Meinung

Johann Eduard Erdmanns Grundriss der Psychologie (Vierte, verbesserte Auflage, Fr. Chr. Wilh. Vogel, Leipzig 1862) empfiehlt sich als begleitende Lektüre zur Philosophie des (subjektiven) Geistes aus Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse und zu Heinrich Güßbachers Hegels Psychologie der Intelligenz (Würzburg 1988).

Diese genetisch-empirische Psychologie des menschlichen Geistes lohnt es allein schon folgender Einsichten wegen zur Kenntnis zu nehmen.

 

Der Ausgangspunkt jeglicher intellektuellen Aktivität – und darunter ist, als erste Form der Verinnerlichung von Äußerlichem, sinnliches Wahrnehmen als Schmerzempfinden, Riechen, Hören, Sehen, Tasten etc. befasst – besteht in zweierlei: Das Bewusstsein wird seiner selbst dadurch bewusst, dass es sich von der Außenwelt als einem Anderen unterscheidet, auf das es sich dennoch, als sein anderes, bezieht. Auf der ersten, kreatürlichen Stufe der Aneignung von Welt ist die Beziehung noch eine mehr oder weniger unwillkürliche. Die Differenz zwischen dem aufnehmenden Ich und den begegnenden und zustoßenden Gegenständen wird nicht wirklich und nicht dauerhaft aufgehoben. Ein vergleichsweise orientierungsloses Bewusstsein steht vor ihnen als nach wie vor fremden.

 

Orientierung setzt erst in dem Moment ein, in dem sich das Bewusstsein von dem unmittelbaren, zumeist praktischen Betroffen-Sein befreit und eine theoretische, distanzierte Einstellung zu den ihm gegenüberstehenden Dingen und Vorgängen gewinnt. Diese Distanzierung setzt bereits mit der Vorstellung ein. Indem man sich etwas innerlich vorstellt, ist man nicht mehr auf die Präsenz des Vorgestellten angewiesen. Dasselbe gilt für die Erinnerung, in der zeitlich zurückliegende Vorkommnisse und räumlich entfernte Zusammenhänge in Form eines inneren Bildes vergegenwärtigt werden. Das Gedächtnis ist darüber hinaus unverzichtbar für die Ausbildung von Sprache, in der das Einzelne in etwas Allgemeines, bedeutende Zeichen, überführt wird. „Das höchste Product der Zeichen machenden Intelligenz sind die Wörter (...), als durch sie die Vorstellungen eine äussere Existenz erhalten“ (§ 105).

 

Die Sprache ermöglicht die Einbildung (!, sic), Verinnerlichung beliebiger Gegenstände, und ist folglich maßgeblich daran beteiligt, ihnen ihre Fremdheit zu nehmen. Umgekehrt stellt sie in der Äußerung diese benannten Gegenstände als benannte vor sich und andere hin. Ihrer Allgemeinheit und Abstraktheit wegen ist sie beliebig reproduzierbar und insofern ein optimales Mittel der Verständigung. „Was Locke und der Empirismus überhaupt als den Mangel der Sprache ansehn, dass sie nur Allgemeines ausdrücke, darin besteht gerade ihre hohe Bedeutung. Eben deswegen ist schon der Name, viel mehr noch das Wort mehr als das einzelne Ding, weil in dem Worte das Ding als das aus dem Geiste geborne Allgemeine erscheint. Thiere haben deswegen keine Sprache, obgleich manches dieselben Laute, welche für den Menschen Wörter sind, hervorbringen kann“ (§ 105).

 

Dieses Fortschreiten im Verinnerlichen der Welt – der Gedanke, der in Urteilen und Schlüssen das notwendige Zusammenhängen von Sachverhalten, Vorkommnissen etc. herausarbeitet, steht am Ende dieses Prozesses – hat umgekehrt zur Folge, dass man, um sie in ihren diversen Bereichen zu verarbeiten, nicht mehr auf die Präsenz von dem Verständnis zuzuführenden Begebenheiten und Fakten angewiesen ist. Je subtiler die theoretische Aneignung ist, desto mehr kann das Bewusstsein des vergegenwärtigenden Bezugs, zu dem ihm Anderen entbehren. Deswegen nämlich, weil es im Zuge dieser Aneignung erreicht hat, dass es nichts Fremdes mehr für das Bewusstsein ist. In der theoretischen Vernunft wird die bloße Einzelheit des Gegenstandes negiert, und er wird in ein Ge-dachtes und Allgemeines verwandelt. Das Allgemeine aber ist nicht lediglich „das durch Reflexion gefundne Gemeinschaftliche“ äußerlich aufgelesener Merkmale, „sondern das substanzielle Allgemeine, das sich zu jenem verhält, wie das Gesetz zur Regel“ (§ 166).

