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Ein faszinierender Roman – traurig, tragisch und schön.

Es ist kurz vor Weihnachten 1939. Vor dem Bahnhof von Genthin in Sachsen-Anhalt kommt es drei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und zwei Tage vor Heiligabend in einer eiskalten Nacht zum schwersten Zugunglück, das sich jemals auf deutschem Boden ereignet hat. Zwei Züge prallen aufeinander, hunderte Menschen sterben und hunderte werden verletzt.

Dennoch war dieses Unglück lange Zeit vergessen. Anfang der 90er erfuhr der 1946 in Genthin geborene Autor Gert Loschütz von dieser Katastrophe. Die Sache interessierte ihn und er begann zu recherchieren. So entstand sein Roman „Besichtigung eines Unglücks“, der für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert und im November mit dem Wilhelm Raabe Preis ausgezeichnet wurde. „Niemand hatte ein großes Interesse daran, die Sache bekannt zu machen“, erklärte Gert Loschütz bei der Lesung aus seinem Roman im Rahmen der LiteraturNord in der Lübecker Buchhandlung Hugendubel. Denn die Zeiten waren nicht danach. Krieg und Chaos beherrschten die Tagesordnung.

 

„Es ist ein Buch, das einem beim Lesen oft den Atem nimmt“, bekannte Buchhändlerin Martina Dusollier, die Autor und Buch vorstellte. „Als ich zu schreiben anfing, dachte ich, ich werde Lyriker“, erzählte Gert Loschütz dem Publikum. Und so war es zunächst. Allerdings für kurze Zeit. Seit den frühen 1970er Jahren schreibt der mittlerweile 75jährige, der selbst aus Genthin stammt, Romane, Theaterstücke, Hörspiele, Fernsehspiele und Übersetzungen. Bei der Recherche über das Zugunglück begab er sich auch auf Spurensuche in der eigenen Familie. Erste Rechercheergebnisse flossen vor gut 20 Jahren in ein Hörspiel über das Zugunglück. Das Thema habe ihn seitdem nicht mehr losgelassen, so der Autor. Lust kam auf, der Historie Fiktives hinzuzufügen und aus dem Ganzen einen Roman zu machen. Und so geschah es. Zig Akten hat der Autor dafür im Laufe der Zeit durchgelesen, zig Notizbücher vollgeschrieben. „Ich hatte in jeder Phase die Geschichte im Kopf. Ich arbeite immer auf das Ende hin.“ Im Roman macht sich Protagonist Thomas Vandersee mit Hilfe von Autor Loschütz an die Rekonstruktion des Zugunglücks. Auch er sichtet Polizeiakten, Bahnprotokolle, Briefe, Rechnungen, Wetteraufzeichnungen.

 

„Zwei Tage vor Heiligabend, zwölf Grad minus, 0 Uhr 53. Die Stadt, die Dörfer in tiefem Schlaf. Kein Mond, keine Sterne, der Himmel bedeckt, ein wenig Schnee. Dann der harte metallische Schlag, Eisen auf Eisen, das Kreischen der sich ineinander bohrenden Wagen, das Knirschen der sich stauchenden Bleche, das Krachen und Splittern zerberstenden Holzes. Alles in eins. Mit einer solchen Gewalt, dass es im Umkreis von zehn Kilometern zu hören ist. Die Leute schlafen und schrecken aus dem Schlaf hoch. Dann wieder Stille. Noch tiefere Stille.“ So sachlich und zugleich poetisch beschreibt Loschütz die Tragödie. Und wenig später den Hergang der Katastrophe: „Am späten Abend verlassen zwei Züge den Bahnhof. Der Schnellzug D 10 in Richtung Köln und der Schnellzug D 180 in Richtung Neunkirchen.“ Beide Züge fahren pünktlich ab. Aber keiner wird sein Ziel erreichen. „Der D180 prallt mit voller Geschwindigkeit auf den D 10. 196 Menschen sterben am Unfallort, beziehungsweise in den Tagen danach. Und hunderte werden verletzt. […] Hätte der Mann im Stellwerk das Haltesignal vier Sekunden später gegeben, wäre es nicht zum Unglück gekommen.“

