Meinung

„Doch mindestens ebenso verdächtig wie die Unreife (Schwärmerei) der unentwickelten utopischen Funktion ist die weit verbreitete und freilich ausgereifte Plattitüde des Vorhandenheits-Philisters, des Empiristen mit den Brettern vorm Kopf, die nicht die Welt bedeuten, kurz, ist die Bundesgenossenschaft, worin der dicke Bourgeois wie der flache Praktizist das Antizipierende allemal, in Bausch und Bogen nicht nur verworfen, sondern verachtet haben. Ja die Bundesgenossenschaft – aus Abneigung gegen jeden Modus von Wünschbarkeiten, vorab gegen die vorwärtstreibenden – hat sich zuletzt sogar, konsequenterweise, um den – Nihilismus vermehrt.“

(Das Prinzip Hoffnung, Erster Band, stw., 1973, S. 164)

 

Das Reale gegen das Nicht-Reale auszuspielen ist leicht und ist die Regel. Das Ideale wird allenfalls und mit einem der Verächtlichkeit nicht ganz baren Augenzwinkern der (eigenen) Jugend zugebilligt. Dem zu Vernunft Gekommenen sind und waren das alles der Unreife geschuldete Flausen. Die Realität des Lebens, die frühestens mit dem Eintritt in die Schule beginnt, spätestens jedoch dann, wenn man, als wie auch immer ausgebildetes Persönchen die Schule wieder verlässt, mit voller Wucht zuschlägt und besagte Grillen der noch im Werden Begriffenen auf ein Normalmaß zurechtstutzt, behält, wie stets, das letzte Wort; bei den sich als abgeklärt gebenden Realisten. Dieser ganz und gar affirmativen Grundeinstellung, die nur im Rückblick so tut, als ob es jemals zu der prinzipiellen Anpassung an die Gegebenheiten eine Alternative gegeben hätte, kann man freilich auch, wie bei Hegel nachzulesen, zynisch begegnen, indem man den Jungendblütenträumen das Hauskreuz – aus dem Ein und Alles ist, ehe du dich’s versiehst, die Inkarnation des zu Verachtenden geworden – als ein unvermeidliches, da institutionalisiertes, folgen lässt. Nicht etwa, um sich zum Fürsprecher nervenzerfetzender Unzuträglichkeiten zu machen, sondern um den Finger in die Wunde der alle Wünsche zuschanden machenden (vor-) bürgerlichen Verhältnisse zu legen, denen nichts und niemand im harten Überlebenskampf auskommt.

 

Dass die Idealisten mit ihrem wishfull thinking – das ist Luftschlösserbauen – gleichfalls nicht (und zwar weder bei Bloch noch bei Hegel) ungeschoren davonkommen, erklärt sich daraus, dass ein von allen Voraussetzungen und Bedingungen abstrahierendes Möglichkeitsdenken gar nicht im Ernst daran denkt, den rein gewordenen Herzensraum eines prinzipiellen Anders- und Bessermachenwollens zu verlassen, heißt, sich auf die Härten des zu bekämpfenden Realen überhaupt nur einzulassen. Gemeint ist Das Gesetz des Herzens, und der Wahnsinn des Eigendünkels aus Hegels Phänomenologie des Geistes. Dieser Herzenswärme des sich aufs rein Individuelle zurückziehenden Gutseinwollens um jeden – das heißt um gar keinen – Preis ist „das Wirkliche unwirklich und das Unwirkliche das Wirkliche“. (G. W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1988, S. 251)

 

Der Nihilist ist, wenn man will, der potenzierte Idealist. Einig sind sich beide darin, dass das Mögliche des Idealen ungleich wertvoller als das Wirkliche des Realen ist. Wenn der Idealist jedoch sich in die unberührte Reinheit – eine Goethische schöne Seele, die als ‚wahrhafte‘ „handelt und tätig ist“ und nicht sich in sich und die „Reinheit“ ihres „Herzens“ zurückgezogen hat und in der permanenten „Angst“ lebt, ihr abstrakt-erhabenes Inneres „durch Handlung und Dasein zu beflecken“, (Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 432f.) – seines von jedweder Realität untingierten Ichs einhaust, dann wird der Nihilist auf eine allerdings paradox-verquere Art praktisch. Ganz einfach dadurch, dass er sein Nichtverwirklichwollen als das einzig relevante beziehungsweise als eigentlich ausgegebene Verwirklichen des als möglich Fest- und Zurückgehaltenen behauptet. Das Nichts des Möglichen ist das (nicht) zu verwirklichende eigentliche Wirkliche; das Non Ens ist das hinter allem Ens sich verbergende eigentliche Ens. Die Rede ist von Heideggers seins- oder fundamentalontologischer (Nicht-) Daseinsontologie, der das Sein (des Möglichen) nicht mehr aber auch nicht weniger als das tautologisch-bestimmungslose Es-selbst ist. (Vgl. hierzu ausführlich: Die Heidegger-Dekomposition, Würzburg 2019)

