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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Bildende Kunst

Wim Bosch, Jahrgang 1960 hat als Maler begonnen und gilt längst als einer der wichtigsten Künstler seiner nordniederländischen Heimatstadt. Seine Werke sind in Norddeutschland nicht mehr ganz unbekannt denn 2005 präsentierte der Kunstverein „weltbekannt“ e.V. in Hamburg seine Arbeit „Museum for the Lost Evidence“ und 2009 zeigte das Landeskulturzentrum in Salzau aktuelle Bilder.

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Was das Werk von Wim Bosch seit 30 Jahren auszeichnet, ist seine Thementreue. Architektur, Interieurs, Wohnaccessoires, Fensterdurch und -ausblicke stehen als Erkennungszeichen und als thematisch-künstlerischer Fragenkanon in seiner Auseinandersetzung. Dabei fällt dem Medium der Collage eine besondere Bedeutung zu, wobei es sich eher um ein angewandtes Prinzip als die klassische Ausführung von sichtbar ausgeschnittenen und geklebten analogen Versatzstücken handelt. Collage als technische Umsetzung: am Computer zusammengefügt, sein Repertoire aus digitaler Fotografie, analysiertem digitalen und analogen Fundstücken, und schließlich der Ergebnisform von geprinteten und gerahmten Bildern.
Tafelbilder waren und sind die Werke Boschs allemal geblieben. Die Bildform, die Proportion, die Maße sind bei ihm typische und klare Konnotationen, die der klassischen Malerei entstammen. Es hat bei ihm jedoch auch immer den Bezug eines Ausblicks, wie durch ein Fenster. Das Fenster wie das Bild, dienen dem Blick auf die Welt, mal bewusst fragmentarisch, mal in seiner Detailfülle durchaus als allgemeingültiges Statement lesbar, was weit über das Sichtbare und Materielle hinausweist.

Welche Botschaften gibt es in den Bildwerken von Wim Bosch und welche verweigern sich uns?

Zunächst ist da der merkwürdige Ausstellungstitel „Un-Real Estate“, den es in dieser Form eigentlich gar nicht gibt. „Real estate“ bezeichnet aus dem englischen übersetzt, eine Immobilie, einen Grundbesitz oder eine Liegenschaft. Trennt man die beiden Begriffe so erntet man das Wort „real“ (wirklich, tatsächlich, genuin) und „estate“ (Vermögen, Besitztum). Wim Boschs Titel impliziert durch die Vorsilbe „un“, dass es keineswegs etwas Tatsächliches, Wirkliches gibt, sich seine Werkbezüge vielmehr im Schemenhaften und Irrealen bewegen. „Unwirkliche Immobilien“ könnte man frei übersetzen. Aber was ist das? Möglicherweise eine kleine textlich-verbale Täuschung, auf die noch zu verweisen ist und eine gedankliche Kammer bildet.

Die Bilderwelten in seinen früheren Werken bis etwa 2010 entpuppen sich als komplexe, vielschichtige und teilweise filmisch anmutende Szenen. Die Schichten, Ebenen, Reflexionen und Spiegelungen innerhalb des Bildraumes erzeugen jene Geschichten-Erzählungsfragmente, die nicht allein davon berichten, was im Bild zu sehen ist, sondern kontinuierlich auch davon, was sich jenseits befindet.

Wim Bosch wechselte vor etwa fünf Jahren seine Rolle als Künstler – von einem kommentierenden- zu einem beobachtenden Regisseur. Seine neusten Werke, beispielsweise die Serie „Playhouse“ oder „Stillife“, sind klarer strukturiert, weisen weniger Schichtungen auf und konzentrieren sich zumeist auf ein einzelnes Objekt. Als ob das Kinderspielhaus oder das Modellbauhäuschen aus ihrem Kontext und der Welt herausgehoben wurden, fokussiert Bosch den Blick auf – und nicht mehr hindurch. Der Umgebung beraubt, werden die Häuser zu Einzelobjekten mit skulpturalem Charakter. Bosch verbindet in dieser Modellhausserie zwei unterschiedliche Bereiche: Zunächst handelt es sich stilistisch bei allen Modellen um funktionale sachliche Architektur. Sie entstammen allesamt aus Modellbaukatalogen der 1950er- und 60er-Jahre unterschiedlicher Firmen, die er sich via digitalen Marktplätzen im Internet beschafft hat. Nun kommen jene Modelle nicht neuwertig aus dem noch verschlossenen Karton, sondern weisen Gebrauchsspuren, individuelle Erweiterungen und Hinzufügungen auf. Diese Gebrauchsspuren sind der zweite fokussierte Bereich. Das Architekturideal jener Zeit, die Idee von Moderne – die sich auch in der damaligen Modellbauwelt sehr schnell konstituierte – die Ästhetik des 2. und 3. Nachkriegsjahrzehnt spielen ebenso eine Rolle, wie die Individualisierung, der Versuch so etwas wie Häuslichkeit, Lebenswärme und Idylle zu schaffen: Eine kleine Bank vor dem Haus, eine Wandmalerei, ein rot gestrichener Gartenzaun, Tannenpflanzung und Wandberankung, Werbebeschilderung sowie das Interieur, die Gardine und Tapete sind dafür Ausdruck. Es ist die Privatisierung und Vermenschlichung der kühlen Architektur!

Bosch macht nun nicht den Fehler zu kommentieren oder gar eine inhaltliche oder geschmackliche Bewertung abzugeben, er bleibt als Präsenter zurück, der kühl und sachlich den Blick arrangiert hat ohne die Künstlichkeit der Situation zu unterbinden. Es ist die Phänomenologie die dadurch ins Zentrum rückt. Der Künstler überlässt aber letztendlich den Betrachtern den Argumentations- und Interpretationsspielraum.

