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Christ Church Halle, Oxford University. Foto Chensi Yuan

Nikhil Krishnan schildert in einem temperamentvollen Buch die geistige Atmosphäre in Oxford im 20. Jahrhundert.

 

Ein Buch über die Geschichte der Philosophie in Oxford sollte eine ziemliche Überraschung sein, denn die Vertreter der analytischen Philosophie in Oxford, Cambridge und anderswo waren entschiedene Gegner einer historischen Behandlung der Philosophie.

 

Im Ausgang von der Sprache ging es ihnen einzig und allein um deren Probleme; selbst zu einer ethischen Thematik konnten sie sich kaum entschließen. Und eine Philosophie der Natur durfte und darf man von ihnen erst recht nicht erwarten. Dabei stand ja, wie es überall heißt, die Naturwissenschaft im Fokus – aber doch allein die Physik, weil sie eine mathematische Wissenschaft ist. Schon Biologie kommt deshalb nicht vor. Eine „Weltbegreifung“ – so nannte Rudolf Eucken die metaphysische Philosophie Platons – kam niemals in Betracht. Wer sich in Oxford auf Platon bezog, dem stand einzig und allein die Gestalt des hartnäckig nachfragenden Sokrates vor Augen. Sie dachten ihn streitsüchtig und wortklauberisch – so wie sich selbst.

 

rebellen des geistes oxford die philosophie und eine revolution des denkens gebundene ausgabe nikhil krishnan COVERDie analytischen Philosophen haben sich schon immer skeptisch, wenn nicht sogar schroff ablehnend, gegenüber den Geisteswissenschaften verhalten. Lieber halten sie es seit jeher mit Logik und Mathematik. Ein deutscher Autor, Hans-Ulrich Hoche, lehnt in einer „Einführung in das analytische Philosophieren“ die in Deutschland übliche Methode, „Philosophie mit Geschichte und Philologie auf das Innigste zu ‚verschränken‘, wenn nicht sogar mit Vorrang als solche Geschichte und Philologie zu betreiben“, entschieden ab. Abgesehen von der bedauerlichen Distanz zu den Geisteswissenschaften, die ja immer historisch arbeiten: Hat Hoche so ganz Unrecht? Wahrscheinlich wurde über eine lange Zeit und wird vielleicht immer noch zu sehr auf die Auslegung von Klassikern konzentriert, ohne sich an eigenen Lösungen und Modellen zu versuchen. Hoche selbst unterscheidet in seinem Buch von 1990 eine „wertkonservative Grundhaltung zum Philosophieren“ von einem „praktizierenden“ Philosophieren, in dem der Philosoph seine eigenen Lösungen zu finden versucht. Das ist doch ein guter Weg! Waren (sind?) die Universitäten in Oxford und Cambridge nicht wirklich – zumindest in diesem Punkt – den hiesigen Hochschulen überlegen?

 

Das angelsächsische Universitätsleben ist ganz anders organisiert. In England gibt es eine Einzelbetreuung, und die Dozenten und Professoren müssen sich intensiv mit ihren Studenten beschäftigen. Umgekehrt müssen diese sich fortwährend beweisen und, bevor sie sich einem scharfen Examen unterziehen, fast wöchentlich Essays abgeben, die dann sehr kritisch unter die Lupe genommen werden. Und weil die Dozenten so in den akademischen Unterricht eingespannt sind, spielen veröffentlichte Qualifikationsschriften eine deutlich geringere Rolle. Manche Professoren, wie Krishnan beiläufig erwähnt, waren nicht einmal promoviert! „Niemand“, so schreibt er, „sprach von einer Promotion: eine Eins in den Greats [= Fortgeschrittenenkursen] war Ausbildung genug für alles. ‚DPhils‘ (die andernorts ‚PhDs‘ genannt werden) galten allgemein als Zeichen von Minderwertigkeit.“

 

Und in Deutschland? Zu meiner Zeit lehrte ein bis heute bekannter Philosoph, der ausschließlich Vorlesungen abhielt, also niemals Seminare anbot und dies auch offensiv verteidigte: „Philosophie lernt man dadurch, dass man zusieht, wie es gemacht wird“, sagt Hans Blumenberg in einem Audio, das man sich auf YouTube anhören kann. Das war die genaue Gegenposition zur Arbeitsweise in Oxford. In Deutschland qualifizierte man sich durch schriftliche Arbeiten, in Oxford und Cambridge durch mündliche Examina.

