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Hanka Meves. Foto: privat

Die Autorin und Journalistin Hanka Meves erzählt in ihrem neuen Roman „Der Künstlerinnen-Klub“ locker und anschaulich ein Kapitel der Kölner Kunstgeschichte.

 

1911 bezieht die Malerin und Grafikerin Olga Oppenheimer ihr Atelier im fünften Stock des bekannten Gereonshauses im Zentrum der Stadt. Ihre Freundin Emmy Worringer besucht sie dort, ist von den Räumen begeistert und schlägt vor, hier einen Künstlerinnen-Klub zu gründen, eigene und andere moderne Bilder zu präsentieren und ein Jour fixe einzurichten. Als die beiden ihrem Malerfreund Franz Jansen den Plan erzählen, drängt er sie, ihn mit aufzunehmen. Alle drei stehen in Opposition zum konservativen Kunstgeschmack des Kölner Publikums, suchen nach neuen Ausdrucksformen und orientieren sich an den modernen Strömungen in Paris. Franz Jansen überzeugt die Freundinnen, keinen reinen Frauenclub zu gründen: „Dann kommen nur Leute, die sich für Stickereien oder Keramik interessieren. Wer soll eure Kunst kaufen?“

 

Olga Oppenheimer 1907 Ernte

Olga Oppemnheimer: Ernte, 1907, Holzschnitt, Privatsammlung. Gemeinfrei

 

Olga Oppenheimer eröffnet in ihrem Atelier eine Malschule für Frauen. Von den Kunsthochschulen vom Studium ausgeschlossen, standen ihnen nur private, von Künstlern betriebene Malschulen offen - vorausgesetzt, sie konnten sie bezahlen. Daher war es nur wohlhabenden bürgerlichen Frauen möglich, eine künstlerische Karriere zu beginnen. Sobald sie heirateten und in die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter schlüpfen mussten, wurde das schwierig bis unmöglich. Hanka Meves illustriert das am Beispiel von Marta Worringer, geborene Schmitz, die Freundin von Olga und Emmy, dazu Emmys Schwägerin. Martha gelingt es nur mit großer Kraftanstrengung, nach der Geburt ihres zweiten Kindes wieder künstlerisch zu arbeiten.

 

Doch nicht nur Frauen waren vom Kunstbetrieb weitgehend ausgeschlossen. Jedem, dem Geld und Bildung fehlte, fiel der Zugang schwer, und das war die Mehrheit der Bevölkerung. Fast alle Protagonisten des Romans sind historisch belegte Persönlichkeiten, doch um die Perspektive von unten abzubilden, lässt die Autorin einige fiktive Personen mitspielen. Die wichtigste ist die Küchenhilfe Mimi, die einzige Figur, die in Ich-Form dargestellt ist. Mimi ist arm, aber behütet in einem Dorf aufgewachsen, kommt noch als Schulkind mit ihrer Familie nach Köln, wo sie dann schließlich zeitweise als persönliche Assistentin von Emmy Worringer das Geschehen rund um den Künstlerinnen-Klub begleitet. Sie backt und wäscht ab, serviert die Getränke und Kuchen bei den Vernissagen und lernt sogar Schreibmaschine schreiben, um Emmy Worringer bei der Korrespondenz zu helfen. Sie reist zusammen mit ihr nach München, lernt große Museen kennen, lauscht den Vorträgen und Debatten. Obwohl die etwa 16-Jährige nicht immer versteht, was diskutiert wird, ist sie doch fasziniert von dieser Welt der Kunst, den Farben und dem Ausdruck mancher moderner Bilder. Sie ist ganz nah dran an dieser Welt, dennoch bleibt immer ein feiner Klassenunterschied spürbar.

