne herunter auf das Kinovolk aus Cineasten, Filmkollegen und einheimischen Neugierigen ungerührt bleiben? Hier spielt sich nichts Glamouröses ab, sondern ganz pur ehrliche Teilhabe an dem, was Kino am besten kann: Emotionen erzeugen.
Dieses Jahr war es, neben Jackie Chan, Willem Dafoe und anderen, die englische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Emma Thompson, die diesen mächtigen Liebesbeweis des Publikums empfing und, davon überwältigt, erstrahlte. Andererseits, aus Piazza-Sicht: Wer konnte sich schon dem Charme, der authentischen Klarheit und Nahbarkeit dieser wunderschönen Frau entziehen? Teile davon transportierte die 66jährige in ihrer Rolle als verwitwete Fischerin in den US-Actionthriller „The Dead of Winter“, der in der Eiseskälte Minnesotas spielt und als deutsche Koproduktion in Finnland gedreht wurde. Auf der Piazza sah man Thompson nun in einer Weltpremiere im haarsträubenden Kampf mit Kälte, Liebe und Tod. Es war eine neue und allein schon körperlich ihre bisher größte Herausforderung, wie sie am nächsten Tag in einem Publikumsgespräch zugab.
Die Einbindung der Region ist in Locarno, nicht nur in der betont italienischen Begrüßung durch den mindestens viersprachigen Hausherrn Nazarro, wohl eines der gelingenden Alleinstellungsmerkmale im harten Wettbewerb der Filmfestivals untereinander. Hinzu kommt, dass Locarno bzw. das rührige Festivalteam Augen und Ohren hat für das manchmal Abseitige und Unpopuläre, was freilich auch eine Frage des Budgets ist. Hollywood-kompatible Blockbuster sucht man hier vergebens.
Neben west- und osteuropäischen- kommen experimentelle, ostasiatische, afrikanische und südamerikanische Filme, oftmals Erstlinge in den verschiedenen Sektoren des Festivals auf die Leinwand und lenken den Blick umso mehr auf den globalen Süden und die Weltpolitik. Unter den 224 ausgewählten Filmen befindet sich so die erstaunliche Zahl von 101 Weltpremieren. Den Hauptpreis, den goldenen Leoparden, gewann auch diesmal ein typischer Autorenfilm, der japanische Film „Two Seasons, Two Strangers“ von Sho Myake, ein poetisches Werk über die Ohnmacht der Worte nach einem Buch des Manga-Zeichners Yoshiharu Tsuge.

Filmplakate
Treffpunkt Locarno, mit immer neuen Begegnungen an neuen Plätzen, und das seit 78 Jahren: So manchen Filmemacher, Produzenten und Newcomern wurde hier der Weg in die internationale Filmwelt geebnet. Locarno bleibe deshalb, so Präsidentin Maja Hoffmann, ein „unverzichtbarer Ort“, an dem trotz „Wiederholung und Simulation, Reizüberflutung und Ablenkung, künstlerisches Risiko und die Infragestellung filmischer Konventionen möglich sind“. Nicht zuletzt Hoffmanns Offenheit gegenüber dem „Wandel“, der die Krise des Kinos ist und ein Ausprobieren neuer Wege nötig macht, ist es zu verdanken, dass erstmals eine Serie wie „The Deal“ auf der Piazza Premiere hatte und ein KI-generierter Film wie Radu Judes mit billigen Zumutungen aufgeblasener rumänischer Film „Dracula“ Eingang ins Programm gefunden haben. Keine leichte Aufgabe also für Festivalchef Nazarro, dem im kommenden Schweizer Haushaltsjahr gerade im Bereich der Förderung außereuropäischer Produktionen (in der Sektion „Open Doors“) ein Fünftel der Mittel gestrichen wurde. Gleichwohl stellt sich ihm die „unausweichliche Frage“ nach dem Existenzrecht des Kinos zwischen Videoplattformen und Streamingdiensten: „Wo ist der Platz des Kinos“, wenn wir „in Echtzeit Zeug*innen von Schrecken werden, die wir nur aus Geschichtsbüchern kennen?
An weiteren Preisen, die in Locarno vergeben wurden, lässt sich durchaus ein Festhalten am dokumentierenden Kino als Alternative zum Überangebot in Social Media erkennen. „Tales of the Wounded Land“ unter Regie von Abbas Fahdel ist eine filmische Recherche zum Krieg Israels in Südlibanon vor einem Jahr und dem Umgang der Menschen mit der Zerstörung ihrer Heimat und ihrer Rückkehr in die verwüsteten Städte, und über die Massenbeerdigungen der sogenannten Märtyrer und den Überlebenswillen, der daraus erwächst. Dass ausgerechnet dieser Film den Leoparden für die beste Regie erhielt, ist vor allem ein klares politisches Statement der Jury. Ähnlich aufgewertet durch „besondere Erwähnung“ wurde das von Deutschland mitproduzierte Projekt „With Hasan in Gaza“ von Kamal Aljafari: Das bald 25 Jahre alte und mittlerweile historische Filmmaterial, basierend auf einer wild fuchtelnden, erratischen Handkamera bei einem Roadtrip durch Gaza, erzählt beiläufig von der Chancenlosigkeit und Unterdrückung der Menschen dort durch die israelische Besatzung. Mehr nicht. Das reichte schon.

