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Kultur, Geschichte und Management

A letter to Debbie. Über die Befreiung des Dachauer KZ-Außenlagers Landsberg-Kaufering

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Dienstag, den 29. Januar 2019 um 09:19 Uhr
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A letter to Debbie. Über die Befreiung des Dachauer KZ-Außenlagers Landsberg-Kaufering

„Ich habe heute die ganze, umfassende Bestialität dessen gesehen, was eines der schrecklichen Konzentrationslager der Nazis war“, schrieb US-Leutnant Albert Gaynes in einem Brief Ende April 1945 an seine Frau Debbie in New York.
Weiter heißt es „Ich habe den gottlosen Anblick selbst, mit meinen eigenen Augen, gesehen. Debbie, ich hoffe, Du wirst niemals das sehen, was ich bis zu meinem Tod vor Augen haben werde.“ Auf acht Seiten versucht Gaynes, sein Entsetzen und den menschenverachtenden Horror der Nazis in Worte zu fassen. Dem Brief fügte er dreizehn Fotografien des US-Sergeanten Robert J. Hartwig bei, welche die Befreiung der Opfer im Dachauer Außenlager Landsberg-Kaufering dokumentieren. Fünfzig Jahre später hat die amerikanische, in Israel geborene Künstlerin Yardena Donig-Youner die Dokumente zu einer Ausstellung „A Letter to Debbie“, verarbeitet.

Am 27. April 1945 befreiten die Amerikaner das Konzentrationslager Dachau-Kaufering. Der siebten amerikanischen US-Armee bot sich ein Bild des Grauens: Tote lagen in den Baracken, auf den Feldern, auf dem Fußboden, verkohlte Leichen, nackte, verhungerte und zu Tode gefolterte Kreaturen lagen in Gräben, lebende menschliche Skelette bestanden nur noch aus Haut und Knochen. Auf Anweisung des Lagerarztes Max Blancke, wurden vor dem Heranrücken des US-Militärs die nicht gehfähigen Insassen von den SS-Männern in ihren Häftlingsbaracken bei lebendigen Leib verbrannt. Blancke beging wenige Stunden nach der Lagerbefreiung mit seiner Frau gemeinsam Selbstmord.

Das Konzentrationslager Kaufering gehörte zu dem KZ-Lagerkomplex Dachau des NS-Regimes, welches heute eine Europäische Holocaustgedenkstätte ist. Die in den KZ-Außenlagern zur Zwangsarbeit internierten Insassen arbeiteten in Steinbrüchen, Kiesgruben und im Straßenbau, in SS-eigenen Konzernen wie den Deutschen Erd- und Steinwerken, der paramilitärischen Organisation Todt, im Handwerk, in der Landwirtschaft und der Kultivierung von Mooren. Ferner diente das Lager als Unterkunftsort für die beim unterirdischen Flugzeugbau in Lechfeld Beschäftigten und als Krankenlager. Bis Ende April 1945 durchliefen etwa 30.000 Gefangene vieler Nationalitäten das KZ, unter ihnen Frauen und Kinder. Juden aus ganz Europa wurden in die elf Lager des KZ-Kaufering deportiert. Nach offiziellen Schätzungen wurden hier mindestens 14.500 jüdische KZ-Häftlinge ermordet.

„Laß Dir von keinem Scheißkerl jemals einreden, daß das Massaker von Lidice, daß die Ermordung von 2 Millionen Juden in Polen, daß die Verbrennungsöfen für Menschen, daß die Konzentrationslager, von denen Du liest, Lügen sind. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ich habe das Unglaubliche gesehen“, heißt es in dem Brief. „Ich sage es noch einmal, meine Debbie. Sie sind wahr – all die Horrorgeschichten über das, was die Nazis verbrochen haben. Nach all dem, was ich gesehen habe…“

Die Ahrensböker Gedenkstätte zeigt vom 27. Januar 2019, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, bis Sonntag, den 3. März 2019, Kopien des Briefes und der Fotografien. Die stark vergrößerten Briefstellen werden hinterlegt mit den vergrößerten zwölf Fotos, die als Augenzeugenberichte den damalige Horror sichtbar machen. Initiator dieser Ausstellung ist der Historiker Prof. Dr. Jörg Wollenberg, der 2001 die Ausstellung nach Europa geholt hatte, zeigt sie nun in Ahrensbök zur Erinnerung an das Massaker der Nationalsozialisten und als Mahnung gegen den wieder aufkommenden Antisemitismus. Wollenberg, der die Ausstellung mit mehreren Vorträgen und Sonntagsgesprächen begleiten wird, wurde im April 1945 als achtjähriges Kind Zeuge des Todesmarsches von Auschwitz-Fürstengrube und Mittelbau-Dora, als die SS etwa 500 ausgemergelte KZ-Insassen Richtung Westen trieb und sich die Häftlinge durch seinen Heimatort Ahrensbök in Schleswig-Holstein schleppten. Viele der Häftlinge überlebten den Marsch nicht.

