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Nuno Côrte-Real. © Solo Musica

Es ist Nuno Côrte-Reals bislang wohl politischstes musikalisches Statement: Das Album „Blood“ versammelt zwei Werke, deren Entstehung um mehr als ein Jahrzehnt auseinanderliegt. Eingespielt mit den Berliner Symphonikern gehören sie zusammen wie zwei Seiten derselben Gegenwartsdiagnose.

 

Die Sinfonia 2022, op. 70, reagiert auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, jene Zäsur, die wie kaum ein zweites Ereignis ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist. Die Uraufführung fand im April 2025 in der Berliner Philharmonie statt. Die Banksters Suite, op. 75, herausdestilliert aus seiner gleichnamigen Oper von 2011, die im November 2024 in Parma uraufgeführt wurde, beleuchtet die andere, leisere Form der Gewalt: die unsichtbare Bedrohung der Zivilgesellschaft durch unkontrollierte Hochfinanz.

 

Nuno Corte Real Berliner Sinfoniker Blood COVER„Blood“ wirft ein doppeltes Echo auf solche Zustände, ohne dabei in den Nihilismus abzugleiten. Genau da entfaltet diese Musik ihre verwundete Schönheit. „Eigentlich möchte ich, dass meine Musik als ganz frei verstanden wird.“ Frei von ästhetischen Strömungen, Institutionen und Zirkeln. Ich möchte ein freier Mensch sein – und das nehme ich auch für meine Musik in Anspruch", formuliert der Portugiese Côrte-Real sein Credo. Tatsächlich koexistieren in seinen Partituren rockig pulsierende Schlagzeugfiguren mit romantisch ausgeleuchteten Streicherflächen, minimalistische Ostinati mit sakral schlichten Orgelpassagen. „Ich schreibe nicht für Spezialisten", sagt er – und meint das im besten Sinne. Sein Komponieren speist sich nicht zuletzt aus frühen Jahren in einer Rockband, aus Erfahrungen als Filmkomponist und – vor allem – aus der genauen Beobachtung dessen, was unsere Gegenwart akustisch auszeichnet.

 

Côrte-Real, der sich selbst als „Menschenfreund und Pazifist" bezeichnet, gibt seinem Schrecken über den Ukraine-Krieg in den vier Sätzen der Sinfonia 2022 einen starken Resonanzraum. Vom suchenden Tastenklang im Dunkel führt der dramaturgische Sog über einen Walzer von heimtückischer Boshaftigkeit, der sich aus einem Altsaxophon-Solo entwickelt, bis zur grotesken Kulmination in der „Nuclear Marching Band". In dieser Partitur über eine aus den Fugen geratene Welt funken durchbrechen Marschrhythmen und schrille Trompetenfanfaren satirisch dazwischen – ähnlich wie einst bei Schostakowitsch, der die Machtdemonstrationen des Sowjetregimes mit musikalischen Anspielungen aufs Korn nahm. Auch das Finale verweigert jede leichtfertige Hoffnungsbotschaft. Sein Titel „I know not what tomorrow will bring" zitiert die letzten Worte, die der große portugiesische Dichter Fernando Pessoa am Tag vor seinem Tod 1935 niederschrieb. In „trauervoller Leichtigkeit" schwebt die Musik dahin wie ein metaphysischer Aufschub ohne Zukunftsversprechen. Die Berliner Symphoniker spielen, als hätten sie diesen Tonfall lange gesucht: zwischen lyrischer Innerlichkeit und expressiver Entladung, zwischen Mahler-Anklängen und einer rebellischen Snare-Drum, die plötzlich aufflackert wie ein böser Witz mitten in der Trauerrede.

 

Die Banksters Suite eröffnet mit „Diabolic Vision and Fight" einen zweiten, nicht minder ungemütlichen Schauplatz. „Banksters – das sind Banker und Gangster", erläutert Côrte-Real lakonisch seinen Wortwitz, der an Brechts Frage denken lässt, was denn der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank sei. Aus seiner gleichnamigen Oper destilliert, präsentiert sich die Suite als rein sinfonische Erzählung. Über sechs Sätze spannt sich ein Bogen vom Aufstieg bis zur Verklärung eines vor dem Ruin stehenden Finanzierers. Eingelöst wird das musikalisch durch expressive Verdichtungen, in denen auch elektrische Gitarre und Saxophon-Aufschreie mitmischen. „Take my soul to a safe harbour“ lauten die letzten Worte des Protagonisten. Sie verleihen dem Album ein Ende, in dem Erlösung nicht Absolution bedeutet, sondern Erkenntnis.

 

Die Sinfonia 2022 wurde vom Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon in Auftrag gegeben und dort im Januar 2023 unter der Leitung von Côrte-Real uraufgeführt. Zwei Jahre später folgte die deutsche Erstaufführung in der Berliner Philharmonie – jener Abend mit den Berliner Symphonikern lieferte den Vorlauf für die unmittelbar anschließenden Studioaufnahmen vom 15. bis 17. April 2025 in den Lichterfelder Teldex-Studios. „Im Konzert kann etwas passieren – und dann ist es da. Im Studio stoppen wir und beginnen neu, aber die Energie einer Live-Performance wollen wir trotzdem in die Aufnahme einbringen. Das ist die eigentliche Herausforderung", beschreibt Côrte-Real den Aufnahmeprozess als Gratwanderung zwischen Präzision und Emotion.

 

Nuno Côrte-Real, 1971 in Lissabon geboren, zählt zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Musik Portugals. Als Komponist, Dirigent und Kurator in Personalunion kam er aus den frühen Rockbandjahren in die Klassik und setzt sich seither vom hermetischen Gestus der Avantgarde demonstrativ ab. Sein Œuvre umfasst Sinfonien, Konzerte, Kammermusik, Lieder, Ballett- und Filmmusik sowie mehrere Opern, darunter Banksters (UA 2011, Teatro Nacional de São Carlos, Lissabon). Uraufführungen führten ihn ins Concertgebouw Amsterdam, in die Casa da Música nach Porto und nach New York; einen Höhepunkt bildete 2022 das von ihm konzipierte Abschlusskonzert zum 500. Todestag König Manuels I. im Hieronymitenkloster in Belém. Als Dirigent arbeitete er u. a. mit dem Mahler Chamber Orchestra, der Orchestra Sinfonica di Milano und dem Orchester der Ungarischen Staatsoper. Künstlerische Heimat ist ihm das von ihm gegründete Ensemble Darcos sowie das Festival Temporada Darcos, dessen Direktor er ist. 2018 und 2019 erhielt er den Preis der Portugiesischen Autorenvereinigung für das beste klassische Werk; Tremor (2021) wurde fünffach für den Opus Klassik Preis nominiert.

 

Mit „Blood“ erscheint nun seine vierte Produktion mit den Teldex Studios Berlin und Produzent Wolfgang Schiefermair – nach Art Klassik und der Rock Symphony der dritte Teil einer Trilogie.


Nuno Côrte-Real & Berliner Sinfoniker: Sinfonia 2022 Blood

Label: Solo Musica

CD, Booklet (dt./engl.)

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YouTubr-Video:

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Blood Sinfonia 2022 (6:28 Min.)

 

Tracklist:
Sinfonia 2022

01 In search of darkness 9:27

02 Song of death 14:55

03 Nuclear marching band 7:46

04 I know not what tomorrow will bring 6:42

Banksters Suite (from the opera Banksters)

05 Diabolic vision and fight 6:11

06 Mimi Kitch

07 Angelino Rigoletto

08 Santiago Malpago 4:01

09 The murder 0:56

10 Redemption 6:09

Gesamtzeit: 63:55

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