Follow Book
Buchumschlag. Jerry Bauer (1934–2010): Michel Foucault, 1970, Fotografie. Gemeinfrei

Der bereits 1984 verstorbene Ideenhistoriker Michel Foucault dürfte noch immer einer der einflussreichsten Autoren der Gegenwart sein. Schon deshalb verdient eine Veröffentlichung aus seinem Nachlass „Der Diskurs der Philosophie“ – große Aufmerksamkeit.

 

Es handelt sich bei diesem Buch um einen Essay, den Foucault unmittelbar nach der Veröffentlichung von „Die Ordnung der Dinge“ (1966) begonnen hatte. In ihm wollte er die Thesen seines umfangreichen Hauptwerkes noch einmal in veränderter und deutlich verschlankter Form darstellen. Jetzt liegt das Fragment, das erst 2023 im französischen Original erschien, auch in deutscher Übersetzung vor. Bemerkenswert ist die Arbeit der Herausgeber, die mit ausufernden Hinweisen und Kommentaren am Ende jedes Kapitels die kritische Auseinandersetzung mit den Überlegungen Foucaults erleichtert.

 

„Die Ordnung der Dinge“ ist eine Analyse der fundamentalen, die Gesamtheit der Wissenschaften bestimmenden Grundüberzeugungen der Neuzeit. Grundüberzeugungen bedeuten, dass sie nicht immer sogleich sichtbar sind – sie müssen erschlossen oder ausgegraben werden, weshalb Foucault mit einem nicht ganz unumstrittenen Ausdruck für „Archäologie“ spricht, um seine Methode zu beschreiben. Mit seinen Grabungen stößt er auf zwei einschneidende Brüche, die er in der wissenschaftlichen Biologie, in den Humanwissenschaften und schließlich in den Sprachwissenschaften aufdeckt. Sein empirisches Fundament ist also dank einer umfassenden Bildung beeindruckend breit, und sein Interesse an den verschiedensten Gebieten durchsetzt ja auch sonst auch sein Œuvre.

 

Mit der Annahme, dass sich zweimal allein in der Neuzeit ein ganz neuartiges Denken durchgesetzt habe, bestreitet Foucault die Kontinuität des wissenschaftlichen Fortschritts. Diese Kontinuität der Wissenschaften ist seit langem unumstritten. Immer wieder gab es Brüche („Paradigmenwechsel“), meist mit den ganz großen Namen der Physik verbunden, etwa mit Kopernikus, Newton oder Einstein. Foucault allerdings notiert derartige Diskontinuitäten auch in anderen Gebieten, in besonders beeindruckender Form zum Beispiel im Bemühen um eine Systematik der Lebensformen.

 

Die traditionelle Geschichtsschreibung der Philosophie orientiert sich dagegen an der Kontinuität der Probleme und meint deshalb – mit Recht? –, auf die Schilderung der historischen Begleitumstände wie auch der Charakterzüge der großen Philosophen verzichten zu dürfen. Das ist ein Punkt, der in den letzten Jahrzehnten von prominenten Philosophiehistorikern heftig diskutiert wurde. Während Heinz Heimsoeth sich noch 1923 bemüht, in seinen über Jahrzehnte hinweg vielgelesenen „Sechs großen Themen der Metaphysik“ eine Kontinuität der Probleme im Spätmittelalter und in der Neuzeit aufzuweisen, sprechen Autoren wie der renommierte Mediävist Kurt Flasch oder Hans Blumenberg von „Epochenschwellen“ und konstatieren am Ende des Mittelalters einen scharfen Bruch.

 

Foucault, ganz sicher in diesem Punkt und auch sonst von Nietzsche beeinflusst, vertritt eine ähnliche Position. Er orientiert sich an Nietzsches „Genealogie der Moral“, in der dieser sich an einer „Entstehungsgeschichte der Moral“ versucht – ein bis dahin unerhörter Gedanke, der den schroffsten überhaupt nur denkbaren Gegensatz zu Platon oder Kant darstellt. Was Nietzsche für die Moral versucht, das überträgt Foucault auf die Geschichte der Wissenschaften. Aber er betont noch zusätzlich einen anderen Punkt, um den Unterschied zwischen Wissenschaft, Literatur und Philosophie zu verdeutlichen. Er schreibt in „Der Diskurs der Philosophie“, dass das „Hier, die Gegenwart, das Subjekt, das spricht […], niemals durch den Diskurs neutralisiert werden“ können (47). Gemeint ist: Anders als in der Wissenschaft, aber ebenso wie in der Literatur spielt die Persönlichkeit in der Philosophie eine wesentliche Rolle und prägt mehr als nur den Sprachduktus, sondern bestimmt auch die Fragestellung.

 

In der französischen Philosophie hat der Begriff des Diskurses seit einer der Programmschriften Descartes‘, dem „Discourse de la méthode“ von 1637, einen ganz besonderen Klang, aber weiß ich deshalb, wie ich ihn übersetzen soll? Mein Fremdwörterbuch schlägt „lebhaftes Gespräch“ vor – aber von Gesprächen ist bei Foucault nicht die Rede –, andere bieten nach „Rede“ noch „Denkweise“ an, und vielleicht ist das wirklich der treffende Ausdruck im Deutschen. Foucault selbst zählt an einer Stelle „Mythen, Volksmärchen, Erzählungen, literarische Texte“ auf – philosophische Abhandlungen fehlen hier merkwürdigerweise. In unserer Alltagssprache ist es üblich geworden, von „Erzählung“ zu sprechen – so spricht man heute, will man sich korrekt ausdrücken, nicht von einer „Verschwörungstheorie“, sondern von einer „Verschwörungserzählung“. Und in anderen Zusammenhängen ebenso: Eine Vermutung, eine These, ein Verdacht: Heute heißt es immer nur Erzählung oder, vornehmer, „Narrativ“, als gäbe es keine Realität, auf die sich ein Wort bezieht, sondern nur eine subjektive Sicht der Dinge.

