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Foto: Philippe Matsas/Opale/Leemage/laif

Sechs Romane hat der amerikanische Autor Kent Haruf geschrieben, die alle in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Staat Colorado angesiedelt sind. Sein letzter Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ erschien 2015 posthum und wurde noch im selben Jahr mit Jane Fonda und Robert Redfort verfilmt. Der 1943 in Colorado geborene, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schriftsteller, verstarb 2014.

„Benediction“ heißt sein vorletzter Roman, der 2013 in den USA erschien und jetzt unter dem Titel „Kostbare Tage“ im Diogenes-Verlag. Es ist ein leises Buch des Abschiednehmens, ein Buch lebenslanger Liebe, voller Weisheit und Trost. Es ist auch ein Buch über unscheinbare Alltäglichkeiten, die vom Autor in Szene gesetzt wirken wie funkelnde Diamanten. Schlichte Reinheit, gepaart mit kunstvoller Geschliffenheit, führen und verführen zum großen Leseerlebnis.

 

Dabei ist die Sache an sich äußerst traurig: Dad Lewis ist 77 Jahre und erhält gleich zu Beginn des Romans die Diagnose Krebs im Endstadium. Liebevoll kümmern sich seine Frau Mary und Tochter Lorraine um den Todkranken, der mit Mary seit seinem 22. Lebensjahr in Holt lebt. In einem weißen Haus, das 1904 erbaut wurde. In einer Straße, die damals erst drei oder vier Häuser zählte. Jetzt ist der letzte Sommer für Dad Lewis gekommen in diesem Haus, in dieser Straße, in dieser Kleinstadt, die er – anders als sein Sohn Frank - nie verlassen hat. Höchste Zeit also für Dad, letzte Dinge zu regeln. Zum Beispiel das schwierige Verhältnis zu seinem schwulen Sohn Frank zu bereinigen. Die Nachfolge seiner Eisenwarenhandlung zu bestellen. Eine alte Schuld zu tilgen. „Noch ehe der Sommer vorbei war, wäre er tot. Anfang September würde man draußen auf dem Friedhof, drei Meilen östlich von der Stadt, Erde über ihn schütten, auf das, was von ihm übrig war. Man würde seinen Namen auf einen Grabstein meißeln, und dann wäre es so, als hätte es ihn nicht gegeben.“ Dass dem nicht so ist, ist Kent Haruf zu verdanken. Er hat seinem (fiktiven) Helden Dad Lewis ein Denkmal gesetzt.

 

Kent Haruf Kostbare Tage COVERBegleitet wird der Sterbende von Frau und Tochter, aber auch von den Nachbarinnen: eine Mutter und deren Tochter (Willa und Alene), eine alte Frau (Berta) und deren Enkelin (Alice). Dann ist da noch Pfarrer Lyle, der rätselhaft zu sein scheint, aufbrausend und leidenschaftlich predigt, nachts die Leute in ihren Häusern beobachtet, was die Polizei auf den Plan bringt: „Ich dachte, ich würde sehen, wie Menschen einander verletzten. Grausam sind. Wie ein Mann seine Frau schlägt. Aber ich habe nichts dergleichen gesehen. […] Ich habe nur gesehen, wie liebevoll die Menschen miteinander umgehen. Wie in einer Sommernacht die Zeit vergeht. Das ganz normale Leben.“ Ganz normal kommt Lyle seinen Mitbürgern jedoch nicht vor: „Ist er Mexikaner, weiß das jemand?“, fragte Willa. Er hat so dunkles Haar. - Nein, sagte Mary. Ich glaube nicht […] Vielleicht Italiener. - Nicht, wenn er in der Freikirche ist. - Ein Mexikaner wäre kein Geistlicher in einer protestantischen Kirche. Er wäre katholisch.“ So sind sie, so denken sie, die kleinen Leute in Kleinstädten wie dieser.

