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Was brachte Thomas Mann dazu, ein bizarres Werk Hartmanns von Aue ( 1210/1220) in einem heiter-ironischen, fast schon frivolen Stil nachzuerzählen?

Was den mittelalterlichen Dichter an der Geschichte des Gregorius interessierte, wird aus dem Prolog deutlich, in dem er in ganz einfachen, sogar naiven Worten das Problem von Schuld und Sühne umkreist.

Theologen schon der damaligen Zeit werden wohl die Stirn gerunzelt haben… Anders als Thomas Mann ist Hartmann von Aue durch und durch Christ, und von einer – gar ironischen – Distanz zu seinem Stoff ist selbstverständlich nichts zu spüren. In den der eigentlichen Erzählung vorangestellten Versen warnt Hartmann sowohl vor dem Zweifel am Heil (desperatio, zwîvel) als auch vor einer selbstgefälligen Heilserwartung (praesumptio, vürgedanc) als den beiden Extremen, die das Verhältnis eines Sünders zu Gott bestimmen. Nein, sagt der Dichter, weder dürfe man Gott für kleinmütig halten, noch dürfe man sich darauf verlassen, dass man noch jung sei und deshalb ausreichend Zeit habe, sich zu einem Leben frei von Sünde zu bekehren:

 

„dû bist noch ein junger man,

aller diner missetât

der wirt noch vil guot rât:

dû gebüezest si in dem alter wol“ (V.12 – 16).

 

Und dann erzählt Hartmann seine Geschichte vom guten Sünder Gregorius. Als Frucht einer inzestuösen Beziehung zwischen zwei fürstlichen Geschwistern wird er, nur wenige Wochen alt, in einer Kiste auf dem Meer ausgesetzt. Von einem Mönch am Strand aufgefunden, wächst er bei armen Fischersleuten auf, erhält aber im nahen Kloster eine geistliche Ausbildung. Trotzdem möchte er ein Ritter werden und fährt noch als junger Mensch wirklich aus, wo er auf eine seit Jahren belagerte Stadt trifft. Vor den Toren liegt mit seinem Heer ein Ritter, der unbedingt die schöne Herrin heimführen will. Weil wir uns im Mittelalter befinden, fordert er einzelne Ritter heraus, die er allesamt besiegt und tötet; ihre Hoffnung auf den Besitz einer schönen Frau und zusätzlich einer schönen Stadt bezahlen sie mit ihrem Leben.

 

Bei der Herrin handelt es sich um Sibylla, die Mutter von Gregorius, die, des Inzests wegen von Schuldgefühlen geplagt, nicht daran denkt, die Werbung dieses oder eines anderen Ritters anzunehmen. Von Liebe will sie nichts mehr wissen. Da erscheint Gregorius, also ihr Sohn, für Hartmann der „guote sündære“ (V.2552), der zwar keine Ausbildung als Ritter genossen hat, aber trotzdem den Zweikampf vor den Toren der Stadt besteht und tatsächlich ihr Ehemann wird, womit er das Ausmaß ihrer Sünden ins Unermessliche erhöht. Als sie nach zwei gemeinsamen Kindern den inzestuösen Charakter ihrer Verbindung erkennen, zieht er fort und büßt siebzehn Jahre auf einer kargen Felseninsel. Während sich seine Mutter in der Pflege der Aussätzigen aufopfert, verwandelt er sich in einen „Säugling des Steines“, den Gott auch auf dem Felsen im Meer nicht vergisst (so wie er ihn als auf dem Meer treibendes Kind in der Kiste nicht vergessen hat) und mit einer ganz speziellen Quelle labt – einer „Nährmilch“ aus den Tiefen der Erde, so dass der gute Sünder von der „Mutterbrust“ der Erde gespeist wird.

