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Der Titel des neuen Romans von Leif Randt „Allegro Pastell“ macht neugierig. Grund genug, dieses Buch zu lesen.

Ein weiterer Grund: Literaturkritiker Ijoma Mangold hat diesen Liebesroman hochgelobt. Hätte er das nicht getan, dann wäre dieses coole, für den Leipziger Buchpreis nominierte Buch vielleicht an mir vorübergegangen. Ob das gut gewesen wäre? Nein, keineswegs!

 

Dies, obwohl ich von der stark unterkühlten Liebesgeschichte relativ unberührt blieb. Doch etwas anderes geschah: Nach der Lektüre tauchte ein Meer von Fragen auf. Fragen wie: Richtet sich dieses Buch etwa (nur) an eine bestimmte Altersgruppe? Sind manche Leser (wie ich) zu alt für dieses Buch? Lieben Menschen heute anders als vor wenigen Jahrzehnten, vor wenigen Jahren? Lesenswert ist „Allegro Pastell“ also aus vielfältigen Gründen. Allein das ist cool. So cool wie dieses Buch. So cool wie meine Emotion bei und nach der Lektüre. Tausendmal berührt und nichts gespürt. Vielleicht kommt das noch. Später. So wie in dem Song der Klaus-Lage-Band aus dem Jahr 1984: „Tausend mal berührt/tausend mal is nix passiert/tausend und eine nacht/und es hat zoom gemacht“.

 

Keine Frage: Der 1983 in Frankfurt geborene, in Berlin lebende Schriftsteller Leif Randt ist ein sehr guter und erfolgreicher Autor. Erfolgreich war Leif Randt schon, bevor sein aktueller zeitgenössischer Roman „Allegro Pastell“, der vielleicht eine „ästhetische Zeitenwende“ (Süddeutsche Zeitung) dokumentiert, auf dem hiesigen Buchmarkt erschien. Schon für seine Romane "Schimmernder Dunst über Coby County" (2011) und „Planet Magnon" (2015) wurde der Autor mit Preisen ausgezeichnet. In „Allegro Pastell“ erzählt er von Tanja und Jerome. Dies geschieht auf leichte, nahezu emotionslose Weise. Getreu dem Titel. Bedeutet doch „Allegro“ rasch, munter, heiter, fröhlich. Und „Pastell“ ist bekanntlich ein zarter, heller Farbton. Beides scheint oberflächlich (angelegt) zu sein, nicht in die Tiefe gehend. Beides ist und bleibt leicht und licht.

 

Allegro Pastell COVERIm Roman geht das so: Die Protagonistin Tanja Arnheim hat vor kurzem einen Debütroman veröffentlicht, der schon jetzt Kultstatus genießt. Tanja lebt in Berlin, wird in wenigen Wochen dreißig und wartet auf die zündende Idee für ein neues Buch. Ihr fünf Jahre älterer Freund Jerome Daimler ist ein angesagter Webdesigner und bewohnt in Maintal den Bungalow seiner Eltern. Die beiden haben eine anscheinend makellose Fernbeziehung, schreiben sich Kurznachrichten und Mails, schicken Selfies und andere Fotos. An langen Wochenenden besuchen sie einander in ihren jeweiligen Realitäten. Gemeinsames Jogging durchs Naturschutzgebiet, Meditation im südhessischen Maintal, Clubbesuche in Berlin, Designerklamotten, disziplinierter Drogenkonsum, Dauerkommunikation dank technischer Möglichkeiten – Jerome und Tanja sind stets füreinander da, aber nicht aneinander verloren.

Erzählt wird die Geschichte einer fast normalen Liebe in drei Phasen, die im Frühjahr 2018 beginnt und im Sommer 2019 endet. Zu Beginn des Romans holt Jerome Tanja vom Frankfurter Hauptbahnhof ab. Er überlegt, „ob er ihr entgegenlaufen soll, aber dann fand er es charmanter, einfach stehen zu bleiben.“ Das ist typisch für diesen Roman. Alles wird reflektiert, hin und her überlegt, nichts geschieht spontan. Da wird mit „der Rolle des überglücklichen heterosexuellen Partners“ kokettiert, spielerisch zwischen der inneren und äußeren Persönlichkeit gewechselt. Da werden Gedanken gemocht, die andere verunsichern würden, Blicke, Unterstellungen und Assoziationen von anderen automatisch mitgedacht. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, und wenn das doch einmal passiert, wirkt es selbst auf die Protagonisten irritierend und wird sogleich wieder in Frage gestellt.

