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Das blinde Licht. Buchumschlag. Suhrkamp

Wie übersetzt man die Sprache der Mathematik in Metaphern und Vergleiche? Kann man sich bildlich vorstellen, wie das Innere eines Atoms aussieht?
Um die Erfahrung einer verborgenen Realität in Sprache und Bildern geht es in „Das blinde Licht“ des noch jungen chilenischen Autors Benjamín Labatut.


„Verdor terrible“ (schreckliches Grün) lautet der Titel des Buches im Original und bezieht sich auf eine Episode im letzten Kapitel, in der Werner Heisenberg ein grünes Getränk (Absinth?) zu sich nimmt und in der Folge die Unschärferelation entdeckt. Allerdings heißt dieses Getränk im Spanischen „el Diablo verde“ (der grüne Teufel); vielleicht ist es also kein Absinth. „Das blinde Licht“ scheint mir in jedem Fall ein besserer Titel, denn anders als der Originaltitel deutet dieser mystisch anmutende Ausdruck die Thematik des Buches an, in dem es vor allem um die Unmöglichkeit geht, die Erkenntnisse der Physik in unsere Sprache zu übersetzen.

„Das blinde Licht“ ist kein Sachbuch, sondern in den Worten des Autors „ein fiktionales Werk, das auf Fakten beruht.“ Jedes der vier Kapitel enthält überraschende Wendungen, deren Erratik durch die gelegentlich sprunghafte Erzählweise des Autors zusätzlich betont wird. Beispielhaft kann man das gleich an der ersten Geschichte verdeutlichen, in der es um den bedeutenden Chemiker Fritz Haber (1868-1934) geht. Haber war einerseits ein Wohltäter der Menschheit, denn allein dank der von ihm entwickelten Stickstoffgewinnung („Haber-Bosch-Verfahren“) für Kunstdünger kann heute ein großer Teil der Menschheit ernährt werden; aber der gleiche Mann wurde auch der „Vater des Giftgaskrieges“ genannt, denn Haber war zunächst (und dabei sehr gewollt!) für den Einsatz des Chlorgases während des 1. Weltkrieges verantwortlich. Die Spitze wird alldem noch aufgesetzt, wenn man erfährt, dass Haber ein konvertierter Jude war – deshalb musste er 1933 emigrieren –, aber mit seinen Erfindungen den Einsatz von Blausäure im Holocaust vorbereitet hatte. Es sind also wirklich Extreme, die sich in dieser singulären Gestalt treffen.

Adriaen van der Werff - Die Grablegung ChristiMit der Farbe des Giftes erklärt sich auch der merkwürdige Titel dieser ersten Erzählung: „Preußischblau“. Die Geschichte beginnt mit Hermann Göring, der sich seiner Hinrichtung durch die Einnahme von Zyankali (Blausäure) entzog, dann wird von Labatut die Wirkungsweise des Cyanids und seine Bedeutung für die Farbstoffindustrie erläutert. Das prachtvolle „Indigoblau“ war bereits im 17. Jahrhundert von einem Farbenhersteller namens Johann Jacob Diesbach entdeckt worden und wurde (oder wird immer noch) „Berliner Blau“ genannt. Ein derart strahlendes Blau war natürlich auch für die Maler interessant. Ein erstes Mal findet es sich auf der „Grablegung Christi“ von Adriaen van der Werff (1659-1722). Auf dem Gemälde markiert es den strahlenden Mantel der Gottesmutter. Später wurde seine Eignung als Insektizid entdeckt, und da ist man auch schon fast bei Habers Rolle im 1. Weltkrieg angelangt.

Wie soll man einen Menschen bewerten, in dem sich derart die Extreme treffen? Diese Frage muss man sich auch bei dem nächsten großen Wissenschaftler stellen, Karl Schwarzschild (1873-1916), einen genialen Astronomen, der als Soldat des 1. Weltkrieges unter schwierigsten persönlichen Umständen ein Problem löste, an dem Einstein verzweifelte, um gleich darauf an einer heimtückischen Autoimmunerkrankung viel zu jung zu sterben.

Diese zweite Geschichte ist fiktiver als die erste, denn Labatut schildert auch das Innenleben seines Helden, das er schließlich nicht kennen kann. Oder konnte er doch auf Quellen zurückgreifen? Genannt jedenfalls werden sie nicht. In dieser Erzählung wird der zivilisatorische Niedergang während und dank des Krieges mit der tödlichen Erkrankung des Astronomen und zusätzlich mit dem vermuteten Kältetod des Alls parallelisiert. Man weiß nicht immer so ganz genau, ob die bizarren mystischen Visionen – wie würde man das Innere eines Schwarzen Lochs erleben? – nun auf Schwarzschilds Konto oder des Autors gehen. „Der wahre Schrecken“, denkt Schwarzschild in dieser Erzählung, „liege darin, dass die Singularität ein blinder Fleck sei, nie und nimmer zu erkennen. Da kein Licht dort herausdringe, würden wir sie niemals mit eigenen Augen sehen.“ Damit ist das Thema der beiden letzten Erzählungen angesprochen, der Mangel an Anschaulichkeit. Arnold Gehlen schrieb, dass das Auge „ein intellektuelles Organ“ sei. Folgt daraus nicht, dass die Unmöglichkeit einer Visualisierung eines Ergebnisses dieses für unser Weltverständnis irrelevant erscheinen lässt?

