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Edmund Husserl. Foto: gemeinfrei

Christian Beyers Einführung in Husserls Philosophie stellt ihn als analytischen Philosophen dar.

 

Edmund Husserl (1859–1938) ist vielleicht der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts – das Werk Heideggers, Sartres und unzähliger anderer ist, ohne die von ihm begründete Phänomenologie, nicht zu denken. Selbst auf Philosophen, die ihm nicht folgen mochten, übte er großen Einfluss aus. Aber sein Werk ist mehr als sperrig, denn er hat sich niemals um Popularität bemüht, sondern selbstvergessen seine Überlegungen vorangetrieben. Kaum eine Philosophie ist komplizierter und tiefgründiger, und deshalb wiegt der Mangel an guten Einführungen schwer.

 

Immerhin: Es gibt welche. Kommt jetzt noch ein weiteres Buch dazu, kann Christian Beyer uns also helfen, Husserls Philosophie besser zu verstehen?

 

Christian Beyer Husserls Philosophie COVERFraglos verfügt Beyer über eine intime Kenntnis der Philosophie Edmund Husserls. In der online frei einsehbaren „Stanford Encyclopedia of Philosophy“ von der gleichnamigen kalifornischen Universität stammt der einschlägige Artikel über Husserl von ihm. Er hat ihn selbst übersetzt, und jetzt nimmt dieser Artikel die ersten fünfzig Seiten des Buches ein. Damit ist auch der philosophische Standpunkt Beyers klar, denn die „Stanford Encyclopedia“ sieht sich mit Haut und Haaren der analytischen Philosophie verpflichtet.

Gleich auf den ersten Seiten seines Buches stellt Beyer ganz im Sinne dieser philosophischen Schule die Analyse von „sprachlichen Manifestationen“ in das Zentrum seiner Darstellung. Wird damit der Blick von vornherein nicht etwas zu sehr verengt? Kurz zuvor – aber wirklich nur beiläufig – betont der Autor, dass das erste der Hauptwerke Husserls, die „Logischen Untersuchungen“ von 1900, „einen energischen Angriff auf den Psychologismus“ enthält, ohne dass er aber seinen Lesern verrät, was unter Psychologismus zu verstehen sei und welche Bedeutung Husserls Angriff unter philosophiegeschichtlichen Aspekten besitzt. Erst in dem zweiten Aufsatz des Buches greift er dieses Thema auf.

 

Aber es ist eben die Widerlegung des Psychologismus, die zunächst und vor allem die überragende Bedeutung der „Logischen Untersuchungen“ ausmacht. Husserls Ehrgeiz war es, der Philosophie ein festes methodisches Fundament jenseits von Materialismus und Naturalismus zu geben. In der wenige Jahre nach den „Logischen Untersuchungen“ erschienenen schmalen Schrift „Philosophie als strenge Wissenschaft“ bezeichnet er die Phänomenologie als „Wesensanalyse des Bewußtseins“ und unterscheidet sie von einer „Naturwissenschaft vom Bewußtsein“. Die Psychologie habe es mit dem „empirischen“, die Phänomenologie mit dem „reinen Bewußtsein“ zu tun; die Phänomenologie erforscht ideale Gesetze des Denkens, wogegen sich die Psychologie dem tatsächlichen Denken widmet. In seinen beiden Büchern vor den „Logischen Untersuchungen“ sah er sich noch selbst dem Psychologismus verpflichtet.

 

Unter Psychologismus wird die Verwechslung der logischen Gesetze mit empirisch begründeten Denkgewohnheiten verstanden. Die evolutionäre Erkenntnistheorie, von Konrad Lorenz in „Die Rückseite des Spiegels“ (1973) initiiert, ist eine ihrer Varianten, und heute werden ihre Irrtümer besonders von dem populären Daniel Dennett vertreten. Aber sie selbst ist viel älter. Der englische Empirist David Hume meinte im 18. Jahrhundert nachweisen zu können, dass die Vorstellung der Kausalität auf einzelne Beobachtungen zurückgehe, die sich verallgemeinern lassen, und dass entsprechend auch die Gesetze der Mathematik und der Geometrie auf sinnlich gegebene Einzelfälle zurückgeführt werden könnten. Husserl dagegen zeigt in den „Logischen Untersuchungen“, dass bereits Begriffe wie „jeder“ oder „alles“ niemals empirisch gegeben sind – wir können so viele Erfahrungen machen, wie immer wir wollen, es besteht immer die Möglichkeit einer Abweichung, und deshalb kann absolute Sicherheit niemals auf diese Weise entstehen. Und natürlich gilt das auch für die Kategorie der Kausalität, für die andere Philosophen den Nachweis erbrachten, dass sie jeder Erfahrung bereits zugrunde liegt, also unmöglich aus dieser stammen kann.

