Der britische Historiker Tim Blanning erzählt die Lebensgeschichte Augusts des Starken und erklärt zugleich den Ursprung noch heute aktueller Konflikte.
August der Starke (1670–1733) war nicht nur Kurfürst von Sachsen, sondern auch König von Polen. Zumindest ist sein Name bis heute fast jedem bekannt, aber was wissen wir wirklich über ihn als Person? War er wirklich so außergewöhnlich stark, dass er Hufeisen mit bloßer Hand verbiegen konnte, und hat er tatsächlich Hunderte von Kindern gezeugt?
Ist es denkbar – so eine mehrfach von Medizinern geäußerte Vermutung –, dass eben seiner Landesvaterschaft wegen (also dank seiner exzessiven Promiskuität) „die Sachsen deutschlandweit das höchste Körpergewicht aufweisen“ oder „im Freistaat so viele Menschen an Diabetes leiden“? Dreihundert Jahre tot, und immer noch geistern seine Gene durch die Landschaft?
Die vielleicht sehr bedeutenden gesundheitlichen Probleme Augusts tauchen in den populären Geschichten überhaupt nicht auf und werden auch in diesem Buch nur beiläufig angesprochen. Gestorben, so Blanning, ohne auf die näheren Umstände einzugehen, sei er an seiner Diabetes. (An den Krankheiten also durfte ein seriöser Historiker vorbeigehen.) Auch an seiner legendären Potenz? Dem Kurfürsten wurden in der Forschung bis zu 354 Kinder zugesprochen! Hat er es so bunt getrieben? Tatsächlich, so Blanning, waren es nur deren acht, und so sollte sich sein Einfluss auf den gesundheitlichen Status der heutigen Sachsen in Grenzen halten.
August, den Blanning als einen „der zügellosesten Hedonisten“ beschreibt, ohne sich weder an zu ausführlichen Beschreibungen seiner erotischen Unternehmungen noch an seine Fressorgien zu versuchen – der Alltag dieses Herrschers bleibt im Buch ziemlich blass, was mir ein wirkliches Manko zu sein scheint –, unternahm als Heranwachsender natürlich auch eine für Nachwuchsfürsten obligatorische Grand Tour, während der er sich auch dem Ideal eines Fürsten vorstellen durfte, dem Sonnenkönig höchstselbst. Später wurde er eine der vielen Imitationen von Ludwig XIV., nämlich, wie es im Untertitel des Buches heißt, „Sachsens Sonnenkönig“. Statt Versailles der Zwinger – Blanning schreibt ihm das als seine Lebensleistung zugute, und das letzte Kapitel ist tatsächlich „August der Künstler“ überschrieben. Das ist wörtlich zu verstehen: Für diesen Historiker war August ein Künstler. Als König von Polen gibt Blanning zu, habe August „komplett versagt“, aber das gelte nicht für ihn als sächsischen Kurfürsten.
Wer in Deutschland den Namen August der Starke liest, der wird zunächst an seine Residenz denken, an Elbflorenz, an das von ihm so großartig und verschwenderisch, aber auch, wie Blanning nicht zu Unrecht betont, geschmackssicher ausgebaute Dresden. Bis heute profitiert die Stadt von den Touristenströmen, die von den sensationellen Bauten magisch angezogen werden, vom Zwinger, vom Grünen Gewölbe mit seinen kostbaren Juwelen und natürlich von den prachtvollen Gemälden. Entscheidend war dabei ein Fest, nein, das Fest aller Feste, eine Hochzeit, ausgerichtet vom Vater für seinen einzigen Sohn, den späteren August II. Wir sprechen von einem Mann, der „ein unverbesserlicher Angeber“ war – die Epoche war Angebern günstig, die Konkurrenz entsprechend groß –, und so wurde es laut Blanning das größte Fest des 18. Jahrhunderts, von ihm auf vielen, vielen Seiten beschrieben. Dabei spielten nicht allein Perücken, Maskeraden oder Opern eine Rolle (August scheint sehr musikalisch gewesen zu sein), sondern vor allem auch seine Besessenheit von der Jagd. Sowohl wilde Tiere als auch Haustiere wurden an den Gästen vorbeigetrieben und abgeschlachtet – seinen Widerwillen über diese Praxis mag Blanning nicht verhehlen.

Bernardo Bellotto (Canaletto genannt, 1722–1780): Dresden vom rechten Elbufer mit der Augustusbrücke, um 1750, Öl auf Leinwand, 51,5 × 84 cm. The National Gallery of Ireland, Dublin. Gemeinfrei
Drei Viertel des Buches werden von der politischen Geschichte und damit von den Kriegen eingenommen. Das furchtbare Leid der Zivilbevölkerung wird dabei nicht verschwiegen, aber keinesfalls in der notwendigen Drastik beschrieben. Die ausführliche Geschichte des sehr bedeutenden Nordischen Krieges (1700–1721), an dem Schweden (unter „dem ernsthaft gestörten Karl“), Russland (unter Peter dem Großen) und endlich, neben etlichen anderen Kombattanten, auch Sachsen unter August von Polen (so sein international gebräuchlicher Titel) beteiligt waren, nimmt fast die erste Hälfte dieses Buches ein. Die schier endlose Abfolge von Schlachten, Gewaltmärschen und Belagerungen, nebst dem Niedermetzeln oder Aushungern unbeteiligter Zivilisten, ist in ihren Details nur bedingt interessant. Bei der Lektüre sollten wir niemals vergessen, dass die Heere im 18. Jahrhundert „aus dem kriminellen Abschaum aller Nationen“ gebildet wurden. Entsprechend war der die Kriege begleitende Horror.
