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Ein eindringliches Zeugnis: Kann man über den Terroranschlag auf das World Trade Center impressionistisch schreiben?

Ja, frau kann. Die in New York lebende Autorin Ellis Avery hat mit ihrem Buch „Die Tage des Rauchs“ ein eher zartes, auf jeden Fall ungewöhnliches Zeugnis des 11. Septembers 2001 und der darauffolgenden Tage hinterlassen. Sie beschreibt das, was bei historischen Ereignissen schnell unsichtbar wird und in Vergessenheit gerät: die Gefühle von Menschen.

 

Ellis Avery F Neil GoldbergWie die ganze Stadt erlebte Ellis an diesem und folgenden Tagen einen Schrecken, mit dem fernab von den Kriegsschau­plätzen dieser Welt niemals gerechnet wird. Das normale Leben endete mit einem Schlag. Tod, Bedrohung und Unsicherheit traten ein. Gefolgt vom Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, um sich zu schützen, sich zu retten, weitere Gewalt zu verhindern und zurückzufinden in eine wie auch immer geartete Normalität. Ellis Avery hat mit ihrem Text einen Weg gefunden, die Empfindungen dieser Septembertage scheinbar privat und mit sanfter sprachlicher Knappheit einzufangen.

 

Durch ihre Zurückgenommenheit stellen diese persönlich wahrgenommenen und beschriebenen Skizzen aus der angegriffenen Stadt ein reales und dennoch sinnbildhaftes Stück Erinnerung dar. Das Besondere an „Die Tage des Rauchs“ ist also genau das, was dieses Buch nicht ist: Es ist keine groß angelegte Reportage, keine detaillierte Analyse, keine politische Denkschrift und kein berichtendes Tagebuch. Der Verlag hat dieses Buch dem entsprechend keinem Genre zugeordnet. Das Cover zeigt unter dem Titel „Die Tage des Rauchs“ lediglich das Datum des Zeitraums, der hier behandelt wird: 11- 21. September 2001. Der Originaltitel (The Smoke Week) wurde 2003 veröffentlicht – bevor Ellis Averys Debüt als Romanautorin weltweit bekannt wurde (The Teahouse Fire, 2006). Nun endlich ist dieses wichtige Zeugnis einer kaum vorstellbaren Katastrophe auf Deutsch erschienen.

Der auch in seiner Form einzigartige Bericht über die Tage rund um den Terroranschlag auf das World Trade Center brachte ihr Lob und Auszeichnungen. Er gilt zudem bei vielen Menschen, die diese Zeit in New York erlebt haben, als besonders treffende Darstellung der Gefühle, die damals in der Stadt vorherrschten. Ellis Avery, die aus ihrem Fenster im Village direkt auf die Zwillingstürme sehen konnte, erzählt von dem, was auf sie und ihre Partnerin und alle in New York hereinbrach. Sie tut dies pointiert und zurückhaltend. Diese Knappheit verleiht dem Text besondere Kraft. Vor allem dann, wenn die Autorin von dem Schock, der Trauer, den Ängsten, dem Aktionismus, dem Betäubt-Sein, der Hilflosigkeit oder der Wut dieser Tage berichtet.

 

Das Buch beginnt mit dem Kapitel „8. September“, das (anders als manch anderes Kapitel) nur einen einzigen Untertitel trägt: „Notfall“. Dieser Notfall beginnt mit einer Party. Es ist ein recht harmloser Notfall, den ein kleiner Junge auslöst, so dass die Polizei erscheint und ihn ermahnt: „Also: Was ist, wenn das Haus brennt? – Ich ruf 911 an. – Richtig, sehr gut.“ Wir wissenden Leser werden auf harmlose Weise herangeführt an den grauenhaften Terroranschlag von New York, an den 11. September 2001, an dieses weltverändernde Ereignis, für das es immer noch kein passendes Wort gibt, es sei denn das Wort Katastrophe. Bedrohlicher wird die Stimmung in Kapitel 2, das ins Jahr 1983 zurückgeht und den Untertitel „Tagebuch“ trägt. Hier heißt es: „Ich habe eine Sendung über Nostradamus gesehen. Er hat vor ungefähr 400 Jahren gelebt und viele Sachen vorhergesagt. Für die Zukunft sagt er eine große Hungersnot im Jahr 1986 voraus (da bin ich 14) und 1988 mehrere Erdbeben. Das ist noch nicht alles. Er sagt einen großen Krieg voraus, der 1994 vom Nahen Osten ausgeht, und die Zerstörung von einer der Großen Neuen Städte. 27 Jahre Krieg, dann 1000 Jahre Frieden. Die Welt geht ungefähr 3700 unter. Ich ziehe bis dahin nach Kanada um. Nach der Sendung habe ich Bauchschmerzen bekommen.“

 

Das folgende Kapitel umfasst die nächsten 4 Tage und heißt entsprechend 8., 9., 10., 11. September. Noch herrscht „Normalzeit“ (Untertitel), noch ist von zarten Baumschatten die Rede, vom Morgenlichtschauspiel, von ganz normalen Tätigkeiten. Doch die Bedrohung nimmt zu. Im Kapitel „11.September“ nimmt das Unheil dann endgültig seinen Lauf. Ellis schaut in den Himmel. Was sie sieht, ist: „Ein perfektes Septemberblau. Durchkreuzt von einer schwarzen Rauchwolke, die von rechts nach links über die Lafayette Street hinwegwaberte. […] Nach einer Erklärung suchend sah ich mich um. Niemand sonst blickte nach oben. Dann ging ein Mann schnell an mir vorbei, der in sein Mobiltelefon sprach. »Gerade ist ein Flugzeug ins World Trade Center gekracht «, sagte er. Ich dachte: »Aber das ist dreißig Blocks entfernt. Was für ein kranker Witz« […] Der Horror hatte begonnen und entfaltete seine zerstörerische Kraft.

 

Die „Tage des Rauchs“ ist ein wichtiger Fund, der 20 Jahre nach den Ereignissen in Erinnerung ruft, wie sich das damals angefühlt hat. Damals, als New York unter Schock war und die Welt stillstand. Eine Nachbemerkung zur Autorin von der Literaturwissenschaftlerin Sharon Marcus (Columbia University), Lebensgefährtin von Ellis Avery, ergänzt die deutsche Ausgabe. Ein Buch, das „intimer und lebensnaher ist als alle anderen, die mir begegnet sind“, sagt Juror Robert Canzonini. Er trug mit seinem Votum dazu bei, dass Ellis Avery für „Die Tage des Rauchs“ mit dem „Alter Rumsey Marvin Award“ der Ohioana Library ausgezeichnet wurde. Das Buch bietet einen konzentrierten, persönlich gehaltenen, wahrheitsgetreuen Blick auf Menschen in einer traumatisierten Zeit. Es ist aber auch eine bleibende Erinnerung an die Autorin Ellis Avery, die 1972 in Ohio geboren wurde und 2019 in Kalifornien starb. Sie erlag mit nur 46 Jahren einer unbesiegbaren Tumorerkrankung.


Ellis Avery, Die Tage des Rauchs

Mit einer Nachbemerkung von Sharon Marcus

Aus dem amerikanischen Englisch von Alex Stern

Lilienfeld Verlag 2021

Roman. 152 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-940357-89-2, auch als E-Book erhältlich.

Weitere Informationen

 

Leseprobe

 

Fotonachweis:
Portrait: Ellis Avery. Foto: Neil Goldberg

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