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Warum befasst sich ein amerikanischer Historiker mit einem osmanischen Herrscher des 16. Jahrhunderts, den im Westen – in Nordamerika und in Europa – kaum jemand kennt? Und warum erregt er damit Aufsehen?

In dem Jahr, in dem sich der Angriff auf die Twintowers in New York zum zwanzigsten Mal jährt, schreibt Alan Mikhail kritisch über die Islamophobie, die sein Land bereits seit den Tagen des Kolumbus gefangen halte. Und dazu zielt sein Buch auf nichts weniger als auf eine Neudeutung der Renaissance, in der sich Europa zum Herrscher der Welt aufschwang – in seiner Deutung: getrieben, ja gehetzt von der Übermacht des Osmanischen Reiches. Ach, und die Reformation wäre ohne Selim den Gestrengen auch nicht denkbar gewesen.

 

Alan Mikhail Sultan Selim COVER„Gottes Schatten“ ist ein zunächst ebenso interessantes wie merkwürdiges, bei fortschreitender Lektüre aber auch anstößiges Werk; und die Unzufriedenheit nimmt mit der Seitenzahl immer weiter zu. Ein deutscher Rezensent findet es schließlich einfach nur „ärgerlich“. Die Biographie des bedeutenden Sultans Selim I. (1470-1520) wird angereichert mit der von Cristoforo Colombo (Christoph Kolumbus 1451-1506), teils, um die Abhängigkeit des Letztgenannten von seinen Phobien, teils, um die Überlegenheit der damaligen islamischen Staatskunst zu demonstrieren. Kolumbus tritt in diesem Buch nicht tatsächlich als ein Gegenspieler des mächtigen Sultans auf, aber Mikhail stellt seine Suche nach einem Seeweg nach Indien oder China wie eigentlich sein gesamtes Leben als bestimmt vom Aufstieg des islamischen Reiches dar. In seiner Darstellung erscheint die Reise des Kolumbus als ein weiterer Kreuzzug – etwas merkwürdig, weil Kreuzzüge doch stets auf die Befreiung Jerusalems zielten –, und vereinzelte amerikanische Spuren seiner zeittypischen Islamophobie kann Mikhail tatsächlich nachweisen – in Ortsnamen, in alten Urkunden, in den Aufzeichnungen und Berichten der Europäer. Europa, so schreibt er, jagte „in der Karibik dem Gespenst des Islam“ hinterher.

 

Kolumbus glaubte in der Darstellung Mikhails, dass die Indigenen heimliche Moslems waren, und der Terror der Spanier wurzelte für ihn in dem „atavistischen Hass des Christentums auf den Islam“. Auch heute kann Mikhail diesen Hass noch erkennen. So stellt er dem Verhalten der Konquistadoren das Gegenbild der osmanischen Herrschaft entgegen: Im toleranten Osmanischen Reich mussten Christen und Juden zwar eine zusätzliche Kopfsteuer bezahlen, durften aber weiterhin ihre Religion ausüben. Für Mikhail waren die Osmanen „Meister bei der Integration neuer Gebiete“. Darauf kam alles an, denn das Osmanische Reich sei unter Selim zugleich auch das größte christliche Land seiner Zeit gewesen, das ab 1492 – der „Reconquista“ – zusätzlich von dem Zuzug der Sepharden profitierte, also der spanischen und portugiesischen Juden, die von den „Katholischen Majestäten“ (ein Ehrentitel des Papstes für den Sieg über die Mauren) vertrieben wurden und in den östlichen Mittelmeerraum zogen.

 

Über die Liberalität der Osmanen schreibt der große britische Historiker Arnold J. Toynbee, „daß die theoretische Liberalität des Systems“ durch die „Willkür verdorben wurde, mit der es angewendet wurde“. Diese Willkür war natürlich die der subalternen Beamten, nicht jene des Sultans. Aber fast beiläufig erfahren wir in Mikhails Buch auch einiges über die Brutalität Selims. So wurden nach einer Eroberung „Tausende hingerichtet.“ Nicht jeder möchte auf diese Art integriert werden… Generell gilt, dass die Grausamkeit der Osmanen – die auch die Grausamkeit Selims war – in diesem Buch wenn nicht unter den Teppich gekehrt, so doch schön geredet wird; und dass umgekehrt die Offenheit der Gesellschaft weniger auf rechtlichen Grundsätzen als vielmehr auf rein pragmatischen Überlegungen beruhte und jederzeit widerrufen werden konnte.

