Meinung

1. Mattes und wenig bedeutendes Denken faßt sich selten kurz. (…) Es muß dauernd um die Sache herumgehen, weil es die Sache (…) nicht trifft (…). Je länger das Geschwätz, desto dünner der Sinn (…). Dagegen gehört es zu einem großen Gedanken, daß er nötigenfalls größte Kürze verträgt, ja zu ihr besonders fähig ist. Der schlimmste Tag im Leben eines ungezielten, unnotwendigen (…) Denkers mag es sein, auf einer halben Seite sagen zu müssen (…), was er zustande gebracht hat. Da brechen die Verzierungen ab, da zeigt sich: zum Lakonischen gehört Mark.“

Bereits „der einzige Satz: Erkenne dich selbst“, macht „ein wichtiges Stück Hegel kenntlich (…).“ (Ernst Bloch, Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel, st 12. 1972, S. 32)

 

Auf einer halben Seite den Kerngedanken und die gedankliche Abfolge der Phänomenologie des Geistes zusammenzufassen, das wird vermutlich niemandem gelingen. Freilich, was das gedankliche Zentrum betrifft, bedarf es noch nicht einmal einer halben Seite. Lediglich zwei Zitate sind nötig, um den Kerngedanken auf den Punkt zu bringen. Die Phänomenologie des Geistes ist „die Wissenschaft des erscheinenden Wissens“. (G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1988, S. 531) Und das Wissen, was hat es damit auf sich? Dieses hier: Wissen bedarf eines zu erkennenden Inhalts, der „allein dadurch begriffen“ ist, „daß Ich in seinem Anderssein bei sich selbst ist“. (A.a.O., S. 523)

 

Erklärungsbedürftig ist die Charakterisierung des Wissens als eines erscheinenden. Diese Einschränkung nämlich impliziert den scheinbaren Widerspruch, dass ein Wissen, das erst erscheint, keine Wissenschaft sein kann. Denn die Differenz, die die Erscheinung impliziert – sie befindet sich ja sozusagen auf der äußeren Seite des Inneren, des Wesens also –, verunmöglicht den im zweiten Zitat namhaft gemachten zentralen Aspekt realisierter Wissenschaft, „in seinem Anderssein bei sich selbst“ zu sein. Das Rätsel impliziert bereits seine Lösung. Denn in der Phänomenologie des Geistes geht es genau darum – und das qualifiziert diesen Erscheinungsweg als einen selbst bereits wissenschaftlichen –, den Nachweis zu führen, dass das erscheinende Wissen, ohne dass es zunächst darum weiß, bereits Wissen ist. Und zwar von allem Anfang an.

 

Der Anfang: die sinnliche Gewissheit der ersten Stufe. Es geht, wie es scheint, ganz konkret an. Mit dem Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken. Was hat das mit Wissen zu tun? Dieses hier: Wer der Ansicht zuneigt, in diesen unmittelbaren Aneignungsweisen irgendwelcher Inhalte so konkret wie irgend möglich zu sein, der täuscht sich gewaltig. Denn er weiß über die ihn sinnlich affizierenden Inhalte schlechterdings nichts. Mit einer Ausnahme: Er weiß, dass sie allesamt irgendwie sind. Indem er ihr Sein realisiert, realisiert er hinsichtlich dessen, was sie sind, genau genommen nicht mehr oder weniger als ein permanentes Nichts. Weil er nämlich nicht weiß, was sie sind. Dennoch und trotzdem: Das Sein, das er weiß, ist ein Gedanke und genau genommen sogar der ärmste und abstrakteste Gedanke schlechthin: der substantivierte Infinitiv des allgemeinsten Verbs. Also auch da, wo scheinbar (!) noch gar nicht gedacht wird, liegt in Wahrheit bereits der allerärmste Gedanke überhaupt vor: Das Sein, das, seiner Unbestimmtheit wegen, dasselbe wie das Nichts ist. Es handelt sich also, aller scheinbaren Konkretheit zum Trotz, um exakt dieselbe Abstraktheit des Anfangs der Wissenschaft der Logik. Werke der Wissenschaft, dies nota bene, arbeiten sich stets vom Abstrakten zum Konkreten vor; die diversen Bestimmungsstücke des Konkreten, das somit das Resultat einer Ableitung ist, werden als der Identität des Anfangs innewohnend bewiesen. In dem Resultat der Ableitung hat sich der Anfang selbst als das aus ihm abgeleitete Konkrete bestimmt.

