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Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Kultur, Geschichte und Management

Vertrieben – Verloren – Verteilt. Drehscheibe Pöppendorf 1945-1951

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Dienstag, den 30. Oktober 2018 um 09:03 Uhr
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Vertrieben – Verloren – Verteilt Drehscheibe Poeppendorf 1945-1951

Das größte Flüchtlingsdurchgangslager in Norddeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich im Waldhusener Forst, in der Nähe des kleinen Ortes Pöppendorf im Lübecker Ortsteil Kücknitz.
Auf einem Waldgebiet von 4.500 m² Größe von der Britischen Besatzungsmacht nach Kriegsende errichtet, war es mit etwa einer Million Flüchtlingen und Vertriebenen das größte Lager in Schleswig-Holstein. Im Frühjahr 1951, nach über fünf Jahren Dauer, wurde es aufgelöst und später abgerissen.

In einer Sonderausstellung erinnert das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk an die Geschichte des Lagers. Fotografien und Originaldokumente vergegenwärtigen dem heutigen Betrachter das Grauen der Nachkriegsjahre, das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen.

Das Lager Pöppendorf hatte eine wechselvolle Geschichte: es entwickelte sich vom Entlassungslager für deutsche Wehrmachtsangehörige aus Norwegen, zum Durchgangslager für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und Dänemark-Rückkehrer bis hin zu einem Internierungslager für jüdische Flüchtlinge der „Exodus“.

Heute ist der ehemalige Standort des Lages nur noch schwer auszumachen, da die Fläche nach 1951 wieder aufgeforstet wurde. Nur Ortskundige kennen die einstige Position des Lagerplatzes, der in mehrere Bereiche wie Wohn- und Speisebereich, Sanitärbereich oder Latrinenfelder sowie die Dienststelle der englischen Militärpolizei unterteilt war.
Zwei Waldparkplätze mit Infotafeln lassen heute die Lage nur erahnen. Minimale Reste im Waldboden deuten zwar noch den Standort der Latrinen an – sind allerdings nur für Experten erkenntlich.

Zunächst wurde Pöppendorf von der Britischen Militärregierung nur als Entlassungslager für die fast 80.000 Wehrmachtangehörigen der Norwegen-Armee genutzt, die Soldaten wurden hier gesammelt und registriert, bevor man sie mit Lastkraftwagen oder Zügen in ihre jeweiligen Heimatprovinzen transportierte. Nachdem die Aktion der Norwegenheimkehrer abgeschlossen war, diente den Briten das Zeltlager ab Oktober 1945 als Durchgangslager und wurde mit sogenannten Nissenhütten ausgebaut. Hierbei handelte es sich um Wellblech-Systembauten aus genormten Stahlblechteilen, benannt nach ihrem Konstrukteur Peter Norman Nissen. Die Blechteile waren im Inneren verkleidet und die Giebel und Trennwände gemauert. Die in Fertigteilbauweise hergestellten Wellblechhütten mit dem halbrunden Dach waren einfach herzustellen und schnell zu errichten. Eigendlich waren sie für die dauerhafte Nutzung als Wohnraum ungeeignet, denn bei kalten Temperaturen tropfte das Wasser von der Decke.
Seit Kriegsende warteten deutsche Flüchtlinge in Dänemark, in dem Lager Oksbøl, an der Westküste Jütlands, auf ihre Heimkehr. Sie waren mit Schiffen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Dänemark geflohen, wo sie von der dänischen Regierung versorgt wurden. Zu Jahresbeginn 1947 begann die Rückführung nach Pöppendorf, von wo aus sie in andere Orte bzw. Besatzungszonen verteilt wurden.

Die Lagersituation und die räumliche Enge belasteten die Flüchtlinge. Es gab keine Privatsphäre. Als Sichtschutz dienten Laken oder Säcke. Getrennt nach Familien, Männern, Frauen mit Kindern schliefen die Menschen in doppelstöckigen Betten, bei denen die Matratzen häufig aus Stroh bestanden. Besonders die Geräuschkulisse von Kranken und Kindern belastete die Insassen. Die Lebensmittel Brot, Kartoffeln, Fett und Tee wurden rationiert und reichten nicht, um den täglichen Bedarf zu decken. Bei einer Hungersnot im Winter 1946/1947 starben zahlreiche Menschen durch Mangelernährung und Kälte. Bevor die Flüchtlinge in Sammelunterkünfte oder Privatquartiere wechseln konnten, erfolgte die amtliche Registrierung und eine medizinische Kontrolle. Ohne Erfassung der persönlichen Daten, einer amtsärztlichen Untersuchung sowie Desinfektion und Entlausung durfte niemand das Lager verlassen.

Bereits vor Kriegsende und erst recht nach der Kapitulation im Mai 1945 strömten Tausende von flüchtenden Menschen in den Westen, aus Angst vor der Sowjet-Armee oder der Zwangsevakuierung durch die polnische Regierung. So wurden 1946 bis zu 3.000 Menschen täglich durch das Lager geschleust. Eine angespannte Situation. Hinzu kam, dass die einheimische Bevölkerung angesichts der eigenen Notlage nicht in Jubelschreie ausbrach. Letztendlich waren es fast eine Million Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten Schlesien, Pommern und Ostpreußen, die hier in Pöppendorf eine vorrübergehende Unterkunft fanden und anschließend an verschiedene Orte in Schleswig-Holsteins weitergeleitet wurden.

