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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Im Klimakatastrophen-Krimi „Malé“ erzählt Roman Ehrlich vom wortwörtlichen Untergehen einer Welt, die dem stetig steigenden Meeresspiegel zum Opfer fällt – interessiert sich aber eigentlich mehr für die Schicksale, Sehnsüchte und Selbstbefragungen seiner Protagonisten, die in der langsam versinkenden Stadt Malé aufeinandertreffen.

 

Die Endzeit ist angebrochen: In der nicht allzu fernen Zukunft, die Roman Ehrlich entwirft, ist es nicht mehr gelungen, die Klimakatastrophe abzuwenden. Die Malediven gehören zu den ersten Orten, die langsam im Meer versinken, der Großteil der Bevölkerung hat die Inseln bereits verlassen, in der das Wasser schon knietief auf den Straßen steht, die Häuser allmählich vermodern, und die Wellen mit wütender Kraft an die Ufer schlagen, aufgewühlt und völlig verseucht vom Abfall.


Vom ehemals paradiesischen Urlaubsort, der in seiner postkartengleichen Schönheit als Sehnsuchtsort unzähliger Touristen galt, ist nichts mehr übrig. Und doch wird die Hauptstadt Malé wieder zum Reiseziel: für Aussteiger und Abenteurer, Egozentriker, Sinn- und Glücksuchende, die hier, in diesem verseuchten Paradies, das dem sicheren Untergang geweiht ist, die Projektionsflächen ihrer Träume, Wünsche und Illusionen erneut entwerfen.

 

Roman Ehrlich Male COVERNur mit einem Wasserflugzeug sind die Inseln noch zu erreichen, die Internetverbindung ist miserabel. Nach Malé kommen heißt also auch wortwörtlich abgeschottet sein von der Welt jenseits der Insel. Neuankömmlinge müssen vorsprechen: Im Blauen Heinrich, der lokalen Kneipe, ist der „Professor“ ansässig, eine ominöse Gestalt, aber Respektsperson, Vater- und Führerfigur der Gestrandeten. Der Professor ist auch derjenige, der als einziger als Verhandlungspartner von den Milizen akzeptiert wird, die nach dem Putsch die versinkenden Atolle kontrollieren und von denen damit auch die Versorgung der Inselbewohner abhängt. „Die Eigentlichen“, nennt der Professor sie, „wir sind hier nur geduldet“. Er selbst habe, so der Professor, eine andere Aufgabe: „Ich helfe den Menschen dabei zu vergessen, weshalb sie hergekommen sind.“

 

Wieso sind sie hergekommen? Wonach suchen sie? Angesichts der bevorstehenden Katastrophe, wie sind die Tage überhaupt noch sinnhaft zu füllen? Roman Ehrlich entwirft in Malé ein ganzes Panorama an Figuren der Aussteigergesellschaft, die sich ganz unterschiedlich mit diesen Fragen beschäftigen.
Da ist die tatkräftige Niederländerin Hedi Peck, die ein ambitioniertes Laien-Projekt zur Landgewinnung leitet, bei dem sie mit anderen Freiwilligen schwimmenden Plastikmüll sammelt, um daraus eine treibende Landmasse zu basteln.


Da ist ihr ungebetener Gehilfe Bömmel, der ihr überall hin folgt, weil er glaubt, Hedi beschützen zu müssen.
Da ist der Romanschriftsteller, Adel Politha, der sich im Schnellimbiss „Hühnersultan“ die Lebensgeschichten der anderen erzählen lässt, um sie dann irgendwann in einem Buch zu verarbeiten.


Da ist Flavio Gentili, der seinen Bruder sucht, aber nicht mehr wiederfindet.

Die Erzählperspektive wechselt dabei immer wieder, zwischen erster und dritter Person, zwischen namentragenden und namenlosen Figuren, bis hin zu gänzlich unzugeordneten Gedanken und Beobachtungen. Damit zwingt einen der Roman, sich von dem Impuls freizumachen, die erzählende Instanz zu suchen, die durch das Geschehen leitet. Vielmehr gleitet der Blick dauernd ins Unwesentliche ab, in kleine Nebensächlichkeiten, in geheimnisvolle Beobachtungen, in kurze Fabeln, in Anekdoten, Zitate und Seemannsgarn. Das hat etwas von einem Kameraschwenk, der von der Handlung abgleitet, um etwas anderes zu zeigen. Die entworfenen Szenen werden zu einem Kaleidoskop an verstreuten Begegnungen, Dialogsequenzen, Erinnerungen.

