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Das Japan-Filmfest in Hamburg findet dieses Jahr noch bis zum 1. September statt.

Außer ‚One Cut in the Life‘ habe ich mir zwei Kurzfilme, einen mittellangen und drei längere Filme angeschaut.

 

Zu den Kurzfilmen: Da ist zunächst Out-There, ein 12-Minuten-Horror von Shingo Takeda.

Ein junger Mann wartet auf seine Freundin und chattet derweil mit seinem dicken, lockenköpfigen Freund. Beide werden vom Bösen in weiblicher Gestalt heimgesucht (wobei das Böse immerhin höflich an der Tür klingelt).

In der Werbung wird ‚ein verstörender Horrorthriller‘ versprochen‚ der auch Abgebrühten einen Schauer über den Rücken jagt‘. Nö. Der kleine Film ist zu simpel, der Horror zu abgedroschen. Schade…

 

Dann die 16 Minuten lange Corona-Divorce von Minoru Moriwaki.

Der Film erzählt aktuell, wie Takashi und Kyoko ihre Ehe zum Wackeln bringen durch Home-Office, fehlende Aufträge (Takashi ist ausgerechnet Schauspieler) und den Frust des Miteinander-Eingesperrt-Seins. Das ist niedlich gemacht, vor allem, weil die beiden einfach hübsch aussehen, auch, wenn sie aufeinander wütend sind. Sie wirft ihm vor, sich nicht genug im Haushalt und überhaupt einzubringen, er erkennt in der Hyäne, die mit Scheidung droht und sich am Telefon mit ihrer Freundin über ihn lustig macht, die entzückende, gefühlvolle kleine Frau nicht wieder, der er am Strand einen romantischen Heiratsantrag machte. Damals war sie weichherzig und weinte vor Rührung. Inzwischen hat sie sich zu einem Hausdrachen entwickelt. Er ist schließlich derjenige, der liebevoll alle Aggressionen auflöst und Kyoko ein weiteres Mal zu Tränen rührt. Ich persönlich empfand es als wohltuend, dass hier ausnahmsweise bei der aktuell angesagten Männerfeindlichkeit mal ein Kerl der Kluge und Gute sein darf.

 

Die Regie ist professionell, die Idee macht Spaß, beide Darsteller überzeugen und wirken sympathisch. Warum nur wirkt das Ganze wie ein Werbefilm der 70er-Jahre? Der Eindruck wird zwingend, als Takashi und Kyoko zum Schluss im Chor versichern „Wir-werden-alles -tun, um-die-Pandemie-zu-besiegen!“

 

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Die 45-Minuten-Geschichte von Dolphin-Girl, Regie Time Ryōsuke, hat mich neugierig gemacht. Ein Mädchen, das in Wirklichkeit ein Delphin ist? Yoshioka Riho spielt diese Ruka, die eines Tages kurz davor ist, im Straßenverkehr der Großstadt zu verunglücken – als Isari sie rettet. Ruka ist noch ein Teenie, Isari eine junge Erwachsene mit lackschwarzer Beatles-Frisur, gern mit nackten Beinen in Shorts unterwegs und an ihrem Instrument schleppend. Sie erklärt, das sei ein Bass – und sie würde in einer Band spielen. (Das ist definitiv gelogen, sie spielt keine einzige Note und fasst die Gitarre noch dazu völlig falsch an.)

 

Isari nimmt Ruka mit zu sich nach Hause, bietet ihr Tee an und erfährt, welche Probleme ihre neue kleine Freundin drücken. Die setzt sich aus zwei Selbstmördern zusammen. Zunächst hat die echte Ruka, ein Schulmädchen, sich im Meer ersäuft, weil sie in der Schule gemobbt wurde – dann ist ein Delphin mit einer Schiffsschraube aneinandergeraten, offenbar auch mit Absicht. Hatten die anderen Delphine ihn auch gemobbt? Das bleibt unklar. Beide Leichen wurden nebeneinander an den Strand gespült.