Die Künstlerin und Debbie Gaynes waren damals miteinander befreundet gewesen, erzählt Wollenberg. Er selbst sei über eine Bekannte mit den beiden Frauen in Kontakt gekommen. Der acht Seiten lange Brief war für Donig-Youner ausschlaggebend für die Ausstellung, da sie als jüdische Künstlerin selbst vom Holocaust betroffen war: Ihre Familie emigrierte 1934 aus Nazi-Deutschland. Ihre Großmutter blieb, wurde deportiert und in Riga (Lettland) ermordet. Sie selbst wurde 1937 in Palästina geboren, lebt heute in den USA. Für die künstlerische Aufarbeitung dieser Mix-Media Ausstellung kopiert die Künstlerin auf 12 größeren Paneelen die Brieftexte, unterlegt sie mit Kopien der Originalfotos. „Ich wollte, daß man nicht gleich die Bilder sieht. Erst liest man den Text, dann entdeckt man die Bilder im Hintergrund“, erklärt die Künstlerin. „This installation is my personal call for a human better world and peace for all“.

Die Bilder erschüttern den Ausstellungsbesucher. Wie konnte das geschehen? Warum? Warum, das fragt sich auch noch der heutige Betrachter angesichts dieser entsetzlichen Ereignisse.
Die zutiefst beeindruckende und gleichzeitig sehr informative Ausstellung „A letter to Debbie“ ist in der Gedenkstätte Ahrensbök (Schleswig-Holstein) zu sehen. Die Ausstellung wird von mehreren Vorträgen und Sonntagsgesprächen begleitet:
03.02.2019, 15.00 Uhr: Leben für die Freiheit, Zwei Frauen im Widerstand: France Bloch-Sérazin und Suzanne Masson. Vortrag von Baya Maouch.
10.02.2019, 15 Uhr: Sonntagsgespräch mit Prof. Dr. Jörg Wollenberg, Berichte von Frauen über die Todesmärsche von Auschwitz nach Norddeutschland, mit O-Tönen und Filmauszügen.
24.02.2019, 15.00 Uhr: Sonntagsgespräch mit Prof. Dr. Jörg Wollenberg, Vortrag mit zeitgenössischen Fotos über Todesmärsche und die Befreiung der Konzentrationslager, beispielsweise Szenen aus Billy Wilders „Todesmühlen“ (Dachau und Buchenwald) und dem Film „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais.
03.03.2019. 15 Uhr: Finissage der Ausstellung "A Letter to Debbie" mit Rolf Becker, Vortrag von Prof. Dr. Jörg Wollenberg mit zeitgenössischen Berichten über die Befreiung 1945.

A letter to Debbie. Über die Befreiung des Dachauer KZ-Außenlagers Landsberg-Kaufering

zu sehen bis zum 3. März 2019 in der Gedenkstätte Ahrensbök.
Diese liegt direkt an der Bundesstraße 432, im Ahrensböker Ortsteil Holstendorf, Flachsröste 16, 23623 Ahrensbök.
Die Öffnungszeiten sind dienstags, mittwochs und donnerstags von 09.00 bis 12.00 Uhr, sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr.
Parkmöglichkeiten: B 432, Einfahrt Flachsröste, links über das Betriebsgelände der Firma OHZ, Ostholsteinisches Holzkontor, bis zur Grünanlage der Gedenkstätte.
Weitere Informationen www.gedenkstaetteahrensboek.de


Abbildungsnachweis: Alle Fotos: Gedenkstätte Ahrensbök
Fotos von US-amerikanischen GIs.
Header: Die mämmliche Bevölkerung von Landsberg birgt unter Aufsicht Leichnahme von KZ-Insassen.
Galerie:
1. Ehepaar Deborah und Leftenant Albert Gaynes
2. Typhus-Warnung
3. Leichen von KZ-Ermordeten

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