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Hamburger Architektur Sommer 2019

Kultur, Geschichte & Management

In diesem Jahr wenden sich die Lübecker Museen ihren „Nachbarn im Norden“ zu. Mit einer Schau, in der die „Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck“ dargestellt werden, beteiligt sich die Völkerkundesammlung.

Kaum jemand weiß, dass die Hansestadt Lübeck seit 1893 eine beträchtlich große völkerkundliche Sammlung besitzt – mehr als 26.000 Objekte! –, aber woher soll man das auch wissen? Sie wurde ja seit Jahren nicht mehr präsentiert und ruht im Verborgenen. Jetzt endlich soll sich das wieder ändern. Den Anfang macht eine hochinteressante Ausstellung im St. Annen-Museum, in der das Verhältnis Lübecks zum Norden beleuchtet wird – und zwar aus beiden Richtungen.

 

Es ist keineswegs allein der europäische Norden, den man sich jetzt anschauen kann, sondern Sibirien, Grönland, Kanada und Alaska sind ebenfalls Gegenstand der Ausstellung. Bei dieser Reise rund um den Nordpol werden Dinge des alltäglichen Lebens und der Religion präsentiert, also Jagdwaffen, Besteck, Kleidung sowie Musikinstrumente. Dazu kommen aber auch leuchtend bunte Plakate für Ostseedampfer oder für die „Nordische Woche“ im September 1921, entworfen von Alfred Mahlau (1894-1964), der in dieser Hochzeit der Inflation auch Notgeldscheine mit den Wappen und Flaggen der nordischen Länder zeichnete, mit denen man aber nur während der Messe bezahlen konnte.

 

Dass Lübeck in der Nähe des Hafens eine schwedische Kirche besaß (gezeigt wird ein Foto des neogotischen Gebäudes, das sich bis heute an der Neuen Hafenstraße befindet und eigentlich nach einem ganz normalen Bürgerhaus aussieht), ist ebenso wenig neu wie die enge Beziehung Lübecks zu Norwegen, besonders zu Bergen, oder zum schwedischen Schonen; aber wer wusste schon, dass sich auch Lübeck im 18. Jahrhundert an dem damals „Grönlandfahrt“ genannten Walfang beteiligte? Im St. Annen-Museum kann man jetzt eine schöne Tuschezeichnung des ehemaligen Matrosen Johann Küchenmeister von 1770 sehen, die in ganz naiver, aber umso eindrucksvollerer Weise den Walfang zeigt: drei Schiffe, drei großköpfige Wale… Zu der Zeichnung kommen lebhafte Erlebnisberichte von Walfängern, aus denen im Katalog ausführlich zitiert wird.

 

Der Walfang der Indigenen wurde in einem ganz anderen Geist durchgeführt und jedenfalls nicht in industrieller Weise. Die Inuit glaubten, dass sich die Tiere einem Menschen, der sich ihnen gegenüber respektvoll verhielt, freiwillig opferten: „Aus Sicht der Inuit war Respekt vor den Mitmenschen und der Natur also nicht bloß eine Frage der Moral, sondern von buchstäblich existentieller Bedeutung und das Verschwinden der Tierbestände eine unermessliche Katastrophe.“ Das Inuit-Wort für das Ausbleiben des Wals lautet „Uggtianaquty“ und bedeutet „ungewöhnliches Verhalten der Natur“. Dazu zählt heute wohl leider noch ein wenig mehr als der Rückgang der Walpopulation.

 

Ein schönes Beispiel für die heutige Kunst der Indigenen und deren enge Beziehung zur Natur wie zu ihrer Kultur bietet die Skulptur der Meerfrau Sedna, die auch Katalog und Plakat schmückt.