Nun tauchte der verrückte Professor auf, ein Wissenschaftler mit dem Makeup von Asta Nielsen und einer Art Südwester, begleitet von seinem langhaarigen, völlig verpennten Assistenten. Sie haben das Hirn des Meeressäugers mitsamt der delphinischen Ultraschall-Fähigkeit in den Schädel der toten Schülerin praktiziert und sie damit zum Dolphin-Girl gemacht.

Später stellt sich heraus, dass sie bereits eine im Kopf sowieso matschige alte Dame mit dem Gehirn eines Hundes aufgefüllt hatten, die ihnen jedoch beim Gassi-Gehen abhandenkam – und dass sie Isaris Boss und Bandleader, Sempai, nach einem Autounfall den Denkapparat eines bösartigen Affen implantierten. (Das wird zwar behauptet, macht sich jedoch nicht bemerkbar. Sempai ist nett, hilfsbereit, ein guter Freund und nirgends bösartig.)

 

Es gibt reizende Szenen. Beispielsweise die erblühende Freundschaft zwischen Isari und Ruka, die einfach Spaß miteinander haben, wen sie gemeinsam Madonnas ‚Like a Virgin‘ singen, (wozu Isari durchaus nicht Gitarre spielt) oder sich ein bisschen kicherig trinken, weil Ruka wissen will, wie Schnaps schmeckt. Sempai, dem Dolphin-Girl vorgestellt, nennt sie aus Versehen ‚Tintenfisch‘, wird angespuckt und schimpft, weil der Schwall, der sein Gesicht trifft, so nach Fisch stinkt. Isari erklärt ihm, Ruka habe kurz vorher einen Hering verschlungen. Das bekommen wir gezeigt, sie schluckt den silbernen Fisch in einem Stück – und grinst hinterher vor Wohlbehagen.

 

Einiges in diesem Film ist richtig witzig, einiges völlig absurd. Regisseur Time Ryōsuke arbeitet vor allem als Manga-Autor, und das merkt man. Wenn etwa bei einer Konferenz ‚reicher Geschäftsleute‘, denen der verrückte Professor von seinen mit Tierhirnen gestopften Opfern erzählt und das neueste Experiment vorstellt, (ein japanisches Schulmädchen in Uniform, gespickt mit dem Zerebrum eines gefährlichen Orca-Wals) einigen der Herren die Köpfe explodieren, so dass die Wand hinter ihnen rotgesprenkelt bleibt.

Dolphin-Girl ist ein völlig ungeniertes B-Movie mit kaum vorhandenem Budget und trotzdem durchaus sehenswert.

 

Das trifft ebenso auf die beiden folgenden Streifen zu – nur macht es sich hier unangenehm bemerkbar. Yokai Girl Kirin ist 78 Minuten lang. Ich gebe zu, dass ich nach ungefähr 40 Minuten die Nase voll hatte. Dieser Film von Yōji Unno wirkte auf mich peinlich dilettantisch und zwar aus nahezu jeder Perspektive, von der Kameraführung bis zum Schnitt.

Ich habe darüber nachgedacht, ob es ein Kinderfilm sein soll (die kleine Hauptdarstellerin wirkt, wie eine Art asiatische Pippi Langstrumpf im kurzen Kleid, einschließlich der großen Vorderzähne) – aber das kann nicht sein, weil die Altersangabe 18+ lautet.

 

Ich habe auch darüber nachgedacht, ob es sich um eine spezielle Kunstform handelt, die bewusst so plump und grell auftritt, in der Art der 12-Ton-Musik von Arnold Schönberg. Die wird ja auch von manchen Musikliebhabern verkannt – ebenso Gemälde, die eine Putzfrau aus Versehen entsorgt, weil sie denkt, an der Leinwand hat der Künstler seine Pinsel gereinigt.

 

Bin ich einfach ein Banause ohne Ahnung, was der zeitgenössische Filmstil uns sagen will? Muss es wehtun, damit es Kunst ist?

Der Inhalt, solange ich ihn verfolgt habe: Kirin, ein traditionell japanisches Dämonenmädchen, ist mit ihrem einäugigen Stroh-Regenschirm unterwegs und kämpft hier und da mit anderen Dämonen, etwa einem grauen, kurzen Riesenpenis. (Vielleicht deshalb die hohe Altersangabe?)

