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Festivals, Medien & TV
Internationales Sommerfestival Kampnagel: Florentina Holzinger – „Apollon“

Wer sich vor menschlichen Exkrementen ekelt und Zustände bekommt, wenn sich junge Frauen Nägel in die Nase rammen, Spielkarten ins Fleisch tackern und Luftballons aus der Scheide ziehen, sollte auf Florentina Holzingers „Apollon“ beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel vermutlich besser verzichten.
Dennoch gehört die bildgewaltige Hardcore-Show der jungen Wiener Choreographin und Tänzerin zweifellos zu den interessantesten Beiträgen des diesjährigen Festivals.

Man hat es wirklich nicht leicht als Nachwuchschoreografin heutzutage noch Aufsehen zu erregen. Seit die Wiener Aktionisten um Otto Muehl und Hermann Nitsch 1968 im vollbesetzten Hörsaal der Wiener Uni coram publico ihre Notdurft verrichteten, masturbierten, sich gegenseitig auspeitschten und ihre Fäkalien an ihren nackten Körper verschmierten, ist eigentlich alles Bühnengepinkel nur noch kalter Kaffee. Stücke-Zertrümmerer wie Christoph Schlingensief oder Jonathan Meese haben hier und da noch einen kleinen Skandal evoziert, einen größeren medialen Aufschrei gab es vor sechs Jahren, als der norwegische Regisseur und Schauspieler Vegard Vinge in seiner zwölfstündigen Schreckensfassung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ dem Publikum zumutete, ihm beim Uringurgeln und analen Action Painting zuzuschauen.

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An Vinges „Freaktheater“, das er gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Ida Müller im „Nationaltheater Reinickendorf“ zelebriert, scheint sich Florentina Holzinger zu orientieren. Zumindest, was die Zumutungen im Allgemeinen und das Zuschauerbewerfen mit Fäkalien im Besonderen betrifft.

Ausgangspunkt ihrer abgedrehten, barocken Performance ist ebenfalls ein Klassiker, allerdings kein Theater-, sondern ein Ballett-Klassiker: George Balanchines „Apollon Musagète“ zur Musik von Igor Strawinsky. Erstmals als Auftragsarbeit für das Festival zeitgenössischer Musik in Washington im April 1928 aufgeführt, doch als Ballettgeschichte schreibende Uraufführung gilt heute der 12. Juni 1928 im Theater Sara Bernhard in Paris: Getanzt von Serge Diaghilevs berühmtem Ballets Russes, dirigiert von Strawinsky persönlich, wurde die Choreografie um den Gott der Musen zum Beginn und Inbegriff des neoklassischen Ballettstils: In der Urfassung tanzt Apoll mit Kalliope, Polyhynmia und Terpsichore, um sie dann zum Parnass-Gebirge zu geleiten und ihrer Bestimmung zuzuführen.

Auch bei Holzinger tanzen die Musen. Nicht nur drei, sondern sechs: Renée Copraj, Evenlyn Frantti, Florentina Holzinger, Annina Lara Maria Machaz, Xana Novais und Maria Netti Nüganen. Allesamt großartige Performerinnen, allesamt splitterfasernackt, doch das ist fast nebensächlich in diesem grotesk übersteigerten apollinisch-dionysischen Mix aus Comedy, Trash und Zirkus. Der titelgebende Gott – vielleicht auch Gottvater Zeus - ist hier eine Bull-Riding-Maschine mit silbrigem Kopf (Damien Hirst lässt grüßen), an der sich mehrere Musen im Rodeo versuchen und die von ihnen am Ende mit funkensprühenden Kreissägen zerlegt wird.
„Ich kenne keine Limits“, hatte Florentina Holzinger in einem Interview gesagt. Das kann man nach diesem Abend nur bestätigen. Ebenso ihre Vorliebe für Zaubertricks: Die Musen stemmen nicht nur Gewichte und schwingen sich an Eisenketten durch die Lüfte, sie zerkauen auch Glühbirnen und schlucken Schwerter. Gleich zu Beginn haut sich die Sideshow-Performerin Evelyn Frantti einen acht Zentimeter langen Eisennagel in die Nase. Und damit keiner meint, das kann nur sie, macht es ihr Holzinger gleich noch mal nach: Tok, tok, tok, immer drauf mit dem Hämmerchen, bis der Nagel ganz verschwunden ist.

Keine Frage: Es tut weh, da hinzuschauen. Und die abstruse Mythologie-Fledderei scheint auch vielen zu verstörend (oder einfach zu dumm) zu sein. Als sich die Künstlerinnen anschicken, die Notdurft, die eine von ihnen gerade in ein Plastikgefäß abgesondert hat, auf dem Parnass (eine überdimensionale Luftmatratze) auch noch genüsslich auszulöffeln, haben schon etliche Zuschauer den Raum verlassen. Andererseits ist der Kontrast von Spitzentanz und bluttriefendem Ekel auch seltsam faszinierend. Holzinger gelingen in „Apollon“ immer wieder betörend surreale Bilder. Salvador Dali hätte seine Freude gehabt. Und Sigmund Freud erst recht.

Florentina Holzinger: „Apollon“

noch heute, Sa. 18.8.2018, 20.30 Uhr.
Karten 22 Euro. In englischer Sprache.

Weitere Informationen und Tickets


Abbildungsnachweis:
Header -und Galeriefotos: Radovan Dranga

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