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Filme mit deutscher Beteiligung fielen schon zur Halbzeit auf. In „Dry Leaf“ von Alexandre Koberidze“ macht sich ein Vater in Georgien auf die Suche nach seiner Tochter, eine verschwundene Fotografin, auch er fand eine besondere Erwähnung. Der österreichisch-deutsche Film „White Snail“ von Elsa Kremer und Levin Peter ist ein besonders skurriles halbdokumentarisches Werk, deren Hauptakteure zwei belarussische Amateure sind. Der Leichenbeschauer Mikhail Senkhov, der nach seiner Arbeit nekrophile Emo-Bilder malte und dadurch auch tatsächlich seinen Job verloren hat, und das tic toc-Model Marya Imbro, Besitzerin von großen weißen Schnecken auch im echten Leben. Diese beiden Außenseiter führen die Filmemacher in einem aberwitzigen Plot nach Maryas Selbstmordversuch in ein mystisch-makabres, überwiegend im Dunkel der Nacht bestehendes Verhältnis, das eigentlich nur durch das zwar Dialog-arme, aber umso authentischere Spiel der beiden, die halt sich selber spielen, nachvollziehbar wird. Unfassbar, dass ausgerechnet sie einen Preis für die beste schauspielerische Leistung erhielten. Und der ganze Film auch noch den Spezialpreis der Jury bekam. Erklärbar ist das nur mit der Suche nach einer neuen Identität des Kinos, das sich nicht mehr scheut, die die Bühne für Avatare und Laien zu öffnen.
Dass Kino aus deutscher Produktion weder mit den Mitteln von Social Media konkurrieren noch das dokumentierende Schwergewicht einer sich selbst zerstörenden Welt entwickeln muss, wie es die Jury-Entscheidungen nahelegen, sondern eine ganz eigene Sprache entwickeln kann, dafür zeigte das Festival auch ein schönes Beispiel, den Film „Sehnsucht in Sangerhausen“ von Julian Radlmaier. Mit leichter Hand und poetischem Gespür skizziert er die für ihr Rosarium berühmte und wie geleckt herausgeputzte Kreisstadt im Südharz und das benachbarte Kyffhäuser-Denkmal als Orte einer magischen Phantasie, die bereit ist, alles umzudeuten, auch die politischen Verhältnisse. Das erste Stück aus Schumanns Kinderszenen, „Von fremden Ländern und Menschen“ liefert das heiter-melancholische Leitmotiv dafür. Zunächst beobachten wir in einem historischen Setting die Dienstmagd von Novalis, des Fürsten von Hardenberg, die zwar nicht die blaue Blume der Romantik findet, dafür aber einen blauen Stein, der ihre Geschichte auf geheimnisvolle Weise mit der der Kellnerin Ursula in Sangerhausen verbindet.

Filmplakat Julian Radlmaier: „Sehnsucht nach Sangershausen“ (Internationaler Titel: "Phantoms of July")
Auch ein sprichwörtliches Kamel taucht plötzlich wirklich auf, und manchmal schaut ein Königspudel in die Kamera, dessen Kern sicherlich bei Goethe liegt. Dass Ursula sich in ihrem ostdeutschen Leben gefangen fühlt und ausbrechen wird, dafür reichen hier zwei Bilder: Schnitzel, die in der Bratpfanne gewendet werden und, sehr undeutlich im Hintergrund, ihr Ehemann mit einer belanglosen Bemerkung vor dem Fernseher. Radlmaier führt sie mit einer iranischen Youtuberin und einem vietnamesischen Stadtführer zusammen, um die sonderbare Gruppe dann, wie im Traum, in eine scheinbar ausweglose Situation zu bringen. Nicht ganz, aber mehr sei hier nicht verraten.
Nur soviel: Besonders schade, dass dieses kleine Kunststück, das den Zauber und die Kraft des Kinos mit leichter Hand beschwört und ganz aus sich selbst heraus zu verteidigen weiß, keinerlei Erwähnung bei der Preisverleihung gefunden hat.
Locarno Filmfestival
Das 78. Locarno Film Festival fand vom 6. Bis 16. August statt.
Weitere Informationen (Festval)
Hinweis: Das generische Maskulinum bezeichnet die Verwendung der männlichen Form eines Substantivs, um eine gemischtgeschlechtliche Gruppe oder eine Gruppe, deren Geschlecht nicht relevant ist, zu bezeichnen.

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