 

Erdmann Grundriss der Psychologie SchmutztitelAnders gesagt: In der sinnlichen Wahrnehmung besteht, aller (äußerlichen) Beziehung zum Trotz, der Dualismus ungebrochen fort, im wissenschaftlichen Gedanken ist der zu erkennende Gegenstand als identifizierter mit dem erkennenden Subjekt identisch geworden. Dieses verfügt über seinen in sich bestimmten Begriff. Weil diese Identität hergestellt worden ist, ist es nicht allein unbedenklich, sondern nur konsequent, von der Objektivität des Gedankens zu sprechen. Genau genommen ist nämlich ausschließlich der mit seinem Gegenstand fertig gewordene Gedanke objektiv. Deswegen, weil lediglich in ihm, der um Gründe, Ursachen, Zwecke und dergleichen weiß, das zunächst wie auch immer Äußere restlos ins Innere übersetzt worden ist. Als sinnlich wahrnehmend, fühlend, tastend etc. bin ich mit einer insgesamt noch fremden Welt konfrontiert und verhalte mich damit im Großen und Ganzen rein subjektiv-praktisch. Denkend habe ich diese Welt, oder jedenfalls Ausschnitte aus ihr, verinnerlicht, sie mir zueigen gemacht und ihr somit, in objektiven Gedanken, ihr Fremdes genommen. Und die Folge dieses gelungenen Aneignungsprozesses ist, dass ich mich zu ihr praktisch verhalten, sie beispielsweise meinen Zwecken dienstbar machen kann, weil ich ja über die Notwendigkeit ihres Funktionierens Bescheid weiß.

Was das alles mit Erdmann zu tun hat? Hören wir hin. „Individuum war der Geist (in der Anthropologie, F.-P.H.), so lange er mit der Natürlichkeit verflochten war. Bewusstseyn oder Ich ist er, wie er die Natürlichkeit von sich abgestreift hat. Damit hat er, sich von ihr unterscheidend, sich in sich selber zurückgezogen, und womit er früher verflochten, was also seine eigne (kosmische, tellurische u.s.w.) Bestimmtheit war, das ist ihm itzt objicirt, steht ihm als seine Aussenwelt gegenüber (als Universum, Erde u.s.w.)“ (§ 67).

 

Naturvölker sind also paradoxerweise nicht, was der Name freilich nahelegt, der Natur näher, sondern, gerade auf Grund ihrer unreflektierten Nähe beziehungsweise Identität, unendlich fern. Lediglich, indem ich weiß, was oder wer ich bin, habe ich mich meiner Identität versichert. Dasselbe gilt für die Natur: Habe ich ihre Gesetzmäßigkeit(en) begriffen, ist sie mir nicht mehr fremd, sondern, in ihrer Identität, gewusst. Nur Vermittlung macht Unmittelbarkeit zu einer wirklich gehaltvollen. Ansonsten ist sie ein undurchsichtiges Chaos und scheinbar unentwirrbares Beziehungsgeflecht, in dessen Dunkel der Mensch schicksalhaft und unerbittlich, in hilfloser Abhängigkeit, verstrickt ist und der er, Ausdruck der Ratlosigkeit, mit unendlich vielen Namen für ein und dieselbe Sache mit ihren unzähligen Variationen und Variatiönchen zu Leibe rückt. Diese Vielfalt des Ausdrucks ist in Wahrheit das Merkmal von Fremd- und Verlorenheit und alles andere als die unwillkürlich unterstellte Identität und heimelige Nähe. Darüber hinaus gilt ohnehin die bereits von Hegel im ersten Kapitel der Phänomenologie des Geistes vertretene Ansicht: „Ein Dieses aber ist auch jedes Andere, und Dieses ist also vielmehr ein Allgemeines“ (§ 70), beziehungsweise Abstraktes.

Erdmann fährt fort: „Das Erwachen des Ich ist deswegen der Schöpfungsact der Objectivität als solcher, wie umgekehrt das Ich nur an der Objectivität und ihr gegenüber zur bewussten Subjectivität erwacht. Das Ich als so der Objectivität gegenüberstehend, dass es ihrer bedarf, und sie ihm also wesentlich ist, ist Bewusstseyn im engern Sinne des Worts“ (§ 67).

 

Was das Prinzipielle der vom Bewusstsein geleisteten Aneignung des ihm zunächst Anderen und Fremden angeht, wovon einleitend die Rede war, so äußert sich Erdmann hierzu knapp und präzise wie folgt: „Als Ich ist der Geist von seiner Aussenwelt unterschieden. Indem sie aber seine Aussenwelt ist, d.h. eigentlich nur der Complex der eigenen Bestimmtheiten, ist Ich wesentlich auf sie bezogen. Der Geist als Bewusstseyn ist deswegen Beziehung auf seine Aussenwelt. Ist er aber dies, so erscheint seine Entwicklung nothwendig als Entwicklung eben sowohl des Ichs als seines Objects; beide ändern sich (in diesem theoretischen Prozess der Aneignung, F.-P.H.) mit einander“ (§ 68).