 

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Nachdem der Papst gestorben ist, kann sich das Konklave nicht auf einen Nachfolger einigen. Zwei geistliche Herren haben eine Vision, die sie von Rom in den Norden führt, wo sie Gregorius auf seiner Insel finden, der sich in siebzehn Jahren in ein halb pflanzenartiges Wesen verwandelt hat, nur „wenig größer als ein Igel“. Merkwürdigerweise gewinnt er in der Obhut der beiden Römer in nur wenigen Minuten seine normale Körpergröße zurück. Er wird Papst – sogar ein besonders guter –, und als seine Mutter von ihm hört, zieht sie nach Rom und wird so erneut mit ihrem Sohn vereint – nur eben nicht länger sündhaft.

 

Was reizt einen Autor des 20. Jahrhunderts, der eben den 2. Weltkrieg hinter sich weiß und darauf 1947 mit einem besonders düsteren Roman reagiert hatte, dem „Doktor Faustus“, an diesem Stoff? Dass christliche Denkmuster helfen können, die Verbrechen und das Elend zu verstehen oder zu bewältigen, kann man wohl glauben; aber die Sünde des Gregorius ist eine ganz andere als jene der Mitläufer, Soldaten oder Verbrecher im 2. Weltkrieg. Schon da sie unwissend geschah, kann man (wie bereits bei Ödipus) gut in Zweifel ziehen, dass es sich überhaupt um eine Untat handelt und er wirklich schuldig geworden ist. Thomas Mann beschwört zwar immer wieder das Außergewöhnliche der Verwicklungen – „diesen ganzen Fall extremer und verschlungener Sündhaftigkeit“ –, aber überzeugter ist der Leser deshalb eigentlich nicht. Warum viele Soldaten oder natürlich Parteigänger Hitlers und Profiteure seiner Gewaltherrschaft in den zurückliegenden Jahren schuldig wurden, das versteht man dagegen leicht und steht diesen Verbrechen ganz anders gegenüber.

 

Der kleine Roman – es ist der kürzeste aus der Werkstatt des Meisters – liest sich ausgesprochen angenehm. Spannend ist er natürlich an keiner Stelle, aber an vielen Stellen musste ich laut lachen, denn Mann sind immer wieder kapriziöse und ironische Wendungen gelungen. Der fiktive, sich bei jeder Gelegenheit ins Rampenlicht drängende Autor – Clemens der Ire – schreibt einen Stil, wie er weniger mittelalterlich unmöglich anmuten könnte: nicht knapp und direkt wie Hartmann, sondern fast rokokohaft-verspielt. Und immer rhetorisch aufgeblasen, ein Erzähler ohne jedes Wortfindungsproblem. Eben Thomas Mann. Schreiben konnte der nun wirklich! Aber trotzdem… Man legt das Buch aus der Hand, fand sich gut unterhalten, gelegentlich vielleicht auch belehrt, aber die Erzählung hat mich an keiner Stelle berührt. Ich habe das Buch ins Regal gestellt – das war es. Dichtungen wie „Parzival“ oder „Tristan“ haben sich mit vielen Szenen tief in mein Gedächtnis gegraben, so dass es nicht das Alter sein kann, das mich kalt lässt. Es ist der unpassende Stil dieser extremen Geschichte. Es ist die Erzählerfigur, es ist Clemens der Ire, der so ungleich weniger gelungen ist als Serenus Zeitblom, der Erzähler des „Doktor Faustus“. Oder es ist der von Thomas Mann beschworene „Geist der Erzählung“, der eingangs des Buches höchstpersönlich die Glocken von Rom läutet.

 

Die Beteuerung, die Schuld des Gregorius sei über alle Maßen groß, wirkt wenig überzeugend. Er wird „das Schandkind“ genannt, der Mann „seiner Mutter, seines Großvaters Eidam, seines Vaters Schwäher, seiner Kinder greuliches Geschwister“, und von ihr wird gesagt, sie sei seine „Mutter, seine Base, sein Weib«, und sie alle »hatten nur einen Leib“. Die Sprache wirkt so verspielt und geziert, dass das Entsetzen über den Inzest nur an ganz wenigen Stellen – falls überhaupt – glaubhaft wird.