 

Vieles in Oxford muss wirklich sehr gut oder besser gewesen sein, aber trotzdem wirkt die Lobhudelei, die der Autor wie aus einem Eimer über das akademische Leben von Stadt und Universität ausschüttet, ein klein wenig übertrieben. Eine sachliche Beschreibung ist es schon einmal überhaupt nicht. Von den typischen Tugenden in Oxford schreibt er, dass einige „in jedem Fall moralischer Natur [waren]: Demut, Selbstkritik, Kollegialität, Zurückhaltung. Andere sind eher ästhetischer Natur: Eleganz, Prägnanz, Direktheit.“ (27) Was vermisse ich hier? Kritische Distanz! Gab es keine Arroganz, keine kleinliche Streitsucht, keinen Neid und keine Intrige, rief kein Text und keine Äußerung Langeweile hervor? Ist es ein Zeichen für meine mangelhafte Belesenheit, dass ich keinen einzigen Text aus der Feder eines analytischen Philosophen kenne, dem ich „Eleganz“ zusprechen würde?

 

Aber unbestritten herrschte in Cambridge und Oxford auf zwei Gebieten ein unerhört hohes Niveau: zunächst in der Behandlung griechischer Texte, sodann in der Verbindung von Logik und Linguistik – letztere ist ein Fach, das es im 19. Jahrhundert noch gar nicht gab. Aber auch die Logik machte einen gewaltigen Sprung – weg von der klassischen aristotelischen Logik hin zu einer symbolischen Logik. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts hatten Alfred North Whitehead und Bertrand Russell ihre „Principia Mathematica“ veröffentlicht, die an den Forschungen des deutschen Philosophen und Mathematikers Gottlob Frege anschloss und von Cambridge aus auf die Kollegen in Oxford allergrößten Einfluss ausübte. Dieses sehr, sehr schwierige Werk wird im Buch Krishnans immer wieder angesprochen, ohne dass – von vielleicht einer Ausnahme abgesehen – auf Details eingegangen wird.

 

Tom Tower Christ Church Oxford

Links: Tom Tower, Christ Church, Oxford University. Foto: Meraj Chhaya. Lizenz: CC BY 2.0. Rechts: Chromolithograph of the Hall of Christ Church, Oxford, from the book Old England: A Pictorial Museum of Regal, Ecclesiastical, Baronial, Municipal, and Popular Antiquities (published by Charles Knight and Co., London, 1845)

 

Nicht allein die akademische Lehre, sondern auch die angelsächsische Philosophie unterscheiden sich in vieler Hinsicht deutlich von der kontinentalen Philosophie in Frankreich und Deutschland. Während letztere im 20. Jahrhundert von der Phänomenologie Edmund Husserls, später von der Existenzphilosophie, dem Marxismus und schließlich vom Strukturalismus geprägt war, konzentrierten sich britische Philosophen vor allem auf die Sprache – heute sprechen wir vom „linguistic turn“ und denken dabei zunächst an Ludwig Wittgenstein in Cambridge. Aber die Kollegen in Oxford gingen einen ganz ähnlichen Weg.

 

„Was ich an Tiefe und Details geopfert habe“, schreibt Krishnan, „hoffe ich an Bandbreite und Tempo gewonnen zu haben.“ Das ist wahr! Das Buch liest sich sehr angenehm, vollgestopft mit Anekdoten und lebhaften Beschreibungen unzähliger, gelegentlich skurril anmutender Oxford-Gelehrter. Aber was erfahren wir über die Philosophie jener Jahre? Zunächst geht es vor allem, wenn nicht sogar allein, um die Schilderung der Atmosphäre an den Colleges, und wir müssen ungefähr einhundertsiebzig Seiten lesen, bis zum ersten Mal auf ein Buch näher eingegangen wird. Es handelt sich dabei um Gilbert Ryles „Concept of Mind“ („Der Begriff des Geistes“), ein ungemein einflussreiches Werk von 1949, dessen Autor der Held des ersten und schließlich noch des letzten Kapitels ist. Gleich eingangs wird seine Unterrichtsmethode in extenso beschrieben, die im Wesentlichen in überaus strengem Nachfragen und in stetem Dringen auf Klarheit bestand. Krishnan stellt Ryle und andere Oxforder Philosophen in die von Sokrates gestiftete Tradition des Lehrgespräches, in dem ein überlegener Kopf seine Diskussionspartner unerbittlich in die Enge treibt – und natürlich immer als Sieger das Feld verlässt. Bei dieser Gelegenheit dürfen wir an eine kluge Bemerkung des von den Engländern so wenig geliebten Hegels erinnern, deren „Widerlegen ist leichter als Rechtfertigen“ unbedingt wahr ist. Analytische Philosophen scheinen das nicht zu wissen.

