Bildende Kunst
Foto: Marcus Rebmann

Zunächst sieht man im Luftmuseum Amberg etwas ganz Weiches. Etwas, das sich zu bewegen scheint, quillt und sich windet, über eine Kante hängt oder sich breitmacht.

 

Eine amorphe Masse, ein Stück Gummi, Kunststoff, Wachs oder eine seltsame organische Substanz. Doch es ist Stein, der hier bearbeitet wurde. Was aussieht, als könne es jeden Moment seine Form verändern, besteht aus Marmor, einem der härtesten und dauerhaftesten Materialien der Bildhauerei.

 

Julia Venske und Gregor Spänle haben sich an der Bildhauerschule in Laas in Südtirol kennengelernt. Dort erhielten beide ihre Ausbildung und arbeiteten seitdem mit Marmor, was ihre Zusammenarbeit bis heute prägt. Seit 1997 entwickeln sie als Künstlerduo ein Werk, das sich mit grundlegenden Kategorien der Skulptur beschäftigt: mit Masse und Oberfläche, Gewicht und Bewegung, Natur und Künstlichkeit – mit der Präsenz im Raum und dem erstaunlichen Effekt, den ein nicht funktioneller Gegenstand auf den Betrachtenden hat.

 

Kunsthistorisch stehen Venske & Spänle in einer Tradition, die im 20. Jahrhundert die Grenze zwischen Abstraktion und Natur aufgelöst hat. Besonders nahe liegt die Verbindung zur biomorphen Plastik von Hans Arp. Seit den 1930er-Jahren entwickelte Arp organisch anmutende Formen, die an Pflanzen, Körper oder andere Lebensformen erinnern, ohne sie unmittelbar abzubilden. Die biomorphe Skulptur bewegt sich dabei zwischen Naturbeobachtung und freier Abstraktion, zwischen Gegenstand und eigenständiger Form.

 

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Ausstellungsansicht. Foto: Marcus Rebmann

 

Auch bei Venske & Spänle scheint die Form einem Wachstumsprozess zu folgen. Doch während Arp die organische Form in eine offene, poetische Abstraktion überführt, geben Venske & Spänle ihren Formen Namen, Gattungen und Eigenschaften. Aus der biomorphen Form entsteht eine imaginäre Lebensform. Aus der freien Skulptur ein Wesen. Damit erweitern sie die Geschichte der biomorphen Skulptur um eine erzählerische Dimension. Ihre Formen scheinen eine eigene Welt zu bevölkern: Ihre Marmorkreaturen werden zu Exemplaren einer erfundenen Natur.

 

Zugleich wenden sich Venske & Spänle einer anderen Tradition der Bildhauerei zu: der Vorstellung, dass Marmor vor allem dazu bestimmt sei, Monumente zu schaffen. Ihr Stein ist dagegen neugierig, grotesk, komisch, manchmal lächerlich. Die Würde des Materials wird neu infrage gestellt. Der Stein wird zum Akteur.

 

Marmor steht in der Geschichte der europäischen Bildhauerei für Dauer, Härte, Gewicht und Monumentalität. Venske & Spänle nehmen diese Tradition ernst – und drehen sie zugleich ins Absurde. Manche Formen erinnern an Tropfen, andere an Häute, Polster, Pilze, Würmer oder Organe. Sie quellen aus dem Boden, legen sich über Gegenstände, hängen über Kanten oder scheinen sich gerade noch irgendwo festzuhalten. Die Skulpturen von Venske & Spänle sind abstrakt, aber besitzen etwas Körperliches, manchmal sogar etwas Wesenhaftes. Sie haben keine eindeutige Anatomie, sind doch sofort als mögliche Körper vorstellbar.

 

Der Blick auf die Genese der Arbeiten macht diese Verwandlung noch erstaunlicher. Am Anfang steht die Arbeit im Steinbruch. Dort beginnt die Arbeit der Bildhauer. Der Stein wird abgetragen, geschnitten, geschliffen und poliert. Die scheinbare Weichheit dieser Werke entsteht, weil Marmor dieselbe Lichtdurchlässigkeit aufweist wie die Haut. Die Folge ist der Eindruck einer ganz und gar organischen Lebendigkeit.

 

Das Künstlerduo, das in München in der Halle 6 arbeitet, hat für diese eigentümlichen Gebilde eine eigene Welt erfunden. Es gibt „Smörfs“, „Gumpfoten“, „Myzoten“, „Sauger“, „Orophyten“ oder „Helotrophen“. Mehr als 500 solcher Marmorkreaturen gehören inzwischen zu diesem Kosmos. Damit entsteht eine Art imaginäres Ordnungssystem: eine Natur, die nicht existiert und uns doch erstaunlich vertraut vorkommt. Eine amorphe Marmorform ist plötzlich kein abstraktes Gebilde mehr. Sie gehört zu einer Gattung.

 

Mit ihrem Werk stellen Venske & Spänle eine grundlegende Frage: Was ist eigentlich eine Skulptur? Ist sie ein Gegenstand? Eine Form? Ein Körper? Ein Ding, das einfach da ist? Oder kann sie ein Gegenüber sein? Das Werk berührt diese philosophische Frage: Wann wird ein Ding zu einem Gegenüber?

Diese Kunst beschreibt ein eigentümliches Zwischenreich: Die Formen erinnern an die Natur, sind jedoch künstlich gefertigt. Sie sehen organisch aus, bestehen jedoch aus mineralischem Material. Sie scheinen zu wachsen, sind dennoch das Ergebnis präziser bildhauerischer Arbeit. Sie wirken wie Lebewesen, sind aber Gegenstände. Sie sind statisch, erscheinen dennoch in Bewegung.

 

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Die Verbindung mit Alltagsobjekten verschärft diese Ambivalenz. Verpackungen, technische Geräte oder industrielle Produkte treffen auf einen Stein, dessen Ursprung weit in die Erdgeschichte zurückreicht. Das kurze Leben eines Konsumgegenstands begegnet der langen Zeit des Gesteins. Damit berührt die Arbeit von Venske & Spänle Fragen unserer Gegenwart. Ihre Kunst zeigt, wie unsicher die Trennung zwischen Natur und Kultur geworden ist.

 

Besonders eindrücklich zeigt das der „Autoeater“: Ein Fiat Panda wird von einer dünnen, transluzent wirkenden Marmorschicht umschlossen, als würde ein steinernes Wesen das Auto verschlingen. Der Stein frisst … und das Automobil – Symbol moderner Mobilität und industrieller Produktion – wird zum Objekt einer grotesken Situation. Für die Arbeit wurde ein 16 Tonnen schwerer Block Carrara-Marmor verwendet.


Helotrophe – Venske & Spänle

Zu sehen bis zum 17. Januar 2027 im Luftmuseum Amberg, Erdgeschoss, Eichenforstgäßchen 12, 92224 Amberg

Öffnungszeiten: Mi.+Do.: 14–17 Uhr, Fr–So. sowie Feiertage: 11–17 Uhr. Mo.+Di. sowie am 24.+25.12. und 1.1. geschlossen.

Weitere Informationen (Luftmuseum)

 

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