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Markus Gabriel sei der „Philosoph der Stunde“, erklärte der Moderator von „Titel, Thesen, Temperamente“ am 26. Juli, als er ein Interview mit dem telegenen Erfolgsautor über dessen Buch „Moralischer Fortschritt“ ankündigte. Kann man seiner Einschätzung zustimmen?

 

Leben wir in einer besonders dunklen Zeit? Sind unsere moralischen Probleme größer, als sie es noch vor kurzer Zeit gewesen sind? Brauchen wir in dieser Situation einen moralischen Wegweiser, weil uns die aktuellen politischen und humanitären Konflikte mit Fragen konfrontieren, die wir allein gar nicht lösen können? Geht es nicht ohne die Hilfe eines Philosophen, eines Fachmanns für ethische Fragen aller Art, der sich mit diesen Problemen professionellerweise auskennt und deshalb dem tumben Volk einige Hinweise geben kann? Dürfen wir hoffen, dass so einer kommt und uns aufklärt?

 

Aber ja, es gebe Hoffnung, versicherte Moderator Max Moor, als er sein Publikum auf das anstehende Interview mit dem Philosophen Markus Gabriel einstimmte. Dessen Buch über den „Moralischen Fortschritt“ war noch gar nicht erschienen, da wurde es in der ARD schon besungen und in einer Weise hochgejazzt, von der andere Autoren nur träumen können. Denn wann wird überhaupt einmal ein philosophisches Buch im Fernsehen besprochen? Ja, wann und wo werden solche Bücher überhaupt vorgestellt? Und welcher Autor bekommt denn die Gelegenheit zu einer derart ausführlichen Selbstdarstellung – eine Woche vor der Veröffentlichung! –, ohne dass er von kritischen Einreden unterbrochen würde? Wir leben in einer dunklen Zeit, so der Tenor des „Berichts“, aber da sei ja Markus Gabriel. Und erleichtert hörten wir uns an, was „der renommierte Philosoph“ auf seiner Parkbank zu sagen hatte.

 

Wir alle kennen es, dass von Werten gesprochen wird. Meistens geschieht das in der Politik, nicht in der Philosophie, und in aller Regel in einer sehr ideologischen, selten wirklich glaubwürdigen Weise. Zum Beispiel spricht man gern von „christlichen Werten“. Und die Europäische Union, versichert man uns, bilde eine „Wertegemeinschaft“. Auch in der Philosophie spielten die Werte einst eine Rolle, aber das ist doch schon eine Weile her und ziemlich aus der Mode gekommen – so sehr, dass die Vertreter einer solchen Philosophie außerhalb der einschlägigen Lehrwerke kaum noch genannt werden.

 

Max SchelerAm bedeutendsten sind zweifellos Max Scheler, der eine Wertethik im Widerspruch zu Kant entwickelte, und Nicolai Hartmann, der sich von Scheler zu einem ähnlichen Projekt anregen ließ.

Schelers „Formale Ethik und materiale Wertethik“ (1913) gilt Kennern als eines der Grundbücher des 20. Jahrhunderts, und eigentlich sollte man denken, dass ganz selbstverständlich der Spätere ein Wort über den großen Vorgänger verliert, um dessen Verdienste darzustellen und zu zeigen, worauf er aufbauen konnte und worin sich seine eigene Argumentation unterscheidet. Aber wie schon in seinen Büchern über die Erkenntnistheorie kennt Gabriel keine Vorgänger, deren Überlegungen er fortsetzen könnte, sondern er macht uns Leser mit seinem Anspruch bekannt, einen durch und durch eigenständigen Ansatz zu vertreten. Vielleicht wird sich ja später mit seinem Namen eine Zeitenwende in der Philosophie verbinden?

 

Weil Gabriels Überlegungen so furchtbar neu sind, muss er die Begriffe erst einmal einführen und sauber definieren. Das geschieht hübsch nacheinander und geordnet, und deshalb ist die Lektüre seiner Bücher sehr angenehm – man liest sie so weg. In diesem Buch sind es die „moralischen Tatsachen“, mit denen er anfängt. Subtil teilt er unser moralisch relevantes Tun in gut, neutral und böse ein: „Diese drei Bereiche – das Gute, das Neutrale und das Böse – sind die ethischen Werte, deren Geltung universal, das heißt kultur- und zeitenübergreifend ist.“

 

Hier fragt man sich unwillkürlich: Wenn diese Werte tatsächlich „zeitenübergreifend“ sind, warum müssen sie noch einmal „für das 21. Jahrhundert“ formuliert werden, wie es im Untertitel des Buches versprochen wird?