 

Jetzt ist im Rahmen der Gesamtausgabe der Text des zuerst 1951 erschienenen „Erwählten“ zusammen mit einem umfangreichen Kommentarband erschienen, schulmäßig bearbeitet von Heinrich Detering und Maren Ermisch. Der Kommentar ist gut doppelt so stark wie der Text des Romans und bietet zunächst die ausführliche, geradezu spannend erzählte Entstehungsgeschichte, um im Anschluss die Quellen vorzustellen, aus denen der Autor schöpfte. Es folgen die Darstellung der Textgeschichte sowie – wiederum sehr ausführlich – der Rezeption. Thomas Mann war in jenen Jahren nicht überall beliebt, und die folgende Stelle aus dem „Doktor Faustus“ zeigt einen der Gründe, warum viele Deutsche ihm kritisch gegenüberstanden. Serenus Zeitblom, der Erzähler des Romans, kommentiert die Bombenangriffe auf deutsche Städte mit der Bemerkung, er teile „mit einem nicht geringen Teil der Bevölkerung, auch der am schwersten betroffenen und heimatlos gemachten, […] die Empfindung, daß wir nur empfangen, was wir ausgeteilt haben“. Diese Haltung durchzieht das ganze Buch und bestimmte die Äußerungen des Autors, und das kam nicht gut an. So ging die Kritik nicht eben freundlich mit dem Buch bzw. dem Autor um.

 

Endlich bietet der Stellenkommentar Erläuterungen aller Art, von denen viele notwendig sind. Denn es finden sich immer wieder lateinische Einschübe, die übersetzt werden, oder der Kommentar entschlüsselt Hinweise auf die Bibel oder verweist auf die gelegentlich etwas abseitige Literatur, die Thomas Mann zu Rate zog. Der Autor hat, von dem großen ungarischen Mythenforscher Karl Kerényi (1897 – 1973) und noch anderen Fachleuten unterstützt, enorm viel Arbeit in den kleinen Roman investiert, und die Herausgeber haben es ihm gleichgetan und bieten eine Fülle von interessanten und nicht selten wirklich überraschenden Informationen. Nur ein Beispiel von vielen ist die Bedeutung, die Gemälde des spätgotischen Meisters Konrad Witz (1400-1446) für Thomas Mann gewannen. Eines von dessen Bildern, das „Ulmer Verlöbnis“, hing als Reproduktion in Manns Arbeitszimmer, von einem anderen – einer „Verkündigung“ – lesen wir, dass es ihm als Vorlage für die Schilderung der Sibylla diente.

 

Schon die Entstehungsgeschichte – die zu Ende des 19. Jahrhunderts, in Thomas Manns erster Münchner Zeit, einsetzt! – ist in jeder Phase interessant zu lesen. Ebenso interessant ist die ausführlich dokumentierte Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf den Roman, die kaum unfreundlicher hätte ausfallen können. Von den Herausgebern wird sie als Unstimmigkeit zwischen Mitläufern und dem Exilanten gedeutet und damit von vornherein marginalisiert oder (was nur zu oft auch gestimmt haben mag) als Angriff auf die Person des Autors gedeutet, nicht als sachliche, eventuell sogar begründete Kritik. Und es stimmt ja, dass auf Thomas Mann ein großer Teil des deutschen Feuilletons außerordentlich gereizt reagierte, aber es muss die Frage erlaubt sein, ob die Kritik an dem Roman nicht vielleicht doch sachliche Anhaltspunkte besaß und zumindest in Teilen berechtigt war.


Hartmann von Aue: Gregorius: Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch

Übersetzung: Waltraud Fritsch-Rößler. Reclam Verlag 2011

325 Seiten

ISBN 978-3150187647

 

Thomas Mann: Der Erwählte. Text und Kommentar in einer Kassette

(Thomas Mann, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher, Band 11) Fischer Verlag 2022

864 Seiten

ISBN 978-3100483423

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