Ein dickes Buch schildert, wie Fürsten sich im 16. und 17. Jahrhundert von gebildeten Kaufleuten bei der Zusammenstellung von Kabinetten und Museen helfen ließen.
Um Dürer geht es allein im ersten von vier Teilen. Und vorgestellt wird dort nicht in erster Linie der Künstler, sondern der Mensch, der um Anerkennung kämpft und sich mit Auftraggebern auseinandersetzen muss; oder der Handwerker auf der Suche nach den richtigen Farben.
Das Buch der in Cambridge lehrenden, bereits mit etlichen Preisen ausgezeichneten deutschen Autorin Ulinka Rublack ist nämlich keine kunsthistorische Studie, sondern eine kulturgeschichtliche, ein Werk, aus dem wir sehr viel über den Alltag wie das Selbstverständnis, über Ausbildung wie Interessen von Künstlern, Kunsthandwerkern und auch Kaufleuten erfahren können. Nur eben der Künstler Albrecht Dürer kommt nur am Rande vor…
„Anstatt darauf zu schauen“ – so beschreibt die Autorin selbst ihr Vorgehen –, „was Kunstwerke vielleicht vermittels einer zeitlosen ästhetischen Formensprache repräsentiert haben könnten, habe ich Praktiken, persönliche Beziehungen, politische Netzwerke, Marktbeziehungen sowie die Anforderungen und Möglichkeiten verschiedener Arten von Materialien und Objekten selbst untersucht.“ Nun, an „einer zeitlosen ästhetischen Formensprache“ wäre ich gar nicht interessiert gewesen, vielleicht aber wohl an dem Renaissancekünstler Dürer als an einem genialen Menschen, der seine Zeitgenossen anders zu sehen lehrte. Aber diese Seite Dürers wird überhaupt nicht thematisiert. Allerdings: Ein schlechtes Buch ist „Dürer im Zeitalter der Wunder“ deshalb nicht. Die Autorin muss viele, viele Stunden in Archiven und Bibliotheken verbracht haben, wo sie Korrespondenzen durchsah und die Arbeitsweise von Kaufleuten minutiös recherchierte. Das Ergebnis ist eine sehr farbige und realistische Schilderung ihres Lebens.
Im ersten von vier Teilen erzählt Rublack das Leben Dürers am Leitfaden einer Auseinandersetzung mit einem Auftraggeber, dem Frankfurter Kaufmann Jakob Heller (1460–1522), dessen Leben nicht weniger ausführlich dargestellt wird als das Dürers. Heller war sehr vermögend, aber seine Ehe blieb kinderlos, und das war für ihn ein Grund, einen Flügelaltar in Auftrag zu geben, der sein Andenken in einem Frankfurter Dominikanerkloster bewahren sollte. Leider ist dieses Werk verschollen – „Dürer’s Lost Masterpiece“ lautet der Titel deshalb im Englischen –, so dass wir es allein aus einer Kopie kennen. Mitarbeiter Dürers an diesem Altar war noch der in Aschaffenburg ansässige Matthias Grünewald.

Dürer, Grünewald, Harrich (Kopist): Der Heller-Altar, 1507–1509, Städel, Historisches Museum Frankfurt/M. Foto: Eva Kröcher. Lizenz: CC BY-SA 3.0
Es geht also nicht etwa um die Deutung dieses Kunstwerkes, sondern ganz im Zentrum stehen die finanziellen Auseinandersetzungen von Auftraggeber und Künstler, die sich in einem regen, nicht immer freundschaftlichen Briefwechsel niederschlugen. Großen Wert legt die Darstellung auf die Rhetorik Dürers, der in seinen Briefen auf vielfältige Weise den Wert seines Bildes betont. Aber kann bereits das Hochtreiben des Preises „der Schlüssel zum Zeitalter der Renaissance“ sein? So sieht es die Autorin, aber ging es wirklich um nichts anderes? Das, was sonst bei der Darstellung dieser Epoche im Zentrum steht – die Entdeckung der Perspektive, die Bedeutung der Individualität wie der Landschaft, die „widererwaxung“ der Antike – spielt hier eine ganz untergeordnete Rolle. Es ist interessant, mit welcher Akkuratesse die Autorin den Produktionsprozess beschreibt – damit ist aber nicht die Konzeption des Bildes gemeint, wenn wir einmal von der Selbstdarstellung Dürers absehen, der sich sehr selbstbewusst in das Zentrum des Gemäldes stellte. Vielmehr schildert Rublack die sorgfältige Vorbereitung von Holz und Leinwand ebenso wie die Mischung der Farben – welche Grundstoffe Dürer verwendete, wie er sie mischte, woher er sie bezog und wieviel er dafür zahlen musste. Auch in späteren Teilen stehen diese Aspekte im Mittelpunkt: technische, im Grund handwerkliche Aspekte.
