Meinung

Die Geschichte ist schnell erzählt. Eine junge Frau aus einem Vorstadtwohnghetto in Stockholm, eine dem Alkohol verfallene Mutter und ein Freund, der in seiner treuherzigen Liebe und unbeholfenen Zuneigung zu der unter Aggressionsschüben leidenden 20jährigen anrührend wirkt – stets bemüht und stets überfordert – bilden den Lebenshintergrund eines Dahinvegetierens ohne jede vertretbare Perspektive.

 

Das ganz normale Leben in der Tristesse des städtebaulichen Verfalls und der Verwahrlosung, wie es heute am Rand der Ballungszentren weltweit längst Standard ist. Die typische No-Future-Generation. Zu der auch diese Katarina gehört.

 

Die innere Schoenheit Artwork PosterDer Zufall kommt ihr zur Hilfe. Denn es ist ganz bestimmt nicht die Regel, dass in diesen unbekömmlichen Sphären ausgerechnet das Requiem von Mozart erklingt. Sie hört es und ist von Jetzt auf Gleich nicht nur für den Moment der akustischen Wahrnehmung in einer anderen Welt. Sondern der junge Mensch ist gefangen … Und zwar für Immer. Wie unter einem Zwang sucht sie das Konzerthaus der Stadt auf, wo gerade die 7. Sinfonie Beethovens eingeübt wird. Und wohnt als unbemerkter Zaungast der Probe bei. Mit dieser sehnsüchtigen Verlorenheit im Blick, die stets dann eintritt – wenngleich – leider! – selten genug –, wenn ein Mensch unverhofft seine Bestimmung gefunden hat oder mit der Nase darauf gestoßen worden ist: Auf die innere (!) Schönheit seines gänzlich unerwartet über ihn hereingebrochenen und ihn gefangennehmenden Universums.

 

Wie es der Zufall will, wird in der Stätte der musikalischen Kultur gerade eine Kraft für den nicht eben besonders kunstaffinen Posten eines Concierge – einer Empfangsdame also, die unter anderem Kundenbestellungen für Konzerte telefonisch entgegennimmt – gesucht. Sie bekommt – eine List bereitet den Weg – die Stelle. Lernt im Eingangsbereich per Zufall den – verheirateten und mit zwei Kindern beglückten! – Dirigenten kennen und – Achtung Klischee – verliebt sich in ihn; und er sich (nicht) in sie. Schmuck, wie sie ausschaut, zögert er nicht lang, sondern es kommt zu einer zeitlich knapp bemessenen Zusammenkunft auf erotischer Basis. Und lässt sie, was haste, was kannste, fallen, als seine Frau ihm hinter sein dunkles amouröses Geheimnis kommt. Was selbstredend auch ein Klischee ist und also nicht wirklich überrascht. Wofür er übrigens – Achtung, Gehässigkeit und alles andere als ein schöner Zug – die Initiierte, Entbrannte und nicht bloß von ihm schwer Beeindruckte verantwortlich macht. Schauspielerisch übrigens auch auf eine durchaus gekonnte Art.

 

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 © MFA+ FilmDistribution e.K

Das muss reichen, und mehr verrate ich nicht. Denn… das dicke Ende kommt natürlich nach. Aber darum geht es nicht. Oder doch. Denn, und das ist der erste Grund, warum dieser Film ein herzanrührendes Ereignis ist: Die junge Frau liegt nach Beendigung der Liaison nicht bloß im übertragenen Sinne am Boden. Aber! Sie steht wieder auf. Und wie. Natürlich kann man auch das als Klischee abqualifizieren. Ist aber keines! Denn es gilt, den Hintergrund zu beachten. Und der besteht in dem eigentlichen Ereignis ihres bis dato trostlosen Lebens, was, freilich nicht nur, aber freilich entscheidend, mit dem Requiem-Erlebnis zusammenhängt. Denn, man mag von diesem selbstverliebten Schnösel von Dirigenten halten, was man will, und, vom Ende hergesehen, darin auch zweifelsohne recht behalten, eines ist ihm zugute zu halten: Dass er im ersten Überschwang des doch eher körperlichen Begehrens Katarina den allerdings etwas überheblich eingekleideten Gefallen tut, sie auf Bücher Schopenhauers und Kierkegaards hinzuweisen, in welchem Kontext es noch eine kleine, äußerst liebenswerte Pointe gibt.

 

Und sie hat begriffen. In diese Welt – wie gesagt: die innere Schönheit des Universums – will sie hinein. Ob mit oder ohne ihn, gleichviel. Und stürzt sich in die Lektüre des etwas schrägen Kopenhagener Protestanten mit seiner asketisch-freudlosen und verspielt-verbissenen Weltabgewandtheitszugewandtheit. Und hört Musik, die zurecht so heißt und folglich kein pseudomusikalisches Larifari ist, auf eigene Faust.

