Werbung

Neue Kommentare

Hamburger Architektur Sommer 2019

Follow Book

Was macht das Lachen so bedeutend, dass jemand mehr als zweitausend Seiten darüber schreiben kann? Für Lenz Prütting ist das Lachen ein Verhalten, das allein dem Menschen zukommt. So versteht sich seine gewaltige Studie über dieses Thema als ein wesentlicher Beitrag zur philosophischen Anthropologie.

Lenz Prütting (*1940) ist ein Theaterwissenschaftler und Theaterpraktiker, der irgendwann auf den Gedanken kam, sich etwas intensiver mit dem Lachen auseinanderzusetzen. Eigentlich wollte er, wie er eingangs seines Buches berichtet, nur einen Aufsatz darüber schreiben, „was erkenntnistheoretisch gesehen mit dem Jargon-Ausdruck ‚Verstehen mit dem Bauch‘ gemeint sein könnte“, aber das Ergebnis zehnjähriger Mühen war dann dieser Foliant, dessen erste Auflage bereits vor sieben Jahren erschien und in manchen Kreisen Aufsehen erregte – dank der erstaunlichen Gelehrsamkeit seines Verfassers, aber auch dank der Plausibilität seiner Überlegungen.

 

Das Buch teilt sich in zwei Teile, einen historischen und einen viel kürzeren systematischen, der auf den letzten dreihundert Seiten Prüttings eigene Theorie zusammenfasst. Wenn man rechnet, kommt man leicht darauf, dass nicht weniger als 1.500 Seiten der Geschichte der Lachtheorie gewidmet sind, der „Gelotologie“, benannt nach dem griechischen Wort für das Lachen. So viel Material kommt eben zusammen, weil seit ihren allerersten Anfängen Philosophen, später auch Wissenschaftler über das Lachen und die damit zusammenhängenden Gegenstände nachdachten. Aber kaum jemand von ihnen kann in den Augen Prüttings bestehen, sondern eigentlich allen weist er Einseitigkeiten und gelegentlich auch grobe Fehler nach. Seiner Kritik, die oft recht harsch daherkommt, kann man fast immer zustimmen, denn selbst große Geister waren dem Thema des Lachens nur selten gewachsen.

 

Besonders gefallen mir die Passagen über die Aufklärung, in denen Prütting intime Kenntnisse der Literatur verrät – zum Beispiel sein Kapitel über Wieland –, oder seine messerscharfe Kritik an den Irrtümern der „Energetik“. In diesem Kapitel behandelt er auch eine besonders merkwürdige Theorie, die sogenannte „Psychoanalyse“, und lässt an ihr und ihrer weltfremden Beschreibung der „Hydraulik psychischer Energie“ kein gutes Haar. Auch das gefällt mir.

Mit schneidender Schärfe kritisiert Prütting das „demonstrative Lach-Plakat“, das die Mehrheit der Politiker vor sich her trägt, und fährt fort mit der Charakterisierung von Monarchen, denen eine Lächelmaske „stereotyp auf dem Gesicht klebt“; noch viel schöner ist aber das, was er über die „süßliche Lächelmaske katholischer Kleriker“ zu sagen weiß, die nicht Huld demonstriere, „sondern die geahnte und hienieden schon vorweggenommene Seligkeit der Auferstandenen.“ Man findet dieses süßliche Lächeln, wie ich hinzufügen möchte, auf den Gesichtern von allen, die fest daran glauben, der Weisheit in irgendeiner Form teilhaftig geworden zu sein; katholisch braucht man dafür gar nicht zu sein.

 

Selbstverständlich finden sich Passagen von teils beträchtlicher Länge, die nur für wenige Spezialisten ein Interesse besitzen, und man fragt sich, ob sich der Autor nicht an einer separaten Darstellung seiner eigenen Theorie versuchen sollte, an einer Art Volksausgabe, wie man das früher genannt hätte. Eine konzise Zusammenfassung seiner ziemlich überzeugenden Überlegungen mit einem stark reduzierten historischen Teil könnte eine viel größere Wirkung entfalten.