In den folgenden drei Kapiteln wird Dürer gelegentlich erwähnt, aber vielleicht nur, um den Buchtitel irgendwie zu rechtfertigen. Denn wenn im dritten Teil die Jagd eines Kunstagenten nach Werken Dürers geschildert wird, geht es ja gar nicht um diesen selbst oder um den ästhetischen Gehalt seiner Bilder, sondern um die Darstellung des aufblühenden Kunstmarktes. Darum dreht sich bereits der zweite Teil, in dem Hans Fugger (1531–1598) im Mittelpunkt steht, der märchenhaft reiche Kaufmann und Kreditgeber der mächtigsten Herrscher seiner Zeit. Dessen Leidenschaft für Kleidung oder nicht ganz billige kunsthandwerkliche Gegenstände aller Art wird in extenso dargestellt. Fugger nutzte seine vielfachen Verbindungen, um seine eigenen Wünsche wie jene seiner Kunden zu befriedigen, und eben damit erreichen wir ein Ziel dieses Buches, das die so unerhört folgenreiche Vernetzung von Händlern und Kunden weit über ihre Heimat hinaus aufzeigt.

Dominicus Custos (1560–1612): Hans Fugger, 1618. Foto (rechts): Unbekannter Graveur: Philipp Hainhofer, ca. 1610. Gemeinfrei
Wir sehen, wie aus allen Teilen der Welt interessante Objekte nach Europa geschafft wurden, und verstehen, welche Bedeutung Bildung überhaupt, besonders aber das Erlernen von Fremdsprachen in dieser Epoche gewann. Für die meisten Leser wird es überraschend sein, wie kultiviert und gebildet viele Kaufleute angesichts ihrer anspruchsvollen Kundschaft sein mussten. Noch deutlicher wird das im dritten Teil, in dem Philipp Hainhofer (1578–1647) vorgestellt wird, ein offenbar extrem sprachbegabter, äußerst umtriebiger Kaufmann aus Augsburg, der quer durch Europa reiste und mit Vermittlungstätigkeiten aller Art ein großes Vermögen aufbaute, das sich allerdings im dreißigjährigen Krieg wieder verflüchtigen sollte.
Hainhofer half Fürsten und schwerreichen Bürgern bei Aufbau und Vergrößerung ihrer Kuriositätenkabinette. Bei dem Aufbau dieser bunten Sammlungen berührten sich verschiedene Motive: die Eitelkeit ihrer Besitzer, die sich selbst als vermögend und dazu kultiviert darstellen wollten, vielleicht aber auch wirkliches, wenngleich meist auf Äußerlichkeiten gerichtetes Interesse, das sich nur allmählich zu einer wirklichen Bildung formen sollte. Eigentlich hätte erst die Ordnung einer Sammlung die gedankliche Durchdringung der Objekte und ihren Zusammenhang dokumentiert. Tatsächlich muss Rublack feststellen, dass Hainhofers Beschreibung des Kabinetts von Maximilian I. von Bayern „die bemerkenswerten Gegenstände von Raum zu Raum [aufzählt], ohne den Eindruck einer sinnvollen Ordnung oder eines übergreifenden Programms zu erwecken“. Wer will denn heute entscheiden, ob das an der chaotisch präsentierten Sammlung oder am verständnislosen Berichterstatter lag?
