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Der mit 20.000 Euro dotierte Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg geht 2025 an die Autorin Judith Schalansky. Mit dem Stipendium des Lessing-Preises wird Anja Kampmann ausgezeichnet. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, überreicht beide Auszeichnungen am 25. Januar 2026 im Thalia Theater im Rahmen einer festlichen Matinee.


Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Mit dem Lessing-Preis und dem Lessing-Stipendium zeichnen wir Literatur aus, die im Geiste des Namensgebers Räume für Reflexion öffnet. Judith Schalansky verbindet literarische Präzision mit einer unverwechselbaren ästhetischen Handschrift. Ihre Bücher sind stets Gesamtkunstwerke. Die Ehrung mit einem der wichtigsten Literaturpreise Hamburgs spiegelt die große literarische Bedeutung einer der meistübersetzten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wider. Anja Kampmann bewegt sich souverän in verschiedenen literarischen Formen. Mit großer poetischer Klarheit richtet sie ihren Blick auf gesellschaftliche Fragen und auf Menschen, die sonst oft unsichtbar bleiben. Das Wirken von Judith Schalansky und Anja Kampmann beeindruckt durch Vielseitigkeit und literarische Qualität. Ich gratuliere beiden sehr herzlich!“

Der Jury gehörten dieses Jahr Esther Kilchmann (Professorin für Deutsche Sprache und Literatur Universität Hamburg), Jan Ehlert (Journalist und Redakteur bei NDR Kultur), Marianna Lieder (Journalistin und Literaturkritikerin), Andreas Platthaus (Journalist und Autor) und Juliane Rebentisch (Philosophin und Professorin an der HFBK und Preisträgerin 2017) an.

In der Preisbegründung für den Lessing-Preis heißt es: „Judith Schalansky ist dem enzyklopädischen Verständnis von Aufklärung verpflichtet – als Schriftstellerin gerade auch in ihrer Vielseitigkeit, die der von Gotthold Ephraim Lessings nicht nachsteht. Sie beherrscht die unterschiedlichsten literarischen Formen in Vollendung, und im schreibenden Schaffen hat sie sich noch nie wiederholt: Ihre Palette als Autorin reicht vom typographieästhetischen Standardwerk (‚Fraktur, mon amour‘) über Autofiktion (‚Blau steht dir gut‘), fiktionales Sachbuch (‚Atlas der abgelegenen Inseln‘), Bildungsroman im buchstäblichen Sinne (‚Der Hals der Giraffe‘), Kulturgeschichte (‚Verzeichnis einiger Verluste‘) bis zum Großessay (‚Schwankende Kanarien‘). Als eigene Gestalterin aller dieser Bücher beweist sie zudem ein Können, das weit übers Schreiben hinausgeht, und auch als Herausgeberin, namentlich der Reihe ‚Naturkunden‘, ist sie ganz im Sinne Lessings eine versierte Förderin von Literaturpraxis. Als gebürtige Greifswälderin weist Schalansky eine spezifische Neugier für die deutsch-deutsche Vergangenheit ebenso auf wie eine aus der Tradition der alten Hafenstadt resultierende Weltoffenheit, die international dadurch honoriert wird, dass sie aktuell eine der meistübersetzten deutschsprachigen Autorinnen ist. Was Lessing über Montaigne schrieb, das gilt auch für Judith Schalansky: Sie ist ‚von zu vielen gelobt worden, als dass wir uns noch diese unnötige Mühe machen dürften‘. Deshalb bekommt sie ohne weitere große Worte den diesjährigen Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg.“

Judith Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign in Potsdam und Berlin, wo sie bis heute lebt. Sie ist Mitgründerin des Verbandes PEN Berlin und feierte 2008 ihr Debüt als Schriftstellerin mit dem Roman „Blau steht dir nicht“. Seitdem hat sie für ihre Werke als eigenständige Gestalterin ihrer Bücher sowohl zahlreiche Design- als auch literarische Preise erhalten, darunter den 1. Preis der Stiftung der Buchkunst für den „Atlas der abgelegenen Inseln“ (2009) und „Der Hals der Giraffe“ (2011) und den Wortmeldungen-Literaturpreis für ihren Essay „Schwankende Kanarien“ (2023). 2019 war sie gemeinsam mit Karl Ove Knausgård Poetik-Dozentin an der Universität Tübingen und ist Teil der Akademie der Wissenschaften sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Ihre Bücher wurden in über 25 Sprachen übersetzt und an diversen Theatern adaptiert. Ihre besondere gestalterische Handschrift prägt ihr gesamtes Werk und trägt wesentlich zu ihrer internationalen Ausstrahlung bei.

