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Thilo Krause: Um die Dinge ganz zu lassen

Knapp drei Jahre nach seinem prämierten Lyrikdebüt ist jetzt das Nachfolgewerk von Thilo Krause erschienen: „Um die Dinge ganz zu lassen“ findet poetische Momente in nebensächlichen Alltagsbeobachtungen.

Nach dem ersten Erfolg sind die Erwartungen an die nächste Veröffentlichung eines Künstlers immer besonders hoch, das gilt in der Musik und Kunst ebenso wie in der Literatur. Thilo Krause, Jahrgang 1977, erhielt bereits für seinen Debütband „Und das ist alles genug“ (2012) hohes Kritikerlob: „Es geschieht wohl selten, dass ein Erstling auf derart souveräne Weise zu einem unaufdringlichen, dennoch zutiefst berührenden Ausdruck findet wie Thilo Krauses Gedichtband ‚Und das ist alles genug‘“, schrieb zum Beispiel die Neue Züricher Zeitung, und die Dresdener Neueste Nachrichten ehrten seine „Verse von stiller Anmut“, die „Sprache, glasklar, Überschwang meidend“. Ausgezeichnet wurde Krauses Erstlingswerk mit dem Schweizer Eidgenössischen Literaturpreis – ein starker Auftakt also, mit dem der gebürtige Dresdener erstmals in die literarische Öffentlichkeit getreten ist.

Nun hat Thilo Krause seinen zweiten Gedichtband vorgelegt: „Um die Dinge ganz zu lassen“ (2015, erschienen bei Poetenladen). Noch vor dem offiziellen Erscheinungsdatum hat Krause auch für dieses Werk schon einiges an Vorschusslorbeeren erhalten: Für seine Arbeit an dem Band konnte er die finanzielle Förderung eines Werkjahrs der Stadt Zürich gewinnen; beim Dresdener Lyrikpreis 2014 wurde Krause mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Der fertiggestellte Band „Um die Dinge ganz zu lassen“ versammelt nun 71 Gedichte, die teilweise in Zyklen gruppiert sind.

Tatsächlich findet man in „Um die Dinge ganz zu lassen“ viel Vertrautes: Die unangestrengte Ruhe der kurzzeiligen Verse, mit der der Autor kleine Alltagsbeobachtungen in atmosphärisch-dichte Bilder fasst, kurze Momentaufnahmen in einfachen Worten, die sich häufig aus der Erfahrung von Natur und Umwelt speisen (eine Tierfährte im Schnee, der Nachthimmel, im Licht schwirrender Staub, ein früher Morgen auf Ackerfeldern) oder aber vertrauliche Szenen des familiären Beisammenseins und Miteinanders nachzeichnen, ohne dabei jedoch – und das ist bemerkenswert – ins Kitschige zu fallen. Waren es im Debütband noch vorwiegend die Erinnerungen an eigene Kindheitserlebnisse und die enge Beziehung zu Großeltern, die die Gedichtwelt von Thilo Krause inspirierten, so rückt in „Um die Dinge ganz zu lassen“ verstärkt der väterliche Blick des Autors auf die eigenen Kinder an diese Stelle – „Ich lerne / die Dinge / von Anfang an“, dichtet er, und beschreibt so das durch Kinderaugen neugewonnene Erstaunen des Erwachsenen über die allzu vertraute Alltagswelt. Die starke autobiographische Nähe des Autors an seine Texte scheint also erneut maßgebliche Prämisse für den Entstehungsprozess des Gedichtbands gewesen zu sein.

Thilo Krause meidet Reim, Worthülsen und komplexe Satzgeflechte, vielmehr liegt es ihm, mit knappen Worten ein situatives Bild zu entwerfen, das sich meist über sinnliche Reize und Stimmung entfaltet: „Nachts, holunderschwarz und beißend“, so beginnt ein Gedicht, vom „Brunnenschacht der einen Pupille“ einer Katze ist an anderer Stelle die Rede. Im Grundtenor verharrt Krause jedoch im Heimelig-Geborgenen ohne große Anstrengung und Aufregung, höchstens ein latentes Gefühl von Melancholie und Traurigkeit schleicht sich hier und dort ein. Auch motivisch zirkelt Krause immer wieder um ähnliche Komplexe: Regen und Gewitter vor dem Fenster, der Blick in den Himmel, changierendes Licht, Kiefernwälder, Schwimmbadgetöse. Vereinzelt verweist Krause auf prominente Literaten und Lyriker wie Bashō, Wallace Stevens oder Seamus Heaney hin, mögliche Inspirationsquellen des Autors, die aber in der spielerisch-vagen Andeutung verharren.

Man könnte Thilo Krause diese Art der in-sich-ruhenden Betrachtung der Welt, die höchstens eine versteckte Neugier, eine kindliches Ver- und Bewunderung von und über Gegebenheiten zu kennen scheint, vorwerfen als romantisierend-verklärend, einem Blick, der nur das Idyllisch-Schöne sehen will und sucht („Wenn ich Trauer sage, begegnen mir die Junkies / ihre wunderschönen Hunde“), eine Art von poetischer Weltflucht vor dem, was unbequem, störend oder gar bedrohlich ist. Keine Frage, Krauses Verszeilen reiben nicht auf, sind frei von Provokation oder Verstörung, von politischer Bezugnahme oder gesellschaftlichem Impetus – das große Ganze interessiert hier nicht. Und dennoch wäre es ebenso falsch, seine Gedichte als hübsch schillernde Sentimentalitäten-Werke zu betrachten, die bei geringer Berührung zu platzen drohen: Denn aus ihnen spricht eine tiefere Ernsthaftigkeit, eine ehrliche Aufrichtigkeit den Sujets gegenüber, die nichts Schwärmerisches hat. Die Stärke von Thilo Krauses Gedichten liegt darin, die fragil-flüchtigen Augenblicke des Lebens, die allzu häufig unbeachtet bleiben, mit präzis-poetischen Worten und eindringlicher Nähe zu vergegenwärtigen – was gleichsam einlädt zum eigenen Innehalten und Umsehen.

Thilo Krause: „Um die Dinge ganz zu lassen“
Poetenladen, Leipzig 2015;
96 Seiten
ISBN: 978-3-940691-62-0.
Leseprobe (IV unten)


Abbildungsnachweis:
Header: Thilo Krause. Foto: Sébastien Agnetti
Galerie:
01. Buchumschlag © Thilo Krause / Poetenladen
02. Thilo Krause. Foto: Sébastien Agnetti
03. Und das ist alles genug. 2012. Gedichte. Reihe Neue Lyrik – Band 3. Foto: Sébastien Agnetti

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