 

Zum ersten Mal erfuhr Gert Loschütz von der Katastrophe durch einen Artikel aus den 80ern in der Zeitschrift „Der Eisenbahnfreund“, der ihm von einem gewissen Herrn Weidenkopf zugeschickt worden war. Dieser hatte einen Beitrag Loschütz in einem Reisemagazin gelesen, der ihm gut gefiel. Herr Weidenkopf entnahm den biographischen Angaben über den Autor, dass dieser aus Genthin stammte und nun „erlaube er sich, mich auf ein Ereignis hinzuweisen, das weitgehend in Vergessenheit geraten sei: das große Zugunglück von 1939.“ Das war der Anfang seiner großen Recherche.

 

Im Archiv der Deutschen Bahn und örtlichen Archiven fand Loschütz die Quellen für sein Theaterstück, das 2001 erschien - und für sein aktuelles Buch. Das Zugunglück nahm der Autor auch zum Anlass, große Themen wie Schicksal, Schuld, Liebe und Lebenslügen zu behandeln. Obwohl akribisch recherchiert und die Darstellung des Unglücks sich an ermittelte Daten hält, ist dieses Buch letztendlich ein fiktives: Namen und Charaktere der handelnden Personen, insbesondere des Lokpersonals und der zum Unglückszeitpunkt beim Bahnhof Genthin Beschäftigten, sind frei erfunden, ebenso die der Polizei- und Ermittlungsbeamten. Die im Buch geschilderten persönlichen und fiktiven Schicksale stehen für Wahrheit und Erfundenes, für Wirklichkeiten und Möglichkeiten. Fakten und Fiktionen werden auf kunstvolle Weise miteinander verbunden.

 

Vom Zufall hält der Autor allerdings nicht viel, wie er im Gespräch mit Buchhändlerin Dussolier erkennen ließ. Im Roman heißt es zum Thema Zufall unter anderem: „Er existiert unabhängig von ihnen (den handelnden Personen) als lächelnder Dämon, der ebenso die Lostrommel der Lotterie anhält, um über jemandem sein Glück auszuschütten, wie er einem anderen beim Überqueren der Straße einen Wasserkrug aus der Hand schlägt. Ein kleines Missgeschick, nicht weiter erwähnenswert […]“. Von Möglichkeiten hält Gert Loschütz hingegen viel. Was wäre gewesen wenn? ist eine immer wiederkehrende Frage im Buch, die unermüdlich nach Antworten sucht.

 

Gert Loschuetz COVERDas Buch ist in fünf unterschiedlich lange und kurze Teile gegliedert, übertitelt mit „Vier Sekunden“ (Zugunglück), „Carla und Richard“ (Liebe oder Flucht), „Das Violinenfräulein“ (Lisa), „Aus den Notizheften“ (Persönliches) und „Carla“ (Begegnung). Im ersten Teil namens „Vier Sekunden“ werden Unglück, Ermittlungen und mögliche Konsequenzen dargestellt. Schon hier wird die Handschrift des Autors deutlich, werden Fakten und Fiktion literarisch miteinander verwoben. Die Geräusche der Katastrophe, das Kreischen der Bremsen, der Räder, der Knall beim Aufprall der Züge, das Schreien der Verletzten werden ausgespart. Die herrschenden Verhältnisse der damaligen Zeit eher beiläufig erwähnt. Der reine Sachverhalt wird in der Person des Ich-Erzählers Vandersee nahezu emotionslos festgeschrieben. Und wo Fakten in den Akten nicht auffindbar sind, werden Fragen gestellt, Vermutungen angestellt. Alles könnte so, aber auch anders gewesen sein. „Muss sie – Wahrscheinlich – Scheint es – Das sind Worte, die immer wieder auftauchen. Nichts ist sicher, heißt das. Oder dass man nur vom einen aufs andere schließen kann: Wenn das eine so ist, muss das andere so sein“. Immer tiefer dringt Ich-Erzähler und Journalist Thomas Vandersee bei seiner Recherche in die Historie. Die Frage, was wäre wenn, lässt ihn nicht mehr los.

