Am 6. September 1999 erhielt der Jurist und ehemalige Schweizer Diplomat Harald Feller in Bern die Medaille der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem für seine Rettungsaktionen von Juden in den Jahren 1944 und 45 in Budapest. Dennoch blieb er ein Unbekannter.
Der Historiker François Wisard hat jetzt Fellers außergewöhnliche Biografie im Zürcher Verlag „elfundzehn“ herausgebracht. Das Buch ist eine spannend geschriebene, quellenbasierte historische Untersuchung und zugleich die Drehbuch-Vorlage eines aufregenden Politthrillers.
Als Dr. jur. Harald Feller (1913–2003) im März 1943 eine Stelle als Legationssekretär in der Schweizer Gesandtschaft in Budapest antritt, ist er 29 Jahre alt. Er ist für juristische und kulturelle Angelegenheiten zuständig. Doch schon ein Jahr später spitzt sich die politische Lage dramatisch zu und er wird mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Die Deutschen besetzen die Hauptstadt ihres bisherigen Bündnispartners Ungarn, weil Staatschef Miklós Horthy heimlich versucht hat, mit den Alliierten einen Separatfrieden auszuhandeln. Horthy bleibt im Amt, aber wichtige Posten seiner Regierung werden mit deutschfreundlichen Antisemiten besetzt. Insgesamt leben damals auf ungarischem Staatsgebiet etwa 750.000 Juden, darunter viele Flüchtlinge aus den besetzten Nachbarländern, weil sie hier bisher noch vergleichsweise unbehelligt geblieben sind.

Die zerstörte Kettenbrücke und die Ruine des Königspalastes in Buda, 1944. Foto: Fortepan — ID 16247: Stifter: Kurutz Márton. Lizenz: CC BY-SA 3.0
Das ändert sich ab März 1944 schlagartig. Das deutsche Militär zieht sich zwar schon Ende April aus Ungarn zurück, doch SS und Gestapo bleiben. Die ungarische Polizei und Gendarmerie werden den Deutschen zur Verfügung gestellt. Die Verhaftungen von politischen Gegnern und Juden beginnen, darunter auch zwei Schweizer. Der Schweizer Gesandtschaft gelingt gerade noch ihre Befreiung. Überall im Land müssen Juden den gelben Stern tragen (ab 5.4.1944. Anm.d.Red.), werden zur Zwangsarbeit eingezogen, in Ghettos zusammengefasst und ab Mai 1944 vom Sondereinsatzkommando Eichmann in die Vernichtungslager deportiert. In nur wenigen Wochen werden mehr als 430.000 Juden aus der ungarischen Provinz nach Auschwitz-Birkenau gebracht, davon mehr als drei Viertel sofort in den Gaskammern ermordet.
Die etwa 200.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Budapest bleiben vorerst verschont, weil Miklós Horthy die Deportationen auf internationalem Druck hin stoppt, u.a. haben der Pabst, der amerikanische Präsident und der schwedische König interveniert. Doch mit dem Staatsstreich der ungarischen Faschisten, der sogenannten Pfeilkreuzler, unter Führung von Ferenc Szálasi im Oktober 1944 setzt auch in Budapest der Terror ein. Juden werden zur Zwangsarbeit in Österreich und auf Todesmärsche dorthin geschickt. Die Pfeilkreuzler verkünden, dass sie die Schutzdokumente der neutralen Staaten, die diese bisher den Verfolgten ausgestellt haben, um sie nach Schweden, der Schweiz usw. reisen zu lassen, nicht mehr anerkennen. Die Faschisten richten in Pest zwei Ghettos ein: das Große Ghetto, in dem Juden vor ihrer Deportation untergebracht sind, und das Internationale, wo sich die meisten der sogenannten Schutzhäuser der neutralen Staaten und des Heiligen Stuhls befinden. In diesen Häusern warten Juden auf ihre Repatriierung oder im sogenannten Glashaus auf die Ausreise nach Palästina. Sie sind immer wieder Ziel marodierender Banden junger Pfeilkreuzler, die sich nicht scheuen, Menschen jeden Alters auf offener Straße zu ermorden. Währenddessen nähert sich unaufhaltsam die Rote Armee. 100 Tage lang dauert schließlich die Belagerung von Budapest, bis die Sowjets im Februar 1945 die ungarische Hauptstadt einnehmen.