 

„Immun hat sich Jerome zu keinem Zeitpunkt seines Lebens gefühlt. […] Inzwischen hielt er eine souveräne Distanz zu den Dingen, ohne dabei an Empathie einzubüßen, im Gegenteil, er konnte die Sorgen anderer heute leichter nachvollziehen, er war fairer und gütiger, aber er litt nicht mehr stellvertretend.“ Nostalgie ist für Jerome „nur ein träger Reflex“. Menschen, die in der Lage sind, „Wehmut zu entwickeln“, hingegen schätzt er. Tanja und Jerome reflektieren alles und jedermann. Dabei geht es den beiden immer um das Erkennen und Erleben der eigenen Werte und Wünsche. Tanja behauptet bei einer Lesung, sie ekelt sich zunehmend vor heterosexuellen Partnern. „Das Wort ekeln hatte sie bewusst gewählt, in dem Wissen, dass es eigentlich viel zu hart war. Echten Ekel empfand sie nämlich nicht, wenn sie Dinge sah, die als normal galten – dafür war ihre Kindheit viel zu glücklich gewesen. […] Im selben Interview verheimlicht sie nicht, dass sie selbst schon mit mehreren Männern recht klassisch liiert gewesen war. Faktisch lebe ich Dinge aus, die ich ideell ablehne. Ich glaube, das ist normal. Man muss in der Lage bleiben, derartige Widersprüche zu genießen“.

 

Tanja und Jerome finden es eher ungewöhnlich, eine Beziehung mit einem One-Night-Stand zu beginnen. Und doch geschieht genau das. „Der Sex im erstaunlich stickigen Zimmer war nicht besonders gut, aber es war spürbar, dass er einmal gut werden könnte, er trug ein Versprechen in sich, fand Jerome, also war es letztlich doch guter Sex. […] In der Folge hatten sie leicht pathetischen Sex auf der Couch, bestimmt von der Überzeugung, dass sie nun etwas fraglich Gutes für ihren Geist und ihren Körper taten. Jerome glaubte in einem Moment sogar, dass sie durch ihren Akt an einer energetischen Verbesserung des gesamten Planeten Erde mitwirkten. […] Nachdem zuerst er und kurz darauf Tanja gekommen war, musste er über seinen Energiegedanken lachen. Jeromes erster Impuls war, Tanja sofort von seiner Energiethese zu erzählen, aber dann dachte er, dass man ja nicht alles zerreden musste. Er würde ihren gemeinsamen Sex und den Planeten Erde einfach weiter beobachten."

 

Auch andere Rauscherfahrungen werden zumindest auf einer Message-Ebene miteinander geteilt. Und vieles andere auch. Doch der Wunsch, ihre Zuneigung zu konservieren, ohne dass sie bieder oder schmerzhaft existenziell wird, ist schwerlich oder auch gar nicht erfüllbar. Einmal sagt Tanja über Jerome, den sie gerade verlässt: „Ich könnte ihn jetzt nicht sehen. Aber ich vermisse das Gefühl, gerne an ihn zu denken.“ „Allegro Pastell“ ist die Geschichte einer Liebe. Doch letztlich wissen die beiden Liebenden trotz aller Kontrollbemühungen nicht wirklich, was sie tun. So etwas hat es schon immer und zu allen Zeiten gegeben. Am Ende des Romans stehen die drei Worte „Ich liebe dich.“ Doch dauerhaft gelebte Liebe kommt nicht dabei heraus. Diese Paargeschichte demontiert eher die Liebe. Letztendlich dreht sich alles ums eigene Ich. Probleme werden neutralisiert, als wären sie nicht vorhanden. Wirkliche Liebe sieht anders aus.


Leif Randt: „Allegro Pastell“

Kiepenheuer und Witsch Verlag 2020

Roman. Gebunden, 240 Seiten

Buch, e-book
ISBN 9783462049213

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