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Ludwig Wittgenstein (1889–1951). Österreichische Nationalbibliothek, Inventarnummer Pf 42.805 : C (1) gemeinfrei. Schmutztitel Tractatus, Buchumschlag Sprachanalyse und Metaphysik, Verlag Beck

Entstanden aus Vorlesungen an der Universität München, verspricht uns Axel Hutters Buch eine Einführung in die moderne Philosophie“.

Unter dieser versteht der Autor allein die analytische Philosophie in der Tradition Ludwig Wittgensteins. Andere Richtungen und Methoden werden nicht erwähnt.

 

Eine Einführung in das sprachanalytische Philosophieren

Im ersten Teil seines Buches geht der an der Ludwig-Maximilian-Universiät in München lehrende Autor historisch vor, indem er uns zunächst die Fragestellung Gottlob Freges (1848–1925) näherbringt und im Anschluss daran dessen Widerlegung des Psychologismus vorstellt, mit der Frege den Arbeiten Paul Natorps und dem ersten der epochalen Werke Husserls vorausging, den „Logischen Untersuchungen“. Es ging Frege darum, eine ideale und zeitlose, in Logik und Mathematik verwirklichte Gesetzmäßigkeit zu begründen, die sich prinzipiell nicht aus der menschlichen Natur ableiten lässt. Unter einem Gedanken, so zitiert Hutter Frege, verstehe er „nicht das subjektive Tun des Denkens, sondern dessen objektiven Inhalt, der fähig ist, gemeinsames Eigentum von vielen zu sein.“ Im Zuge dieser Argumentation stellt Frege dann Sinn und Bedeutung einander gegenüber. Das erwies sich, so Hutter, als eine Art Initialzündung der analytischen Philosophie, denn sein Grundgedanke wurde von Russell und Wittgenstein aufgegriffen.

 

Im Anschluss kommt Bertrand Russell (1872–1970) zu Wort, an dessen sprachlogischen Überlegungen Hutter besonders der quantitative Aspekt wichtig ist, die Unterscheidung von „alles, einiges und nichts“. Die Frage, wie sich aus empirischen Beobachtungen Gesetze mit absoluter Geltung ableiten lassen, also für ausnahmslos alles gültig sind, ist schon seit Langem ein großes, für die Vertreter einer empiristischen Philosophie sogar unlösbares Problem, dem sich auch Husserl mit einem ganz anderen Ansatz in seiner „VI. Logischen Untersuchung“ widmet.

 

In Russells Argumentation wird wie bei Frege die große Nähe der analytischen Philosophie zur Mathematik deutlich (die Mengenlehre wurde in jenen Jahren erfunden), die besonders in ihren Gründervätern hervortritt. Frege war wie Russell von Haus aus ein Mathematiker, und letzterer war zusammen mit Whitehead Verfasser des Grundbuches der modernen Logik, den „Principia Mathematica“ (1910–1913). Bis heute drückt sich in ihrer Vorliebe für algebraische Symbole – aber nicht allein darin! – die Nähe der analytischen Philosophie zur Mathematik aus – eine Nähe, die in diesem Buch nicht weiter thematisiert oder problematisiert wird, die aber viele Philosophen ablehnen.

 

Fege Russell

Gottlob Frege (1848–1925), ca. 1879. Unbekannter Fotograf. Gemeinfrei. Rechts: Bassano: Bertrand Russell, 1936. National Portrait Gallery: NPG x84663. Gemeinfrei

 

In Hutters Buch begegnen wir keinem Feuerwerk der Ideen, sondern es vermittelt behutsam und vorwärtsschreitend die Grundbegriffe der analytischen Philosophie. Hier wird nicht vieles dargestellt, sondern es werden in einer fast schon puristischen, sehr überlegten Form nur einige wenige Kern- und Hauptsätze der oben genannten Philosophen vorgetragen und erläutert. Gelegentlich kommentiert Hutter diese Sätze so, dass er die Aussage des Zitates in Terminologie und Satzbau nur geringfügig variiert. Wenn ein Autor erklärt: „Ich bin der Ansicht, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Personen und anderen Kreaturen in der Struktur des Willens einer Person zu finden ist“, dann lesen wir unmittelbar im Anschluss, dass die „Analyse […] sich also der Struktur, d. h. der Form des Willens“ widmet. Ein anderes Beispiel! Wittgensteins Satz lautet: „Im Satz wird gleichsam eine Sachlage probeweise zusammengestellt.“, die Erläuterung: „Eine Sachlage bildet einen Zusammenhang von Sachen ab. Denn eine Sachlage ist ein Zusammenhang oder eine bestimmte Lage, in der verschiedene Sachen stehen.“

 

Nachdem eingangs zwei Kernsätze Freges und Russells erläutert wurden, wendet sich das Buch der Einübung in die Grundsätze der Philosophie Wittgensteins zu, die im Folgenden den Ton bestimmt – zunächst, indem der Autor auf den „Tractatus logicus-philosophicus“ eingeht, sodann, indem er im Anschluss die Überlegungen des „späteren“ (nicht etwa späten!) Wittgensteins referiert.