 

„Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören“, wie gleichfalls Hegel wusste. Das so oder so favorisierte Mögliche ist der Rückzugsort für eine nichts bestimmen wollende Identität, die sich im ersten Fall zu ihrer erhabenen Leere bekennt, im zweiten die Leere zu der Fülle des Eigentlichen, und in seiner Eigentlichkeit Unwirklichen, umdeklariert. Das Nichts des Seins ist das Sein des Nichts et vice versa. Ein Individuum, das sich in die als vortrefflich supponierte Erhabenheit dieses seienden Nichts eingehaust hat, und das sich entsprechend selbst als „ein vortreffliches Wesen“ gilt, ist nichts weiter als eine sich inkarniert habende „Aufschwellung, welche sich und andern den Kopf groß macht, aber groß von einer leeren Aufgeblasenheit“. (Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 257)

 

Freilich, Bloch hat Hegel immer wieder seines anamnetischen, an Platon orientierten Kreislaufdenkens wegen kritisiert: das realisierte Ende ist der zu sich selbstgekommene Anfang. Heißt, ins Logische übertragen, das Sein ist der an sich bereits realisierte wissenschaftliche Begriff in seiner nicht bloß behaupteten, sondern bewiesenen Objektivität. Um den es Hegel tatsächlich seit spätestens 1807, dem Erscheinen der Phänomenologie des Geistes, gegangen ist. Daraus ist – allerdings ganz ausdrücklich nicht von Bloch, sondern erstmals von Adolf Trendelenburg in seinen 1840 in erster Auflage erschienenen Logischen Untersuchungen – fälschlicherweise der Tatbestand konstruiert worden, dass Hegels Begriff in seinem werdenden Gewordensein nichts weiter als eine formale, weil inhaltslose Odyssee des ab ovo lediglich mit sich selbst beschäftigten Geistes sei; die contradictio in adjecto einer Objektivität aus sich gebären sollenden Gedankenkonstrukts. Dabei hätte bereits ein flüchtiger Blick in die Vorrede der Phänomenologie des Geistes – und freilich auch in das oben mit einem Zitat unterlegte Kapitel, von den unzähligen anderen Belegen zu schweigen – darüber belehren können, dass es mit der Weltab- und entsprechend als rein unterstellten Selbstzugewandheit bei Hegel nicht nur nicht weit her, sondern dass das genaue Gegenteil der Fall ist. „Die Philosophie dagegen betrachtet nicht unwesentliche Bestimmung, sondern sie, insofern sie wesentliche ist; nicht das Abstrakte oder Unwirkliche ist ihr Element und Inhalt, sondern das Wirkliche, sich selbst Setzende und in sich Lebende, das Dasein in seinem Begriffe.“ (A.a.O., S. 34f.)

 

Was Hegel allenfalls vorzuwerfen wäre, ist die allerdings sozusagen systemische Unterstellung, dass ein in seinen Begriff Überführtes – gemeint ist, dass man im Begreifen eines zu untersuchenden x-beliebigen Objekts sich bestenfalls seiner dann gewussten Identität versichert – in seinem Sosein selbst bereits und quasi subkutan der Begriff selbst sei: das Vernünftige ist wirklich, das Wirkliche ist vernünftig oder der zunächst noch verborgene, an sich seiende Begriff des Seins wird in einen gewussten, für sich seienden überführt. Gleiches erkennt in seinem – scheinbar Anderen – stets bloß sich selbst, weil es das mit seinem scheinbar Anderen immer schon Identische ist. Aber selbst dieser als quasi selbstverständlich unterstellten, und damit affirmativen Identität eines Seins mit seinem Begriff – das eine ist sein anderes et vice versa – ist das nicht zu Kritisierende abzugewinnen, dass ein in seiner Identität Begriffenes nicht wie selbstverständlich der fraglos zu goutierende Begriff selbst ist. Ein Sein in seinem Begriff zu erfassen und es damit in seiner Identität zu wissen ist keinesfalls dasselbe wie die Unterstellung, dass das Sein als solches der Begriff sei. Kurz: Der fallende Stein ist nicht dasselbe wie das aus diesem Beispiel erst gedanklich abzuleitende Gesetz der Gravitation.