 

„Just zu dem Zeitpunkt, als Europa seine Juden und Moslems vertrieb, zugleich Afrikaner versklavte und die indigene Bevölkerung in Amerika dezimierte, hießen die Osmanen die Juden (und Muslime) von der anderen Seite der mediterranen Welt willkommen und integrierten sie in ihr Reich, das, nicht zu vergessen, immer noch eine christliche Mehrheit hatte.“ „Nach 1453“, heißt es einige Seiten später, „war Istanbul für Juden zweifellos der beste Ort; nirgends sonst waren sie so erfolgreich und frei.“ Kein so guter Ort war das Osmanische Reich für Schiiten, die der Sunnit Selim als Ketzer ansah und grausam verfolgte. Schiiten wurden „schlimmer eingestuft als Juden und Christen“. Ein Mufti sah sie sogar als „Antimuslime“ an, woraus für ihn nicht etwa nur das Recht, sondern vielmehr die Pflicht resultierte, „die safawidischen Ungläubigen zu vernichten.“

 

Die Brutalität und Dummheit der Spanier im Umgang mit Muslimen und Juden kann man unmöglich bestreiten, so wenig wie die Verbrechen, die jenseits des Atlantiks im Namen des Christentums verübt wurden; aber unter Selim oder anderen Sultanen hätte unsereins wohl trotzdem nicht leben mögen. Er wird auch „der Grausame“ genannt, und das beruhte nicht allein auf dem Umgang mit seinen Brüdern und Neffen, die der schönen Tradition des Herrscherhauses gemäß nach seiner Thronbesteigung erdrosselt wurden. Auch Selim operierte mit Zwangsvertreibungen – nur dass es nicht Christen, sondern Schiiten traf. Und natürlich wäre er nicht der Favorit des Heeres gewesen, wenn er nicht grundlos friedliche Nachbarn überfallen und deren Städte der Plünderung, die Frauen der Vergewaltigung und die Kinder der Versklavung freigegeben hätte. Die Zeit war unerhört grausam und brutal – im Nahen Osten wie in Europa. Nicht das Mittelalter war eine dunkle Zeit, sondern die Frühe Neuzeit.

 

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Selim war nur kurze Zeit Sultan – von 1512 bis 1520 –, aber es gelang ihm, in diesen wenigen Jahren das ihm vererbte Staatsgebiet zu verdreifachen; zunächst überfiel er den persischen Safawidenstaat, sodann das Mamlukenreich mit seiner Hauptstadt Kairo und, wichtiger noch, den beiden Zentren des Islam, mit Mekka und Medina. Als Herr über Mekka war er Kalif und vielleicht wirklich der mächtigste Herrscher der Welt. Hätte er sich damit zufriedengegeben? Wohl kaum; Menschen seines Schlages geben sich niemals zufrieden. Bevor Selim aber den geplanten Angriff auf Marokko durchführen konnte – natürlich zielte er eigentlich auf Spanien und damit auf Europa –, starb er und überließ das gewaltige Reich seinem einzigen Sohn Süleyman dem Prächtigen. Die Geschichte seiner Kriegszüge erzählt der zweite Teil des Buches, und diese Chronologie der Kriege ist tatsächlich spannend zu lesen, trotz der ewigen Schlachten.

 

In seiner Universalgeschichte („Der Gang der Weltgeschichte“) bewertet Toynbee Selim I. ganz anders, als es Mikhail tut – er betont die kluge Zurückhaltung Mehmeds des Eroberers (des Großvaters von Selim, der 1453 Konstantinopel erobert hatte) und nennt als den Grund für den späteren Zusammenbruch des Osmanischen Reiches seine Überdehnung und den fortwährenden Zweifrontenkrieg: Die Kraft des Reiches „wurde verbraucht durch die dauernden kriegerischen Reibungen an zwei Fronten gegen Gegner, die die Osmanen wiederholt im Felde schlagen, aber niemals außer Aktion setzen konnten.“ Wenn Toynbee recht haben sollte, dann hat bereits Selim I. den Keim zum Untergang seines Reiches gelegt, auch wenn er selbst nicht mehr Spanien oder Österreich angreifen konnte.