Man könnte fast denken, dass sich Gabriel wieder einmal von einem Film zu seiner Philosophie anregen ließ; war es die Fernsehserie „Seinfeld“, die ihn seiner eigenen Aussage nach zu seiner „Sinnfeld“-Theorie anregte, so scheint ihm „The Good, The Bad and The Ugly“ mit Clint Eastwood als dem blonden Guten die Anregung für seine Philosophie der Werte gegeben zu haben. Leider stellen die drei Kategorien, die er aufführt, lediglich die Bereiche auf einer Skala dar, mit deren Hilfe man dieses oder jenes, das Nützliche, das Schöne oder auch das Wahre messen könnte, aber es handelt sich noch keinesfalls um ethische Werte. Schließlich lassen sie sich ebenso gut auf Gegenstände jenseits der Moral wie die Verträglichkeit der Nahrung beziehen.

 

Für den wie Hartmann von Scheler beeinflussten José Ortega y Gasset ist ein Wert innerhalb von drei Dimensionen verortet: seiner Qualität, seinem Inhalt und seinem Rang. Gabriel aber kennt allein diese dritte und letzte Dimension; das Gute werden wir etwas weiter oben auf der Skala zu suchen haben, das Böse weiter unten. Eine recht grobe Skala! Sie könnte wesentlich subtiler sein, wenn er an Scheler oder andere angeknüpft hätte, aber weder scheint er so viel gelesen zu haben, wie er hätte lesen sollen, noch lässt er sich irgendwo zu einer sorgfältigen inhaltlichen Analyse herab.

 

In seiner „Sinnfeld-Ontologie“ versucht Gabriel zu zeigen, dass eine jede Erscheinung – ob lebloser Gegenstand, ob Mensch, ob ein komplizierter Vorgang – allein durch seine Umgebung, also durch den Kontext („Sinnfeld“), bestimmt wird. Das Ergebnis ist ein großes Mosaik aus einzelnen Sinnfeldern, aber keine alles umgreifende und umfassende Welt. Die Welt, lehrt Gabriel, gibt es nicht. Kein Universum! Und jetzt verkündet derselbe Autor „universelle Werte“. Sollte er diesen Widerspruch wirklich nicht bemerkt haben? Oder beginnt mit diesem Buch ein neuer Abschnitt im Lebenswerk des großen Denkers, ist die erste Phase abgetan und überwunden?

 Von diesen Widersprüchen einmal abgesehen, sehen wir einen Unterschied im Niveau zu Scheler und Hartmann, deren Wertetafeln viel komplexer und differenzierter aufgebaut sind. Bei Scheler, der sehr gläubig war, steigern sich die Werte bis hin zum Heiligen. Sie beginnen im sinnlichen Bereich, setzen sich in der Sphäre des Vitalen (edel / gemein) fort und führen über die Werte des Idealen (schön / hässlich, recht / unrecht und wahr / falsch) bis zur Wahrnehmung des Heiligen, dem das Profane entgegensteht.

 

Werte können von einem Subjekt konstituiert werden, so dass sie für es Geltung besitzen – so geschieht es in Georg Simmels „Philosophie des Geldes“ (1900). Das ist ein weiteres bedeutendes Buch, das Gabriel nicht anspricht und ja vielleicht auch wirklich nicht kennt. Für Simmel sind die „Wirklichkeit und der Wert […] gleichsam zwei verschiedene Sprachen“ und existieren nur in Bezug auf eine vernünftige Seele. Ganz anders, sogar direkt entgegengesetzt ist die patonisierende Sicht auf die Werte, die Schelers und Hartmanns Ethik bestimmt und die auch Gabriels Position auszeichnet. Für sie existieren die Werte unabhängig von allen lebendigen Wesen, müssen aber natürlich wahrgenommen oder erkannt werden.

 

Das Problem, mit dem Scheler kämpft, besteht eben in dieser Erkenntnis der Werte. Wie kommen wir zu ihnen? Keinesfalls will er die Ethik auf bloße Ratio reduzieren – das ist das Leitmotiv seines Werks, das sich bereits in dessen Titel ausspricht. Statt eines verstandesgesteuerten Verstehens nimmt Scheler ein „Wertfühlen“ an, ein Mittelding zwischen rationaler Erkenntnis und Emotion. Diese Thematik ist es schon wert, dass man sich etwas näher mit ihr beschäftigt. Wäre zum Beispiel Dankbarkeit ein Beispiel für das Wertfühlen, ein emotionaler Akt, der gleichwohl ohne den Verstand nicht denkbar wäre?

Leider interessiert sich Gabriel überhaupt nicht für diese Fragestellung. So wie er die Erkenntnistheorie versimpelt, so versimpelt er die Problematik der Wahrnehmung oder Geltung der Werte, die ihm einfach nur als „Tatsachen“ begegnen und „im Wesentlichen offensichtlich sind“. Schon sind wir damit fertig: „Das moralische Universum dessen, was wir tun und was wir unterlassen sollen, muss uns partiell transparent sein.“ Wieso „muss“? Vielleicht ist uns diese Welt wirklich transparent – aber warum muss sie es sein?