 

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Dieses kritische Potenzial der vertrackten Hegelschen Identitätsthese ist bereits seinen Zeitgenossen aufgefallen, wenn und indem sie sich in die linke und rechte Hegelschule nach des Meisters Tod entzweiten. Und selbstredend hat auch Ernst Bloch in seinem unablässigen Betonen dessen, dass die spes (= der „Wärmestrom“) ohne das docta (= der „Kältestrom“) nicht einmal die Hälfte dessen sei, was als informierte Hoffnung zu gelten hat, ganz genau gewusst, dass wissenschaftlich abgesichertes und das meint informiert-gediegenes Urteilen dem Veränderungswillen zwingend zur Seite stehen muss, soll dieser nicht in einen Putschismus und/oder Anarchismus umschlagen. Ein Hoffen, das auf den ‚Kältestrom‘ der harten wissenschaftlichen Arbeit des Begriffs meint verzichten zu können, ist das oben namhaft gemachte unsubstantielle Luftschlösserbauen oder das Rasen des Gesetzes des dünkelhaften Herzens in seiner unterstellten Superiorität. Soll wirklich in den als normal und gegeben allenthalben unterstellten Gang der Dinge eingegriffen werden, dann muss gewusst werden, was es mit der Abstraktion des Gangs der Dinge auf sich hat. Etwa folgendermaßen: „Kurz, da keine Ausbeutung sich nackt darf sehen lassen, so ist Ideologie nach dieser Seite die Summe der Vorstellungen, worin sich eine Gesellschaft mit Hilfe des falschen Bewußtseins jeweils gerechtfertigt und verklärt hat.“ (Das Prinzip Hoffnung, Erster Band, a.a.O., S. 175)

 

Ein Beispiel aus der Welt des Sports: Alle Welt weiß oder könnte wissen, dass alle Spitzensportler, egal welcher Nationalität, gedopt sind, weil ohne die diversen Stärkungsmittel und Aufbaupräparate diese Spitzenleistungen schlechterdings unmöglich zu erzielen wären. Aber da der Schein unbedingt aufrechterhalten werden soll, dass die Vorbilder der Jugend in der Summe wirklich Vorbilder und keine verabscheuungswürdigen Drogensüchtigen sind, wird stets bloß – abgesehen von dem als Staatsdoping zu entlarvenden Prinzipiellschummeln der Russen und Chinesen – nach schwarzen Schafen gefahndet, womit, umgekehrt, der Rest der Verdrogten weiterhin als Vorbilder, denen der junge Mensch nacheifern soll, seine nacheiferns- und bewundernswerten und allenfalls dezent zu bezweifelnden Spitzenleistungen erbringen soll. Mundus vult decipi, und sie betrügt sich – voluntaristisches Sich-dumm-Stellen aus dem unbedingt zu bewahrenden Prinzip des schönen Scheins heraus, in der besten aller möglichen Welten zu leben – vorsätzlich permanent selbst. – Und apropos Breitensport: Auch in diesen schlichten Sphären körperlicher Ertüchtigung ist es längst, wie man hört, gang und gäbe, dass die sich täglich in Fitnesscentern Schindenden ihrer als nicht adäquat empfundenen Muskelmasse dadurch auf die Sprünge helfen, dass sie via Internet zu erstehende kostspielige Aufbaupräparate – ein florierender Geschäftszweig in der rechtlichen Dunkelgrauzone – ihrem im Werden begriffenen Astralkörper unentwegt zuführen. Auf dass sie auch vom äußeren Erscheinungsbild her ihren Idolen aus der Welt des großen Sports sich jedenfalls halbwegs, und zwar bis in die Haarspitzen der stets etwas seltsam geratenden Frisur und die Ganz-Körper-Tattoos hinein, annähern. Bemühte Kopien der Originale, die – wie selbstverachtend kann man/frau eigentlich sein – auf ihr blasses Blaupause-Sein auch noch stolz sind…

 