 

Ich sagte es bereits: das Requiem. Trauer ist ein zu schwaches Wort für dieses unvollendet gebliebene Spätwerk Mozarts. Verlust ohne Wenn und Aber. Ein sich Verlieren im Weh des Schmerzes. Nicht zu wissen wohin mit sich in der Qual der Seele. Oder, der Trauermarsch der 7. Sinfonie Beethovens. Oder die so tief-schmerzhaften zweiten Sätze der Solokonzerte Mozarts. In diesem Fall des Klarinettenkonzerts, von dem nicht Wenige der in der Szene Wohlbewanderten behaupten, dass dieses Konzert für Klarinette und Orchester das Konzert überhaupt für dieses Blasinstrument sei. Es sei nicht davor, nicht danach und bis heute kein Klarinettenkonzert komponiert worden, das an die musikalische Substanz dieses Stückes heranreiche.

 

Alles ist in diesem Film mit Bedacht gewählt. Denn, und jetzt komme ich zum Kern: Zu der Kunst dieser damals tatsächlich zwanzigjährigen schwedischen Schauspielerin – der Film ist 2010 in die Kinos gekommen –, dieses Empfindungsgemisch im Schauen zum Ausdruck zu bringen. Es gibt sie nämlich, die Paradoxie: in der Trauer Glück zu empfinden. Überwältigt zu sein von dem emotionalen Aufruhr, der in beide Richtungen geht, und zwar simultan. Was in die klangliche Tat umzusetzen tatsächlich nur die Musik vermag. Also beispielsweise und vor allem diejenige Mozarts.

 

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© MFA+ FilmDistribution e.K

Diese junge Frau, im musikalischen Hören gänzlich unerfahren und tatsächlich ohne jede Lesekompetenz, wird vom Blitz emotionaler Einsicht durchfahren, dass exakt das ihre Zukunft zu sein hat. Das Glück der Trauer und die Trauer des Glücks zu erfahren, die in Mozarts Musik zum Erklingen gebracht wird, die den ergriffen Lauschenden von einer Not in die andere stürzt und ihn, dieser inneren Zerrissenheit zum Trotz, zu sich selbst finden lässt. Und exakt dieses mehrschichtige, durch und durch paradoxe Empfinden, sieht einen aus den in Tränen des Glücks schwimmenden Augen dieser außergewöhnlichen Schauspielerin an. Sie ist zu sich selbst gekommen, indem sie sich in der emotional tief erschütternden Welt der Musik verloren und wiedergefunden hat.

 

„Mozarts Musik ist so rein und schön, dass ich sie als die innere Schönheit des Universums selbst ansehe." Albert Einstein

Das ist für mich der Kern dieses Films, der davon lebt, dass eine doch eigentlich – ihres jugendlichen Alters wegen – noch nicht besonders erfahrene Schauspielerin mit minimalstem Aufwand diesem Empfinden einer Initiierten Ausdruck geben kann. Dezent, zurückhaltend, schüchtern, ungläubig staunend und scheu geradezu und genau deswegen besonders ausdrucksstark. Und die all diese Gefühlslagen in ihrem Blick und ihrer gesamten Haltung vereint, wenn sie sich der Musik, wie es heißt, mit Haut und Haaren, auf Gedeih und Verderb, hingibt.

 

Das ist der Moment der Entscheidung. Nicht in dem Sinne, dass es jetzt auch anders weitergehen könnte. Nein, es existiert, so wie die Dinge in diesem außerordentlichen Film liegen, nur noch diese einzige an Perspektiven so reiche Möglichkeit, die plötzlich und wie aus dem Nichts wirklich geworden ist. Der der von diesem Momentum zuhöchst betroffene Mensch folgt und ein Leben lang treu bleibt. Weil in diese Waagschale alles zu werfen jedes Risiko lohnt, weil es das ist, was nach Ernst Bloch der erfüllte Augenblick mit all seinem unerfüllten, aber zu verwirklichenden Potenzial impliziert. Um die Zukunft dieses jungen Menschen muss einem nicht bange sein, auch wenn oder weil der Film damit endet, dass all diese in ihrem Blick zusammenfindenden Versprechen auf die Zukunft den Zuschauer, was das Weitere betrifft, beruhigt sein lassen. Sie wird die bleiben, die sie im Nu geworden ist, weil sie – in der Musik – zu sich selbst gefunden hat.

 

Nur, wie vielen Menschen widerfährt in der Realität das Nämliche? Leider nur allzu wenigen! So dass sich der Verdacht der, wenngleich dezenten, Schönfärberei aufdrängt. Gleichviel, Alicia Vikander, dies der Name der schwedischen Schauspielerin, schafft das bei Licht besehen Unmögliche, also genau das, was die Musik wie keine andere Kunst vermag: Disparateste Stimmungslagen womöglich gleichzeitig in den emotionalen Raum der selbstverlorenen Befangenheit des unverhofften Sich-gefunden-habens zu stellen. Oder das Dunkel des erlebten Augenblicks, wenn auch für Momente nur, real werden oder aufscheinen zu lassen. Also dort – in diesem Sehnsuchtsland – angekommen zu sein, von dem Ernst Bloch ganz am Ende von Das Prinzip Hoffnung sagt, es entstehe „in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“


Die innere Schönheit des Universums

Originaltitel: Till det som är vackert (dt.: „Dahin, wo es schön ist“)

Regie: Lisa Langseth

Mit: Alicia Vikander, Samuel Fröler

Land: Schweden

Jahr: 2010 (seit März 2012 als DVD erhältlich)

Verleih: MFA+ FilmDistribution e.K.

 

YouTube-Video:

Die innere Schönheit des Universums Trailer (0:58min.)

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