 

Einmal fragt Alene, die vor vielen Jahren vom verheirateten Geliebten verlassen wurde und nach diesem lebenserschütternden Ereignis nach Holt zurückkehrte, ihre Mutter: „Wie hast du es geschafft, nach Vaters Tod weiterzuleben? - Ich habe einfach so weitergemacht. Ich war auch einsam. - Bist du es immer noch? - Darüber denke ich nicht nach. Ich habe gelernt, nicht darüber nachzudenken.“ Nicht nur vom Sterben ist in diesem manchmal auch humorvollen, in weiten Teilen tröstlichen Buch die Rede. Die Gemeinschaft im Ort mit ihren zahlreichen, liebenswerten Nebendarstellern spielt dabei eine wichtige Rolle. So wie die alte Miss Sprague. Von ihr lesen wir, sie hat bei Dad eine Kühltruhe auf Abzahlung gekauft. In der Truhe befinden sich jedoch keine Lebensmittel, sondern nur uralte Unterlagen: Briefe, Bankauszüge, Zeitungen. Die Zahlungen für die Truhe, die auf der hinteren Veranda ihren Platz erhielt, hat Miss Sprague längst eingestellt. Ob sie die Kühltruhe wieder abholen sollen, wollen Dads treue Mitarbeiter Rudy und Bob vom sterbenden Chef wissen. „Lasst sie in Ruhe. Schreiben wir das ab, und fertig.“ Auch so sind sie, die kleinen Leute in der Kleinstadt.

 

Gerne würde so mancher Einwohner das eine oder andere Schicksalhafte von sich und anderen abwenden, zum Beispiel, dass Pfarrer Lyle den Ort verlässt. Um dies zu verhindern, sprechen Willa und Alene mit dem Pfarrer: „Sie sollten nichts überstürzen. […] Menschen können einen unglücklich machen, sagte Alene […] Jedes Leben wird doch auch von Unglück begleitet, oder? - Ich weiß nicht. Früher dachte ich das nicht. - Aber es gibt auch Gutes, sagte Willa. Darauf möchte ich bestehen. Es gibt kurze Augenblicke, sagte Alene. Das hier ist so einer.“ Augenblicke des Guten, des Glücks erleben beispielsweise die vier Frauen aus drei Generationen, als sie gemeinsam nackt im Rindertrog auf dem Bauernhof baden: „Ihre Gesichter und Körper glänzten. Später stiegen sie alle raus, trockneten sich ab, zogen sich an, nahmen die Gartenstühle und die leere Weinflasche und gingen durch den Pferch und über den heißen Feldweg zum Haus zurück.“

 

Ein anderes Mal bringt Lorraine einen Tisch aus dem Haus auf die Veranda, stellt „das Geschirr für das Abendessen darauf, und Berta und Alice kamen mit Brot, Gartenbohnen und Radieschen durch den Garten, und so saßen alle zusammen in der kühlen Luft und setzten auch Dad Lewis mit einer Decke über den Beinen an den Tisch. Nach dem Abendessen nahm Alice ihr Fahrrad, um noch eine Runde zu fahren.“ Alice, die das aufblühende Leben verkörpert, die von Willa und Alene das Fahrradfahren gelernt hat. Vielleicht, um eines Tages davon zu radeln aus Holt mit dem Ziel, den hier herrschenden engen Verhältnissen zu entfliehen und andernorts weitläufiges Glück zu finden. Vielleicht in Denver. Dort ist immer etwas los, heißt es an einer Stelle des Romans. Ob es dort schöner ist, darf bezweifelt werden. Denn trotz aller anfechtbaren Verhältnisse bleibt Holt ein lebens- und liebenswerter Ort. Auch wenn es diesen Ort nicht gibt. Das Paradies ist sowieso immer woanders, wie man weiß.


Kent Haruf, Kostbare Tage

Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda

Diogenes Verlag 2020
ISBN 978 3 257 07125 1

Gebunden, 345 Seiten

 

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