 

„Nicht deine Zeit“, sagt Vandersees Geliebte Yps, als sie die Akten der Recherchearbeit auf seinem Schreibtisch sieht. Das ist der erste Satz des Romans, mit dem alles beginnt. „Aber doch an meine Zeit heranreichend“, erwidert Vandersee und erinnert sich an eine traumatische Begebenheit aus seiner Kindheit, die ebenfalls am Bahnhof von Genthin passierte: Bei der Flucht aus der DDR hebt seine Mutter Lisa ihn durch ein Fenster des überfüllten Zuges. Offenbar tut sie dies, um ihren Sohn Thomas in die Hände fremder Leute zu geben, „weil es ohne mich leichter war, sich durch die Wagentür durchzuzwängen“. Thomas Angst, der Zug könnte ohne sie beide abfahren, ist groß. Zwei Zeitebenen sind betreten, zwei Frauenschicksale nehmen ihren Lauf.

 

Im zweiten Teil „Carla und Richard“ sitzt in einem der beiden Unglückszüge Carla, die schwer verletzt überleben wird.  Zwischen ihr, ahnt der Ich-Erzähler, und seiner Mutter Lisa scheint es eine Verbindung zu geben.  Carla gilt als Halbjüdin, weil sie verlobt ist,mit Richard, einem Juden aus Neuss. Aber nicht er ist ihr Begleiter im Zug, sondern der Italiener Giuseppe Buonomo, der bei dem Unglück ums Leben kommt. Carla überlebt und kommt ins Krankenhaus. Doch wohin wollten die beiden? Wieso reisten sie zusammen? Warum gibt Carla sich im Krankenhaus als Carla Buonomo aus?

 

Die Figuren des Romans werden erst allmählich mit Leben erfüllt. Und doch kommen sie uns jederzeit nahe: Wir füllen die Leerstellen einfach mit unserer Imagination. So handelte auch der Autor. Wenn die Faktenlage nicht mehr hergab, schrieb er im Konjunktiv, stellte Vermutungen an. Was wäre wenn? Wie könnte es gewesen sein? Dabei hat Gert Loschütz alles aufs Genaueste recherchiert. Möglich machten dies insbesondere Unterlagen der Deutschen Bahn, die alle Daten von Reisenden sammelte, um möglichen Schadensansprüchen Überlebender entgegentreten zu können.

 

Im Roman stößt der Erzähler bei seiner Archivarbeit auf eine Reihe von Rechnungen, die an die Bahnhofskasse Genthin gerichtet waren. Darunter auch eine Liste mit Kleidungsstücken, die Carla vom Genthiner Textilkaufhaus Magnus ins Krankenhaus geliefert wurden, „alle mit dem Briefkopf des Kaufhauses Magnus, Moderner Damen und Herrenausstatter und dem Zusatz: Für Carla Finck sowie der handschriftlichen Bemerkung Lieferung erfolgt durch Boten.“ Bei Magnus arbeitete Vandersees Mutter Lisa damals als Lehrmädchen. Zufall? Schicksal? Lisa muss es jedenfalls gewesen sein, die den Auftrag erhielt, der Verletzten, die bei dem Unglück alles verlor, Kleidung zu bringen. Neun Mal, hat Vandersee alias Loschütz ermittelt, besuchte seine Mutter Lisa die schwer verletzte Carla im Krankenhaus. Dort hatte Carla sich als Frau Buonomo ausgegeben, obwohl sie doch mit Richard Kuiper verlobt war. Was versuchte sie zu verbergen?

 

Kann Thomas Vandersee Carlas Geheimnis ergründen? Hängt das Geheimnis womöglich mit seiner eigenen Familie zusammen? Parallel zu Carlas Geschichte erzählt der Autor uns die tragische Liebesgeschichte der eigenen Mutter zu einem Musiker vor dem Hintergrund der historischen Katastrophe. Herausgekommen ist ein unter die Haut gehendes Buch, das auch von Liebe und Verrat handelt – und von einer unbeabsichtigten Vaterfindung.


Gert Loschütz: Besichtigung eines Unglücks

Roman

Schöffling Verlag

336 Seiten. Gebunden. Lesebändchen (auch als eBook)

ISBN: 978-3-89561-157-5

 

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