 

Ein alleinerziehender (menschlicher) Vater hat eine Hexe angeheuert, um seiner mit einem Aussatz gestraften halbwüchsigen Tochter zu helfen. Die Hexe lockt den Vater in einen Wald, wo er ziemlich bald das Zeitliche segnet, wofür die alte Dame kassiert. Noch dazu stirbt er überflüssigerweise, denn Kirin hatte inzwischen seine Tochter von ihrem glitzernden Aussatz befreit.

 

Das Ganze wirkt wie die Laienvorstellung des Schützenvereins. Das besagte Waldstück findet immer wieder statt, so dass bald der zwingende Eindruck entsteht, es handle sich jedes Mal um dieselben sechzehn Bäume. Die Darsteller trippeln trotz Zeitnot im Rentnergang nebeneinanderher, weil die Kamera, ihnen voraus, ihr Gespräch einfängt. Die Hexe, von Alterungsproblemen gedrückt, zeigt das durch billige (graue oder weiße) Perücken, an denen man die Naht sieht. Und Kirins Stroh-Regenschirm plappert und hüpft neben ihr her, deutlich am Faden gezogen.

 

Bakumatsu Heroz von Chika Hashimoto wirkt ebenfalls sehr selbstgebastelt, hat mich jedoch sympathischer berührt. Ein 60-Minuten-Film über Hana, eine etwas unscheinbare Angestellte, die im Büro ohnmächtig wird und sich in der Samurai-Zeit wiederfindet, wo sie von ihrer Erscheinung her etwas fehl am Platze ist. Zufällig waren diese Zeit und entsprechende Mangas immer ihr Hobby. Nun trifft sie auch noch auf zwei ihrer ausgesprochen attraktiven Lieblingshelden! Und die beiden entwickeln tatsächlich tiefere Gefühle für Hana (wieso ist nicht ganz klar, vor allem nicht, weshalb in dieser ungewöhnlichen Eile). Geküsst wird in japanischen Filmen eher nicht, aber rechtschaffen umarmt. Auf jeden Fall scheint absolut begreiflich, dass Hana sich grämt, als sie wieder in die Gegenwart zurückgeholt wird.

 

Ich las zu diesem Film eine englische Kritik, die sich, geradezu heiser vor Empörung, über eine Reihe schlechtgemachter Details ausließ, an der Spitze die saumäßigen Samurai-Kämpfe. Da ist man wohl normalerweise besseres gewohnt.

 

Wieder versöhnt hat mich der letzte Film, den ich mir anschaute und der den komplizierten Titel trägt: Thou’lt Look Back No More, Never, Never, Never, Never, Never. (Ein Zitat aus Shakespeares König Lear.)

Der Regisseur Takushi Ueta begeisterte sich für Film, seit er, noch nicht erwachsen, Jean-Luc Godards ‚Der kleine Soldat‘ sah. Das war übrigens Godards zweiter abendfüllender Spielfilm nach etlichen Kurzfilmen.

 

In jeder Kunstform gibt es begnadete Autodidakten. Ueta hat vor allem, nach dem Rezept von Quentin Tarantino, dadurch gelernt, dass er ununterbrochen ins Kino ging. Inzwischen hat er viele Drehbücher erstellt und eine Menge Kurzfilme gedreht. Der 90minütige Thou’lt Look Back No More, Never, Never, Never, Never, Never ist sein erster langer Spielfilm.

Es geht um Emma, die eines Tages recht unvermutet von einem Regisseur kontaktet wird, der ihr die Hauptrolle in seinem neuen Spielfilm anbietet. Emma hatte sich sieben Jahre zuvor mal um eine Rolle bei ihm beworben, war abgelehnt worden und hat eigentlich die Idee, Schauspielerin zu werden, längst aufgegeben.

 

Sie lebt ein eher langweiliges und ziemlich frustriertes Leben in einer kleinen Wohnung an der Seite ihres Freundes Kei, der sie allerdings kaum zur Kenntnis nimmt. Er benötigt Emma offenbar vor allem, um ihn zum Flughafen zu bringen und wieder abzuholen, denn er ist beruflich viel unterwegs. Die beiden berühren sich kaum jemals, sie reden auch selten miteinander und wenn, dann über irgendwelche organisatorischen Fakten. Das ist umso merkwürdiger, als sie durchaus skypen, wenn Kei im Hotelzimmer sitzt. Dann bekommt er es fertig, dem Laptop gegenüber Sudokus zu lösen, statt Emma auch nur anzusehen.