Nachdem alle Unterbringungskapazitäten ausgeschöpft waren, leiteten ab Juli 1946 die Briten die Menschenmassen in andere Länder der britischen Besatzungszone um. Als Ersatzlager für Flüchtlinge und Vertriebene diente zum Beispiel Uelzen-Bohldamm, gegründet im Herbst 1945 von der britischen Militärregierung und den niedersächsischen Behörden. Lübeck, nach Kriegende eine Provinzstadt mit 140.000 Einwohnern, war mit dem Ansturm von etwa 90.000 Flüchtlingen und Auswanderern total überfordert. Trotz aller Widerstände gelang der Stadt und den Bewohnern die Integration dieser Menschen. So entstanden Anfang der Fünfzigerjahre mehrere neue Wohngebiete wie ein Einkaufs- und Wohnquartier auf Marli.
Diese unglaubliche britische Hilfsaktion im Pöppendorfer Lager war, angesichts der verheerenden Grundversorgung der Einheimischen eine logistische Meisterleistung, da auch die Flüchtlinge mit Kleidung und Wohnraum versorgt, beköstigt und medizinisch behandelt werden mussten. Trotz des gut organisierten Lagerlebens, waren einzelne Diebstähle, kleinere Streitigkeiten und Ausschreitungen an der Tagesordnung. So berichten die Chroniken von mutwilligen Beschädigungen und Zerstörungen während des zweimonatigen Aufenthalts der sogenannten „Exodus-Juden“.

Ein düsteres Kapitel der Lagergeschichte waren jene „Exodus-Juden“: Europäische Juden, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebt hatten, versuchten im Juli 1947 auf dem umbenannten Schiff „Exodus“, dessen eigentlicher Name „USS President Warfield“ war, nach Palästina in das Gelobte Land zu gelangen. Ein Unternehmen, das kläglich scheiterte. Denn seit dem Ersten Weltkrieg war durch den Völkerbund beschlossen Palästina britisches Hoheits- und Mandatsgebiet. Die Briten verweigerten dem Schiff die Küstenan- und Hafeneinfahrt und reagierten mit einer Seeblockade auf den „illegalen“ Einwanderungsversuch. Bei einem Angriff wurde der einstige Vergnügungsdampfer schwer beschädigt und in den Hafen von Haifa geschleppt, Mannschaft und Passagiere interniert. Die Briten starteten die „Operation Oasis“, bei der die Passagiere der „Exodus“ in ihre Herkunftsländer zurückgeführt wurden. Drei Gefängnisschiffe brachten rund 4.500 Juden zurück. Zunächst nach Frankreich, nach Hamburg und dann für circa zwei Monate weiter in das Lager Pöppendorf, das vorher für die Dauer der Exodus-Aktion von deutschen Flüchtlingen geräumt werden musste.

Das Ende der Briten im Gelobten Land war aber schon besiegelt: „Wir haben uns heute, am letzten Tag des britischen Mandats über Palästina, hier eingefunden und verkünden die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel – des Staates Israel“, sagte Ben Gurion am 14. Mai 1948. Im November 1948 beschloss die UN-Hauptversammlung die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat.Was war mit den im Pöppendorfer Lager gestrandeten Juden? Auf Anordnung der britischen Militärpolizei bezogen die Juden in Emden und Wilhelmshaven-Sengwarden Winterquartiere, bis sie nach zwei Monaten entlassen wurden. Nach der Freilassung der „Exodus-Juden“, gelang vielen die Einreise in den neu gegründeten Staat Israel, sei es illegal mit falschen Papieren oder mit einer offiziellen Einreiseerlaubnis.

Nur wenige Kilometer von Pöppendorf entfernt, befand sich das Lager „Am Stau“ auf der Herreninsel. Bis zum Sommer 1947 wurde es für die Rückführung polnischer und baltischer Zwangsarbeiter/innen sogenannter „displaced persons“, genutzt. Menschen die von den Nationalsozialisten z.B. in Rüstungsbetrieben, auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Handwerk oder in Privathaushalten massenweise eingesetzt waren.

Das Lager Pöppendorf existierte noch bis zum Sommer 1950 als Wohn- und Durchgangslager, bis es im Frühjahr des folgenden Jahres aufgelöst wurde.

Die Ausstellung erinnert an diese dramatischen Ereignisse der Nachkriegszeit, an die Leistungen der Britischen Besatzungsmacht, die der Hansestadt Lübeck und den bis zu 460 Mitarbeitern des deutschen Lagerpersonals. Die Schau versucht der jüngeren Generation die Schrecken des Krieges, die Vertreibung und Flucht von Millionen Menschen mit Exponaten und Infotafeln, Fotografien und Dokumenten hautnah zu vermitteln.

Vertrieben – Verloren – Verteilt. Drehscheibe Pöppendorf 1945-1951

Die Ausstellung ist bis zum 28.04.2019 zu besichtigen.
Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk, Kokerstraße 1-3, 23569 Lübeck.
Die Öffnungszeiten sind Freitag von 14-17 Uhr, Samstag und Sonntag von 10-17 Uhr.
Ergänzend zur Ausstellung hat der Verein für Lübecker Industrie und Arbeiterkultur e.V. eine Dokumentation in Buchform herausgegeben. Zu beziehen für 10 Euro im Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk.
Weitere Informationen zur Ausstellung und zu Führungen


Abbildungsnachweis:
Header: Grenze Brandenbaum. Landstraße zwischen Eichholz und Herrnburg. © Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck.
Galerie:
01. Blick in den Eingangsbereich der Ausstellung. Foto: Christel Busch
02. Flüchtlinge. Sammlung Gottschalk; © Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck
03. Flüchtlinge im Lager Pöppendorf 1947. © vintage germany, Foto: Theodor Scheerer
04. Barackenstraße. © Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck
05. Drangvolle Enge. Bestand Stadtbildstelle; © Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck
06. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
07. In einer Barracke. © Fotoarchiv der Hansestadt Lübeck
08. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch

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