Ungarische Juden werden im Oktober 1944 ins Stadttheater von Budapest getrieben, um zwischen dem 20. und 22. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert zu werden. Datiert Okt. 1944. Foto: Bundesarchiv, Bild 1011-680-8285A-05. Foto: Faupel.
In dieser spannungsgeladenen Zeit versucht die eidgenössische Gesandtschaft, jüdische Schweizer in Sicherheit zu bringen. Bis Juli 1944 gewährt das Land nur politisch Verfolgten Asyl. Seit Berichte aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und über die Deportation der ungarischen Juden den Bundesrat erreichen, finden auch „rassisch“ Verfolgte hier Schutz. Dazu gehören Frauen, die durch Heirat ihre Schweizer Staatsbürgerschaft verloren haben. Die Gesandtschaft versucht, sie zu repatriieren. Francois Wisard beschreibt ihre Lebensläufe und in einem Fall auch die abenteuerliche Reise zur Schweizer Grenze. Detailliert erklärt der Historiker die rechtliche Bedeutung der verschiedenen Papiere und die Dilemmata der neutralen Institutionen und Diplomaten, die mit allen unterschiedlichen Machthabern verhandeln und sich einigen müssen, wenn sie Menschen retten wollen.
Harald Fellner engagiert sich bei den Rettungsaktionen unter hohem persönlichem Risiko und mehr als es seine Position erfordert. Seit Dezember 1944 ist er faktisch der Leiter der Schweizer Gesandtschaft, also inmitten des Terrors der Pfeilkreuzler und dem Beschuss der Roten Armee. Der Bundesrat in Bern möchte die 1918 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu den Sowjets wiederaufnehmen, deshalb soll die Gesandtschaft in Budapest noch bleiben, als andere neutrale Vertretungen schon gehen. Heimlich und ohne Wissen seiner Kollegen versteckt Feller in der Gesandtschaft, die mittlerweile verlegt werden musste, und in seiner Privatwohnung verfolgte Menschen - darunter sogar den schwedischen Gesandten - und versorgt sie auf eigene Kosten mit Lebensmitteln, zeitweise sind das bis zu 50 Personen. Seine Verlobte, die junge ungarische Baronin Kataly Perényi, unterstützt ihn. Bei einer Straßenkontrolle durch eine Pfeilkreuzler-Patrouille fallen Goldstücke aus ihrer Handtasche. Unter dem Verdacht, Schwarzhandel zu betreiben, werden die beiden verhaftet. Feller wird schwer misshandelt. Geistesgegenwärtig droht er mit Vergeltungsmaßnahmen seiner Regierung gegenüber dem Pfeilkreuzler-Vertreter in der Schweiz. Einer seiner Peiniger ist mit diesem verwandt und drängt auf die Freilassung Fellners und seiner Gefährtin.
François Wisard durchleuchtet akribisch bestimmte Situationen, um Fellers Umfeld und sein Handeln darin herauszuarbeiten. Das gilt besonders für die Zeit kurz vor Kriegsende, denn später wird Feller vorgeworfen, er habe da Nazis und ungarischen Faschisten Ausreise-Papiere ausgestellt. Kaum haben die Sowjets im Februar 1945 Budapest eingenommen, entführen sie Harald Feller und seinen konsularischen Mitarbeiter Max Meier. Ein Jahr lang bleiben die beiden in Moskau inhaftiert. Ihnen wird nichts vorgeworfen, sie werden lediglich mehrmals verhört, ihre Behandlung ist korrekt. Dann werden sie und weitere in der Sowjetunion festgehaltene eidgenössische Beamte gegen Sowjetbürger ausgetauscht, sechs in der Schweiz inhaftierte einfache Kriminelle, dazu aber vor allem einen Spion und einen Deserteur, die beide in der Schweiz Asyl gesucht haben.
Noch während seiner Haft, als kaum jemand weiß, wie und warum Feller und Meier entführt wurden, erheben Schweizer Journalisten besagte Vorwürfe gegen den Diplomaten, er habe mit den Nazis und den ungarischen Faschisten kollaboriert. Diese Berichte nähren sich aus spekulativen Aussagen ehemaliger Kollegen, eine Mischung aus Halbwissen, Gerüchten und Projektionen, die der anschließenden richterlichen Untersuchung nicht standhalten.
Der diplomatische Handel um und mit Menschenleben durchzieht das ganze Buch. Erst geht es um die Rettungsaktionen, dann um die Freilassung von Feller und Meier. François Wisard rekonstruiert aus den Quellen so gut wie möglich die Verhandlungstaktik der unterschiedlichen Seiten und ermöglicht einen Einblick in das diplomatisch-politische Geschäft. Dabei hält er sich mit Wertungen zurück, bzw. erlaubt sie sich nur bei eindeutiger Quellenlage.
Harald Feller wird nach seiner Rückkehr von allen Vorwürfen freigesprochen, öffentlich wird das jedoch nur wenig wahrgenommen. Dass er den diplomatischen Dienst bald verlässt, erscheint nach diesen extremen Erfahrungen nur folgerichtig. In Bern tritt er eine Stelle als Staatsanwalt an und wendet sich in seiner Freizeit seiner lange vernachlässigten Theater-Leidenschaft zu, macht sich einen Namen als Amateurregisseur und Schauspieler.
Spät, im Jahre 1996, sucht Eva Koralnik-Rottenberg nach ihrem Retter Harald Feller im Berner Telefonbuch und nimmt zu ihm Kontakt auf. Da ist sie schon die bekannte Literaturagentin der Agentur Liepman. Feller hat ihr, der Mutter Berta Rottenberg-Passweg und der Schwester Vera die Flucht aus Budapest in die Schweiz ermöglicht. Vera Rottenberg Liatowitsch wird dort die erste jüdische Bundesrichterin des Landes. Insgesamt sind es 32 Personen, denen Harald Feller persönlich geholfen hat, den faschistischen Schergen zu entkommen. Auf Eva Koralnik-Rottenbergs Initiative hin wird Harald Fellner 1999 in die Liste der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem aufgenommen.

Vera Rottenberg Liatowitsch hält ein Portrait von ihr in Händen. Foto: © Joseph Khakshouri
François Wisard zeichnet in seiner umfangreichen Untersuchung ein möglichst vollständiges Bild der damaligen Situation in Budapest und stellt Fellers Aktivitäten in den Kontext anderer, bekannter und größerer Rettungsaktionen, darunter die Aktivitäten seines Kollegen Carl Lutz und dessen Ehefrau Gertrud und des Schweden Raoul Wallenberg. Dem Historiker geht es in seinem Buch um die Würdigung und Rehabilitierung eines unbekannten Diplomaten, der großzügig, mutig und bescheiden in einer gewaltvollen Zeit seine Menschlichkeit bewahrte und in das Räderwerk politischer Interessen geriet.
François Wisard: „Harald Feller. Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin“
Die Leben eines Schweizer Diplomaten in Budapest
ElfundZehn Verlag, Zürich/CH
Übersetzt von Lis Künzli
Biografie, 247 Seiten
ISBN: 978-3-905769-79-1
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