In der Begründung für das Lessing-Stipendium schreibt die Jury: „Anja Kampmann spürt in ihrem stilistisch vielfältigen Werk der Frage nach, was wir verlieren können, wenn wir uns den Herausforderungen und Bedrohungen der Gegenwart nicht stellen. Frei nach Gotthold Ephraim Lessings Tempelherr, nach dem man das, was man nicht zu verlieren fürchtet man auch nie habe besitzen wollen, zeigt sie uns, was es zu befürchten gilt: Der Verlust der Theater- und Opernlandschaft, für deren Verteidigung sie in ‚Die schmutzige Wäsche des schmelzenden Schnees‘ eine poetische Lanze bricht, ein ungezügelter technologischer Fortschritt (in ‚Der Hund ist immer hungrig‘) und nicht zuletzt die Bedrohung von gesellschaftlichen Minderheiten, wovon sie meisterhaft in ihrem Roman ‚Die Wut ist ein heller Stern‘ schreibt. Auch wenn Anja Kampmann in Leipzig lebt ist Hamburg nicht nur ihre Geburts- und Universitätsstadt, sondern ein zentraler Ort in ihrem künstlerischen Werk, beispielhaft in ihrer Auseinandersetzung mit dem Hamburger NS-Gauleiter Karl Kaufmann in ihrem Gedicht ‚duvenstedter brook‘ und in ‚Die Wut ist ein heller Stern‘, das auf St. Pauli spielt und dem intensive Recherchen über die Geschichte des Stadtteils vorangegangen sind. Ihr Blick richtet sich dabei nicht auf die Mächtigen, sondern im Sinne Lessings auch auf jene, die am Rande der Gesellschaft stehen, insbesondere auf die Frauen aus der Arbeiterschicht, womit sie einen bislang nur kaum beachteten Teil Hamburger Geschichte ins Licht holt. Deshalb ist sie in unseren Augen eine würdige Preisträgerin des diesjährigen Stipendiums des Lessing-Preises der Freien und Hansestadt Hamburg.“

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren und studierte an der Universität Hamburg und dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Seit 2006 nimmt sie regelmäßig an internationalen Literaturfestivals teil und erscheint mit Lyrik und Prosa in diversen Zeitschriften und Anthologien. Im Carl Hanser Verlag veröffentlichte sie 2016 ihr Lyrikdebüt „Proben von Stein und Licht“ sowie 2018 den Roman „Wie hoch die Wasser steigen“, wofür sie den Mara-Cassens-Preis, den Lessing-Preis des Freistaates Sachsen sowie eine Einladung als Finalistin des Alfred Döblin Preises erhielt und auf der Leipziger Buchmesse mit dem Preis in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet wurde. 2020 stand sie auf der Shortlist der amerikanischen National Book Awards und ist seit 2024 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Ihr neuer Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ (2025) setzt sich eindringlich mit Emanzipation und dem Widerstand gegen ein faschistisches Regime auseinander. Ihr Werk zeigt durchgängig eine beeindruckende Verbindung von poetischer Sensibilität und gesellschaftlicher Wachheit.

Der mit 20.000 Euro dotierte Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg gehört zu den traditionsreichsten Kulturpreisen und wurde 1929 vom Senat anlässlich des 200. Geburtstages von Gotthold Ephraim Lessing gestiftet. Er wird alle vier Jahre verliehen. Zusätzlich wird das mit 10.000 Euro dotierte Stipendium des Lessing-Preises an Autor:innen mit starkem Hamburg-Bezug vergeben. Die Preisträger:innen sollen sich im Sinne Lessings den Maximen der Aufklärung verpflichtet fühlen und sie in ihrer geistigen Arbeit zum Ausdruck bringen. Die Stipendiaten sollen zudem eine besondere Beziehung zu Hamburg haben. Preisträger:innen waren unter anderem Hans Henny Jahnn, Hannah Arendt, Peter Weiss, Walter Jens, Max Horkheimer, Jean Améry, Alexander Kluge, Jan Philipp Reemtsma, Nino Haratischwili, Juliane Rebentisch und Karl Schlögel. 2021 ging der Lessing-Preis an den Schriftsteller Uwe Timm und das Stipendium an die Comic-Zeichnerin Birgit Weyhe.

Kostenlose Eintrittskarten für die Preisverleihung sind ab dem 1. Dezember 2025 Uhr über die Website des Thalia Theaters oder vor Ort erhältlich.

Quelle: Behörde für Kultur und Medien Hamburg

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