 

An diesem ersten Schritt ist bereits klar geworden, dass die oben namhaft gemachte scheinbare Trennung zwischen der Erscheinung und dem Wesen wirklich eine scheinbare ist. Mal so gesagt: Weil der Mensch qua Mensch über ein Bewusstsein verfügt, ist damit von Anfang an zweierlei gegeben: Der Ichbezug, der sich über den Bezug zu dem Anderen der ihn umgebenden Welt – also egal welchen Inhalten als zunächst gänzlich fremden – definiert. Und um die immanente und vor allem immanent zu leistende Zusammenführung dieser beiden scheinbar getrennten Bereiche geht es in der Phänomenologie des Geistes: Um den Beweis, dass sämtliche in Betracht kommenden Aneignungsweisen der dem Bewusstsein begegnenden Inhalte per se immer schon und ausnahmslos solche der wie auch immer einseitigen gedanklich-geistigen Aneignung sind.

 

In der Wahrnehmung – der zweite Schritt – wird der Mangel der sinnlichen Gewissheit, lediglich um das bestimmungslose Sein von irgendwas zu wissen, in dem Sinne korrigiert, dass auf eine freilich ausnahmslos äußerliche Weise an den Gegenständen diverse Eigenschaften wahrgenommen werden. Jetzt also weiß das Bewusstsein, dass ein Irgendwas die und die Eigenschaften besitzt. Der eine nimmt die Eigenschaften zur Kenntnis, die andere jene. Was bedeutet, dass diese Zuschreibung einen pur äußerlichen Charakter hat. Weder weiß der nur Wahrnehmende, was das Ding, noch was seine ihm additiv-beliebig zugesprochenen Eigenschaften sind.

 

Auf die Suche nach der Identität der Sache und ihrer (vermeintlichen oder wirklichen) Eigenschaften macht sich erst – die dritte Stufe – der Verstand. Er ist das identifizierende Vermögen. Aber seine Identifikationen sind nicht solche der Sache selbst, sondern werden ihr äußerlich appliziert, beziehungsweise unter die einem Akt der Setzung sich verdankende Identität werden die Bestimmungsstücke bloß subsumiert. Darüber hinaus ist es für die Leistungen des Verstandes charakteristisch, dass ihm das Wesen in seine Setzungen fällt – sie sind das Eigentliche –, während das Gesetzte, das in seinem Gesetztsein Uneigentliche ist. Der Verstand verändert, indem er die Dinge zu bestimmen sucht, in seinem Bestimmen die Identität der Dinge, die ihm, gerade weil er der setzende ist, prinzipiell fremd und also unerkennbar bleiben (= das Grundproblem der Erkenntnistheorie). Oder auch so: Indem der Verstand etwas weiß, weiß er stets bloß das Unwesentliche. Sein Wissen ist in dem Sinne gar kein Wissen.

 

Im Selbstbewusstsein – der vierten Stufe – ist die Position erreicht, die auf den ersten drei Stufen, den gemachten Voraussetzungen wegen, nicht erreicht werden konnte. Das Wissen ist mit dem von ihm Gewussten identisch, was ja bereits in dem Wort Selbstbewusstsein impliziert ist. Freilich, dieses Wissen laboriert an der Abstraktheit, ein lediglich selbstgewisses zu sein. Es handelt sich, es so auszudrücken, um die Egozentrik der Vernunft, die nicht mehr weiß, als prinzipiell im Anderen in und bei sich selbst zu sein. Oder auch so: Indem die Differenz aufgehoben worden ist, ist nur die Identität der Mit-sich-selbst-Gleichheit übriggeblieben; das bestimmungslose Prinzip vernünftigen Weltbegreifens.