In „Das Herz im Herzen“ geht es um Mathematik, und zwar um eine Mathematik, die offenbar nicht einmal die besten Mathematiker der Welt verstehen können. Ihre beiden Helden haben nicht allein ihre Genialität, sondern auch die Andeutung eines Buckels gemeinsam. Zunächst der Japaner Mochizuki (*1969), dem es gelang, die „abc-Vermutung“ (was auch immer das sein mag) zu beweisen – aber ob sein Beweis wirklich standhält, muss offenbleiben, weil den Beweis ja niemand versteht: „Die besten mathematischen Köpfe der Welt waren ratlos.“ Oder doch nicht ganz? „Laut Yuichiro Yamashita, einem der wenigen, die sagen, sie hätten die tatsächliche Bedeutung der interuniversellen Theorie verstanden, hat Mochizuki ein komplettes Universum erschaffen, dessen einziger Bewohner einstweilen er selbst ist.“ Ähnliches gilt dann auch für einen anderen, noch ausführlicher geschilderten Mathematiker, für Alexander Grothendieck (1928 – 2014), der seinen Zeitgenossen – und zwar den besten unter ihnen! – ähnlich überlegen war wie Mochizuki. Leider ist es so, dass der Leser (wie wahrscheinlich der Autor…) auch nicht andeutungsweise versteht, worum es bei diesen Forschungen gegangen ist. So bleibt im Gedächtnis des Lesers nur das Psychogramm einer nicht nur verschrobenen, sonderen leider auch selbstzerstörerischen Genialität zurück.

Mathematik – also wirkliche Mathematik, zu der schlichte Gemüter wie wir niemals kommen – ist wohl notwendigerweise unanschaulich, ganz ähnlich der Physik unserer Zeit. Könnte es sein, dass diese Wissenschaften für uns überhaupt keine Relevanz besitzen, weil wir mit ihrer Hilfe gar nicht mehr über unser Leben oder über die Natur nachdenken können? Ist es vielleicht denkbar, dass sie nicht allein schwer zu begreifen sind, sondern auch nichts zum Verstehen und Begreifen unserer Welt beitragen, wenn man sie verstanden hat? „Das wirkliche Begreifen nämlich“, schreibt Nicolai Hartmann, „ist weit entfernt, anschauungsfremd zu sein. Es besteht vielmehr gerade in den höheren Formen der Schau, und selbst die logisch ausgeformten Begriffe, die es sich bildet, tragen noch den Charakter solcher Schau an sich. Lebendig und sacherhellend sind ja auch Begriffe nur, solange sie voll und ganz mit Anschauung gefüllt sind: sobald sie es nicht mehr sind, sinken sie zu Abstraktionen herab und sind dann mehr ein Hindernis als ein Mittel des Begreifens.“ Wenn Hartmann recht hat, Mathematik und Physik unserer Zeit sich aber der Anschauung radikal verweigern – kann man mit ihrer Hilfe dann überhaupt noch etwas von der Wirklichkeit verstehen? Auch Hannah Arendt zieht daraus eine Konsequenz, die vielen mathematischen Naturwissenschaftlern nicht passen wird. Sie wirft ihnen vor, „daß sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig ist.“ Weil aber die Welt der Politik eine sprachliche Welt sei, haben sie eben dort alle Rechte verloren, solange sie als Vertreter ihrer Wissenschaft auftreten.

Es geht den mathematischen Wissenschaften nicht anders als der bildenden Kunst: sie sind seit längerem nicht mehr dazu imstande, das Wissen über die Welt, in der wir leben und die wir sehen und erfahren, Gestalt werden zu lassen. Die subatomaren Vorgänge auszudeuten, ist uns nicht gegeben. Es ist deshalb es nicht wahr, was ein bekannter Autor über dieses Buch gesagt hat: „Labatut dringt ins Herz einer Wirklichkeit vor, die nur wenige vor ihm so gesehen – und keiner vor ihm so beschrieben hat.“ Nein, mein Sohn, das Buch handelt ganz im Gegenteil davon, dass eben diese Vorgänge nicht möglich sind: weder kann man in das Herz der Wirklichkeit vordringen, noch kann man diesen Weg beschreiben.