 

John Stuart Mill by John Watkins 1865Verantwortlich für die starke Stellung des Psychologismus war der englische Philosoph John Stuart Mill (1806–1873) mit seinem „System of Logic“ (1843). Unter dem Einfluss dieses Buches sah sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland eine starke Fraktion der Universitätsphilosophen dem Psychologismus verpflichtet. Es waren viele, aber mitnichten alle. Denn selbstverständlich argumentierten einige wichtige Köpfe dagegen; außer Husserl, der sich noch in seiner „Philosophie der Arithmetik“ (1891) an Mill angelehnt hatte, war es besonders Paul Natorp, ein bedeutender akademischer Lehrer und zu seiner Zeit von enormem Einfluss. „Ist es denn nicht mit Händen zu greifen“, fragt er, wo „die Einheit des Fundamentes der Erkenntnis zu suchen ist und wo nicht? Nicht in der Unendlichkeit der Gegenstände der Erkenntnis, sondern in den eigenen inneren Gesetzen der Erkenntnis selbst.“ Das hätte auch Husserl schreiben können, und es verwundert nicht, dass der erste Rezensent seiner „Logischen Untersuchungen“, von dem er sich verstanden fühlte, Natorp gewesen ist. In seiner Rezension fasst Natorp den Haupteinwand gegen den Psychologismus so zusammen: „Man verwechselt logischen Grund und kausale Verursachung, indem man aus dem logischen Grund einen Denkzwang macht. Kein logisches Gesetz involviert eine Thatsache oder ist ein Gesetz für Thatsachen.“

 

Im 33. Paragrafen seiner „Monadologie“ unterscheidet Leibniz „Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten“. Zu dieser Unterscheidung kommt er in einem Satz von seltener Klarheit und größtmöglicher Allgemeinheit: „Die Vernunftwahrheiten sind notwendig, und ihr Gegenteil ist unmöglich: die Tatsachenwahrheiten sind zufällig, und das Gegenteil ist möglich.“ Der Mathematiker Husserl sah sich den Vernunftwahrheiten und nur ihnen verpflichtet, und Ausdruck dieses Selbstverständnisses ist die phänomenologische Methode, die er in der Folgezeit entwickelte. Diese allerdings besitzt ihre eigene Problematik. Denn wie gelangt der Phänomenologe zu seinen allgemeinen Wahrheiten? Mit der Hilfe der „ideierenden Abstraktion“, die Husserl in der VI. seiner „Logischen Untersuchungen“ beschreibt und in welcher, so sein Anspruch, „statt des unselbständigen Moments seine ‚Idee‘, sein Allgemeines zum Bewußtsein, zum aktuellen Gegebensein kommt.“ Aber obwohl das Ideale zum „Gegebensein“ kommt, kann es nicht wahrgenommen werden, denn das Wahrgenommene ist prinzipiell immer das Vereinzelte, das Reale – eine Tatsachenwahrheit. Wie aber könnte (wie kann…) eine Tatsache Allgemeinheit für sich beanspruchen? Wie kann es zur „Evidenz“ kommen?

