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Der Roman „Die Vögel“ gehört längst zum Kanon zeitgenössischer Literatur in der norwegischen Heimat seines Autors Tarjei Vesaas.

Bestsellerautor Karl Ove Knausgård hat dieses Buch sogar als besten norwegischen Roman bezeichnet, der je geschrieben wurde. Bisher war der Roman hierzulande nur antiquarisch erhältlich.

 

Der Berliner Guggolz Verlag hat diesen literarischen Schatz geborgen und somit wieder einmal ein hierzulande fast vergessenes Kleinod aus der Versenkung befreit. Und dank der Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel können deutschsprachige Leser sich nun erneut an dieser zauberhaften Prosa erfreuen. Einfühlsam und eindringlich wird uns Lesern die seltsame Gedankenwelt des Sonderlings Mattis nahegebracht. So nahe, dass selbst Gespräche mit einer Schnepfe uns nicht mehr verwundern.

 

Normalerweise empfiehlt es sich, ein Nachwort erst nach der eigentlichen Lektüre eines Buches zu lesen. Doch in diesem Fall ist auch das anders: Wer will, kann durchaus auch zuerst - sozusagen als Einstieg in die poetische Geschichte - das kenntnisreiche Nachwort von Judith Hermann lesen. Hier lernen wir Tarjei Vesaas kennen, der seinen Roman „Die Vögel“ selbst einmal als ein „Selbstporträt mit Vorbehalt“ bezeichnet hat. Und wir lernen seinen Antihelden Mattis kennen, der ein – wenn auch zurückgebliebener - Mann in den besten Jahren ist, von seiner Schwester Hege wie ein Kind betreut wird und uns Lesern nach ersten Irritationen mehr und mehr als überaus sensibler und überempfindlicher Mensch begegnet. Wir lernen im Nachwort, uns von vorneherein auf jenen Mattis einzustellen, der „Zeichen sieht, wo andere nüchtern nur den bloßen Sachverhalt bemerken, und dem die Sprache und die Dinge eins sind“, wie es im Nachwort heißt.

 

Vesaas Die Voegel COVERDer Autor Tarjei Vesaas ist mit zwei Romanen geradezu unsterblich geworden: „Das Eis-Schloss“ und „Die Vögel“. Wer „Die Vögel“ gelesen hat, wird sicher auch das „Eisschloss“ lesen wollen, ebenfalls im Guggolz Verlag erschienen. In „Die Vögel“ erleben wir den Außenseiter Mattis, der mit seiner Schwester Hege in einer Hütte am See lebt und im Vergleich zu „normalen“ Menschen recht ungewöhnliche Gedanken und Gewohnheiten hat. „Von klein auf hatte Mattis in der Schlaftruhe in der Stube geschlafen – er durfte behaupten, dass er sie kannte“, heißt es über ihn gleich zu Beginn des Romans. Nicht nur hier, auf seiner Schlafstatt, zieht Mattis sich in seine innere Welt zurück. Von den Dorfbewohnern wird er als zurückgeblieben verlacht und als „Dussel“ bezeichnet. Seinen Lebensunterhalt versucht er nach viel gutem Zureden seiner Schwester widerwillig und meist vergeblich mit Hilfsarbeiten zu bestreiten. Einmal, beim Rübenhacken auf dem Feld, beobachtet er drei Menschen: ein junges verliebtes Paar und den Bauern, der ihm in seiner Gutmütigkeit immerhin für einen Tag Arbeit gibt. „… sie besaßen genau das, wovon er träumte: die drei Dinge. Diese Leute bestanden aus nichts anderem als genau aus diesen drei Dingen.“ Welche drei Dinge sind das? Es sind Klugheit, Schönheit und Kraft, erfahren wir. Dinge, von denen Mattis nur träumen kann. „Er jätete, vornübergebeugt, seine Gedanken fuhren wild umher. Helft mir, dachte er.“

 