 

Den analytischen Philosophen ging es um Genauigkeit – in der Sicht des Autors: allein ihnen, nicht aber den Vertretern einer traditionellen Philosophie –, und es wird ihr gerechter Kampf gegen eine Metaphysik geschildert, die sie als Unsinn abtaten, ohne sich auf deren Argumentation oder auch nur auf ihre Fragen wirklich einzulassen. So erfahren wir leider weder, worin denn nun wirklich die Genauigkeit besteht, noch, warum Metaphysik Unsinn sein soll. Auch wusste ich bislang nicht, dass es Sokrates auf Genauigkeit ankam…

 

Robin George Collingwood, in der fraglichen Zeit Professor für Metaphysik in Oxford und ein entschiedener Gegner der analytischen Philosophie, mochte diese streitlustige Atmosphäre überhaupt nicht. Aber sie ist typisch für die analytische Philosophie. In seiner Autobiographie spricht er den Anhängern John Cook Wilsons, den „Realisten“, genau das zu, was viele über die analytischen Philosophen sagen: „Denn die beherrschende Methode der ‚Realisten‘ und, wie mir schien, letzten Endes ihre einzige, bestand darin, die zu kritisierende Behauptung in verschiedene Aussagen zu zerlegen und dann Widersprüche zwischen diesen zu entdecken.“ Die Realisten waren die Vorgänger der analytischen Philosophen, die von diesen Leuten ihren aggressiven Stil übernahmen. Zustimmend beschreibt Krishnan das Verhalten des Lehrers Gilbert Ryle in genau dieser Weise. Collingwood – aber auch er kein Kind von Traurigkeit – sagt von den Realisten, dass diese Schule „mit all ihrem Scharfsinn und ihrer Beharrlichkeit nur Kartenhäuser aus einem Haufen Lügen baute“.

 

John L AustinEtwas mehr als die Hälfte des Buches ist den Skizzen einzelner philosophischer Konzepte gewidmet, und wir müssen uns gedulden, bis Krishnan endlich beginnt, sich auf den sachlichen Gehalt der Überlegungen der dargestellten Philosophen zu konzentrieren. Gilbert Ryle, John Longshaw Austin, Alfred Jules Ayer und andere werden vorgestellt – zunächst und vor allem als Personen, sodann als Schriftsteller in ihren Werken. Dabei blickt der Autor auch immer wieder nach Cambridge, und das bedeutet hier: auf das Werk Ludwig Wittgensteins. Krishnan zählt die Gemeinsamkeiten beider Richtungen auf: „Die Rückführung von Wörtern auf ihren gewöhnlichen Gebrauch, die Ablehnung von Fachterminologie, das Fehlen auch nur des geringsten Impulses zur systematischen Theoriebildung – und das war nur der Anfang der Liste.“ Die Konzentration auf die Sprache, auf bestimmte Beispiele, darauf, wann wir was sagen und wann wir was sagen wollten“. Diese Aufführung bezieht sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen John Langshaw Austin (1911–1960), dem Schöpfer der Sprechakttheorie, und Ludwig Wittgenstein, aber wenn wir Collingwood ausklammern, fühlten sich fast alle hier vorgestellten Philosophen der analytischen Philosophie verpflichtet.

 

Gesprächsverweigerung ist einer der Grundzüge der analytischen Philosophie, die sich in ihrer Oxford-Variante ebenso borniert zeigt wie in Cambridge oder Wien. Wie zum Beispiel schreibt Ayer über den großen Franzosen Henri Bergson? Er ist für Ayer nur „der Metaphysiker“, der den hoffnungslosen Versuch unternimmt, „Dinge zu erkennen, die durch Sinneserfahrung nicht erkannt werden können.“ Ohne zu erläutern, woher er diese ein wenig vulgäre Begriffsbestimmung der Metaphysik hat, schreibt Ayer, „daß keine Aussage, die sich auf eine die Grenzen der möglichen Sinnerfahrung transzendierende ‚Realität‘ bezieht, wissenschaftliche Bedeutung haben kann – woraus dann folgen muß, daß die Bemühungen derjenigen, die eine derartige Realität zu beschreiben versuchten, insgesamt der Hervorbringung von Unsinn gewidmet waren.“ Wie man sieht, liegt hier eine äußerst polemische und endgültige Form von Gesprächsverweigerung vor. Denn warum sollte man jemanden zu verstehen versuchen, der Unsinn redet? Man wird ihm gar nicht erst zuhören.

 

Wilhelm Windelband (1848–1918), der große Philosophiehistoriker, schrieb zu Beginn seines vielgelesenen Lehrbuches etwas abschätzig über „das anekdotenhafte Interesse an dieser buntscheckigen Mannigfaltigkeit verschiedener Meinungen über verschiedene Dinge“. Ich fürchte, dass ihm dieses Buch nicht wirklich zugesagt hätte – es wäre ihm zu anekdotisch und nicht sachlich genug gewesen. Ist der Autor kompetent? Vermutlich! Ist das Buch unterhaltend? Unbedingt! Aber wir lernen daraus nur wenig – weder über die Philosophie in Oxford noch sonst.


Nikhil Krishnan: Rebellen des Geistes. Oxford, die Philosophie und eine Revolution des Denkens

Aus dem Englischen übersetzt von Dieter Fuchs.

Reclam 2026

Hardcover: 426 Seiten, E-Book

ISBN 978-3159625690

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