 

Der Künsterinnen Klub COVERDie 336 Seiten lesen sich wie im Fluge. Meves skizziert die zahlreichen Protagonisten in kurzen alltäglichen Szenen, um sie zu charakterisieren. Olga in der Pariser Académie Ranson beim Unterricht bei Paul Sérusier oder mit ihrem Vater Max Oppenheimer, wie er sie in den aufregend neuen Paternoster im Gereonshaus stupst, um ihr das Atelier zu zeigen, das er ihr gemietet hat. Emmy Worringer mit ihrer Mutter Bertha, die im Zoologischen Garten das große Restaurant betreibt und die Tochter fragt, wann sie endlich heiratet. Der junge August Macke mit seiner Familie im Haus seiner Schwiegereltern, wo er nicht konzentriert malen kann. Axel Hagelstange, Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, wie er dort die Hängung modernisiert und die Bilder in nur einer Reihe vor hellen Wänden präsentieren lässt. Der Maler und Kunstsammler Richard Goetz, wie er mit seinen Freunden Hans Purrmann, Walter Bondy, Rudolf Großmann und Rudolf Levy im Café du Dôme herumalbert oder für eine Feier in seinem Pariser Atelier Pasta mit Tomatensoße kocht.

 

Richard Goetz gehört zu den interessantesten Charakteren des Romans, impulsiv, scharfsinnig, kosmopolitisch, zerrissen zwischen eigenen Ansprüchen und Neigungen. Man spürt, dass die Autorin über ihn in den Archiven viel Material gefunden hat, wie sie im Nachwort schreibt. Goetz war maßgeblich am Erfolg der bahnbrechenden Sonderbundausstellung in Köln beteiligt, offiziell „Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler 1912“ genannt. Dort wurden die besten Werke der modernen Kunst präsentiert. 27. 000 Besucher sahen Werke von Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Edvard Munch, Paula Modersohn-Becker, Pablo Picasso, Georges Braque, Wassily Kandinsky, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, Paul Gauguin usw. Olga Oppenheimer war auch vertreten. Bilder im Wert von insgesamt 300.000 Reichsmark wurden verkauft, ein damals sagenhafter Erfolg, sogar die konservative Kölner Presse lobte das Ergebnis.

 

Hanka Meves lässt in ihrem Roman Richard Goetz nach diesem Höhepunkt seine Familie besuchen. Es kommt zum Streit mit seinem Vater, dem Seidenfabrikanten Nathan Goetz: „Mit vierzig Jahren sollte man etwas erreicht haben, einen Posten, einen Namen oder viel Geld verdient haben. Wo willst du denn hin?“ Richard Goetz weiß es nicht und fährt wieder zurück nach Paris. Er hat genug von den Streitereien in der Familie und in der deutschen Kunstszene.

 

Noch 1911 hat der Maler Carl Vinnen einen vielbeachteten Artikel veröffentlicht, in dem er beklagt, dass die deutschen Museen zu viel französische Kunst kaufen würden und für die deutschen Künstler kein Geld mehr übrig sei. Von Anfang an hat die Ablehnung moderner Kunst einen nationalistischen Unterton. Die konservative Kölner Presse schreibt von „radikalem Neu-Franzosentum“. Die Ausstellungen im Künstlerinnen-Klub ignoriert sie. Dabei leistet der Klub in den zwei Jahren von 1911 bis 1913 Pionierarbeit. Er zeigt beispielsweise zum ersten Mal in Köln eine Einzelausstellung von Franz Marc und eine Wanderausstellung des Blauen Reiters, zeigt Bilder von Paul Klee, Robert Delaunay u.v.a.  Eine geplante Einzelausstellung von Gabriele Münter kommt nicht zustande. Die Malerin entscheidet sich für Berlin, wo Presse und Publikum aufgeschlossener moderner Kunst gegenübertreten.

 

Der Roman funktioniert ähnlich wie ein Drehbuch zu einem Film, der historisches Wissen popularisiert. Hanka Meves verknüpft historische Personen und Fakten zu fiktiven Szenen, die so oder so ähnlich passiert sein könnten. Angesichts der Vielzahl der Figuren ist es hilfreich, dass sie eine Liste der wichtigsten mit ihren Daten beifügt. Sie vermittelt die Kunstleidenschaft ihrer Protagonisten, ihre Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck und die Schwierigkeit, einer in Konventionen erstarrten Gesellschaft neue Perspektiven nahezubringen. Das ist unterhaltsam zu lesen und macht neugierig, die Bilder der klassischen Moderne wiederzusehen und mehr über die Menschen zu erfahren, die der Kunst ihr Leben gewidmet haben.


Hanka Meves, Der Künstlerinnen-Klub

Historischer Roman

Köln Emons Verlag 2026

Taschenbuch, 336 Seiten

ISBN 978-3-7408-2837-0

Weitere Informationen (Verlag) 

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