Bedeutungsvoll ist außerdem die Wahl des hellen oder dunklen Hintergrunds. Jene Modellhäuser, die sich im Licht eingeschränkten, dunklen Raum befinden bilden eine historische Brücke zu den sogenannten „Autonomen Stillleben“ des Flämischen Zeitalters im 17. Jahrhundert. Sie wollen mystische Sinnlichkeit evozieren. Im Gegensatz zum historischen Vorbild mit gemalten Früchten oder erlegtem Wild, Schalen und Behältnissen, zeigt Bosch Objekte der Baukultur. Die sachliche, klare Architektur betont in besonderer Weise das attributiv-schmückende Beiwerk ohne dabei eine vollständige Geschichte zu erzählen. Das ausschließliche Thema bleibt zentraler Bestandteil dessen, was Sinnhaftigkeit produzieren soll. Die Deutung von Sinnbildern wurde und wird bestimmt von der Denkweise und den alltäglichen Erfahrungen der Menschen. Damals wie heute. Dies war und ist ein lebendiger Prozess, in dem unterschiedliche Sinnzusammenhänge mitschwingen. Der zeitlichen Entrückung der Nachkriegsarchitektur und deren später hinzugefügte Attribute, hin, zu unserer heutigen Bewertung, kommt eine zentrale Rolle zu. Vergleichbar der öffentlichen Diskussion zum Denkmalschutz und dem Versuch jenes zu schützen, was zwar heute nicht mehr unserer Ästhetik entspricht, aber das Sinnbild einer vergangenen Zeit oder Epoche ausmacht, kann sich genau hier manifestierten. Insofern hat die Malerei des 17. Jahrhunderts und die paradigmatische Bezugnahme von Wim Bosch darauf eine nicht zu unterschätzende Brisanz.

Zum ersten Mal zeigt Bosch Arbeiten aus der Serie „Cover“. Bei ihr reagiert Bosch auf sein bisheriges Werk, sowohl als eine Art Rückschau – bis hin zu seinen malerischen Anfängen – als auch auf seine aktuelle Auseinandersetzung mit dem erwähnten Themenkanon.

Ihn interessiert wie bereits bei den Modellhäusern bei „Real-Estate“ und „Stillife“ die merkwürdige Mischung aus sachlicher Fotografie eines funktionalen Haustypus’ und den hinzugefügten gemalten „Gartenszenerien“ und Umgebungsattributen. Manchmal ist es ausgesprochen schwierig die Grenze zu ziehen wo Malerei anfängt und wo sie aufhört. Auch hier sind collagierte Zusätze ins Bild eingefügt und bilden vermeintliche Schichten, ein Tapetenmuster, eine gestickte oder geklöppelte Spitzendecke sowie ein quer über das Bild laufender Begriff, der sich nicht weiter dekodieren lässt, aber sich einer Typographie bedient, die an Warenprodukte und Werbung erinnert. Diese Emblematik ist, wie bereits in den Stillleben, ein kunsthistorischer Verweis. In der italienischen Renaissance entstanden, erfährt das „Texträtsel“ im 16. und frühen 17. Jahrhundert gerade in den Niederlanden eine weit reichende, auch volkstümliche Popularität. Waren es in den Gemälden damals gemalte Zettel mit Buchstaben, Worten und Textfragmenten, so benutzt Wim Bosch Begriffe, die kein erklärendes Epigramm oder einen bildlichen Gegenbeweis ergeben. War der Betrachter in der Zeit des flämisch-niederländischen Barocks es gewohnt, symbolisch zu denken, tut sich der heutige eher schwer damit. Die Kenntnis von Emblemen mahnte den damaligen Betrachter, sich nicht nur auf das optisch Wahrnehmbare zu beschränken, sondern nach weiteren, im Gemälde „verrätselten“

Bedeutungsschichten zu suchen. Die Täuschung des Auges, die hintergründige, auch begriffliche Anspielung und die konstruierte gedankliche Irreführung sind nicht lediglich trickreiches Verwirrspiel, sondern ein alternatives und historisch gewachsenes Modell, sich inhaltliche Ziele über Umwege zu erarbeiten. Genau hier schließt sich der Kreis zum eingangs erwähnten Titel „Un-Real Estate“.
Insofern sind die Werke von Wim Bosch auch immer eine Schule des Sehens, Wahrnehmens und Erkennens.

Wim Bosch: „Un-Real Estate“
Die Werke sind noch bis zum 9. August zu sehen in der Galerie Atelier III, Schlossinsel Rantzau, in 25355 Barmstedt
Öffnungszeiten: Di-Do 14-18 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr
Eintritt frei
Weitere
Informationen
Weitere Informationen zum Künstler Wim Bosch


Abbildungsnachweis: Alle © Wim Bosch
Header: „Large Villa“ (Stillife), 2013, digital print on Hahnemühle paper, dibond, 54x81cm
Galerie:
01. „Landing“ (Arrival Delayed), 2010, digital print on Hahnemühle paper, dibond, 107x143cm
02. Blind, (Arrival Delayed), 2008, digital, print on Hahnemühle paper, aluminium, 139x108cm
03. Playhouse nr 4, 2012, digital print on epson photoluster paper, dibond, 94x124cm
04. Playhouse nr 5, 2012, digital print on epson photoluster paper, dibond, 94x124cm
05. „Blue Shop“ (Real Estate), 2014 archival pigment print on Epson photoluster, dibond, 57x57cm
06. „Pink house“ (Real Estate), 2014, archival pigment printon Epson photoluster, dibond, 60x40cm
07. „Coastal home“ (Covers), 2015, digital print on matte photopaper, framed, 37x50cm
08. „Modern Countryhome with yard“ (Covers), 2015, digital print on matte photopaper, framed, 60x85cm.

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