Wie schwierig das Leben im richtigen Norden ist – also dort, wo es kein Grün mehr gibt, sondern nur noch Eis und Schnee –, das erfuhren die Wikinger, die uns doch als die Naturburschen schlechthin gelten. Eine Anzahl von ihnen erlebte eine Katastrophe, als sie in einer mittelalterlichen Warmphase das für kurze Zeit grüne südliche Grönland besiedelten; als es wieder kälter wurde – und das geschah schon bald – und das Eis zurückkehrte, ging ihre Siedlung unter elenden Umständen wieder ein. Vor allem litten die Wikinger gesundheitlich unter Mangelerscheinungen wie Rachitis und entwickelten Zwergenwuchs: Vom Hunger gezeichnet, wuchsen sie nicht einmal mehr zu normaler Größe heran.

 

Die Inuit dagegen wussten und wissen bis heute mit schwierigsten Verhältnissen zurechtzukommen und schufen in den Worten des Kurators Lars Frühsorge eine „Kultur der Anpassung“. Sie nahmen die Umstände an und wussten mit ihnen umzugehen. Die Ausstellung demonstriert das unter anderem anhand ihrer Kleidung, die unserer Funktionskleidung weit überlegen scheint. Zunächst entwickelten sie den „Anorak“ („etwas gegen die Kälte“), sodann den „Parka“. Das graue Exemplar der Ausstellung, zusammengenäht aus Seehunddarm, wiegt angeblich nicht mehr als 80 Gramm, soll aber absolut wasser- und winddicht sein.

 

Natürlich bietet die Ausstellung angesichts des riesigen Ursprungsgebietes seiner Gegenstände eine sehr bunte, wenig einheitliche Mischung; schwierig zu referieren, aber interessant zu durchwandern. Nur zwei Momente sollen noch angesprochen werden. Das erste ist der finnische Weg in die Unabhängigkeit. Auch, um das Nationalgefühl zu stärken – schließlich stand das Land jahrhundertelang erst unter schwedischer, dann unter russischer Oberherrschaft – kultivierten die Finnen das Kunsthandwerk und brachten es auf eine ganz ungewöhnliche Höhe. Im Katalog zeigt Ingrid Schweizer am Beispiel der Textilkunst, dass kein „anderer ostmitteleuropäischer Staat […] eine so moderne Nationalromantik entwickelt“ hat. Noch heute besitzt finnisches Design einen sehr guten Ruf.

 

Ein anderer Aspekt betrifft das umstrittene „Northstream 2“-Projekt. Wir sollen Gas aus dem nördlichen Russland bekommen, aber wer lebt dort, und wie leben die Menschen in der Taiga? Es sind Nenzen, die man früher „Samojeden“ nannte – ein Ausdruck, der aber wohl abschätzig gemeint war und heute nicht mehr gebraucht wird. Die Nenzen sind Rentierhirten wie die Samen des nördlichen Skandinavien, und die gewaltigen Gasleitungen stellen eine große Gefahr für ihre traditionelle Wirtschaft dar, auch weil die Erdgasförderung das extrem labile Gleichgewicht der Natur gefährdet (oder sogar bereits vernichtet hat…).

 

Der sehr empfehlenswerte Katalog stellt nicht allein viele der Exponate in Bild und Wort vor, sondern enthält zusätzlich einige Beträge, die das Thema der Ausstellung aufgreifen; so findet sich etwa ein autobiographischer Essay von Ella Kynkäänniemi-Hefke über ihr Leben in Deutschland, in einem Artikel („Trommelmagie und Bärenjagd“ von F. Georg Heyne) wird weiteres ethnographisches Material zum Schamanismus zur Verfügung gestellt, oder der Artikel über arktische Wetterstationen ergänzt den Teil der Ausstellung, der sich mit Missionierung und den ausgangs des 19. Jahrhunderts durch Europa ziehenden Völkerschauen beschäftigt. So sind Ausstellung wie Katalog außerordentlich perspektivenreich und anregend.


„Nordwärts / Südwärts. Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck“

Die Ausstellung ist zu sehen bis 3. Januar 2021
in den Räumen des St. Annen-Museums, St. Annen-Straße 15, 23552 Lübeck.
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag: 11-17 Uhr (im Sommer: 10-17 Uhr)

Weitere Informationen

 

Katalog:
Lars Frühsorge (Hrsg.): Nordwärts – Südwärts. Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck.
Verlag: Dräger + Wullenwever
ISBN 978-3-942310-31-4

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