Unanschaulichkeit ist ein großes Problem der Physik, deren Einsichten sich seit gut hundert Jahren einer Übersetzung in die Sprache der Bilder wie der Worte entziehen; sie lassen sich aus den mathematischen Symbolen nicht zurückübersetzen in Beschreibungen, Metaphern oder Vergleiche. Ist der umgekehrte Weg gangbar? Und ist es nicht inkonsequent, dass Labatut wiederholt zu zeigen versucht, dass es Visionen waren, welche die großen Physiker anregten? Ein Beispiel! Vom „schrecklichen Grünen“ umgehauen, sieht Heisenberg im nächtlichen Park Lichter, die aber „nur eine Reihe einzelner Punkte“ waren, „als wären die kleinen Lichter plötzlich von einer Stelle zur nächsten gesprungen, ohne den Raum dazwischen zu durchqueren.“ Das ist es – jedenfalls so ungefähr –, was die Unschärferelation den Elektronen nachsagt. Hat also Heisenberg doch etwas gesehen? Ist seine Theorie aus oder dank einer visuellen Halluzination entstanden?

Erwin Schrödinger, Stockholm 1933Werner Heisenberg (1901-1967), neben Erwin Schrödinger (1887-1961) und Louis de Broglie (1892-1987) einer der Protagonisten der vierten und letzten Erzählung, leidet in der Darstellung Labatuts wie ein Hund darunter, seinen eigenen Ergebnissen verständnislos gegenüberzustehen: „Er hatte in der subatomaren Welt eine Erwiderung gegeben auf das, was Newton für das Sonnensystem aufgezeigt hatte, und das mit reiner Mathematik, ohne auf irgendein Bild zurückzugreifen. Zwar verstand er selbst nicht, wie er zu seinen Ergebnissen gekommen war, aber dort standen sie – eigenhändig aufgeschrieben“. Eben dasselbe widerfährt auch seinem Konkurrenten Schrödinger, von dem es wenig später heißt: „Wie hatte er etwas erdenken können, was nicht einmal er selbst verstand?“

Wahrscheinlich gibt es bei mit einer so extremen Intelligenz begabten Menschen dieses Phänomen einer rein intuitiven Erkenntnis wirklich – schließlich wird es auch noch von anderen berichtet, zum Beispiel von dem indischen Mathematikgenie Ramanujan, der nie zu sagen wusste, wie er zu seinen Formeln gekommen war. Es sind eigentlich immer Mathematiker oder mathematisch arbeitende Wissenschaftler, die dergleichen erfahren, niemals Forscher oder Philosophen, die argumentierend schreiben und nachdenken. Noch Haber und Schwarzschild, obwohl auch sie Naturwissenschaftler sind, gehören nicht in diese Kategorie. Dabei sind die Protagonisten der letzten beiden Erzählungen natürlich keine Nerds oder Freaks, sondern wirkliche Genies, die unter ihrer Intelligenz geradezu leiden und (ihretwegen?) oft einen Hang zu selbstzerstörerischem Verhalten entwickeln.

Es handelt sich bei diesen vier Erzählungen um essayähnliche Prosastücke, die um die Unanschaulichkeit der Wissenschaft kreisen. Aber sie besitzen zusätzlich fiktive Elemente wie innere Monologe oder Träume und Halluzinationen, und sie diskutieren die Problematik auch nicht in einer sachlichen Weise, sondern versuchen, dem Leser das Innenleben der Protagonisten nahe zu bringen. Trotz der konzentrierten und oft poetischen Sprache eines begabten Autors: Gelingen kann das natürlich nicht, denn das Problem dieser Genies besteht ja eben darin, dass sich mathematische Überlegungen und Geistesblitze prinzipiell nicht in Sprache oder Bilder übersetzen lassen, nicht etwa auf Grund des sprachlichen Unvermögens ihrer Urheber. Tatsächlich konnten sie sich als hochgebildete Menschen sehr gut ausdrücken.

Benjamín Labatut Foto Juana GomezLabatut ist ein Erzähler, kein Essayist, und deshalb sind die einzelnen Stücke auf eine poetische Art mit der Hilfe erzählerischer Motive miteinander verknüpft, die geschickt abgewandelt werden. So leiden verschiedene Personen unter entstellenden Krankheiten (Haber und Heisenberg), tragen einen beschmutzten Pyjama (Heisenberg und Schrödinger), und schließlich spielt auch im Leben von Schrödinger das Blau eine Rolle, das an Habers Forschungen in der ersten Erzählung erinnert, ja es ist sogar von „einem so schönen Blauton“ die Rede, dass es einem Mädchen vorkommt, „als sähe sie die ursprüngliche Farbe des Himmels.“ Dabei wurden doch nur Blattläuse präpariert…

Labatuts vier Erzählungen sind gut zu lesen, ja in ihren besten Momenten geradezu spannend, und sie geben viel zu denken. Ein empfehlenswertes Buch.


Benjamín Labatut: Das blinde Licht. Irrfahrten der Wissenschaft

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot, Suhrkamp 2020
187 Seiten
ISBN 978-3518429228
- Weitere informationen
- Leseprobe

YouTube-Video:
6 Fragen an Benjamín Labatut zu „Das blinde Licht“ (6:52 Min.)


Abbildungsnachweis:
Adriaen van der Werff: Die Grablegung Christi, 1703, Öl auf Eichenholz, 81,9 x 53,9 c. Sammlung Pinakothek München
Erwin Schrödinger, Stockholm 1933
Benjamín Labatut. Foto: Juana Gomez

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