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„Mein Vater hat fünf Menschen getötet“, so beginnt der aktuelle Roman des international preisgekrönten österreichischen, in Wien lebenden Schriftstellers Christoph Ransmayr.

Der Begriff „aktuell“ trifft auf den Roman „Der Fallmeister“ mit dem Untertitel „Eine kurze Geschichte vom Töten“ auch deshalb zu, weil hier ein Thema vorherrscht, das aktueller nicht sein könnte: Überall auf der Welt werden Wasserkriege geführt.

 

Erzählt wird zudem eine Kindheitsgeschichte und eine Familiengeschichte mit tödlichem Ausgang. Erzählt wird aber auch eine Liebesgeschichte, die bis über den Tod hinausreicht. Dieses Buch führt von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart. Letztendlich mündet sie in eine ausweglose Zukunft. Der Ich-Erzähler ist aufgewachsen am fast dreitausend Kilometer langen „Weißen Fluss“, wo einst mehr als vierzig Sprachen gesprochen wurden. Er ist aufgewachsen im „Donnern des Großen Falls, jenes mehr als vierzig Meter hohen Wasserfalls“, der in der guten alten Zeit vom Fallmeister beherrscht wurde. Ransmayr weiß, wovon er spricht: sein Großvater war Fallmeister von Beruf.

 

Der Fallmeister COVER S FischerIm Roman sind die großen Zeiten der Fallmeister längst vorbei, der einst lebenswichtige „Große Fall“ in der Grafschaft Bandon hat nur noch als Touristenattraktion Bedeutung. Der Vater ist Kurator des „Museums am Großen Fall“, will aber Fallmeister genannt werden. Die Berufsbezeichnung Fallmeister gehört der Vergangenheit an. Jahrhundertelang war dies ein Ehrentitel für die Schleusenwärter am „Weißen Fluss“. Seit die Salzbergwerke im Toten Gebirge stillgelegt wurden und der Fallmeister nicht mehr mit Salz gefüllte Zillen, lenkt, sondern Touristen in Booten über die Kanäle, gibt es diesen Beruf nicht mehr. Doch immer noch wird hier einmal im Jahr das Fest des heiligen Nepomuk, Schutzpatron der Flößer, Brückenbauer und Schleusenwärter, gefeiert. Einmal jedoch geschieht ein Unglück: Als der Fallmeister alias Kurator am Festtag des Heiligen Nepomuk die Schleusen falsch bedient, stürzt das voll besetzte Boot den „Großen Fall“ hinab und fünf Menschen ertrinken. Fragen tauchen auf beim Ich-Erzähler: War es ein Unfall, oder hat der Fallmeister vorsätzlich gehandelt? Ist der Vater ein Mörder? Und als am ersten Jahrestag des Unglücks der Vater „wie ein unter seiner Schuld erstarrter Bootsmann lautlos in den Fluten des „Großen Falls“ verschwindet, tauchen weitere Fragen beim Erzähler auf. Fragen wie: ist der Vater tatsächlich tot? Der Sohn versucht, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

 

Das alles geschieht in einer Zeit, in der die „meisten Allianzen und staatlichen Verbindungen auf dem europäischen Kontinent verschwunden sind und zu einem Hagel aus Zwergstaaten, Kleinfürstentümern, Grafschaften und von Flaggen und Wappen geschmückten Stammesgebieten zersprungen“ sind. Eine Welt in Trümmern. Und der „Weiße Fluss“ zieht „einer Zukunft entgegen, in der nur noch einige morsche Kähne und Rollfähren zwischen jenen glucksenden und schäumenden Wirbeln verkehren sollten, die aus der Strömung ragende Trümmer umrauschten.“ In Trümmern ist längst auch die Ehe der Eltern. Die Mutter Jana ging (nicht nur) unter dem Zwang neuester ethnischer Gesetze zurück in ihre adriatische Heimat. Auch die geliebte Schwester Mira, die an der Glasknochenkrankheit leidet, lebt längst woanders. Unser Held, der Ich-Erzähler, ist als nomadischer Hydrotechniker in Einsatzgebieten an den großen Strömen Südamerikas, Asiens und Afrikas unterwegs. Erzählungen zweier Einheimischer in Kambodscha lassen ihn seinen Vater „nach und nach als einen ähnlich Verwirrten erscheinen, wie die Weißen und Roten Khmer es waren“. Beim Fest der Strömungsumkehr, das in Kambodscha zum Ende der Monsunzeit gefeiert wird, sitzt unser Protagonist an den Ufern des Süßen Flusses und des Mekongs und fragt sich, ob sein Vater einer ähnlichen Nostalgie wie die Khmer verfallen sei: dem Wunsch, zu den Ursprüngen, in eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit zurückzukehren.

