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Kolibri und Kampfflugzeug – Gedichte von Chaim Noll

Von Berlin über Rom bis zur Wüste Negev: Die Gedichte von Chaim Noll sind Wegnotizen, die dem Autor auf den verschiedenen Stationen seines Lebens folgen. Der Lyrikband „Kolibri und Kampfflugzeug“ versammelt nun die zwischen 1989 bis 2014 entstandenen Poeme des deutsch-israelischen Schriftstellers.

Chaim Noll Foto A.JanetzkoInwieweit ein Werk auf die Autorenbiografie hin gedeutet werden darf und soll, ist eine zentrale Streitfrage der Literaturwissenschaft. Bei Chaim Noll fällt die Trennung jedoch besonders schwer: Seine Erzählungen, Romane, Essays und Gedichte scheinen fast unweigerlich mit der persönlichen Lebensgeschichte verzahnt zu sein, um sie zu kreisen und sich an ihr zu reiben. Dass der Autor immer wieder die eigene Vita als Inspirationsquelle für sein literarisches und lyrisches Schaffen nutzt, liegt nahe, da das vielgebrauchte Attribut „bewegend“ hier wohl einmal berechtigterweise zur Biografie passt.

Geboren wird Chaim Noll unter dem Namen Hans, er wächst auf in der Ostberliner DDR, wo sich der regimetreue Vater Dieter Noll als staatlich anerkannter Bestseller-Autor etabliert („Die Abenteuer des Werner Holt“). Die jüdische Herkunft spielt in der Familie kaum eine Rolle. Chaim Noll wird ganz im Sinne des Sozialismus erzogen, die SED-konformen Überzeugungen des Vaters und der privilegierte Elitestatus der Familie innerhalb des Regierungssystems prägen seine Kindheit und Jugend. „Nur eine Sehnsucht blieb“, so hat Chaim Noll es einmal in einem Interview formuliert – eine Sehnsucht, gepaart mit der zunehmend stärker werdenden Ablehnung gegen den Partei- und Staatsapparat, die den Autor erst von der DDR in die BRD, später über Rom nach Tel Aviv führen. Inzwischen lebt er in der Wüste Negev, hat seinen Vornamen geändert und die israelische Staatsbürgerschaft angenommen.

Zum doppelten Anlauf, so könnte man meinen, setzt Chaim Noll nun noch einmal an, um seine Erinnerungen und Erfahrungen in zwei fast zeitgleich erschienenen Werken zu bearbeiten: autobiografisch-berichtend im Erinnerungsbuch „Der Schmuggel über die Zeitengrenze“, und lyrisch-bildhaft in dem Gedichtband „Kolibri und Kampfflugzeug“ (beide 2015, Verbrecher Verlag, Berlin). Während ersterer die Kindheit des Schriftstellers in der DDR bis zur Ausreise 1983 in den Blick nimmt, setzt letzterer 1989 ein, als Chaim Noll bereits – nach Wehrdienstverweigerung, kurzem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt und anschließendem Ausreiseantrag – in Westberlin angekommen ist. In „Kolibri und Kampfflugzeug“ versammelt sich ein Vierteljahrhundert dichterischen Schaffens, das etappenweise entlang der Route Deutschland-Italien-Israel angeordnet ist, ergänzt um 22 Kaltnadelradierungen seiner Frau, der Künstlerin Sabine Kahane.

Zerrissene deutsch-jüdische Identität, politisches Ressentiment, Vater-Sohn-Konflikt: All das, was man angesichts der Biografie von Chaim Noll vermuten könnte, springt einem in den Gedichten aus „Kolibri und Kampfflugzeug“ nicht unmittelbar entgegen, sondern schwingt – wenn überhaupt – in Untertönen mit. In kurzzeiligen Versen entwirft Noll präzise gefasste Momentaufnahmen, die sich aus unmittelbaren Beobachtungen und Erfahrungen ergeben zu scheinen: „Reste von gestern in den ungekämmten Straßen / streunende Katzen Duft von frischem Brot / Amerikanerinnen joggen an den Stränden / Zeitungsverkäufer rauchen Zigaretten“ (aus: „Früher Morgen Tel Aviv“). Nur vereinzelt und zögerlich kommt hinter den Zeilen das Gefühl einer latenten Bedrohung hervor: „Im roten Abend verblassen Blumenrabatten / Auf der knöchernen Erde kommen Blüten zu Fall / Geld fährt umher in geschlossenen Wagen / In den schwarzen Straßen kocht der Krawall“ (aus: „Frühling“). Das Umdeuten des vorgeblich Harmlosen ins Ernsthafte bzw. potenziell Gefährliche kann dann aber auch ganz unvermittelt erfolgen: „Im Auto durch Ramallah / Zu süß der Kaffee / wie der Frieden / an den wir glaubten“ („Ramallah“).