Die Einzige, die ihm helfen kann, die sich unermüdlich, redlich und rührend um sein Wohlbefinden kümmert, ist seine Schwester Hege. Sie führt den Haushalt und versorgt ihren Bruder, den Sonderling, der sich allein mit der Natur wirklich verbunden fühlt. Besonders ziehen ihn die Schnepfen an, in deren Balzruf er ein Zeichen der Verheißung sieht. Eine Verheißung, die ihm rätselhaft bleibt und verschlüsselt. Als eines Tages der Holzfäller Jørgen auftaucht, sich in Hege verliebt und auch noch eine Schnepfe erschossen wird, werfen diese Ereignisse Mattis aus der Bahn. Der Sonderling wird noch sonderlicher. Er verzweifelt und zweifelt an allem, an seiner Existenzberechtigung, an der Liebe der Schwester. „Du darfst mich nicht alleinlassen“, durchfährt es ihn einmal. Ein Gedanke, der ihn erschreckt, ängstigt, Furcht auslöst. So wie auch Blitz und Donner Furcht regelmäßig bei Mattis auslösen. Immer dann, wenn es gewittert, rettet er sich in die Toilette auf dem Hof und verriegelt die Tür. Nur hier und nur dann fühlt er sich sicher vor jedem Gewitter.

 

Kurzfristige Erlösung von solch beängstigenden, lebensbedrohenden Gedanken und Gegebenheiten findet Mattis nur bei seinen täglichen Ausflügen in die Natur, in die Welt der Schnepfen. „Der Flug der Schnepfen war irgendwie etwas, das in feinen Streifen weit von hier über ferne Täler ging. Das hatte er immer gedacht. Jetzt führte er (der Schnepfenflug) hier entlang, war ganz einfach hierher verlegt.“ Es ist ihm, als ob er die Sprache der Schnepfen versteht, die Schrift der Vögel. „Da bist du, stand da. Welch ein Gruß, an ihn.“ Mit einem kleinen Ast tupft er eine Antwort in den Sand. „Die Schnepfe wird es entdecken, wenn sie das nächste Mal herkommt.“ Doch die Zwiesprache endet, der Vogel wird erschossen und unter einem Stein beerdigt. Der Schnepfenflug gehört der Vergangenheit an. Was tun? Womit jetzt das Leben bereichern?

Mattis ist ratlos. Zumal Helge Stimmungen hat, die ihm unverständlich sind. „Ich weiß nicht, wozu mein Leben überhaupt gut sein soll“, sagt sie einmal, dreht sich kurz um und wirft ihm einen verzweifelten Blick zu. Seine hilflosen Bemerkungen wie „Du hast doch deine Stricksachen“ oder „Du hältst mich am Leben“ fruchten nicht, machen ihn rat- und ruhelos und noch grüblerischer. Glück im Unglück: Hin und wieder findet Mattis ein wenig Ruhe beim Rudern. „Die Gedanken liefen in klaren Strömen bis in die Ruder hinein, sie verstrickten sich nicht wie bei der Arbeit an Land.“ Einmal kommt ein Tag, der ein einziger Glückstag ist. An diesem Tag geschieht es, dass Mattis zu einer winzigen Insel rudert, rastet, einschläft und von zwei Mädchen geweckt wird, die beim Bootsausflug zufällig auf dieser winzigen Insel gelandet sind.

In diesem Moment weiß Mattis es noch nicht, ahnt aber schon, dass dies der schönste und wichtigste Tag seines Lebens sein wird. Das Herz klopft ihm „bis hoch in den Hals: Er träumte nicht, tatsächlich, das waren zwei freundliche Mädchen.“


Auf keinen Fall will Mattis jetzt etwas verkehrt machen. Er weiß, wenn ihm „das hier missglückte, würde er es lange nicht verwinden.“ Diese Sorge wird glücklicherweise durch die Ereignisse des Tages widerlegt. An diesem Tag wächst Mattis dank der „goldenen Mädchen Anna und Inger“ weit über sich hinaus, wird größer, stärker und wissender, als er jemals gedacht hatte. Mattis entscheidet aufgrund dieses wunderbaren Erlebnisses und nach einigem Zureden seiner Schwester, er wolle fortan Fährmann sein. Tagelang wartet er im Ruderboot auf Gäste, die er übersetzen kann. Doch niemand kommt. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die Geschichte nimmt ihren Lauf und leider kein gutes Ende. Doch wenn Leid an und in der Welt so schön wie in „Die Vögel“ beschrieben wird, ist das ein literarischer Glücksfall.


Tarjei Vesaas: „Die Vögel“

Originaltitel: „Fuglan“, 1957
Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Nachwort von Judith Hermann
Guggolz Verlag 2020
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen, 279 Seiten
ISBN 978-3-945370-28-5

 

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