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Kultur, Geschichte & Management

Es ist ein einzigartiges und faszinierendes jüdisches Kulturerbe, das über 1000 Jahre zurückreicht, und Zeugnis über das Leben an der Geburtsstätte der aschkenasischen Kultur ablegt. Warmaisa – so der hebräische Name von Worms – wurde als Klein-Jerusalem am Rhein bezeichnet und ist in der Mitte der sogenannten SchUM-Städte liegend, sehr bedeutungsvoll.

SchUM bezeichnet die Von-Süd-nach-Nord-Abkürzung für Speyer, Worms und Mainz (Schpira, Uarmaisa, Magenza).

 

Die gemeinsame Bewerbung der drei Städte in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen zu werden war Anlass, tief und umfassend die Geschichte aufzuarbeiten. Bereits mehrere Publikationen sind in den vergangenen Jahren hierzu entstanden im Nümmerich-Asmus Verlag aus Oppenheim, zwischen Mainz und Worms gelegen.

 

Die Geschichte, Geschichten und Erinnerungen reichen zurück ins Mittelalter, denn im 9. Jahrhundert finden sich erstmals Erwähnungen von jüdischen Ansiedlungen in der Region.
Warmaisa COVERIn 46 Kapiteln fasst das soeben erschienene Buch „Warmaisa. Klein-Jerusalem am Rhein“ diverse Quellen zusammen und berichtet von der jüdischen Blütezeit im 13. Jahrhundert, der gelungenen Integration und Akkulturation, dem unermesslichen Leid der Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung und endet schließlich im Hier und Heute, berichtet von den Neuanfängen, der Rettung jüdischer Kulturgüter, den Versuchen von „Wiedergutmachung“ und schließlich von der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und vom aktuellen Umgang mit dem Erbe.

 

Im Zentrum stehen die Menschen und ihre Traditionen als auch immer wieder die Stätten und zahlreichen bedeutenden baulichen Zeugnisse dieser jüdischen Geschichte: das jüdische Viertel mit der alten Synagoge, der Mikwe (Ritualbad), dem jüdischen Museum, Raschi-Haus genannt sowie dem jüdischen Friedhof „Heiliger Sand“, der als ältester jüdischer Friedhof Europas gilt und später mit einer Trauerhalle im Jugendstil ergänzt wurde.


Mit über einhundert Abbildungen spricht der Band nicht nur die interessierte Leserschaft an, sondern eignet sich didaktisch aufbereitet hervorragend für den Schulunterricht. Dazu ist eine CD mit PDF-Dateien, Arbeitsblättern, Anmerkungen und Erläuterungen des didaktisch-methodischen Material am Ende des Buches zu finden.

 

Wie bedeutsam Worms für das gesamte west-, mittel und osteuropäische Judentum war – also den aschkenasischen Raum abdeckend –, lässt sich mit dem Wirken des Rabbiners Schlomo ben Jizchak (um 1040-1105), kurz Raschi genannt, erläutern. Der in Troyes, der Hauptstadt der Champagne geborene Rabbi kam über Mainz nach Worms, um in den jüdischen Jeschiwot (Lehrhäusern) der Stadt zu lernen. Seine Kommentare zur Auslegung von Torah und des babylonischen Talmud werden bis heute studiert und in der überwiegenden Mehrheit aschkenasischen Bibelausgaben abgedruckt. Seine Kommentare beeinflussten übrigens ab dem 12. Jahrhundert auch christliche Lehrmeister. Raschis Beit Ha‘Midrasch (Lehrhaus) ist in einem Anbau der Synagoge in Worms zu finden. Die heute existierende bauliche Erweiterung stammt allerdings aus dem 16. Jahrhundert.

 

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Das jüdische Leben war vielfältig, jedoch auch immer besonders. Der Lebensalttag war über Jahrhunderte auf einer Trennung zu der christlichen Bevölkerung aufgebaut, das zeigt sich in den Verhältnissen und Willkür zu Obrigkeiten, in der Kleiderordnung (es musste im 15. Jahrhundert innerhalb der Stadtmauern ein sichtbarer gelder Kreis, aufgenäht auf einem Mantel, getragen werden), den im 16. und 17. Jahrhundert lebenden sogenannten Hofjuden, einer reicheren Gruppe mit Privilegien, die sich von den Juden der Zwangsberufe, den Viehhändlern, Hausierern, Geldwechslern oder Pfandleihern unterschieden und Niederlassungsfreiheit genossen. Der lange Kampf, rechtliche Gleichstellung zu erlangen, war auch in Worms und im Großherzogtum Hessen spürbar. Erst im 19. Jahrhundert endete das jüdischen Mittelalter. Reformbewegungen, Emanzipation und eine gewisse Anerkennung währten nicht lange. Worms unterlag bereits zur Weimarer Zeit antisemitischer Hetze. Auch anhand von Einzelschicksalen zeichnet das Buch die Zeit des Nationalsozialismus‘ auf, die „Austreibung“ Wormer Juden ins Exil, die Verfolgung und Ermordung.

Wie schwer ein Neuanfang nach 1945 war, zeigt sich in den ersten Versuchen das Thema aufzugreifen. Der Aufbau einer Erinnerungskultur dauerte lange – mindestens eine Generation – und auch heute ist Worms nicht von Antisemitismus und Rechtsextremismus frei, das zeigt sich in der Schändung jüdischer Stätten. Die Frage wie man Worms mit jüdischem Leben erfüllen kann, kulminierte im Festival der jüdischen Kulturtage in Worms erstmals im Jahr 2005 und geht seither weiter.
2021 wird dann ein besonderes, ein Festjahr werden, denn dann feiern wir „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“!


Warmaisa. Klein-Jerusalem am Rhein

Beiträge zur Geschichte der Juden in Rheinland-Pfalz Band 3
Hrg.: von Hans Berlessel, Michael Matheus und Kai-Michael Springer
Verlag: Nünnerich-Asmus; 1. Edition (2. November 2020)
192 Seiten, Deutsch
ISBN: 9783961760534

 

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