Nicht alle mochten sich Husserls Methode anschließen. Besonders umstritten ist der Begriff der „Evidenz“. Beinhaltet er mehr als ein Sich-berufen darauf, dass man sich seiner Sache sehr, sehr sicher sei? Dann würde Husserls Gedankengang seinen eigenen Ansprüchen nicht genügen. Könnte es sein, dass es sich bei der Evidenz um ein psychologisches, um ein empirisch fassbares Element handelt? „Im laxeren Sinne“, so erläutert Husserl, „sprechen wir von Evidenz, wo immer eine setzende Intention (zumal eine Behauptung) ihre Bestätigung durch eine korrespondierende und vollangepaßte Wahrnehmung, sei es auch eine passende Synthesis zusammenhängender Einzelwahrnehmungen, findet.“ In diesem Fall sei der „Akt dieser vollkommensten Erfüllungssynthesis“ evident. Gelingt es ihm mit diesen Worten, seinen Begriff der Evidenz als etwas darzustellen, das mehr ist als das Gefühl einer subjektiven Gewissheit?

 

Im zweiten Kapitel, das Husserls Begriffe darstellt, kommt Beyer auf diesen Punkt zu sprechen, ohne ihn schon hier ausführlich zu diskutieren. Das geschieht erst im letzten Abschnitt, in dem er dekretiert (und er hat mit seiner Kritik gewiss recht), „dass diese Auffassung als allgemeine Wahrheitstheorie undurchführbar ist.“

 

Zunächst konzentriert er sich auf das erste Werk Husserls, die „Philosophie der Arithmetik“ (1891), das noch nicht zum Kernbestand von Husserls phänomenologischen Schriften gezählt wird und auch, weil sein Autor damals unter dem Einfluss John Stuart Mills stand, psychologistisch argumentiert. Beyer geht es aber um den Nachweis, dass bereits hier, in diesem frühen Buch, wesentliche Motive der Phänomenologie auftauchen. Das gilt besonders für die „okkasionellen Begriffe“, die sich auf die Position des Sprechers beziehen und in den „Logischen Untersuchungen“ (1900) eingeführt werden. Es handelt sich dabei um Wörter, die ihre „jeweils aktuelle Bedeutung nach der Gelegenheit, nach der redenden Person und ihrer Lage“ orientieren. So besitzen Personalpronomina oder Begriffe wie „hier“ und „jetzt“ keinen objektiven, keinen gleichbleibenden Sinn. „Das Wort ich“, erläutert Husserl, „nennt von Fall zu Fall eine andere Person, und es tut dies mittels immer neuer Bedeutung.“

 

In den folgenden fünf Kapiteln – es sind also insgesamt sieben – geht Beyer das Gesamtwerk Husserls chronologisch durch – „Husserls Konzeption des Bewusstseins“ wird ebenso dargestellt wie die „Einfühlung“ oder die wesentlichen Gedanken seiner „Ideen“ von 1913. Leider sind diese Kapitel nur oberflächlich miteinander verbunden und auch stilistisch unterschieden – das Buch scheint eine Zusammenstellung von wissenschaftlichen Aufsätzen im Jargon der analytischen Philosophie zu sein, aber manch Kapitel mag auch den Text eines Vortrages wiedergeben. So kommt es nicht zu einem wirklichen Lesefluss; so kann es nicht zu ihm kommen. Es gibt keinen Gedanken, der sich durch das ganze Buch zieht und sich dabei differenziert und entwickelt, sondern es handelt sich eher um eine Fülle von Beobachtungen und Argumenten, die für sich genommen interessant sind, aber nur sehr bedingt eine Einheit bilden. Dabei lässt sich an Husserls Werk sehr schön zeigen, wie die Fortschritte seiner Argumentation zu immer neuen Fragen führen, wie das eine abgeschlossene Werk einen Horizont von Problemen eröffnet, die in dem folgenden Buch behandelt werden.

 

Das sechste und damit vorletzte Kapitel ist der Ethik Husserls gewidmet, die dieser in keinem eigenen Werk, sondern nur in Vorlesungen vorgetragen hat. Bereits deshalb konnte sie keine Wirkung entfalten. Wer an eine phänomenologische Ethik denkt, dem steht deshalb eher Max Schelers epochales Formalismus-Buch von 1913/16 vor Augen, das ohne den Einfluss Husserls gar nicht denkbar gewesen wäre. Obwohl die Argumentation Husserls, so wie Beyer sie zusammenfast, dem Gedankengang Schelers weitestgehend entspricht (wer beeinflusste hier wen?), sieht dieser sich mit keiner Silbe erwähnt – und doch war er es, der die „formalen Gesetze der Axiologie“ (Wertwissenschaft) formulierte, auf die Husserl laut Beyer zielte.

