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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Luca ist zehn Jahre alt, der Vater 34. Die Mutter ist vor einem Jahr gestorben. Lucas versucht, seinem Vater ein guter Sohn zu sein. Jeden Tag sagt er ihm, er habe ihn lieb. Es ist nie zu oft. Jedes Mal rührt das den Vater aufs Neue. Das gilt auch für den Leser.
Vorweggesagt: Dieses Buch ist ein Buch für die Hängematte. Bestenfalls sollte sich die Hängematte an Deck einer Yacht oder eines Segelbootes befinden und sich bei leichtem Wind, unter azurblauem Himmel, sanft hin und her wiegen. So kann der Leser sich ganz den spannenden Reiseerlebnissen von Luca und dessen Vater hingeben.

 

Deren Reise beginnt als ganz normaler Ferienaufenthalt in Apulien und mündet in eine ungewöhnliche Segeltour über die Weltmeere. Das alles mit einem kleinen Segelboot und all den Gefahren, die auf offener See lauern können. Zu guter Letzt beschließen Vater und Sohn für unbefristete Zeit auf Mauritius zu leben. Doch bis es soweit ist, führt sie ihre monatelange Segeltour in unbekannte Häfen, zu fremden Menschen, zu neuen Ufern. Wir Leser reisen mit - bis zum guten Schluss. Unterwegs erleben wir ungewöhnliche Abenteuer und eine innige Vater-Sohn-Beziehung.

 

Joachim Kunz Glitzern des Meeres COVERZurück zum Anfang: Es ist Ende Juni, Vater und Sohn wollen die Sommerferien in ihrem Strandhaus in Apulien verbringen. Dort sprechen sie über ihre Träume und stellen fest, dass sie denselben Traum teilen, nämlich auf einem Segelboot über die Meere zu fahren. Lucas Vater kauft ein Segelboot und vermietet ihre Wohnung in Bari. Er meldet seinen Sohn von der Schule ab und kündigt seine Arbeit. Sie schippern durch die Meere, in Richtung Griechenland, durchqueren den Suezkanal und den Golf von Aden. Ihr Sehnsuchtsziel ist Mauritius. Sie bestehen Abenteuer, begegnen Haien, einem Blauwal und Delphinen. Sie überleben einen Sturm, einen Überfall und erleben Gastfreundschaft in fremden Ländern. Das Buch beschreibt eine liebevolle Vater-Sohn-Beziehung, die durch Freiheit, Liebe und Zuwendung geprägt ist. Die Geschichte steht auch für ein selbstbestimmtes, unkonventionelles Leben abseits der gesellschaftlichen Konventionen. Abwechselnd werden die Kapitel aus der Sicht des Sohnes sowie des Vaters erzählt.

 

Im „normalen“ Leben arbeitete der Vater in einem Musikgeschäft. Nebenher baute er Gitarren. Eine Gitarre ist es auch, die jetzt mitreist und unterwegs manch schöne Stimmung musikalisch begleitet. „Selbst das Meer scheint dann zuzuhören“, wenn die beiden am Abend anfangs auf der Terrasse und später auf ihrem Segelboot dem Sonnenuntergang zuschauen und die Meeresbrise sanft ihre Wangen küsst. Die beiden haben keine Regeln, außer denen, die sie sich selbst aufstellen. Sie reden viel miteinander. Das stärkt ihre ohnehin innige Beziehung, „dass wir nun jeden Tag von morgens bis abends die Zeit miteinander verbringen“. Eines Abends spricht der Vater seinen größten Wunsch aus: eine Reise mit dem Segelboot über die Meere. „Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, wie Wasser aus einer Flasche, als er mir sagt, dass er gerne aufs Meer fahren möchte.“ Lucas hängt an den Lippen seines Vaters, ist dies doch genau auch sein Wunsch, sein bisher unausgesprochener Traum, der jetzt wahr werden könnte... „Wir sind eine Familie, dennoch haben wir nie über unsere Träume gesprochen. […] Dabei haben wir die ganze Zeit den gleichen Traum gehabt.“
Diesen Traum wollen sich die beiden nun erfüllen. Gesagt, getan. Sie kaufen ein Segelboot, „die Papiere wechseln den Besitzer und viele Scheine ebenso. Ich bin unsagbar glücklich und könnte schreien, wie die Möwen über mir, die mit dem Wind tanzen.“ Luca ist voller Energie, Freude, Tatkraft und Enthusiasmus. Er fühlt sich zugleich als Mann und als Junge. Die beiden vermieten ihre Wohnung, der Vater kündigt die Arbeitsstelle. Luca ist bereits von der Schule abgemeldet. Sie holen ihre Pässe, sammeln einige Seekarten zusammen, die vom Großvater stammen, kaufen unzählige Vorräte ein. Die Seefahrt kann beginnen.

 

Abseits von Zwängen, befreit von jeglichen Konventionen, stechen Luca und sein Vater in See, lassen sich und ihre Gedanken treiben. Die sind nicht immer menschenfreundlich, aber immer von der Liebe zueinander geprägt. Und dennoch: „Liebe kann niemals den Geschmack der Freiheit tragen. Sie schmeckt bitter und ist schwer verdaulich“, so der Vater im Rückblick auf sein Leben und Lieben. Diese Schlussfolgerung dürfte allerdings auch und vor allem auf seine negative Eheerfahrung zurückzuführen sein: Laura, Lucas Mutter, litt an einer schweren Depression und (an daraus folgender) Unterernährung. Sie beendete ihr Leben unter Zuhilfenahme von Schlaftabletten. Bereits die letzten Jahre vor ihrem Tod vernachlässigte sie Luca mehr und mehr. Alleinige Verantwortung für Luca trug letztendlich der Vater.

 

Jetzt haben Vater und Sohn sämtliche Altlasten abgeworfen. Sie sind den einengenden Verhältnissen entflohen und dem Ruf der Freiheit gefolgt: „Die Freiheit kann einsam sein, aber unermesslich groß wie der Kosmos, wie die ausgedehnten Wüsten oder die endlosen Kliffe eines brüchigen Gebirges. […] Freiheit bedeutet Einsamkeit“. Gedanken wie diese sind keine leichte Kost, aber in diesem Fall recht verdaulich. Das spricht für das Buch, das sowohl das eine oder andere Abenteuer bereithält als auch viele Momente der Liebe zwischen Vater und Sohn. Wie gesagt: am besten zu genießen in der Hängematte auf einer Yacht oder einem Segelboot… Doch auch das soll hier frei heraus gesagt werden: das Lektorat hätte genauer hinschauen sollen. Sätze wie dieser wären dann richtig gut: „Meine Sehnsucht ist genau wie das Weltall, sie kennt kein Anfang und kein Ende.“


Johannes Kunz: Das Glitzern des Meeres

Engelsdorfer Verlag 2020
Roman. Taschenbuch, 211 Seiten
ISBN 978-3-96145-943-8
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