Mit alldem ist das Ziel dieses Buches erreicht, sein eigentliches Interesse: es sind die Kabinette. Auch Fugger und Haindorfer waren passionierte Sammler. Das Buch schildert detailliert und ausführlich, wie sich die Sammler „Museen“ einrichteten, in denen sie sehr, sehr bunte Kollektionen von teils natürlichen Merkwürdigkeiten, teils ästhetischen oder kulturgeschichtlich interessanten Artefakten zusammenstellten. „Kulturelle Aneignung“ galt noch nicht als Sünde, sondern das Ausrauben sowohl der Völker des Nordens als auch Afrikas, Asiens oder beider Amerika war eine Selbstverständlichkeit, über die sich niemand Gedanken machte.
Nicht allein exotische Gegenstände wurden ihrem Kontext entrissen, sondern auch Kunstwerke wie das im ersten Teil geschilderte Bild Dürers. Weil sie einer Sammlung einverleibt wurden, verloren sie ihren ursprünglichen Ort. Damals begann ein Prozess, der in den Museen unserer Zeit (und gelegentlich sogar in den Kirchen) endet, in denen wir Altären nur noch als ästhetischen Objekten begegnen. Dieses Absehen von dem eigentlichen Sinn dieser Kunstwerke, die doch eigentlich Kultgegenstände waren oder sind, kulminiert darin, dass bei einem spätmittelalterlichen Altar die Werkgeschichte wichtiger scheint als seine Einheit. Eben gerade musste ich sehen, wie zwei lange verschollene Flügel neben einem Altar abgestellt wurden, um die Odyssee dieser Objekte in Erinnerung zu rufen. Also nicht einmal als ästhetisches Objekt darf dieser Altar seine Einheit behalten!
Die fanatische Sammelleidenschaft war in vielen Fällen sicherlich eine ganz äußerliche Protzerei, und sie muss den ausgeraubten Ländern furchtbar geschadet haben; aber andererseits war sie auch treibendes Motiv europäischer Bildung und Kultur. Noch wurde nicht systematisch gesammelt und nur selten wirklich mit den Objekten gearbeitet, wie es spätere Jahrhunderte tun sollten, die Herkunft und Sinn erforschten oder die Artefakte und natürlichen Gegenstände vielleicht auch nur sorgfältig beschrieben. Immerhin, in Hainhofers Briefwechsel, aus dem die Autorin immer wieder zitiert, finden sich bereits die Anfänge einer solchen Auseinandersetzung.
Aber auch wenn die Bildung Hainhofers eine Ausnahme darstellte, so war das exzessive Sammeln doch der Keim einer umfassenden und vernetzten Bildung, die im 17. und 18. Jahrhundert in gewaltige Enzyklopädien münden sollte (in Deutschland in den „Zedler“, 1731–1754, bis heute eine echte Fundgrube barock-verzopften Wissens) und so das Fundament humanistischer Kultur bildete. Auch wenn Ethnologen und Kulturwissenschaftler heute anders vorgehen, so profitieren sie doch immer noch von den Überresten solcher Kabinette. Mit ihrem Buch verändert Rublack unseren Blick auf diese Zeit, weil sie der Arbeit der Kaufleute Gerechtigkeit widerfahren lässt – eine Arbeit, die heute nur noch von Ethnologen geleistet wird. Von den Aufzeichnungen Hainhofers nach seinem Besuch bei Wilhelm, dem bayrischen König im Ruhestand, sagt Rublack: „genau genommen der einzige ordentliche Bericht, der je von einem Besucher hinterlassen wurde und erhalten ist.“
Die Detailversessenheit der Autorin führt gelegentlich zu Längen, und außerdem hätte es nicht geschadet, zumindest hin und wieder im Original zu zitieren, nicht immer in einem modernisierten und entsprechend glatten Deutsch – das hätte uns eine doch sehr ferne Epoche noch einmal nähergebracht. Aber trotzdem ist es die beeindruckende Studie einer sehr gelehrten Autorin, die eine Seite der Frühen Neuzeit schildert, die ich in dieser Weise noch nirgendwo gefunden habe.
Ulinka Rublack: Dürer im Zeitalter der Wunder. Kunst und Gesellschaft an der Schwelle zur globalen Welt.
Aus dem Englischen übersetzt von Natasja S. Dresler.
Klett Cotta
Hardcover: 640 Seiten, eBook
ISBN 978-3608987218
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