Scheler wird also ebenso wenig erwähnt wie zuvor Natorp. Dagegen zieht sich die Auseinandersetzung mit vergleichsweisen zweit- oder drittrangigen englischsprachigen Autoren durch das ganze Buch. Viel besser wäre es gewesen, hätte der Autor sich darum bemüht, Husserls Philosophie in ihrer Wirkung zu beschreiben, also die Gedankengänge und Forschungen seiner Schüler wenigstens anzudeuten oder zu zeigen, inwiefern die Gestaltpsychologie der zwanziger Jahre auf ganz anderen Wegen zu ähnlichen Ergebnissen kam oder was ihn mit Scheler, Heidegger und anderen Großen verband und von ihnen trennte.

 

Was versteht Beyer unter analytischer Philosophie? Er schließt sich einem norwegischen Autor namens Dagfinn Følledal an, Professor in Stanford, der es sich leicht macht und jede gute Philosophie als analytisch ansieht: „Analytisches Philosophieren beruht auf Argumentation und vernünftiger Begründung, die wiederum zur Klarheit und Verständlichkeit (Interpretierbarkeit) der vertretenen Thesen beiträgt.“ Das ist mindestens ein Euphemismus, vielleicht aber auch nur ein (etwas peinliches…) Eigenlob, das nichts zur Klärung der Sache beiträgt. Wäre diese Beschreibung in irgendeiner Weise nützlich, dann fiele auch das obige Leibniz-Zitat darunter – dann wäre also auch Leibniz ein analytischer Philosoph avant la lettre gewesen, ja, dann wäre jede gelungene Philosophie analytisch.

 

Es ist die Kernthese dieses Buches, dass Husserl im Grunde seines Herzens ein analytischer Philosoph gewesen sei und entsprechend gelesen werden müsse. Für mich ist das sehr verwirrend. Denn gibt es nicht diese schöne Passage aus den „Ideen“, die seinen Abstand zu einer philosophischen Richtung markiert, die ganz auf saubere und trennscharfe Definitionen fokussiert ist? Wer gegen die Vagheit der philosophischen Grundbegriffe polemisiert (eben das ist das Kerngeschäft der analytischen Philosophen), so heißt es in den „Ideen“, weiß offenbar nicht, dass in den Geisteswissenschaften die „Vagheit der Begriffe, der Umstand, daß sie fließende Sphären der Anwendung haben, kein ihnen anzuheftender Makel“ ist. Wie man sieht, war Husserl von der Definitionswut der analytischen Philosophie denkbar weit entfernt. Aus solchen Überlegungen schloss Heidegger (und gab damit auch die Überzeugung Husserls wieder), dass „alle Wissenschaften vom Lebendigen, ge­rade um streng zu bleiben, notwendig unexakt sein“ müssen. Damit war und ist der größtmögliche Abstand zur analytischen Philosophie markiert.

 

Beyer ist nicht nur ein intimer Kenner der Philosophie Husserls, sondern auch redlich genug, auf die eben zitierten Passagen selbst zu verweisen – allerdings ohne auf die von Husserl eingeforderte „Vagheit“ tatsächlich einzugehen oder sie sich gar zu eigen zu machen. In seinem Kommentar zeigt er, wie viele Gedanken der analytischen Philosophie Husserl vorweggenommen hat, und sieht ihn damit in den erlauchten Kreis dieser philosophischen Richtung aufgenommen, dem Widerspruch von ungenannt bleibenden „selbsterklärten analytischen Philosophen“ zum Trotz, die Husserl lieber nicht dazurechnen wollen.

 

Angesichts dieser eigenwilligen Deutung der Phänomenologie scheint das Buch, obwohl verfasst von einem sehr sachkundigen Autor und trotz einiger schöner Analysen, eher für Fachleute, denn als Einführung geeignet.


Christian Beyer: Husserls Philosophie

Felix Meiner 2025

212 Seiten

ISBN: 978-3787349227

- Weitere Informationen (Verlag)

- Leseprobe (PDF)

- Weitere Informationen (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

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