Werbung

Neue Kommentare

Hamburger Architektur Sommer 2019

Follow Book
Juergen Neffe

Das ist ein Roman, über den man reden muss! Beim Lesen. Nach dem Lesen. Beim Denken. Und wieder Lesen.
Mit Freunden vielleicht sogar zusammen lesen. Denn Jürgen Neffes „Mehr als wir sind“ zielt in all seinen vielen Schichten aufs Wesentliche. Und es muss ein Heidenspaß sein, gemeinsam den Wirklichkeiten der Erzählung zu folgen. Schon allein ist es ein Genuss.
Den Inhalt gibt der Klappentext an mit der Lebensgeschichte eines Chemielaboranten, der ein Elixier entdeckt, das Schlaf überflüssig und die Konsumenten statt dessen kreativer, ausdauernder und attraktiver macht. Erzählt werde aus einer fernen Zukunft durch einen Biographen. Und die Welt gerate zusehends aus den Fugen.

Das stimmt alles irgendwie – und doch nicht. Denn wir wissen nicht, wer der Ich-Erzählern tatsächlich ist. Er sagt, er sei Biograph – ein sogenannter analytischer Biograph: die das Leben ihren Figuren nachstellen, sich in Gruppen treffen und verschiedene Rollen übernehmen in den Biographien, die ihre Kollegen erzählen. Somit ist er also auch Coppki, also sein „Held“, Assistent im Leben einer Architektin, Sohn einer Chirurgin, Lehrer eines Tänzers... Diese Überlagerungen sind hier wahrhaftig und nicht bloß Darstellungen. Das Elixier entpuppt sich als überflüssig. Und die Welt ist vor allem zu Coppkis Zeit – Anfang des 21. Jahrtausends – sehr aus den Fugen. Seine Entdeckung hat, so scheint es, Erlösung gebracht: Die Konsumenten werden optimistisch, friedlich, sozial. Die gesellschaftlichen Probleme lösen sich auf. So scheint es.
Warum das plötzlich gelingen kann, wo doch so viele bereits seit Jahrzehnten daran arbeiten? „...noch nie haben sie in dieser Weise ihre Gemeinsamkeiten gesucht und gefunden und sich unter ihnen vereint, statt in unzähligen Initiativen, Vereinen und Stiftungen zu wetteifern und sich mit kleinlichen Erfolgen zu begnügen.“ Und ein weiterer wichtiger Ansatz: „Wir gehen nicht mehr davon aus, was zu zerstören wäre. Vielmehr fragen wir uns, wie eine Welt aussähe, von der die allermeisten Menschen sagen würden, so soll sie sein“, sagt einer der Revolutionäre.

Jürgen Neffe - mehr als wir sindEine Utopie? Eine Dystopie? Ein Gedankenexperiment? Ja. Alles. Und eine beeindruckende Analyse von Mensch und Gegenwart. Das ist es, was Jürgen Neffe mit seinem ersten Roman geschrieben hat. Es ist eine Geschichte, die atemlos macht, die einen nicht loslässt. Und es ist eine unglaublich gehaltvolle Geschichte, deren Inhalte gar nicht alle genannt werden können. Das wichtigste ist vielleicht, dass Neffe beschreibt, dass der Mensch – der einzelne wie auch die Menschheit – nie stillstehen sollte und sich niemals sicher sein kann. Denn hinter seinem utopischen Entwurf scheint schon die nächste Unzufriedenheit hervor.
Jürgen Neffe scheut sich nicht, fast schon wild allerlei Mythen einzuweben in sein Werk – egal ob Geschichten aus den Religionen, dem Altertum und der Gegenwart wie die Friedliche Revolution. Und es wirkt an keiner Stelle gezwungen oder aufgesetzt, sondern stets stimmig. Sie geben hier weitere Tiefe – in die man hineinsehen kann. Sie geben dem Leser Perspektiven für den Blick in die Welt.
Das Heute beschreibt Jürgen Neffe bisweilen so, dass es zugleich vertraut ist und absurd erscheint – wie eine Zeit in einer fernen Erinnerung. Das erreicht er beispielsweise durch die Erklärungen des Erzählers, der ja vermeintlich seiner Leserschaft in einer ganz anderen Gesellschaft von seinem Helden berichten will. So setzt er an das Wort Mobiltelefone per Fußnote die Erklärung: „Damals gebräuchliche, handliche Apparate zur ständigen Verfügbarkeit als Sender und Empfänger, die bald jeder bei sich trug. Aus einfachen Funktelefonen – „Handys“ – hervorgegangen, wurden sie bald zum Fenster in die Welt zum Hören, Lesen, Schreiben, Filmen und Versenden der Texte, Töne und Bilder. Die Kleinrechner, wahre Stromfresser, mussten regelmäßig aufgeladen werden. Waren ihre Reserven aufgebraucht, gingen sie entzwei oder verloren, war ihr Besitzer, mitunter als lebensbedrohlich empfunden, von der Welt und allen Kontakten abgeschnitten.“

„Mehr als wir sind“ zeigt, dass wir weiterdenken müssen. Dass wir weiter denken müssen; darüber wie wir leben, wie wir leben wollen. Und dass wir nicht stringent und einfach unser Leben abschreiten.

Jürgen Neffe: „Mehr als wir sind“
Verlagsgruppe Random House, C. Bertelsmann
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN: 978-3-570-10205-3 | E-Book ISBN: 978-3-641-13982-7


Leseprobe


Abbildungsnachweis: Random Houise / C. Bertelsmann
Buch-Cover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Mehr auf KulturPort.De

Der Saisonauftakt am Thalia Theater war mehr als mutig, geradezu heldenhaft. Der Hunger danach, wieder analog vor Publikum zu stehen und, ja, die gefühlte...

Die Kunst in den Zeiten der Pandemie Was macht ein Regisseur, was macht Jan Dvořák, den ein Auftrag der Oper in Mannheim erreicht, Mozarts „Die Zauberflöte“ nicht...

Schon Robert Seethalers preisgekrönte Romane „Der Trafikant" (2012) und „Ein ganzes Leben“ (2014) sind Romane über Leben und Tod. Mit dem letzten Buch dieser...

„Denn das Meer umgibt uns überall“Hokkaidō ist die japanische Bezeichnung für die nördlichst gelegene Insel Japans und bedeutet banal „Nordmeer Präfektur“. Seit...

So ist das, wenn plötzlich die Wirklichkeit der Regie auf der Opernbühne diktieren darf, was noch geht und was grundlegend anders gemacht werden muss. Corona...

In diesem Jahr wenden sich die Lübecker Museen ihren „Nachbarn im Norden“ zu. Mit einer Schau, in der die „Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck“...


Home     Blog     Kolumne     Reisen     NewsPort     Live

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.