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Kultur, Geschichte und Management

Das Bauhaus und seine Frauen. Die Avantgarde war auch weiblich

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Mittwoch, den 12. Dezember 2018 um 08:04 Uhr
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Das Bauhaus und seine Frauen. Die Avantgarde war auch weiblich

Walter Gropius, Josef Albers, Lászlo Moholy-Nagy oder Wassily Kandinsky und Ludwig Mies van der Rohe gelten heute als Ikonen des modernen Designs und der Kunst und Architektur. Sie gingen in die Annalen der Kunstgeschichte ein. Ihre weiblichen Kolleginnen fanden dagegen nur wenig Beachtung und gerieten im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Vergessenheit.
Zu Unrecht! Erst in den letzten Jahren treten diese herausragenden Bauhausfrauen, die ebenfalls neue Maßstäbe für Architektur, Design und Kunst setzten, wieder in das Licht der Öffentlichkeit und aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen.

Kunst und Handwerk sollten eine Einheit werden, so das Ideal von Walter Gropius, dem Gründer und ersten Direktor des Staatlichen Bauhauses in Weimar. „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! […] Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! […] Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers“, schrieb Walter Gropius im Bauhaus-Manifest. So existierten in der Schule Werkstätten für Architektur, Möbel, Glas- und Metallgestaltung, für Keramik, Weberei, Druckgrafik und Wandmalerei.
„Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Vorbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird", hieß es in der Präambel des neugegründeten Hauses. Waren wirklich alle gleichberechtigt? Auch das weibliche Geschlecht? In allen Disziplinen? Nicht ganz! Einige Bereiche waren für Frauen tabu und nicht verhandelbar.

In seiner ersten Ansprache verkündete Walter Gropius, dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gäbe. „Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten in der Arbeit aller Handwerker." Stimmt das, was Gropius im April 1919 proklamierte? Die Wirklichkeit sah anders aus. Exakt 84 weibliche und 79 männliche Studierende schrieben sich im Sommersemester 1919 am Weimarer Bauhaus ein, das aus dem Zusammenschluss der ehemaligen Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule entstanden war. Frauen denen bis zum Ende des Kaiserreiches der Zugang zu offiziellen Kunstakademien untersagt war. Frauen, die gerade erst vor dem Gesetzt ihre Gleichberechtigung erkämpft hatten, das Wahlrecht und die Lehrfreiheit. Befreit von gesellschaftlichen Traditionen und bürgerlichen Zwängen, erstürmten sie jetzt die Kunstschulen. Allerdings mussten alle Studierenden, egal ob Mann oder Frau, am Bauhaus den obligatorischen Vorkurs absolvieren, der über den weiteren Verbleib an der Schule und der entsprechenden Ausbildung in einer der Werkstätten als Bauhauslehrling entschied.

Aufgrund eines antiquierten Frauenbildes bekamen einige der Herren wegen der weiblichen Dominanz kalte Füße und machten einen Rückzieher. Der Weiberansturm überforderte die männliche Führungsriege. Allen voran Walter Gropius, der bald befürchtete, dass die große Anzahl von Frauen dem Renommee der Schule schaden könnte und seine Schule mit weiblichem Kunsthandwerk assoziiert würde und dass das schwache Geschlecht ihren männlichen Kommilitonen die wertvollen Studienplätze wegnehmen würde. Nach seiner Meinung, würden Frauen irgendwann heiraten, um Hausfrau und Mutter zu werden. Er sah wenig Sinn darin, sie auszubilden und vergab die wenigen Studienplätze lieber an Männer. Um als Künstlerin anerkannt zu werden, mussten die Frauen nicht nur besser sein, als ihre männliche Konkurrenz, sie mussten auch ihre Weiblichkeit aufgeben und ein Neutrum werden. „Denn Frauen wurden weniger als Individuen gesehen, sondern mehr als Repräsentanten des weiblichen Geschlechts.“ Gropius verlangte eine „scharfe Aussonderung gleich nach der Aufnahme, vor allem bei dem der Zahl nach zu stark vertretenen weiblichen Geschlecht“.