 

Gabriel geht es um eine Erkenntnis, „die es erlaubt, ihre Konturen [die Konturen der Werte] zu erfassen“. Aber leider, wie das geschieht, wie das überhaupt geschehen kann, das erfahren wir nicht. Ein richtiger Philosoph sollte sich schon dafür interessieren, was transparent ist, was nicht, und wo die Gründe für die Transparenz wie für die Undurchsichtigkeit zu suchen wären.

 

Eigentlich schwankt Gabriel zwischen den beiden Extrempositionen, die man mit Simmel und Scheler in Verbindung bringen könnte. Die ganze Widersprüchlichkeit seiner Argumentation tritt zutage, wenn er schreibt, dass die „objektiv bestehenden moralischen Tatsachen […] durch uns erkennbar, also geistabhängig“ sind. Gabriel, der ja eine dezidiert realistische Position vertreten will – für einen solchen existiert die Welt unabhängig von einem Verstand –, formuliert hier im Widerspruch dazu einen idealistischen Satz. Wieso bedeutet „durch uns erkennbar“ „geistabhängig“? Sollte etwa das, was nicht vom Geist (von meinem Geist?) abhängig ist, nicht existieren, wenn ich es nicht wahrnehme oder erkenne? Das würde ja bedeuten, dass ich es erschaffe, indem ich es erkenne… Eine realistische Position wird das niemand nennen wollen.

 

Wie unsauber Gabriel an vielen Stellen argumentiert, kann man sehen, wenn er über ethische Dilemmata schreibt: „Ein ethisches Dilemma besteht darin, dass uns mehrere Handlungsoptionen zur Verfügung stehen, die allerdings dazu führen, dass wir das moralisch Gebotene nicht erfüllen können. Tun wir in einem Dilemma etwas Gutes, unterlassen wir in einem solchen Fall automatisch etwas anderes Gutes und tun somit etwas moralisch Falsches.“ Kurz: Man wird unter allen Umständen schuldig.

 

Markus Gabriel Moralischer Fortschritt COVERSpäter im Buch leugnet er die Existenz ethischer Dilemmata ganz und gar und will stattdessen „mit einem einfachen Gedankenexperiment beweisen, dass es letztlich keine ethischen Dilemmata geben kann.“ Das würde bedeuten, dass wir einer persönlichen Schuld immer aus dem Wege gehen können, und wäre eine feine Sache – nur eben nicht für die Autoren von Tragödien seit sagen wir: Euripides oder Sophokles. Deren Werke zehren ja von der nunmehr mit leichter Hand widerlegten Annahme, dass es ausweglose Situationen gibt, in denen man handeln mag wie man will – man macht sich immer schuldig. Gabriels Argument lautet, „dass es zu viel (nämlich unendlich viele) ethische Dilemmata gibt, wenn sich auch nur ein einziges finden lässt, sodass es für jeden moralischen Satz beliebig viele Ausnahmen gibt.“ So ist es aber leider wirklich. Es gibt unendlich viele ethische Dilemmata; und es wird sie auch immer geben. Damit müssen wir leben, und damit können wir auch leben. Ein Argument gegen Zwickmühlen aller Art ist das nun wirklich nicht.

 

Andere Ergebnisse dieser Ethik fordern nicht zum Widerspruch hinaus, aber doch nur deshalb, weil Gabriel keinen Gemeinplatz auslässt, um irgendwie auf Höhe der Zeit zu sein. Selbstverständlich ist er (wie wir doch hoffentlich alle…) für „Nachhaltigkeit“ und gegen Plastik und Rassismus, und er geht nicht allein auf die Corona-Krise ein, sondern kennt sogar einen flink zusammengebastelten „virologischen Imperativ“. Dieser „gebietet, möglichst viele Menschenleben vor dem Corona-Virus zu schützen.“ Gibt es auch einen grippalen Imperativ?

 

Gabriels Argumentation ist erstens rein politisch (sogar tagespolitisch), nicht aber philosophisch, und zweitens dem Mainstream verpflichtet, also ohne jeden eigenständigen Gedanken. Fernsehkompatibel ist er also gewiss, aber in die Philosophiegeschichte geht man mit derartigen Büchern wohl eher nicht ein.


Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert.

Ullstein 2020

368 Seiten
ISBN 978-3550081941

 

YouTube-Video:
Der Philosoph Markus Gabriel weist einen Weg aus dunklen Zeiten | ttt (6:31)

 

 

Fotonachweis:

Max Scheler. Foto: Public Domain. Quelle: Wikipedia

Buchcover

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