Ausführlich und zusammen mit Bloch – kulturgeschichtlich unterfüttert – so: „In Deutschland dagegen stand das Ideale so hoch über der Welt, daß es in gar keinen Kontakt zu dieser kam, außer in den des ewigen Abstands. Aus diesem Richtpunkt wurden Sterne, die zu weit waren, um erreichbar zu sein, also Sterne der Velleität, nicht der Tat. Daraus entstand das Phantom bloßer unendlicher Annäherung ans Ideal oder, was dasselbe heißt, seiner Verlegung ins ewige Streben nach ihm hin. Die Welt also blieb im Argen, die sittlichen Ideale hingen in himmlischer Ferne, die ästhetischen Ideale begehrte man nicht einmal, sondern freute sich nur ihrer Pracht. So leicht ist der Sprung von unendlichem Wollen zu bloßer Kontemplation; denn auch das ewig Approximative ist Kontemplation, nur gestört durch beständigen Handlungsschein, durch Handeln um des Handelns willen, ut aliquid fieri videatur. Kam selbst ein konkreter Idealsinn in Deutschland herauf, so war er im Punkt der Verwirklichung durchaus nur die Kehrseite der unendlichen Nicht-Verwirklichung, nämlich totaler Friede in der Welt (weil das sich Verwirklichende stets schon als das bereits Verwirklichte supponiert worden ist, F.-P.H.); so bei Hegel. Hier verschwindet zwar das Unendliche der Annäherung ans Ideal, aber damit auch jede Annäherung durch Menschenwerk ans Ideal überhaupt. Der Weltprozeß als solcher wird Selbstrealisierung der in ihm gesetzten idealen Zwecke, und der Mensch ist bloßes Hilfsmittel, zuletzt gar, als philosophischer, bloßer Zuschauer von Idealen, die angeblich ohnehin verwirklicht sind. Das alles mithin hält das Ideal ohnmächtig, gleichviel ob in unendlicher Annäherung oder in allzu viel Deckung mit der Welt, als einer angeblichen Idealwelt. In beiden herrscht Statik des Ideals mit einer in sich bereits fertigen Vollkommenheit; und eben gegen diese Fertigkeit hat utopische Funktion sich hier zu bewähren.“ (Das Prinzip Hoffnung, Erster Band, a.a.O., S. 196f.)

 

Es bleibt also wahr, dass es bei Hegel den – unkritischen – Anteil der Anamnesis gibt, und zwar dergestalt, dass in einem Satz beide Aspekte ungeschieden gemeinsam auftreten: „In dem Ganzen der Bewegung, es als Ruhe aufgefaßt, ist dasjenige, was sich in ihr unterscheidet und besonderes Dasein gibt, als ein solches, das sich erinnert, aufbewahrt, dessen Dasein das Wissen von sich selbst (das besondere Dasein ist als gewusstes in seinen wissenschaftlichen Begriff überführt, F.-P.H.) ist, wie dieses (das Wissen ist gemeint, F.-P.H.) ebenso unmittelbar (!, F.-P.H.) Dasein ist (würde das stimmen, dann würde sich einerseits die als sauer auch von Hegel charakterisierte Arbeit der Wissenschaft tatsächlich erübrigen, weil und indem das eine ohnehin immer schon das andere ist; und außerdem ist das als unmittelbares Dasein unterstellte Wissen mit seinem Dasein sozusagen immer schon im Reinen, weil das eine ab ovo das andere ist, F.-P.H.).“ (A.a.O., S. 35)

 

Und wahr bleibt vor diesem Hintergrund auch, dass Hegel an dem Noch-nicht-Wirklichen und zukünftig zu Verwirklichenden schlechterdings desinteressiert gewesen ist. Also an dem, was die Domäne Blochschen Philosophierens gewesen ist, wenn derselbe sich, in einem programmatisch-witzigen Rückblick auf sich selbst, wie folgt vernehmen lässt: „Die Erweiterung einer bisher so beschränkt aufgefaßten Antizipationsmacht (des Kulturerbes, F.-P.H.) wurde in Ernst Blochs ‚Geist der Utopie‘, 1918, begonnen, und zwar an Zeugen, Ornamenten und Figuren, die bisher gänzlich außerhalb eines Noch-Nicht-Gekommenen in der Wirklichkeit behandelt worden waren, obwohl sie diesem doch zugehören und mit seiner Artikulierung beschäftigt sind.“ (Das Prinzip Hoffnung, Erster Band, a.a.O., S. 179)


Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung

Werkausgabe

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985

ISBN 3-518-28154-2.

Auch antiquarisch erhältlich

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes.

Fröhlich und Kaufmann, Köln 2020.

12,5 x 18,5 cm, 608 S., geb.

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