Buchumschlag Kolibri und Kampfflugzeug – Gedichte von Chaim NollFast durchgehend arbeiten Chaim Nolls Gedichte mit farbmetaphorischen Natureindrücken und sinnlichen Wahrnehmungszuständen, die die knapp skizzierten Szenen plastisch und gleichsam nachfühlbar vor Augen treten lassen. „Wir wissen nicht ob es die Dämmerung ist / was sich unten im Krater auf unsere Sinne / legt Traumbenommenheit oder leichter Chamsin / im allradgetriebenen Wagen fallen wir hin und her // durch Scheiben dunkelgelb vor Staub / schaukeln Aschefelder mondfarbene Hänge / frühere Leben goldsandbehaucht / eisenrot schiebt sich der ausgetrocknete Flusslauf“ (aus: „Ölbaum“). Der jeweilige Aufenthaltsort des Autors nimmt dabei – gleich einer autobiografischen Notiz – unmittelbar Einfluss auf den Schreibprozess: Die in Italien entstandenen Gedichte von Chaim Noll erzählen von Olivenbäumen, Zypressen und Zitronenduft, von roten Fresken und Marmorgravuren; in den israelischen Werken findet man wiederkehrend lyrische Beschreibungen von Wüstensand, salzigem Meer, Palmen, Sonnenglut, Kamelen und Beduinenstämmen. Nicht immer gelingt es dem Autor, allzu phrasenhafte Beschreibungsformeln liegenzulassen (das Silberleuchten des Mondes, goldene Sanddünen, das grüne Moos auf Marmorstein, das gegerbte Beduinengesicht), so dass er sich stellenweise den Vorwurf des Klischeehaften und Pathetischen gefallen lassen muss. Dafür sprechen andere Gedichte wieder von der Originalität der Bildsprache: „Die Wüste lächelt / mit schläfrigem Auge / blassgrün sind ihre schmalen Blicke // windschiefe Gräser / Kamelhaut stachelig schattenscharf / zitronenfalterhäutig dünne Blüte“ (aus: „Die Wüste lächelt“)

Naiv sind die Gedichte von Chaim Noll jedoch nie. Gerade der Nahostkonflikt tritt in späteren Werken als zentrales Sujet auf. So heißt es in „Konzert für Kolibri und Kampfflugzeug I“: „[…] vom Gewölbe kommt wie Hämmern // Hall Widerhall und scharfes Krachen / der Kampf der Eulen mit den Krähen / um einen Platz zum Nisten Spähen“, und in Teil II, verfasst nahe Gaza, steht: „Aus dem blankesten Blau / eines Sommertages verdunkeln / in Sekunden sich Himmel und Luft / in weißes Erschrecken“. Auch hier wird das absurd Schreckliche mit dem alltäglich Schönen zusammengeführt, wie wenn Chaim Noll erst die zerschossenen Papp-Silhouetten von Soldaten beschreibt, um dann auf die Idylle des nahegelegenen Friedhofsgartens mit seinen gehegten Zypressen und Palmen zu verweisen („Landschaft mit Schießstand“). Resignation zeigt sich dennoch schließlich, wenn ein „zart blauer / makelloser / Himmel“ vielleicht einen Neuanfang verspricht, aber „[d]ie Ruhe / die er birgt / ein schöner / Schein“ bleiben muss („Stille am ersten Tag des Friedens“).

Chaim Noll: „Kolibri und Kampfflugzeug“
Mit 22 Kaltnadelradierungen von Sabine Kahane und einem Nachwort von Jakob Hessing.
Verbrecher Verlag, Berlin 2015.
ISBN: 9783957320841

Chaim Noll ist zurzeit auf
Lesereise. Am 26.10. wird er im Kontorhaus Hamburg zu Gast sein.


Abbildungsnachsweis:
Header: Detail aus Buchumschlag
- Chaim Noll. Foto: Alexander Janetzko. PR/Verbrecher Verlag Berlin
- Buchumschlag. Verbrecher Verlag Berlin

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