Ein sperrigeres, unverständlicheres Stück hätte man sich zur Eröffnung des Internationalen Sommerfestivals 2025 auf Kampnagel in Hamburg kaum vorstellen können.
Marlene Monteiro Freitas vielfach gerühmte Choreographie „Nôt“ ließ ein durch die Bank ratloses, vielfach verstörtes Publikum zurück. Was war das nun? „State of the Art im zeitgenössischen Tanz“, wie im Programmheft zu lesen, war es jedenfalls nicht.
Der Beifall fiel denn auch wenig enthusiastisch aus – und das lag nicht am Warnstreik der gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitenden, der dafür sorgte, dass sich der Einlass um eine Stunde verzögerte. Den nahmen Gäste wie Intendanz sportlich gelassen, zumal sich die ver.di-Streikenden außerordentlich freundlich und kooperativ verhielten, die Verzögerung auf Flugzetteln ankündigten, ihr Transparent „Applaus zahlt keine Miete“ hochhielten und die traditionellen Eröffnungsreden im „Avant-Garten“ ansonsten in keiner Weise störten.
„Room 2 Dream“ (Raum zu Träumen) so lautet das Motto des diesjährigen Internationalen Sommerfestivals – angelehnt an die 2018 erschienenen Erinnerung von Filmregisseur David Lynch (1946–2025) – und diesen Raum würden in den kommenden drei Wochen vor allem „starke Frauen“ bespielen, wie Festivalleiter András Siebold in seiner Eröffnungsrede ankündigte. Zwei dieser starken Frauen standen gleich nach ihm auf dem Podium: Kulturstaatsrätin Jana Schiedek, die als bekennender Lynch-Fan darauf aufmerksam machte, dass sich einige dieser Träume einfach nicht in Worte fassen lassen, sowie die amerikanische Soziologin und Uni-Professorin Tricia Rose, die in ihrem Gastvortrag auf die bedrohte Existenz von Kunst und Kultur unter der Trump-Regierung aufmerksam machte. Aber deshalb allein kam sie nicht nach Hamburg, auf ihrem Buch „Longing to Tell: Black Women Talk About Sexuality and Intimacy” von 2003 basiert auch ein Festivalbeitrag: Die Konzertinszenierung der Musikerin und Hip-Hop-Professorin Akua Naru und des Komponisten Tyshawn Sorey mit dem Hamburger Ensemble Resonanz. Am kommenden Donnerstag (14.8.25) findet die Uraufführung statt.

Akua Naru Foto ©: Ralf Schulze (rs-foto.de) cc-by-sa
Doch zurück zur „Nôt“ (kreolisch für Nacht), dem Eröffnungsstück der international renommierten kapverdischen Tänzerin und Choreografin Marlene Monteiro Freitas, das in diesem Frühjahr beim Festival d’Avignon uraufgeführt wurde. Im Programmheft heißt es, Freitas nähert sich „dem Geschichtenerzählen in der Tradition von ‚1001 Nacht‘“. Zu spüren ist davon freilich nichts. Im Gegenteil. Freitas verweigert jede Art von Narrativ. Jede Art von Dramaturgie und Spannungsbogen.
Geschichten werden hier nicht erzählt. Das Bühnengeschehen gleicht vielmehr einem Mosaik von surrealen Szenen und Bildern, die einer Traumlogik folgen. Besser gesagt, einer Albtraum-Logik, an der Freud sicher seine Freude gehabt hätte und die es streckenweise durchaus mit der Qualität eines David Lynch aufnehmen kann: Quer über die Bühne spannt sich ein weißes Gitter mit einer Öffnung und unterteilt den Raum in Backstage und Aktionsraum. Links stehen ein paar Gitterbetten in Reih und Glied, dahinter eine erhöhte Plattform für die Musiker, die sich im Schlussakkord in einen militärischen Musikkorps verwandeln, der sich (auf den Betten liegend oder stehend) die Seele aus dem Leib trommelt.

Marlene Monteiro Freitas: „Nôt“. Foto: Fabian Hammerl
In diesem unterkühltem Setting, das ebenso Assoziationen an Käfig wie an Krankenhaus beschwört, spult Freitag unter teils ohrenbetäubender Musik eine Folge grotesk anmutender Bilder ab, die sich tatsächlich nur schwer in Worte fassen lassen – und die letztendlich leider ins Leere laufen. Meist agieren die Performenden hinter gruseligen Puppenmasken, stopfen Taschentücher in die leeren Augen, spreizen blutige Schenkel und wechseln blutige Laken. Dazwischen immer wieder rituelle Waschungen, spirituelle, rhythmische Bewegungsabläufe, die an afrikanische Stammestänze erinnern. Es ist schon klar, es geht hier um weibliche Sexualität, Frauen träumen und bluten in Betten, es geht um Gewalt, um Macht und Unterdrückung, um herausfordernde Körperbilder und verletzte Körper. Aber was ist nun schlussendlich die Aussage? Was will uns Freitas sagen? Will sie überhaupt etwas aussagen? Beängstigende Bilder, geboren in den Tiefen des Unbewussten, schaffen noch kein überzeugendes Gesamtkunstwerk, die Wirkung verpufft, egal, wie spektakulär die Vorankündigungen ausfallen. Was bleibt ist eine große Leere, einzig die unerhört mutige, faszinierende Performance der stimmgewaltigen beinlosen Künstlerin Mariana Tembe geht ans Herz. Was für eine großartige Künstlerin.
Fazit: Nôt ist keine Märchenstunde und sicher auch kein Tanztheater „state of the art“ (das wäre für das Tanztheater wirklich ein Armutszeugnis). „Nôt“ ist vielmehr ein Stück, das sich allen Sehgewohnheiten verweigert und jede Menge Rätsel aufgibt. Es ist radikal, provokativ und absurd. Kurz, es ist eine Zumutung. Vielleicht liegt darin seine eigentliche Qualität.
Internationales Sommerfestival „Room 2 Dream“
Zu erleben bis zum 24.8.2025, (nicht nur) auf Kampnagel Internationale Kulturfabrik, Jarrestraße 20, in 22303 Hamburg
Weitere Informationen (Sommerfestival)

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