Frauen waren zwar als Studierende willkommen, wurden aber zunächst in die Weberei abgeschoben, da das Weben als typisches Kunsthandwerk für Frauen galt und in der Hierarchie von Kunst und Gestaltung ganz unten stand. In seinem Spottvers brachte Oskar Schlemmer die männlichen Vorurteile auf den Punkt „Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib“. Die Weberei wurde jedoch - sehr zum Ärger der Männer - eine überaus produktive und erfolgreiche Werkstätte, die mit ihren innovativen Ideen wie der industriellen Fertigung von Stoffen zu einer Neubewertung der Textilkunst führte. Der kommerzielle und damit verbundene finanzielle Erfolg war so groß, dass er eine Einnahmequelle für das gesamte Bauhaus bedeutete.
Das Bauhaus und seine Frauen. CoverDoch nicht alle Frauen waren freiwillig in der Weberei. Viele fühlten sich dort nicht wohl oder deplatziert. „Ich bitte um meine Entlassung aus der Weberei. Ich habe nie eine Beziehung zum Faden gehabt“, bat Alma Siedhoff-Buscher Gropius 1923. Sie durfte in die Holzwerkstatt wechseln, Marianne Brandt arbeitete als erste Frau sehr erfolgreich bei László Moholy-Nagy in der Metallwerkstatt, die sie einige Jahre später übernehmen durfte. „Meine beste und genialste Schülerin. Von ihr stammen 90 Prozent aller Bauhausmodelle“ sollte Moholy-Nagy 1929 schreiben. Legendär sind ihre metallenen Designklassiker: ein Aschenbecher, die Tischlampe Kandem und das silberne Teekännchen MT 49. In die Werkstatt für Wandmalerei war auch Lou Berkenkamp gewechselt, die trotz Verbotes des Werkmeisters, draußen auf dem Gerüst herum turnte. Damit aber war das Frauenproblem keineswegs gelöst! Denn Studentinnen mit Bubikopf und Männerkleidern schockierten das konservative Bürgertum und brachten den „guten Ruf" der Schule erneut in Gefahr. Und nicht nur das: nur wenige von ihnen konnten sich künstlerisch durchsetzen, da das Handwerk seit dem Mittelalter durchweg männlich konnotiert war. „Weil Frauen schon seit dem Mittelalter aus den Handwerksgilden ausgeschlossen wurden, war das Image der Handwerker entschieden männlich“. Das Bauhaus aber war keine Schule für Handwerker. Daher war es nicht möglich, dass Frauen - anders als ihre männlichen Kollegen - von den zuständigen Handwerkskammern zur Gesellenprüfung zugelassen wurden. Gropius lenkte ein, unterstützte die Einrichtung einer „Frauenklasse“. Er war nicht damit einverstanden, Frauen in körperlich schweren, handwerklichen Bereichen auszubilden. So schrieb er an eine Bewerberin: „Es ist nach unserer Erfahrung nicht ratsam, dass Frauen in schweren handwerklichen Bereichen, wie Möbelbau und so weiter arbeiten. Zu diesem Zweck wurde eine Frauenklasse am Bauhaus ins Leben gerufen, die hauptsächlich mit Textilien arbeiten; die Buchbinderei und die Töpferei akzeptieren auch Frauen. Wir sind grundsätzlich gegen die Ausbildung von Frauen als Architekten.“ Trotz der ausgrenzenden Frauenpolitik am Bauhaus haben es einige Frauen erreicht, dass man ihren Namen - auch heute – noch kennt. Zu den bekannten weiblichen Bauhaus Absolventen gehören zum Beispiel Marianne Brandt und Florence Henri, Anni Albers, Gertrud Arndt, Gunta Stölzl, Benita Koch-Otte, Otti Berger, Ilse Fehling, Alma Siedhoff-Buscher, Margarete Heymann, Lou Scheper-Berkenkamp. Die künstlerischen Leistungen dieser ungewöhnlichen Frauen wurden lange Zeit nicht beachtet oder gerieten im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit. Erst in der jüngsten Zeit werden diese Bauhausfrauen gewürdigt und treten aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen.