 

Darum, dieses Prinzip mit Inhalten zu füllen, geht es in den nächsten Unterabschnitten. Und zwar zunächst – die fünfte Stufe – als beobachtende Vernunft. Wir befinden uns, historisch gesehen, zu Beginn der Neuzeit mit ihren naturwissenschaftlichen Errungenschaften. Das selbstgewiss gewordene Ich richtet sein theoretisches Interesse auf die zu erkennende Außenwelt, um ihr ihre Fremdheit zu benehmen. Weil dieses Ich aber ein lediglich abstrakt-selbstgewisses in seinem Bemühen um Erkenntnis ist, verdanken sich die von ihm eruierten Gesetze auch bloß einer Beobachtung eines nach wie Äußerlichen und damit letztlich fremd Bleibenden.

 

Diese Fremdheit zu negieren, gelingt letztlich erst der praktisch werdenden Vernunft, indem sie als ihrer selbst gewisse den Dingen ihren Stempel aufdrückt und sie so zu den ihren macht, sie unter anderem in ihr auch rechtliches Eigentum verwandelt.

Mit diesen ersten fünf Stufen des mit sich selbst bekannt zu machenden Bewusstseins als eines differenziert (noch-nicht) wissenden ist der Boden bereitet für den weltgeschichtlichen Rekurs der sechsten Stufe. Indem nämlich das praktisch gewordene Selbstbewusstsein als praktisches sich der Außenwelt bemächtigt hat, ist die Differenz zwischen ihm und dem scheinbar Anderen aufgehoben worden. Diese inhaltlich erfüllte Identität des Selbstbewusstseins ist für den wahren Geist der (im antiken Griechenland realisierten) Sittlichkeit charakteristisch.

 

Das Manko der in der Polis organisierten Sittlichkeit besteht allerdings darin, dass die supponierte Identität nur auf einen Teil der damaligen Gemeinschaft zutrifft. Es handelte sich schließlich im alten Griechenland prinzipiell um Sklavenhaltergesellschaften. Heißt, nur einige Wenige waren die Freien. Im Imperium Romanum ist dieser Gegensatz manifest: Der Kaiser ist der alleinige Herrscher über die Gesamtheit der ihm Untergebenen.

 

Hinsichtlich der, historisch gesehen, nächsten Stufe wird man bei Hegel prinzipiell nur ganz selten und bloß in Form kursorischer Bezugnahmen fündig. Die Rede ist vom Mittelalter. – So dass es gleich im Anschluss an das Römische Weltreich – ein ganzes Jahrtausend wird als ein zu vernachlässigendes Nichts übersprungen – mit dem sich über seine Arbeit definierenden Bürgertum, also der beginnenden Neuzeit, weitergeht. Für das sowohl theoretisch wie praktisch (sich) bildende Bürgertum ist charakteristisch, dass es sich über die Bildung erstmals die Welt wirklich, und nicht, wie oben kenntlich gemacht, lediglich abstrakt aneignet. Vermittelst seiner denkenden Einsicht in den gesetzlich organisierten Hintergrund des Welt- und Naturgeschehens ist es das generell diesseitig ausgerichtete. Der andere Aspekt der reinen Einsicht ist die Weltabgewandtheit des im Jenseits das Eigentliche suchenden und vermeintlich findenden Glaubens. In ihr ist die Einsicht von sämtlichen Bestimmungsstücken des sich bildenden Bewusstseins absolviert, und, so das Selbstverständnis dieser religiösen Grundausrichtung, wirklich rein.

 

Die auszutragende Differenz zwischen diesen beiden scheinbar entgegengesetzten Formen der Einsicht kulminiert in der Aufklärung, deren zentrales Anliegen es gewesen ist, vermittelst der postulierten Selbstbestimmung des Gattungswesens Mensch das im Glauben noch als ein Jenseits gesetzte Eigentliche dem Menschen qua Menschen zu vindizieren. Diese Apotheose der Freiheit hat sich weltgeschichtlich in der Französischen Revolution entladen oder schließlich in der die Autonomie des Willens betonenden Moralphilosophie eines Immanuel Kant.