 

Frans Hals Portraet van René Descartes

Porträt von René Descartes (1596–1650), nach Frans Hals. Museum Louvre. Gemeinfrei

 

In seinem Duktus schreibt Foucault, dass die Philosophie das Jetzt des Subjekts (also doch wohl die Gegenwart) „in ihrem eigenen Diskurs frei als Leuchtpunkt der Enthüllung in der Evidenz“ erscheinen lässt. (47) Wenn wir einen philosophischen Text verstehen wollen, so lese ich diese Passage; wir müssen immer ihren historischen Ort berücksichtigen – anders als in der reinen Wissenschaft, bei der jederzeit von ihrem „Hier und von der Gegenwart“ (182) abstrahiert werden kann. Oder: Eine wissenschaftliche Arbeit kann auch von einem anderen, ja sogar von jedem anderen fortgesetzt werden, was in der Philosophie nicht möglich ist – ebenso wenig wie in der Literatur.

 

Mit dem Aufweis von Diskontinuitäten in der Wissenschaft hat Foucault zweifellos recht. Ihm als Wissenschaftshistoriker mag man kaum widersprechen. Anders steht es mit der Philosophie, denn schließlich sind philosophische Probleme ganz anderer, nämlich viel grundsätzlicherer Natur als die der reinen Wissenschaft. Wie Nicolai Hartmann eingangs seiner späten „Einführung in die Philosophie“ schreibt, ist die Philosophie „die Behandlung derjenigen Fragen, die nicht bis zu Ende gelöst werden können und deswegen perennieren“ (überdauern). Das angesprochene Buch Heimsoeths verfolgt eben diese Linie, indem es die Probleme, die bereits das Mittelalter beschäftigten, und die Konzepte, die große Denker des 14. und 15. Jahrhunderts zu formulieren begannen, durch die Neuzeit hindurch bis in die Gegenwart verfolgt. Probleme der Wissenschaft dagegen „perennieren“ nicht, jedenfalls nicht grundsätzlich, sondern erfahren sehr häufig eine Lösung.

 

Für Foucault stehen aber nicht philosophische Probleme oder Themen im Vordergrund, sondern er versteht sich als Ideenhistoriker, der „Diskurse“ verfolgt, sofern sie in gedruckter Form überdauern. Er tut eben das, was Kurt Flasch von Philosophiehistorikern fordert, er geht in den „Graben“ und analysiert in subtilen Untersuchungen eine große Zahl von Quellen. Aber die Gegenstände des „Außerdiskursiven“, des „außersprachlichen Kontexts“ (74), nimmt er bestenfalls am Rande wahr, denn für ihn ist die Philosophie „eine lange Folge von Worten“ (75). Nicht selten vermittelt seine Darstellung des geschichtlichen Fortgangs den Eindruck, als gäbe es nichts außerhalb dieser Worte, sondern allein den Diskurs als deren lange (Wort-)Folge. Polemisch wird seine Grundthese so zusammengefasst, dass „Realität immer auch anders erzählt werden könne“ und „alles sei nur eine Erzählung“, so Esther Bockwyt in „Woke Welten“. Für sie vertritt die Amerikanerin Judith Butler eine radikalisierte Fassung der Philosophie Foucaults. Nehmen wir einmal an, dass sie damit recht hat: Ist es legitim, Foucault für solche Übertreibungen zu verhaften?

 

Enzo Melandri 1968

Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco (Mitte; 1932–2016), Philosoph Michel Foucault (rechts daneben; 1926–1984) und Philosoph Enzo Melandri (rechts, etwas verdeckt; 1926–1993), Mailand 1968. Unbekannter Fotograf. Gemeinfrei. Quelle: Archiv Umberto Eco.

 

Versetzt uns „Der Diskurs der Philosophie“ als die sehr sorgfältige Edition eines weit fortgeschrittenen Fragments in die Lage, die grundsätzlichen Überlegungen eines wichtigen Autors auf die Probe zu stellen? Leider kommt die starke Seite von „Die Ordnung der Dinge“, die detaillierte Analyse historischer Texte, hier überhaupt nicht zum Tragen. An seinem Hauptwerk schätze ich besonders die sich ins Detail versenkende Darstellung der Probleme, die sich bei der Erstellung der Systematik der pflanzlichen und tierischen Lebensformen ergeben.

 

Zunächst werden sprachphilosophische Überlegungen dargestellt, dann greift der Autor auf eine ganze Fülle von Schriften aus dem 18. Jahrhundert zurück – wenn wir vom Schweden Linné absehen, sind es meist Franzosen –, um die Schwierigkeiten einer Klassifikation vom Grund auf darzustellen. Besonders die Darstellung der Nebenzüge einer historischen Entwicklung ist enorm anregend – aber sie fehlt im jetzt erschienenen Buch, das dagegen stärker den Unterschied zwischen Literatur, Philosophie und wissenschaftlicher Prosa ins Auge fasst.


Michel Foucault: Der Diskurs der Philosophie

Herausgegeben von Orazio Irrera und Daniele Lorenzini unter der Leitung von François Ewald.

Aus dem Französischen von Andrea Hemminger.

Suhrkamp 2024

Broschur und eBook

352 Seiten

ISBN: 978-3518588116

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.