 

Prütting ist, wie er selbst immer wieder betont, besonders drei Autoren verpflichtet: Zunächst Helmut Plessner, der mit den „Stufen des Organischen“ 1928 das Grundbuch der philosophischen Anthropologie vorgelegt hatte, aber für Prütting vor allem mit seiner Studie „Lachen und Weinen“ (1941) wichtig ist. Sodann der Philosoph Wilhelm Kamlah, dessen 1972 erschienene „Philosophische Anthropologie“ das „Widerfahrnis“ betont, den Umstand, dass unser Leben immer wieder durch Ereignisse bestimmt wird, die mit unserer Person überhaupt nichts zu tun haben, zum Beispiel Naturkatastrophen (oder Pandemien…). Energisch wendet sich Prütting gegen die, wie er selbst schreibt, „wahnhafte“ Selbstüberschätzung des Menschen, die er besonders in Goethes „Faust“ geschildert findet.

 

Faust, so liest Prütting das Drama Goethes, vertritt „eine maßlose und letztlich auch lächerliche Selbstüberhebung“, die aus dem Wahn resultiere, „alles sei verfügbar und könne der menschlichen Selbst- und Welt-Bemächtigung unterworfen werden, wenn man nur entschlossen genug handelt.“ Kamlah und mit ihm Prütting sehen nicht am Anfang die Tat stehen, sondern interpretieren das menschliche Handeln als Antwortverhalten. Verbunden damit ist eine ganz andere Sicht auf den Menschen.

Man muss schon auf etwas ältere Autoren zurückgreifen, wenn man ähnlichen Ansichten begegnen will. „Nebenbei“, spricht Heimito von Doderer in der 1951 erstmals erschienenen „Strudlhofstiege“ den Leser direkt an, „was hältst du eigentlich vom Handeln – ich meine: gehört es wirklich uns?“ Diese Frage zielt weniger auf das Unbewusste als vielmehr auf die Umstände, die uns regieren und auf die wir deshalb zu antworten haben. Heutige Moralphilosophie unterschlägt sie konsequent in einem etwas schlaumeierischen, den Menschen und seine kalkulierende Vernunft maßlos überschätzenden Ansatz, und eben hierin unterscheidet sich Prütting deutlich. Für ihn ist keinesfalls alles rational; und selbstbestimmt ist sehr vieles ebenso wenig.

Hermann Schmitz denkt hier ähnlich, und seine „Neue Phänomenologie“ ist der dritte, mit Abstand wichtigste Einfluss auf Prüttings Denken. Diese Philosophie besitzt ihre Qualitäten insbesondere dort, wo es um den Zusammenhang von Denken und Leib geht. Schließlich ging es Prütting von vornherein darum, herauszufinden, inwiefern man etwas mit dem Bauch verstehen kann. Den Zusammenhang des Lachens mit der Person-Werdung – das wichtigste Ergebnis – sieht im Ansatz bereits Schmitz, deutlicher aber erst Prütting. Und eben das ist der aufregende Teil seiner Studie: Prütting schildert die Gleichzeitigkeit ihrer Entstehung und damit die innere Abhängigkeit von aufrechtem Gang, Lächeln oder Lachen und endlich der Personalität.

Wer so argumentiert, muss das Lachen nach der Person-Werdung von einem „präpersonalen Lachen“ unterscheiden, dem sich das Kind nicht entziehen kann und dem auch Erwachsene im Fall einer Regression (eines Rückfalls in einen präpersonalen Zustand) unterliegen; das Lachen einer Person dagegen ist verfügbar, sprich es gehört zum bewussten Ausdruck einer Person, zu ihrer Selbstdarstellung wie auch Kommunikation.

 

Lenz Pruetting Homo ridens COVERPrütting wirft seinen Vorgängern vor, sich zwar ausgiebig mit den Anlässen zum Lachen, nicht aber mit diesem selbst befasst zu haben. Insbesondere findet er, dass der Analyse des organischen Vorgangs, also zum Beispiel des gehemmten Atmens, nicht ausreichend Beachtung geschenkt wurde. Seine Arbeit gipfelt in einer „Lach-Palette“, die er bereits im Eingang seines Folianten anspricht, um sie im systematischen Teil breit auszuführen, wobei er auf die Beschreibungen des Lachens in der Literatur, aber auch auf die Beobachtung seiner selbst zurückgreift. Die Lach-Palette reicht vom entspannten Lächeln zum höhnischen Grinsen, vom Auslachen über das „Wollust-Lachen“ (wenn man gekitzelt wird) bis zum Lachen aus Verzweiflung oder aus Verlegenheit

Die Unterschiede, die Prütting beschreibt, sind in aller Regel plausibel, aber nicht selten extrem subtil, so dass seine Beschreibungen in Kasuistik übergehen: „So können z.B. das Kitzel-Lachen und das Verlegenheits-Lachen aus dem Interaktions-Lachen ‚herauskippen‘ und in ein Bekundungs-Lachen umschlagen, sobald der Blickkontakt zwischen den beiden Interaktionspartnern abbricht und zugleich damit auch die gemeinsame Situation zerbricht.“