 

In dieser Autonomie des selbstgesetzgebenden Bewusstseins ist das vom Selbstbewusstsein eigentlich von Anfang an Intendierte realisiert worden: Das reine Wissen des alles Fremde in sich aufhebenden inhaltlich-gediegenen Selbsts.

Im siebten UnterabschnittDie Religion – geht es darum, den Weg nachzuzeichnen, auf dem sich die Menschheit diesem eigentlichen Zielpunkt ihrer gesamten Entwicklung peu à peu mental angenähert hat. Das geschah zunächst in den diversen Religionsformen, wobei entscheidend wichtig ist, dass Hegel in dieser rückblickenden Aneignung des bereits Gewordenen und Erreichten noch einmal die gesamte Phänomenologie Revue passieren lässt. In der Religionsform des sogenannten Lichtwesens dominiert die gänzliche Abstraktheit der sinnlichen Gewissheit. Unter die Pflanze und das Tier hat das Wahrnehmen das Sagen. Der Werkmeister des Ägyptens der Pharaonen ist durch den abstrakten Verstand charakterisiert. Die Kunstreligion wird in summa durch das mit sich und seiner Welt identische Selbstbewusstsein dominiert. Und in der offenbaren Religion schließlich ist – beispielsweise in der Dreieinigkeit – die subkutan bereits begriffliche Identität des Unterschiedenen allerdings bloß vorgestellt und nicht begrifflich – und das meint wissenschaftlich – erfasst.

Das absolute Wissen der achten Stufe schließlich resümiert zum einen den gesamten zurückgelegten Weg des als wissenschaftlich in seinem Zu-sich-selbst-werden nun auch demonstrierten Bewusstseins und präsentiert zum anderen einen Ausblick auf die sich anschließende Wissenschaft der Logik, die sich von Anfang an im Element des mit seinem Inhalt als identisch in der Phänomenologie des Geistes nachgewiesenen, mithin objektiven, Gedankens bewegt. Denn um exakt diese zu demonstrierende Identität des bloß scheinbar Unterschiedenen ist es in der Phänomenologie des Geistes gegangen. Sie ist, wie es zu Beginn hieß, „die Wissenschaft des erscheinenden Wissens“, das, als erscheinendes und in seinem Erscheinen, allein dadurch begriffen ist, „daß Ich in seinem Anderssein bei sich selbst ist“.

 

Hegel Encyklopaedie

Links: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Stich von Carl Barth (1787-1853) nach einem Reliefmedaillon von Friedrich Drake (1805-1882), um 1830.

Rechts: Schmutztitel der „Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“, Heidelberger Ausgabe von 1817. Quelle: digitale-sammlungen.de. Gemeinfrei

 

„Erkenne dich selbst“?! Ja, aber noch ‚einiges‘ mehr. Denn: „Das Wahre ist das Ganze“. (A.a.O., S. 15). Dass Hegel während der Niederschrift der Phänomenologie des Geistes irgendwann, wie Otto Pöggeler insinuiert hat, den Überblick verloren habe, entbehrt jeder Grundlage. Es ist eben stets ein Fehler, von sich auf andere zu schließen, oder wie Hegel mit einem humorigen Augenzwinkern sagt: Man hängt anderen „die Krätze“ an, „um sie kratzen zu können“. (G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), Hamburg 1969, S. 460)


Abschließend möchte ich auf drei zur Sache gehörigen Publikationen hinweisen:

- Frank-Peter Hansen, G.W.F. Hegel: ‚Phänomenologie des Geistes‘. Ein einführender Kommentar, UTB 1826, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 1994

- Frank-Peter Hansen, Hegels „Phänomenologie des Geistes“. „Erster Teil“ des „Systems der Wissenschaft“ dargestellt an Hand der „System-Vorrede“ von 1807, Königshausen & Neumann, Würzburg 1994

- Frank-Peter Hansen, G.W.F. Hegel: ‚Wissenschaft der Logik‘. Ein Kommentar, Königshausen & Neumann, Würzburg 1996

 

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