 

Er erinnert sich an Zeiten, in denen der Vater die Kinder häufig zu einer langgezogenen Sandbank fuhr, wo sie Fische fingen und sie über dem Feuer brieten. Er erinnert sich an seine geliebte Schwester Mira, die ihm auf der Sandbank Szenen aus Flussmärchen und Abenteuer von Unterwasserwesen vorlas, ihm von Tut-Anch-Amun und dessen Schwester, der Pharaonin, erzählte – ebenfalls verbunden in geschwisterlicher Liebe. Vor allem diese Erzählung hat seine Liebe zu Mira geprägt und unauflösbar gemacht. Und so kommt es, dass sich der Erzähler neben der Suche nach dem Vater auch auf die Suche nach der gläsernen Schwester begibt. Er findet die Schwester, seine Pharaonin Mira, die einem Deichgrafen an die Küste folgte und nun in einem meerumtosten Leuchtturm lebt. Was nach all dem Suchen und Finden dort geschieht, soll hier nicht verraten werden.

 

Zwar gibt es Längen im Buch, glücklicherweise aber gibt es weitaus mehr Passagen, die den Leser mitreißen, ihn in einen Strudel hineinziehen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Eine meiner Lieblingsstellen in „Der Fallmeister“ ist die, als von den fünf Toten des ersten Unglücks am „Großen Fall“ berichtet wird. Ransmayr beschreibt diese Toten so zu Herzen gehend, dass sie fast unsterblich werden. Als Beispiel für die Erzählkunst des Autors mag folgende Beschreibung einer der fünf Toten dienen: „Ertrunken war eine Änderungsschneiderin, deren taubstumme Tochter beim Begräbnis ihrer Mutter Kehllaute röchelnd in das offene Grab hinabklettern wollte und vom Totengräber, einem Bürgerkriegsflüchtling, nur mit Gewalt daran gehindert werden konnte.“ Das ist äußerst tragisch und tief berührend in seiner erzählerischen Knappheit. Es gibt in diesem Buch auch wunderbare Naturbeschreibungen aus früherer Zeit in einer (noch recht) intakten Welt. Es sind Zeugnisse einer verlorenen Vergangenheit, in der Teppichprimeln und tiefblauer Enzian wuchsen. Zeugnisse einer Zeit, in der Libellen in allen Farben und Größen lebten, in der die Rede ist vom jagenden Eisvogel, der sich „aus dem Blau des Himmels lösen und, umwirbelt von einer Wolke aus silbrigen Luftblasen, in die Wassertiefe und auf sein Opfer stürzen würde.“

 

Der Kontrast zwischen blühender Vergangenheit und apokalyptischer Jetztzeit des Romans könnte kaum größer sein: Quoten regeln in der Grafschaft Bandon die Zahl der aus Kriegs- und Elendsgebieten eingewanderten Flüchtlinge „oder aus anderen Gründen Zuflucht suchenden Barbaren, wie es abschätzig hieß“. Schriften und Nachrichten kommen fast nur noch von Bildschirmen und Projektionsflächen. Die Vielzahl der Nationalitäten von einst ist Vergangenheit, sie sind zerfallen in Clans, Stämme und Zwergstaaten. Zerfallen in Bruchstücke, in der jede Scherbe ihre eigene Hymne will, ihre eigene hochgerüstete Armee und vor allem „eine eigene triumphale Geschichte“. Nur der eigene Rang ist es, der glänzt. Seine Strahlkraft muss „mit allen Mitteln gegen den minderwertigen Rest der Welt verteidigt werden“. Weltweit operieren nur noch Konzerne: „In den meisten Fällen genügte es ja, zu kaufen, was störte.“ Zu kaufen und abzuschaffen. Alles, wirklich alles hat hier und jetzt seinen Preis. Wirklich reich kann jedoch nur derjenige werden und sein, der über Süßwasser verfügt. Längst werden überall in der Welt Wasserkriege geführt. Es ist ein erschreckender Blick in eine nicht nur denkbare, sondern mögliche Zukunft, die der Autor uns offeriert. „Es ist ein fast hypnotisch in Bann ziehender Roman“, sagt der Literaturkritiker Denis Scheck über dieses Buch. Für den Autor Christoph Ransmayr und sein “großes Werk“ wünscht er sich den Büchner-Preis. Ein denkbarer, nachvollziehbarer Vorschlag.


Christoph Ransmayr: Der Fallmeister

Roman

S. Fischer Verlag 2021

Gebunden, 220 Seiten
ISBN 978-3-10-002288-2

 

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