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Schleswig-Holstein Festival Orchester. Foto: Jörg Wohlfromm

Es gibt wohl kaum ein Werk, das so stark von seiner Entstehungs- und Aufführungsgeschichte geprägt ist wie die 7. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch. „Das erste wirklich monumentale Werk sowjetischer Kunst“ schrieb die Zeitung „Sowjetskaja Sibri“ nach dessen Aufführung im belagerten Leningrad 1941 über dieses Werk.

Diese Sinfonie wurde symbolisch als Widerstand gegen Nazi-Deutschland verstanden und machte Schostakowitsch in einem Siegeszug durch die Welt berühmt.

 

Musik gegen die Feinde der Menschheit (Schostakowitsch)

Er betonte aber, dass das sogenannte „Invasionsthema“ nichts zu tun habe mit dem Angriff der Faschisten: „Ich denke an ganz andere Feinde der Menschheit.“ In der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) feierte das begeisterte Publikum nun die großartige Aufführung dieses monumentalen Werkes mit dem Schleswig-Holstein Musikfestivalorchester unter der Leitung von Michael Sanderling. Um ein solches Monumentalwerk mit über hundert Musikern heute erfolgreich auf das Konzertpodium zu bringen, braucht es im Idealfall genau die Zutaten dieses Abends: einen Schostakowitsch-erfahrenen Dirigenten, einen akustisch geeigneten Saal mit entsprechend großer Bühne und ein oder zwei Orchester! Erst kürzlich wurde diese Sinfonie in Leipzig gemeinsam von den Bostoner und Leipziger Philharmonikern aufgeführt.

 

Vierzig Jahre SHMF-Orchester

Das SHMF-Orchester ist für die Aufführung dieses Werks ideal geeignet, weil es mit seinen jungen Instrumentalisten aus über dreißig Ländern weltumfassende Versöhnung und Zuversicht ausstrahlt! Außerdem herrschen jugendliche Leidenschaft und Hingabe vor – das alles auf der Basis hohen technischen Könnens. Es ist höchst beeindruckend, wie wieder einmal in so kurzer Zeit ein solch lebendiger und dennoch homogener, die Zuhörer beglückender Klangkörper entstehen konnte: mit strahlenden Violinen, kantablen Bratschen und Celli, rhythmisch-akzentuierenden Kontrabässen, verzeihenden Holzbläsern, forderndem Blech und durchsetzungsfähigem Schlagwerk.

 

Sanderling Probe F Marion Hinz

 Probe in der Thormannhalle. Foto: Marion Hinz

 

„Alone in a Church“ – Zitat Sanderling

Auch wenn der rhythmische Kern des „Invasionsthemas“ große Teile der Sinfonie beherrscht, ein bedeutender Teil des ersten Satzes vom durchlaufenden Marschrhythmus der kleinen Trommel dominiert wird (insgesamt zwölf Mal gespielt), überall aggressive Banalität triumphiert, auch wenn das Scherzo des zweiten Satzes aufgesetzt und gequält wirkt, wenn das Finale aus der gurgelnden Tiefe zu einem mitreißendem Schluss aufersteht, so ist der innerlich wirkhaltigste Nachklang doch eher der von Verlassenheit, Alleinsein und Traurigkeit, dargestellt in den immer wieder auftretenden gedämpften Streicher-Passagen, trauernden Holzbläser-Einschüben oder den erschütternden Blechbläsersätzen.

 

Das Klangergebnis einfühlsamer Empathie statt auftrumpfendem Pathos scheint nur zu gelingen, weil mit Michael Sanderling ein Dirigent gefunden wurde, der durch seinen Vater – ebenfalls Dirigent – und dessen Nähe zu Schostakowitsch in die Geheimnisse seiner Partituren eingeführt wurde. Kurt Sanderling lernte, die kompositorische Verschlüsselung, mit der Schostakowitsch versuchte, sich vor stalinistischer Willkür zu schützen, zu dechiffrieren.

 

Michael Sanderling F Vera HartmannBedeutende Tiefe durch Klarheit

Das Konzert beginnt: Sanderling erscheint. Eine dicke, an einen Folianten erinnernde, häufig durchgearbeitete Partitur liegt auf dem Pult. Und dann erklingt diese ungemein ergreifende Interpretation. Wie ihm das gelingt? Das von seinem Vater übermittelte interne Wissen, seine tiefe Musikalität und sein dirigentisches Handwerk sind die Grundlage. An erster Stelle steht eine herausragende, eindeutige Schlagtechnik, die für sinnstiftende Klarheit sorgt, auch fordert Michael Sanderling hochdifferenzierte, oft in den Stimmen gegensätzlich verlaufende dynamische Ausbildungen. Das Gleiche gilt für rhythmische Genauigkeit. Das offenbar von ihm eingeforderte Aufeinanderhören der jeweiligen Instrumentengruppen führt trotz großer Besetzung zu einem erstaunlich durchhörbaren Gesamt-Klangbild.

 

Auch innerhalb der Intrumentengruppen ist alles wohl ausbalanciert. Dies alles scheint aus einer langjährigen Beschäftigung mit Schostakowitsch entstanden zu sein, ganz offensichtlich aber auch aus innerer Bewegtheit. Alles ist organisch: nicht süßlich oder pathetisch wird musiziert, sondern empathisch, nicht stilisierend, sondern emotional erfahren - eben menschlich und immer leidenschaftlich. Hier mit sparsamer, dort mit großer Geste, wenn von der Partitur gefordert. Das eigentliche Phänomen aber ist, dass bei aller Klarheit bedeutende Tiefe entsteht. Das Publikum ist begeistert. Wir auch. Der nicht enden wollende Applaus gilt den großartigen jungen Musikern, dem genialen Komponisten und dem bewundernswerten Dirigenten.


Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 „Leningrader“

Konzert in der Lübecker Kongresshalle am 9. August 2025 zum Schleswig-Holstein Musik Festival.

Schleswig-Holstein Festival Orchestra

Michael Sanderling, Dirigent

Weitere Informationen (SHMF)

 

Foto Michael Sandlinmg: Vera Hartmann

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