 

Auch, wenn man Prüttings extreme Differenzierung der verschiedenen Lacharten haarspalterisch finden sollte, muss man zugeben, dass er sowohl verschiedene Haltungen als auch Lacharten beschreibt, die wir alle aus unserem eigenen Leben kennen. In dem ungefähr einhundertfünfzig Seiten umfassenden Teil, in dem er die „Varianten des lachmündigen personalen Lachens“ schildert, ergänzt oder illustriert er die Phänomenologie der verschiedenen Lacharten mit Beispielen aus der klassischen Literatur. Zum Beispiel schildert er das „Lachen der Erleuchtung“ mit Beispielen, die er der „Ilias“ Homers, der „Aeneis“ des Vergil und schließlich dem „Messias“ Klopstocks entnimmt, denn er versteht die Inspiration (also die „Erleuchtung“), die von diesen drei Dichtern eingangs ihrer Epen geschildert wird, als ein „unverfügbares Widerfahrnis“ – ganz im Sinne von Kamlah. Ähnlich, wie wir es eben bei Kamlahs und Doderers Deutung unserer Handlungen als (auch…) fremdbestimmt gesehen haben, sieht er unsere Begrenzt- und Bedingtheiten. So ist seine Deutung der Inspiration also nicht die einer kreativen Tat-Handlung, die im Vermögen (der „Kreativität“) eines besonders begabten Menschen gründet, sondern einer Gelegenheit, die ergriffen werden will, und eines Geschenks, das unter Umständen mit einem Lachen beantwortet wird. Vielleicht sollte man deshalb an dieser Stelle an das Lächeln denken, das immer auf dem Gesicht des neurotischen Detektivs Adrian Monk erscheint, wenn ihm die Lösung gekommen ist?

 

Das Zentrum des Buches ist erreicht, wenn Prütting eingangs seines systematischen Teils über den „vertikalen Impuls“ schreibt, also über das Sich-Aufrichten oder -Aufstellen des Kindes (das Erlernen des aufrechten Ganges), das einhergeht mit der Fremdelphase und dem allmählichen Erlernen des Personalpronomens „Ich“, das eine der Voraussetzungen des Langzeitgedächtnisses ist. Das Kind stellt sich erstmals (und buchstäblich…) der Welt entgegen. Diese drei Vorgänge treten mehr oder weniger verbunden auf und zeigen damit an, dass das Lachen ebenso wie der aufrechte Gang, der Gebrauch des „Ich“ und schließlich die Veränderung des Lachens in der Personalität des Menschen gründet. Eben dies, dass er Person sein kann, unterscheidet den Menschen von den Tieren.


Lenz Prütting: Homo ridens

Eine phänomenologische Studie über Wesen, Formen und Funktionen des Lachens.
Vierte, erweiterte Neuausgabe, Freiburg / München 2016
2028 Seiten

gebunden / e-Book
ISBN 978-3495488294

 

Weitere Informationen

Leseprobe

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Mehr auf KulturPort.De

Am Sonntag, den 18. Oktober 2020, lud die Hamburgische Architektenkammer ihre Mitglieder zu einem ungewöhnlichen und besonderen Event: dem „Wandeln auf den Rampen“...

Es ist eine umfassende Würdigung des britisch-amerikanischen Filmregisseurs, der zugleich Drehbuchautor, Filmproduzent und Filmeditor war. 1899 im nördlichen...

Pablo Larraín kreiert „Ema” als hochexplosiven Mix aus Familiendrama, Tanzperformance, Selbstfindungstrip, Zorn, Zärtlichkeit, Erotik und Feuer. Der chilenische...

Der finnische Architekt und Möbeldesigner Alvar Aalto (1898-1976) gilt als „Vater des Modernismus“. Er schuf ikonische, organisch anmutende Gebäude, darunter...

Die wenigen Vorteile für Kulturbühnenbesucher in Corona-Zeiten sind bekannt: Das immer gleiche Angebot wird häufiger durchbrochen von Unbekanntem, von Stücken also...

Zunächst die gute Nachricht: Die Welt trägt nicht nur Maske – ein in COVID-19-Zeiten global als zivilisatorische Errungenschaft der Menschheit unerlässlicher...


Home     Blog     Kolumne     Reisen     NewsPort     Live

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.