 

Im „Tractatus“ ist Hutter besonders der Satz 4.026 wichtig: „Die Bedeutungen der einfachen Zeichen (der Wörter) müssen uns erklärt werden, dass wir sie verstehen. Mit den Sätzen aber verständigen wir uns.“ Es gehört, bemerkt Hutter, „zur eigentümlichen Schönheit von Wittgensteins Sätzen, dass sie nicht erklären oder argumentieren“. Nun, manch anderer (ich zum Beispiel…) würde vielleicht sagen, dass die Verweigerung einer Erklärung auf die Überheblichkeit, wenn nicht gar Hybris eines Autors verweist. Und diese suchen wir bei Wittgenstein nun aber wirklich nicht vergeblich. Schon ganz zu Beginn seines Ruhms, so berichtet Rudolf Carnap, hielt Moritz von Schlick die Mitglieder des „Wiener Kreises“ davon ab, vorwitzige Fragen zu stellen. „Vor dem ersten Besuch warnte uns Schlick eindringlich, ja keine Diskussion […] anzufangen; Wittgenstein möchte das unter keinen Umständen. Selbst mit Fragen sollten wir vorsichtig sein; denn Wittgenstein sei sehr empfindlich und durch direkte Fragen leicht zu verstören.“ Wirklich? Ein philosophischer Meister kann durch einfache Fragen oder Einwürfe seiner Schüler verwirrt werden? Und sein Verehrer spricht hundert Jahre später von der Schönheit seiner Sätze, nicht etwa obwohl, sondern weil er sie nicht erläutert?

 

Was hier aufscheint, ist eines der großen Defizite der analytischen Philosophie, die schon im Charakter ihres Gründervaters hervortritt und seine eigenen Schriften wie die seiner Nachfolger bestimmt. Es ist eine durch und durch monologische Philosophie, und das wiegt umso schwerer, als gerade in der Zeit, als Wittgenstein sich mit seinem „Tractatus“ zu Wort meldete, sich bedeutende Denker dem Dialog widmeten. Wittgenstein aber marschierte in die andere Richtung – und mit ihm viele, viele andere. Deutlich wird dies unter anderem an seiner Konzeption der „Sprachspiele“, die Hutter zwar gut erläutert, zu der ihm aber kein einziges kritisches Wort einfällt.

 

In Paragraph 23 seiner posthum veröffentlichten „Philosophischen Untersuchungen“ – nach dem „Tractatus“ die zweite Bibel der analytischen Bewegung – macht uns Wittgenstein mit einer Liste von Sprachspielen bekannt, an deren Spitze der Befehl steht und in der wir den Dialog oder die Frage gänzlich vermissen. Fehlt damit nicht das, was den Menschen erst zum Menschen macht? Kommt Hutter auf diese Fehlstelle zu sprechen? Findet er, dass die Begründung der Liste ein Desiderat darstellt, so wie wir bei Aristoteles eine Begründung für seine Liste der Kategorien vermissen? Hutter ist bei der Darstellung der „Philosophischen Untersuchungen“ allein die Schwierigkeit wichtig, die aus der Einfachheit der Probleme entsteht. Die Probleme liegen, wie Wittgenstein und mit ihm Hutter betonen, „offen vor unsern Augen“.

 

Es ist wirklich wahr, dass kaum etwas schwieriger und unzugänglicher ist als das Selbstverständliche – eben das, was uns vor Augen steht und woran wir deshalb vollkommen gewöhnt sind, sodass wir es nicht mehr bemerken. Der Hinweis darauf ist ein großes Verdienst dieses Buches. Den Grundfehler vieler analytischer Philosophen, eine Untersuchung mit einer Definition zu beginnen – wohl eine Folge ihrer Orientierung an der Methodik der Mathematik –, vermeidet Hutter und fordert stattdessen unvoreingenommene Beschreibungen. Das Selbstverständliche steht bei aller Philosophie in Frage, und weil er es in Zweifel zieht, ist vielleicht – vielleicht! – auch Wittgenstein ein Philosoph. Trotzdem müssen wir hier kritisch einhaken… Denn warum steht der Befehl ganz oben auf der Liste der Sprachspiele, nicht aber Frage oder Dialog?