Wichtig an der Schilderung des Nordischen Krieges sollte es für uns sein, etwas darüber zu erfahren, wie sehr die polnische Nation unter der Übergriffigkeit ihrer Nachbarn gelitten hat. Es handelt sich hier um die unmittelbare Vorgeschichte der drei polnischen Teilungen, auf die der Autor erst auf den letzten Seiten des Buches eingeht und über die Schüler in Deutschland seit Jahrzehnten etwas erfahren, ohne sich wirklich über die Konsequenzen im Klaren zu sein.
Blanning ist gerne und sehr oft sarkastisch und nicht nur, wenn er über August schreibt, sondern auch angesichts der polnischen Umstände, für die er kaum ein gutes Wort findet. Interessant für uns ist sein Urteil über die polnischen Parlamente – den Sejm wie die der Regionen –, denen er vorwirft, auf einen schwachen Staat fixiert zu sein (91). Er kann auch mit ziemlich beeindruckenden Zahlen aufwarten – im Vergleich zu Frankreich oder anderen europäischen Ländern war der polnische Staat vollkommen unterfinanziert und stand Angriffen entsprechend hilflos gegenüber. Und diese Angriffe gab es aus fast allen Richtungen, einerseits aus Russland, andererseits noch aus Schweden und später im 18. Jahrhundert aus Preußen und Österreich. Schuld an der Wehrlosigkeit des polnischen Staates war der Sejm, also vor allem die Adligen. „Obwohl Polen das zweitgrößte Land Europas war, betrug sein jährliches Budget nur 1/36 des französischen und 1/18 des osmanischen Etats.“ Noch beeindruckender ist dieses Verhältnis: Danzigs Haushalt war „zwanzigmal so groß wie der Haushalt des polnischen Staates“!
Im letzten Viertel des Buches kommt Blanning auf den Bauherrn und den legendären Liebhaber August zu sprechen. Als Feldherr ist er nur „der glücklose August“, und gelegentlich hat der Autor sogar Mitleid mit dem „armen August“, aber er weiß des Rühmens kein Ende, wenn er seine Leistungen als Spiritus rector des Ausbaus einer bereits zuvor schönen Stadt zu einer prachtvollen Residenz darstellt. Zunächst lobt er seinen Blick für fähige Mitarbeiter, die August an seinen Hof zu binden wusste, dann schreibt er über sein Interesse an Entwürfen, deren Realisierung er dem Fußvolk überließ. Diese Entwürfe galten nicht allein der Architektur, sondern auch dem juwelenbesetzten Geschmeide oder der Kleidung der Gäste auf den gigantischen Hoffesten, wo er die Farben nicht allein der Damen zuvor akkurat festlegte. Das alles ist der Grund dafür, dass August dem Autor ein Künstler gewesen zu sein scheint.
„August“, schreibt Blanning, „war ein zügelloser, egoistischer, skrupelloser Verschwender und Lüstling.“ Aber Verschwendung in einem exzessiven Ausmaß war nicht das Alleinstellungsmerkmal dieses Fürsten. Natürlich gab es da ganz andere – etwa den geizigen Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der das Geld lieber (in der Diskussion dieser Politik deuten sich aktuelle Bezüge an…) in seine Armee steckte. Aber Blanning findet nicht, dass der prachtvolle Ausbau der kurfürstlichen Residenz in Dresden fragwürdig oder gar unmoralisch war, denn Dresden habe mit seinen Handwerkern wie mit seinen wohlhabenden Bürgern davon profitiert. Seine Argumentation erinnert an die in Thomas Manns „Dr. Faustus“, wo angesichts von Neuschwanstein Serenus Zeitblom die Verschwendungssucht Ludwigs II. diskutiert wird. Zeitblom als Verteidiger des „Kini“ führt dagegen an, diese „habe gar nichts zu sagen, sei bloße Redensart, ein Schwindel und ein Vorwand. Das Geld sei ja im Lande geblieben, und von Märchenbauten seien Steinmetzen und Vergolder fett geworden.“ Eben dasselbe sagt Blanning auch von Dresden.
Blannings Buch hat seine schwachen Seiten – vor allem vermisse ich die Beschreibung des alltäglichen Lebens. Sie fehlt komplett. Aber zu den Stärken gehört der differenzierte Blick auf eine sehr komplexe, unserem Erleben fremde Persönlichkeit, die nicht auf ein Klischee reduziert wird, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit dargestellt wird. Ähnlich agierende Figuren unserer eigenen Zeit werden heute nur noch als Karikaturen wahrgenommen – oder als durch und durch bösartige Gestalten. August war ganz offensichtlich beides nicht. Vielmehr scheint sein problematischer Charakter auch gute Seiten besessen zu haben, denn er war freundlich und höflich, wiewohl er als Waffennarr wiederum auf alles schoss, das ihm über den Weg lief, ob harmlose Bürger oder Bauern, denen er aus Jux den Hut vom Kopf schoss, ob irgendwelche Tiere aus dem Stall oder aus dem Wald, die kurzerhand daran glauben mussten. Impulskontrolle – so lernen wir und sind darüber nicht überrascht – gehörte nicht zu seinen Stärken.
Tim Blanning: August der Starke. Sachsens Sonnenkönig
Eine Biographie. Aus dem Englischen von Andreas Nohl.
C. H. Beck 2026
Hardcover 448 Seiten mit 54 Farbabb.
ISBN 978-3406843846
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