 

Hinsichtlich des Eintritts in die Welt schließlich steht zu lesen: „Im sinnlichen Bewusstseyn bezieht sich das Ich als ein unmittelbares Einzelnes auf einen unmittelbaren einzelnen Gegenstand, und die Beziehung ist gleichfalls unmittelbar“ (§ 69).

Kinder also, der Anschauung noch näher, sind viel mehr auf die Visualisierung von Gelesenem und Gedachtem angewiesen. Umgekehrt tun sie sich in der Regel mit der Rezeption nicht zu veranschaulichender theoretischer Texte schwer, müssen erst mühsam an dieses Abstraktionsniveau herangeführt werden und sich ihm anbequemen. Bei Erwachsenen ist das permanente Fragen nach bebildernden Beispielen ein Relikt dieser intellektuell reduzierten intellektuellen Stufe und, genau genommen, ein Armutszeugnis des Geistes, der sich in seinem ureigenen Gebiet, dem Denken, noch nicht oder, dies leider die Regel, überhaupt nie heimisch weiß. Darin liegt u.a. auch das Erfolgsgeheimnis der sogenannten Regenbogenpresse und anderer mit widerwärtigsten, abstoßendsten und abscheulichsten Bildern vollgestopfter Journale und Nachrichtensendungen begründet. Auch Videospiele beziehen daher ihren den denkenden Intellekt abstoßenden und beleidigenden Reiz: Der Zurückgebliebenheit des Geistes ihrer Klientel entgegenzukommen, sie zu bedienen und folglich nichts zu ihrer Abschaffung beizutragen, wozu aufs geistlose Sehen und Handeln bornierte Videospiele ohnehin nicht in der Lage sind. Das wäre ja auch kontraproduktiv, weil dann die Verkaufszahlen derartiger Medien und die Einschaltquoten zurückgingen. Wer arbeitet schon gerne daran, sich überflüssig zu machen, wobei allerdings zu bezweifeln ist, dass die, die in diesen investigativen Berufen tätig sind, dazu überhaupt imstande sind. Der Dummheit ihrer Klientel korrespondiert die Dummheit derer, die sie immer wieder, tagaus, tagein bedienen und dadurch, auf beiden Seiten, fort- und festschreiben.

 

Zum Zwecke der Erstorientierung und des Einstiegs in die Problematik, wie und auf welche Weise sich der menschliche Intellekt auf der Welt (nicht) zurechtfindet, ist das hier Dargebotene unverzichtbar. Wer sich genauer informieren möchte, der studiere die entsprechenden Passagen aus Hegels Enzyklopädie oder das Buch Güßbachers. Aber auch Erdmann wartet in dieser Arbeit noch mit einigen Detaileinsichten auf, die hier eingefügt seien, und sei es auch bloß, um neugierig zu machen auf den Rest und womöglich den Geist bei seiner denkenden Auseinandersetzung mit irgendeinem Stück Welt anzuregen.

 

„Die theoretischen Sinne, bei denen das praktische Interesse fehlt, können eben deswegen allein dazu dienen, das Kunstschöne zu percipiren“ (§ 51).

 

„Es ist (...) eine blosse Tautologie, wenn gesagt wird, dass das Ding an sich unerkennbar ist, d.h. nicht für das Bewusstseyn sey“ (§ 79).

 

Erdmann Grundriss der Psychologie COVER„Die Bestimmung des Geistes ist, in Allem bei sich zu seyn, daher in Allem nur sich zu finden, eben so aber auch sich in Allem. Das Erstere steht der unfreien Abhängigkeit, das Zweite dem Idiotismus entgegen“ (§ 93).

„Daher ist es (sc. das Gefühl, F.-P.H.), wenn es höhern Stufen der Intelligenz (der Vernunft z.B.) gegenüber geltend gemacht wird, die Quelle des Egoismus und Idiotismus. (Die bösen Gedanken so wie die dummen kommen aus dem Herzen.) Fühlen heisst nur: persönlich Interessirt- oder Dabeiseyn“ (§ 95).

 

„Der Satz nihil est in intellectu, quod non ante fuerit in sensu gibt das Verhältniss von Anschauung und Vorstellung in sofern richtig an, als man sich nicht vorstellen kann, was man nicht sah, wovon man nicht hörte u.s.w., und also jene die Voraussetzung von dieser bildet. Indem aber die Intelligenz durch ihre Thätigkeit den Inhalt verändert (sprich, jeweils unterschiedliche Bestimmungsstücke von ihm in ihren diversen Rezeptionsarten sich aneignet, F.-P.H.), ist Leibnitz’s Beschränkung jenes Satzes eben so richtig“ (§ 99).

Ich hoffe, die hier wiedergegebenen Passagen und die orientierenden Überlegungen des ersten Teils reichen aus, um das Urteil gerechtfertigt erscheinen zu lassen, dass Erdmanns Grundriss der Psychologie der Vergessenheit entrissen werden sollte.


Johann Eduard Erdmann: „Grundriss der Psychologie“ 

Antiquarisch erhältlich

 

Leseprobe des Originals

 

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