 

Tractatus

Die ersten beiden Ebenen des Tractatus logico-philosophicus gemäß der Wittgenstein’schen Nummerierung. Abb. M. Kleine. Lizenz: GFDL, 1.3

 

Dazu kommt noch ein Weiteres. „Betrachte“, heißt es im Tonfall eines Lehrers zu Beginn des § 66 – schon wieder ein Imperativ! –, „die Vorgänge, die wir ‚Spiele‘ nennen. [­…] denk nicht, sondern schau!“ Vielleicht ist es ein wirklich guter Vorschlag, die Augen zu öffnen; aber hier hört es bereits auf, denn weder tut uns Wittgenstein den Gefallen, dieses Schauen genauer zu beschreiben oder zu analysieren, noch vermisst Hutter eine solche Beschreibung oder kommt von ihr aus auf die Bedeutung des Sehens in der zeitgenössischen Philosophie zu sprechen. Es bleibt beim einfachen Hinweis. Die Betonung des Sehens durch einen analytischen Philosophen scheint mir noch zusätzlich deshalb so merkwürdig, weil die durch Wittgenstein initiierte Sprachphilosophie über Jahrzehnte das genaue Gegenteil praktizierte, etwa in Person Gilbert Ryles – eines der einflussreichsten analytischen Philosophen überhaupt –, dessen „Concept of Mind“ sich entschieden gegen das Schauen wendet. Es ist ja wahr – soweit kann man Ryle zustimmen –, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Sehen als Wahrnehmung und dem inneren Sehen, das keinesfalls Wahrnehmung ist, sondern Teil unserer Imagination ist. Wie aber kommt es, dass Fantasie und Erinnerung, anders als das Gedächtnis, vor allem visuell sind? Wäre es nicht Aufgabe eines Philosophen, sich solchen Fragen zu widmen?

 

Die logische Sprachanalyse, als die sich die analytische Philosophie selbst versteht (auf die sie die Philosophie schrumpfen möchte), kann bestenfalls als Hilfswissenschaft eingesetzt werden. Zweifellos bestimmen Vokabular und Grammatik unser Denken und sind deshalb einer Beachtung wert, aber sie regieren unseren Verstand mitnichten in allen seinen Momenten – nicht zuletzt, weil wir selbst Teil einer Natur sind, die wir sinnlich wahrnehmen. Reduzieren wir die Philosophie auf Sprachanalyse, müssen uns notwendig wesentliche Aspekte der Realität entgehen. Als Vorbereitung oder Ergänzung mag die Analyse der Sprache einiges zur Klärung beitragen, sie mag uns helfen, Probleme zu erkennen und zu formulieren, aber damit fängt die Philosophie doch erst an!

 

Die hysterische Ablehnung der Metaphysik durch den Wiener Kreis (also die logischen Positivisten) wird von Hutter nicht geteilt. Im zweiten Teil seines Buches bespricht er ausgewählte Themen der Metaphysik: die Frage nach dem Ich und nach der Person und schließlich die Freiheitsproblematik. Hutter möchte zeigen, dass in der Metaphysik die Sprache auf eine andere Weise gebraucht wird, weil Begriffe der Alltagssprache als „metaphysische Namen“ eine andere Bedeutung angenommen haben. Sein Ziel ist „eine Metaphysik des Diesseits, des Unstrittigen und Selbstverständlichen, das offen vor unseren Augen liegt – und gerade deshalb von uns nicht klar gesehen und verstanden wird, weil wir häufig über es hinwegspringen, indem wir eine Erklärung und Herleitung suchen.“

Das Buch zeichnet sich durch einen durchdachten Aufbau aus, und der Autor erläutert seine Überlegungen in ruhigem Stil, ohne je auf andere Auffassungen einzugehen. Im Anschluss an den Text findet sich ein ausführliches Literaturverzeichnis, das deutlich mehr als die vom Autor zitierten Bücher enthält.


Axel Hutter: Sprachanalyse und Metaphysik. Eine Einführung in die moderne Philosophie.

Beck Verlag 2025

267 Seiten, Softcover

ISBN: 978-3406823466

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