 

Mit so etwas – oder mit Lesen – beschäftigt er sich auch zu Hause. Da ist eine Szene, in der Emma, auf dem Bett sitzend, kichernd versucht, ihn mit einem nackten Fuß zu schubsen und dazu zu bewegen, das verdammte Buch aus der Hand zu legen. Auch in diesem Fall reagiert Kei nicht eigentlich – er wird nicht einmal wütend. Er wehrt den Fuß nebenbei ab, wie man eine Fliege verscheucht. Es scheint, als ob seine hübsche Freundin für ihn nicht weiter existiert. Ein schwerer Fall von krankhafter Introvertiertheit? Zärtlichkeit oder Schlimmeres scheint es zwischen ihnen nicht zu geben. Es sei denn, sie erledigen das, wenn wir nicht hingucken.

 

Dabei grüßt Kei Emma am Telefon von seiner Schwester und er nimmt sie auch mit zu einem Essen im Restaurant mit seiner Familie. (Nach Ansicht aller Frauenzeitschriften ein Indiz, dass er ernste Absichten hegt.) Bei diesem Restaurantbesuch spricht die Familie miteinander – und zwar leere Textwolken ohne jede Aussage. Ebenfalls, ohne Emma besonders zur Kenntnis zu nehmen. Sie sitzt mit höflichem Lächeln daneben. Sie könnte ebenso gut woanders sein.

Bei den Dreharbeiten versucht sie, mit dem Regisseur über ihre Auffassung einer Szene zu sprechen. Der hat jedoch gute Gründe, ärgerlich zu reagieren: Er möchte unbedingt noch vor dem Sonnenuntergang einen bestimmten Hintergrund aufnehmen. Wieder wird sie weggeschickt.

 

In mehreren Szenen spricht ein Darsteller (meistens Emma) den einen Teil eines Dialogs – ohne, dass wir Antworten von Irgendjemand hören. Manchmal sprechen auch zwei Menschen miteinander, wir sehen jedoch durchgehend nur den einen von beiden. Sogar der Regisseur gibt ein Interview – das ihn zum Schluss hin ziemlich aufregt, so dass er es abbricht – ohne, dass wir die Fragen hören oder einen Interviewer sehen. Übt er?

 

Es wirkt so, als ob die Menschen hier nicht miteinander agieren, sondern häufig jeder für sich alleine. Ein schwerer Fall von krankhafter kollektiver Introvertiertheit?

Das ist einer von diesen Filmen, die man mehrfach anschauen muss, um sie entschlüsseln zu können. Takushi Ueta macht es dem Zuschauer leicht, weil er seinen Film so perfekt konzipiert hat. Von der ersten Einstellung an stimmt wirklich alles; nichts ist hier aus Versehen. Der Mann weiß genau, was er tut und wie das geht.

 

Besonders beeindruckt hat mich das Casting; jede Person ist meisterhaft besetzt, ohne deshalb klischeehaft zu sein. Der hygienisch einwandfreie, aber etwas kinnlose Kei; die attraktive, kluge, ganz leicht arrogante Produzentin; der männliche Hauptdarsteller, gutaussehend und höflich; Emmas wilde Freundin, überwiegend in einem Nachtclub, gestraft mit einem Junkie-Freund und in der Absicht, nach San Francisco zu gehen – vielleicht nächsten Monat.

Der Film, meinte ein Kritiker, sei ‚altmodisch‘. Doch, man merkt ein bisschen, dass Ueta über seine Begeisterung für Godard in dieses Metier gekommen ist. Na und? Mir hat er gefallen.


22. Japan Filmfest Hamburg

Das Online-Festival ist bis 1.9.2021 zu sehen.

Karten

Streaming über Leihkarte.de (Lizenzcodes bis 2.9. gültig.)

Weitere Informationen zum Festival

 

 

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