 

Auf dieses erzählerische Spiel muss sich der Leser zumindest stückweit einlassen, um das Eintrittstor zu „Malé“ zu finden. Im Grunde beginnt dies schon damit, dass die beiden Hauptfiguren des Romans, oder vielleicht eher: die beiden zum Romangeschehen Anlass gebenden Protagonisten, dauerhaft abwesend bleiben. Es handelt sich um eine Schauspielerin, Mona Bauch, die tot aufgefunden worden ist, ob Selbstmord oder Mord, ist unklar. Und ein deutscher Lyriker, Judy Frank, ist spurlos verschwunden; er war mit der Schauspielerin befreundet, wahrscheinlich auch liiert. Auf der Insel treffen sich daher der Vater der Verstorbenen und eine junge Literaturwissenschaftlerin, die zufällig den Nachlass des Lyrikers in die Hände bekommen hat – beide wollen herausfinden, was mit dem Paar geschehen ist.

 

Dann gibt es da noch eine Droge, die auf der Insel kursiert, von den Milizen hergestellt und inzwischen auch in der Aussteigergesellschaft unter dem Namen „Luna“ verbreitet – derselbe Name, wie er auch der Kosename der verstorbenen Schauspielerin gewesen ist. Klingt nach Krimi-Thriller, nur ohne klare Spuren oder Antworten. Wer ist die Person, die entführt wird und gefesselt auf einem Stuhl zusehen muss, wie sich der Kellerraum mit einströmendem Wasser füllt? Wohin verschwinden einzelne Personen? Wessen Leiche wurde da angespült?

 

Der Roman entwickelt sich jedoch nicht zum „Whodunnit“, zu einem Vexierspiel über Tat und Täter, sondern bleibt eher lose verbundenes Gewebe an ausgelegten Spuren und falschen Fährten. „Luna“ also, das ist so ein loser Strang im Erzählstoff. Überhaupt, das Mond-Motiv, das überall auftaucht. Die Figur Valeria Lenín, die halbmondförmige Ziernarben unter den Augen trägt. Im örtlichen Museum ist ein Mondgestein ausgestellt. Es häufen sich die Andeutungen von mysteriösen „Mondwanderungen“, die die Aussteiger unternehmen. Das Lieblingslied des verschwundenen Dichters war „This is how we walk on the moon”, und in einem seiner hinterlassenen Texte berichtet er von der Idee, die Grässlichkeiten der Welt erst hinter sich lassen zu können, wenn er einem Mondlicht folge, dass einem aus der Dunkelheit des Ozeans entgegenscheine. Dass das Verlassen der Insel nur durch den Tod möglich sei, ob frei gewählt oder fremdbestimmt, scheint allmählich zur Gewissheit zu werden.

 

Wie auch schon in seinem Vorgängerroman „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“ (S. Fischer 2017) schafft Roman Ehrlich auch in „Malé“ eine Atmosphäre zwischen Horror und Mystik, in der realweltlich-lauernde Bedrohungen und geradezu genussvolle Erkundungen körperlicher Versehrtheit auf Elemente des Übernatürlichen treffen. Kratzspuren an einer Tür, ein zerfetztes Schlauchboot, ein schwer verwundeter Taucher – aber gibt es diese mythischen Katzenwesen, die im Wasser um die Insel leben und Menschen töten, oder ist das doch nur Aberglaube, eine Halluzination?

 

„Malé“ bleibt ein Roman, der sich jeglicher Leseerwartung entzieht. Das ist herausfordernd, aber auch genau das, was das Buch lesenswert macht. Am Ende ist nicht viel Hoffnungsvolles übrig – wie auch, angesichts des Untergangs. Der Vater der Schauspielerin beobachtet es am Schönsten: Aus der Richtung, aus der man sich Klärung erhofft, zieht stattdessen das dunkle Blau der Nacht auf. Vielleicht kommt auch ein Gewitter auf; es sieht jedenfalls sehr düster aus.


Roman Ehrlich, „Malé“
S. Fischer Verlag, 2020
ISBN: 978-3-10-397221-4

- Weitere Informationen
- Leseprobe

 

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020 [Longlist]

Der Autor liest als nächstes vorraussichtlich am 17.12.2020 in Berlin und am 21.2.2021 in Göttingen.

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