Gelegentlich ist dieses Buch geradezu süffig zu lesen, aber das ist mit etlichen romanhaften Elementen erkauft, die in einem seriösen Geschichtsbuch eigentlich nichts zu suchen haben. So heißt es vor einer Schlacht: „Wie bei Soldaten üblich, breitete sich jeder Mann für sich allein auf die Schlacht vor – man dachte an die Familie und das eigene Schicksal, brachte seine Waffe auf Vordermann und wappnete sich innerlich.“ Das „wie üblich“ sagt uns, dass Mikhail keinerlei Nachrichten über das Verhalten der Janitscharen vorliegen und er einfach nur das aufschreibt, was er sich so denkt. Später, nach der Eroberung Kairos, heißt es von Selim: „Er betrachtete nachdenklich das Land jenseits des westlichen Ozeans, blickte dann auf den Osten der Karte und überlegte, ob die Osmanen eine Armee quer durch Zentralasien zu den uralten Städten Chinas schicken könnten.“ Und wieder: Es ist gesponnen, denn es gibt keinerlei Quellen, die uns die Gedanken Selims verraten.

 

Zur leichten Lesbarkeit trägt auch bei, dass Mikhail generell darauf verzichtet, den Leser auf eine schwierige Quellenlage und damit auf die Unsicherheit unseres Wissens aufmerksam zu machen. Wenn er das Leben des Kolumbus erzählt, bleiben keine Fragen offen, und dasselbe gilt für die Mutter Selims, von der andere Autoren lediglich vermuten, dass sie eine christliche Sklavin gewesen sein könnte. Für Mikhail dagegen steht das fest. Wenn er ein kerniges „zweifellos“ in den Text einfließen lässt, kann man sich sicher sein, dass man gute Gründe zum Zweifeln hat.

 

Es wirkt nicht selten gezwungen, wie der Autor die zeitgleichen Vorgänge in Amerika und Westeuropa mit den Aktivitäten Selims in seinem Reich in Verbindung bringt, und vielleicht war die Bedeutung des Osmanischen Reiches für die Renaissance doch weniger bedeutend, als es Mikhail dem Leser suggeriert: „Tatsächlich entwickelte sich ein Großteil der ‚Renaissance-Kultur‘ aus dem atavistischen Hass des Christentums auf den Islam“. Das ist nicht nur eine Grundthesen des Buches (und im Übrigen in ihrer Zuspitzung eine sehr, sehr steile These – schließlich hat die Renaissance auch etwas mit Humanismus, Buchdruck, Erfindung der Perspektive, Geldwirtschaft und solchen Sachen zu tun), sondern vor allem ein Hinweis auf das Motiv des Autors, dieses Buch zu schreiben: Er wendet sich gegen den Hass auf alles Islamische in der amerikanischen Gegenwart und vielleicht noch mehr gegen die Überheblichkeit, mit der der Westen auf die Kulturen des Nahen Ostens schaut.

 

Immerhin ist es das unbestreitbare Verdienst dieses übrigens auffallend schön ausgestatteten und reich illustrierten Bandes, ein sehr helles Licht auf eine für uns geographisch ziemlich nahe und doch kulturell fremde Region zu werfen, deren Geschichte wir nur oberflächlich kennen. Nach der Lektüre dieses Buches wird man anders auch auf die europäische Geschichte der Frühen Neuzeit schauen. Aber es wäre mehr als nur angebracht gewesen, einen zweifellos sehr bedeutenden Herrscher als die vielschichtige und in sich widersprüchliche Person darzustellen, die er gewesen sein muss.


Alan Mikhail: Gottes Schatten. Sultan Selim und die Geburt der modernen Welt

Aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Helmut Dierlamm.

Beck-Verlag 2021

Hardcover, 508 S., mit 75 Abbildungen und 24 Karten

ISBN: 978-3-406-76409-7
Weitere Informationen auf der Verlagsseite

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