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Hamburger Architektur Sommer 2019

Kunsthandwerk, Grafik & Design
© Ulrike Isensee

 

Es ist erstaunlich, was Ulrike Isensee so alles ins Netz geht. Bänder, Punkte, Streifen, kleine Quadrate, Rhomben und Kreise, Flicken und Fetzen, meist äußerst farbenfroh und aus edlem Material gefertigt – aus Baumwolle, Leinen oder Seide. Zusammen ergeben sie extravagante, ungemein anziehende, hauchzarte Netzgewebe, die bereits vielfach ausgezeichnet wurden. Nun erhielt Ulrike Isensee, seit mehr als 30 Jahren Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Hamburg e. V. (AdK), den vom Bundesverband Kunsthandwerk; Berufsverband Handwerk Kunst Design e.V. (BK) vergebenen „Ehrenpreis Kunsthandwerk“ für ihr Lebenswerk.


Netze sind ihr Markenzeichen. Mal feinmaschig, mal grobmaschig, mal schwarzweiß, mal bunt, mal verspielt, mal streng strukturiert. Aber immer von einer Leichtigkeit und Originalität, die einzigartig sind. Ulrike Isensee gehört fraglos zu den besten Textilkünstlerinnen der Gegenwart. Und das impliziert auch, dass sie zu den kreativsten und experimentierfreudigsten gehört.
Die Grundlage für die Lust am Experiment legte das Kunststudium (für Lehramt) an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Hier lernte Ulrike Isensee, wie wichtig der freie, unkonventionelle Umgang mit Materialien ist. Und hier fand sie auch heraus, welcher Kunstbereich sie am meisten faszinierte: der angewandte. Konkret: Die wunderbar ausgestattete Textilwerkstatt, die es in den 1970 und 1980 Jahren noch am Lerchenfeld gab. Nach dem 1. Staatsexamen war Ulrike Isensee klar, dass ihr Weg nicht in die Schule führt. Sie wollte sich ganz der Textilkunst verschreiben. Um ihrer Begabung eine solide Grundlage zu verschaffen, schloss sie eine Ausbildung zur Handweberin an.

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Auf die Meisterprüfung 1992 folgte gleich die erste Auszeichnung, der Förderpreis der Handwerkskammer Hamburg, und im Laufe der Jahre noch viele weitere Preise – u.a. der Hessische Staatspreis, der Justus-Brinckmann-Preis und der Lotte Hofmann Gedächtnispreis. Stets wurde dabei die technische Raffinesse, die Experimentierfreudigkeit und die außerordentliche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten betont.

Entgegen der traditionellen Webart schafft Ulrike Isensee mit ihren Schals in der Tat Grenzgänger zwischen freier und angewandter Kunst: Transparente, überaus poetisch anmutende Gewebe aus flottierender, also frei beweglicher Leinenkette, die alle 10 bis 12 Zentimeter durch schmale Webstreifen gehalten werden. Die so entstandenen Fadennetze werden mit allen möglichen Stoffteilen und Stoffresten, auch Leder oder Plastikelemente, belegt und anschließend vernäht. Dabei entstehen immer wieder kühne Materialmixturen und Farbkombinationen, die die Persönlichkeit der jeweiligen Trägerin ungleich mehr unterstreichen, als ein „normaler“ Schal es jemals vermag: Ob verspielt, zart, opulent oder geometrisch streng – es ist in jedem Fall ein tragbares Kunstwerk.
Mitunter vergrößert Ulrike Isensee ihre Objekte auch zu riesigen Wandbehängen. Raumgreifende Arbeiten sind die große Leidenschaft der Hamburgerin und sie sind keine Grenzgänger mehr, sondern eindeutig der freien Kunst zuzuordnen. So präsentierte Isensee vor drei Jahren, zur AdK-Ausstellung „Geld oder Leben – Nachdenken über Nachhaltigkeit“ im Reinbeker Schloss, beispielsweise ein hinreißendes Textilrelief mit dem Titel „Beifang“ – der ausschließlich aus Plastikmüll besteht.
Fest ins Gedächtnis eingeschrieben hat sich auch Isensees Hommage an die legendären Bauhaus-Künstlerinnen Anni Albers, Ruth Hollos sowie Gunta Stölzl, der ersten und einzigen Meisterin am Bauhaus. An den Ausstellungen des Hamburger Architektursommers zum hundertsten Jubiläum des Bauhauses 2019 beteiligte sich die Künstlerin mit grandiosen, geometrischen Assemblagen, Raumteilern und Wandobjekten - allesamt innovative Werk-Interpretationen der hochbegabten und selbstbewussten „Weber-Weiber“, die selbst heute noch weit weniger bekannt sind als ihre männlichen Kollegen um Gropius, Kandinsky, Breuer und Co. Dabei waren es vor allem die Textilkünstlerinnen mit ihren revolutionären Entwürfen, die dem Bauhaus in seiner kurzen Blütezeit erheblichen Profit einbrachten.

Derzeit arbeitet Ulrike Isensee an großformatigen Textilobjekten zur Ausstellung „Inspiration Hamburg“, der Biennale angewandter Kunst im Museum für Hamburgische Geschichte, die – so Corona will – am 2. September 2020 eröffnet wird. Drei Werke sind bereits fertig: „Ausgelotet“, ein meterlanges Objekt aus naturfarbenen Hanfseilen, das auf das klassische Handlot anspielt, mit dem in der Seefahrt die Wassertiefe ermittelt wurde. Die zweite Arbeit, die Assemblage „Tüüg und Takel“ beinhaltet, wie der Untertitel schon sagt, ein „Konvolut textiler Hamburgensien“. Darunter Stofffetzen der Hamburg Flagge, einer St. Pauli Mütze und eines Finkenwerder Fischerhemds. Die dritte Arbeit, eine „Luftstickerei“, wie die Künstlerin sagt, zitiert eine Landkarte: „Stadt am Fluss“. Drei Mal dürfen Sie raten, welche Stadt gemeint ist.


Ulrike Isensee

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