Eine weitere Frauendomäne war die Fotografie. Dieses moderne Medium bot ambitionierten Frauen neben einer Einkommensmöglichkeit auch ein künstlerisches Experimentierfeld. Aenne Biermann, eine der innovativsten Avantgarde-Fotografinnen des Bauhauses, war der Stilrichtung des ‚Neuen Sehens‘ verpflichtet, einer neuen Formensprache mit ungewöhnlichen Perspektiven, Blicksichten, extremen Makroaufnahmen von Gegenständen und Personen sowie Beleuchtungskontrasten. Ihr fotografisches Œuvre umfasste Werbe-, Sach- und Produktfotografien ebenso wie traditionelle Bildmotive. Ihr privates Schicksal war tragisch: Sie starb 1933 mit nur 34 Jahren. Ihre jüdischen Familienangehörigen, ihr Mann und die Kinder, konnten rechtzeitig vor den Nationalsozialisten nach Palästina emigrieren.
Neben der Weberei und Fotografie eroberten sich einige Frauen selbstbewusst ihren Platz in den von Männern dominierten Fachbereichen. Sei es durch Hartnäckigkeit, sei es durch ihr außergewöhnliches Talent als eigenständige Künstlerin oder – auch die selbstbewussten, modernen Frauen des Bauhauses konnten oder wollten nicht das tradierte Frauenbild abstreifen - durch eine Heirat mit einem Studienkollegen oder einem der Dozenten. Oft hörte man: „War das nicht die Frau von Joseph Albers, Mart Stam oder László Moholy-Nagy?

Für viele der Frauen, die am Bauhaus studiert und gearbeitet hatten, begannen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Schließung des Bauhauses 1933 schwierige Zeiten: Sie erfuhren Diffamierung und Verfolgung, weil sie entweder jüdischer Herkunft waren, oder als politisch oppositionell galten oder ihre Kunst als 'entartet' verfemt war. Sechs Bauhaus Künstlerinnen wurden in Konzentrationslagern ermordet, darunter die österreichische Künstlerin Friedl Dicker, die im Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau starb, und Otti Berger, eine kroatische Designerin, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung im April 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert und hier ermordet wurde. Alma Buscher kam bei einem Bombenangriff ums Leben. Einige - unter ihnen Marianne Brandt, Gertrud Arndt, Ilse Fehling überlebte den Zweiten Weltkrieg unter schwierigsten Bedingungen in Deutschland. Andere Künstlerinnen wie Lucia Moholy, Gunta Stölzl, Margarete Heymann-Loebenstein-Marks oder Grete Stern und Anni Albers konnten in die Schweiz oder in die USA immigrieren und verbreiteten dort den Bauhaus-Gedanken. Marguerite Friedlaender gründete 1942 das Kunstzentrum "Pond Farm" bei San Francisco. Es gab aber auch Frauen, die mit den Nationalsozialisten kooperierten und Kollegen denunzierten.

In ihrem biografischen Fragment "Frau des 20. Jahrhunderts" kritisierte Lucia Moholy rückwirkend den "Meisterkult", den Presserummel, der um und mit den Männern betrieben wurde. Die daraus resultierende negative Bewertung von Frauen, die aber maßgeblich an der Geschichte des Hauses beteiligt waren, fand dagegen nur geringe Wertschätzung. „Über die Meister selbst ist zu viel geschrieben worden, als dass hier von ihnen die Rede sein müsste.“

100 Jahre Bauhaus

Das Jubiläum wird 2019 mit umfangreichen Ausstellungen in Berlin, Weimar und Dessau gefeiert werden. Auch die Frauen kommen diesmal nicht zu kurz.

Weitere Informationen sind auf der Homepage des Bauhauses www.bauhaus100.de zu finden.

Die Texte sind Auszüge und aus folgender Publikation entnommen:

Ulrike Müller: Bauhaus-Frauen

Komplett überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe
Elisabeth Sandmann Verlag
Gebunden, Deutsch, 160 Seiten, 50 farbige Abbildungen
ISBN-13: 9783945543573
Erscheinungstermin: 15.3.2019


Abbildungsnachweis:
Detail aus Buchumschlag, Ulrike Müller: Bauhaus-Frauen
Cover der Taschenbuchausgabe

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